Mittsommer

feiern vor allem die Menschen in den nördlichen Ländern, z.B. in Schweden. Wir kennen dieses Brauchtum durch die Wallanderromane oder Ikea oder der eine oder die andere waren schon mal live dabei.

Mittsommer - es ist die Mitte des Jahres und die Waage neigt sich: Die zweite Jahreshälfte be­ginnt, die Tage werden schon wieder kürzer. In unseren Breiten feiert man das oft in den Johannesfeuern oder -festen, wie z.B. in Mainz.

In unserem Gotteslob findet sich ein neues geist­liches Lied dazu:

„Das Jahr steht auf der Hö­he, die große Waage ruht / Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut“.

Detlev Block, ein evangelischer Pfarrer und zugleich Schriftsteller und Lyriker hat diese Zeilen ge­schrieben. Als ich sie zum ersten Mal gelesen und das Lied gesungen habe, war ich sehr be­eindruckt. Über die Art und Weise wie es Block gelingt, die Stimmung dieser Tage ins Wort zu bringen und zugleich ihre Vielschichtigkeit zu zeigen.

„Herr, zwischen Blühn und Reifen und Ende und Beginn / Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin“.

Auf der Höhe des Wohlbefindens, in der Mitte des Jahres, der schönsten Zeit, für viele auch Urlaubszeit, ist mit einem Mal Nachdenklichkeit da, fast schon Me­lancholie. Im Zyklus der Jahreszeiten erkennen wir unser Leben: Blühen, Gedeihen, Reifen und schließlich die Zeit der Ernte. Das Dunkle und das Helle, Schmerz und Glücklich sein, Anfang und Ende. In der dritten Strophe fasst Block das in folgende Worte:

„Das Jahr lehrt Abschied neh­men / schon jetzt zur halben Zeit. / Wir sollen uns nicht grämen, / nur wach sein und bereit, / die Tage loszulassen / und was vergänglich ist, / das Ziel ins Auge fassen, / das du, Herr, selber bist.“

Wir können die Vergänglichkeit annehmen, wenn wir nur das Ziel vor Augen haben, Gottes Ewigkeit. Die meisten, die dieses „Kercheblättche“ lesen sind biographisch wohl schon im Mittsommer Modus und haben ihre Lebenshälfte mehr oder weniger deutlich überschritten. In dieser Phase gibt es nicht nur die sog. Midlife crisis oder – gar nicht so selten- ein Burn out, sondern auch eine neue Sensibilität für das Religiöse, das ja immer eine Antwort auf unsere Vergänglichkeit sein will. So schreibt C. G. Jung einmal:

„Unter all meinen Patienten jenseits der Lebensmitte....ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben“.

Im Christentum ist das vor allem die österliche Hoffnung. Und die leuchtet in der letzten Strophe unseres Sonnenwendliedes noch einmal wunderbar auf:

„Du wächst und bleibst für immer, / doch unsre Zeit nimmt ab. / Dein Tun hat Morgenschimmer, / das unsre sinkt ins Grab. / Gib, eh die Sonne wieder schwindet, / der äußre Mensch vergeht, / dass jeder zu dir findet / und durch dich aufersteht.“

Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Mittsom­merzeit!

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

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