Ein Selfie mit dem Jesuskind?

 

Manchmal hat man ja so Phantasien: Wie wäre es heute, wenn Jesus heute in der Krippe liegen würde und Menschen kämen vorbei, ihn zu besuchen. Und ir­gendwie kam mir die Assoziation:

 

Sie würden als erstes Mal ein Selfie mit dem Kind machen und es per WhatsApp ver­schicken.

 

Und was würden sie danach machen: Weiter gehen, auf der Suche nach etwas Neuem? Oder bleiben und näher hin­schauen?

 

Von den Menschen, die damals, vor 2000 Jahren dem Jesuskind begegnet sind, wissen wir wie sie reagiert haben. Maria und Josef sind angesichts dieses Kindes voller Sorge, aber auch Erwar­tung. Was wird aus diesem Kind wohl werden? Die Hirten staunen einfach nur über dieses Kind. Sie, die Letzten auf der sozialen Skala ihrer Zeit, sind die ersten Zeugen dessen, was die Engel verkündet haben:

 

„Euch ist heute der Heiland, der Retter geboren!"

 

Die Könige oder Sterndeuter aus dem Osten kom­men um das Kind anzubeten und ihm mit ihren Gaben zu huldigen. Und dann hat es die gegeben, die Maria und Josef abgewiesen, ihnen jede Herberge ver­weigert haben. Und die, die nun achtlos an der Krippe vorbeigehen und gar nicht spüren, dass gerade dort Gott uns nahe ist.

 

Wie feiern wir Weihnachten?

 

Herzlos, indem wir an unseren Nächsten vorbeigehen, die uns vielleicht brauchen?

 

In­haltslos, indem alles Mögliche, nur nicht das Kind in der Krippe im Mittelpunkt unseres Feierns steht?

 

Oder verbinden wir mit dem Kind in der Krippe eine Erwar­tung, wie es Maria und Josef getan ha­ben?

 

Können wir noch staunen, über das Unfassbare, dass in diesem kleinen Kind der große Gott zu uns kommt, wie es uns die Hirten vorgemacht haben?

 

Besitzen wir mit den Königen aus dem Morgenland die Größe, vor dem Jesuskind unsere Knie zu beugen und anzubeten: Denn uns ist ja der Heiland geboren?!

 

Vor dem Kind in der Krippe genügt es nicht, unverbindlich zu sein. Ein Selfie zu machen und weiter zu gehen. Ein kurzer Blick und ein Foto, das doch letztlich nur eine Inszenierung meiner selbst ist. Hier ist eine größere Inszenierung. Hier gibt sich Gott den Blicken der Menschen preis und deshalb kann ich mich an diesem Kind gar nicht „satt sehen". Paul Gerhard hat dieses Sehen vor fast 300 Jahren in einen wunderbaren Text und in ein Lied gefasst. In einer Strophe heißt es:

 

„Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesus du mein Leben.

 

Ich komm und bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.

 

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn.

 

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

 

und lass dir's wohl gefallen".

 

Das ist Weihnachten, die Begegnung mit dem Mensch-gewordenen Gott, den ich im Kind von Bethlehem anschauen darf. Diese Begegnung lässt uns staunen über Gott und macht unser Herz weit und barmherzig.

 

In diesem Sinne Ihnen allen frohe und gesegnete Weihnachten!

 

Ihr Martin Weber, Pfarrer

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