Liebe Schwestern und Brüder,
vor ziemlich genau einem Jahr waren die meisten von uns erstaunt, dass die Engländer der EU „good bye“ gesagt haben. Schnell war man sich bei uns und den Unterlegenen einig, dass das eine dumme Entscheidung gewesen sei. Und ähnlich qualifizierte man auch die BREXIT - Wähler. Dazu ist viel geschrieben und diskutiert worden. Vor kurzem las  ich aber eine Analyse, die mich nachdenklich gemacht hat. Der sich selbst als linksliberal bezeichnende Publizist David Goodhard sieht sein Land gespalten.

Auf der einen Seite die Anywheres“.
Das sind meist gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche Menschen und selbstbewusste Menschen. Überdurchschnittlich oft leben sie in großen Städten, vom Empfinden her sind sie Weltbürger. Die Globalisierung sehen sie positiv, was kein Wunder ist: Sie sind die Gewinner des Spiels.

Auf der anderen Seite sieht Goodhard die „Somewheres“.
Das sind Menschen, die im Gegensatz zu den Anywheres keine transportable  Identität haben, sondern sich verwurzelt sehen in ihrem Heimatort, eine emotionale Nähe zu ihrer Region empfinden. Sie sind skeptisch gegenüber dem permanenten Wandel und fühlen sich immer mehr fremd in ihrem eigenen Land. Sie lehnen die Masseneinwanderung, die in Fluss geratenen Geschlechterrollen und die Überbetonung der Bildung ab. In der öffentlichen Wahrnehmung finden sich solche Menschen kaum noch repräsentiert; was gestern noch „common sense“ war, ist heute am Rand.

Goodhart machte nun die für ihn irritierende Erfahrung: Er definiert sich selbst als „Anywhere“, als Weltbürger. Aber allein der Versuch die „Somewheres“ zu verstehen, ließ in seinem Milieu schon Freundschaften  zerbrechen: Progressive „Anywheres“, so sagt er,  sind sozial zwar ungemein tolerant, aber politisch höchst intolerant.

Liebe Schwestern und Brüder,
wie gesagt, ich fand diese Analyse sehr spannend, auch um besser zu verstehen, was da in England passiert ist und in vielen anderen Ländern rumort und gärt. Da sind Menschen aus demselben Land und doch leben sie auf scheinbar ganz verschieden Planeten.

Wir feiern Pfingsten.
Der Schauplatz  ist Jerusalem im Jahr 33 nach Christus. An diesem Tag geht es dort so multikulturell zu wie auf der Zeil in Frankfurt. Juden aus der Diaspora, aus der Zerstreuung also, aus den Ländern wo immer sie es hin verschlagen hat, sind aus religiösen Gründen gekommen. Die Stadt ist wie elektrisiert von dem Gewusel und den vielen Sprachen, die sich die Diaspora-Juden inzwischen angewöhnt haben. Die Religion aber verbindet sie noch mit ihrer alten Heimat. Es ist eine Art Wallfahrt und ein Wiedersehen zwischen den Weltbürgern und denen, die im Land geblieben sind.

Dazu gehören auch die Apostel und die Freunde Jesu. Einfache Menschen waren das: Handwerker, Fischer. Menschen, die mit ihrem Land, ihrer Region , auch ihrer jüdischen Religion verbunden waren. Und jetzt eine Art Findungsphase durchmachen: Wie soll es weitergehen mit dem, was sie mit Jesus erlebt haben? Wie soll es weitergehen mit ihnen selbst, mit ihrer Gemeinschaft.

In diese Gemengelage hinein, so beschreibt es die Apostelgeschichte in den kraftvollen Bildern des Sturmes und des Feuers, sendet Gott seinen Heiligen Geist! Die  Apostel gehen hinaus, verlassen ihren klar definierten Ort,  um Gottes große Taten zu verkünden. Das Wunder geschieht: Über alle Sprachgrenzen hinaus verstehen das die Menschen, die zusammen geströmt sind. Jeder hörte sie- zu ihrem grenzenlosen Erstaunen -  in seiner Sprache reden! Das ist der Geburtstag unserer Kirche. Die immer Weltkirche ist, ein Leib mit so vielen verschiedenen Gliedern wie es Menschen gibt. Später hat man dazu „katholisch“ gesagt, weltumspannend.

Von daher sind Christen in einer gewissen Hinsicht „Anywheres“. Angehörige einer weltweiten Kirche. Eines Glaubens, der die Unterschiede von Nationalitäten, Sprachen und sogar Kulturen überwinden kann. Aber natürlich sind Christen auch „Somewheres“: der Glaube muss sich einwurzeln, inkulturieren ,  er muss konkret werden. Dazu gehören Bräuche und Gewohnheiten, dazu gehört die Verbindung zu einer fassbaren Gemeinde, einer Kirche und vieles mehr. Menschen sehnen sich nach einer Beheimatung, auch im Religiösen. Es ist der Geist Gottes, der wie am Anfang der Kirche auch heute Menschen zusammenführt und verbindet. Über alle Differenzen, Sprachen und Milieus hinaus. Der uns einerseits antreibt, über Grenzen hinaus gehen lässt, aber andererseits auch wärmend, tröstend, heilend und  Heimat gebend  ist.

Pfingsten ist aber viel mehr als ein Kirchenfest. In einem wunderschönen Lied heißt es: Der Geist des Herrn durchweht die Welt/ gewaltig und unbändig/ wohin sein Feueratem fällt/ wird Gottes Reich lebendig“. Es geht bei Pfingsten nicht nur um die Kirche, sondern auch um unsere Welt. Und da ist das  „sich Verstehen“ ein hohes Gut. Ein wirklicher Segen. Denn trotz Email, Facebook und Twitter: Viele Menschen haben sich immer weniger zu sagen, leben nur noch in ihrer Welt, ihrer Gruppe, ihrer  community – und bestätigen sich im Grunde immer nur selbst. Es braucht das Verstehen über die Grenzen hinweg. Es braucht die Bereitschaft, dafür Schritte zum anderen hin zu machen. Und es braucht den guten Geist Gottes, der uns  dabei hilft und dessen Boten wir zugleich sein sollen. Papst Franziskus betete bei seinem Israelbesuch 2014 folgendes Gebet- und es soll zugleich mein Pfingstwunsch für Sie und auch mich selber sein:

Herr, Gott des Friedens, viele Male haben wir versucht, unsere Konflikte mit unseren Kräften zu lösen. So viele begrabene Hoffnungen Herr. Herr, schenke du uns Frieden! Gib uns den Mut, konkrete Taten zu vollbringen, um Frieden aufzubauen. Schenke uns die Fähigkeit, alle Mitmenschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, mit wohlwollenden Augen zu sehen. Wandle unsere Ängste in Vertrauen und unsere Spannungen in Vergebung. Erhalte uns eine geduldige Ausdauer für den Dialog und die Versöhnung. Herr, erneuere unsere Herzen und unseren Geist.“

AMEN

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

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