„Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem was uns lieb und teuer ist“- Diesen Satz sagte Angela Merkel vor kurzem im deutschen Bundestag und ich denke, dass er ähnlich oft zitiert werden wird wie ihr „Wir schaffen das“. Zunächst einmal will dieser Satz beruhigen. Viele Menschen fühlen sich verunsichert durch die Flüchtlingskrise und den Zuzug von über einer Million Menschen aus einem fremden Kulturkreis in relativ kurzer Zeit. Das ist eine schlichte Tatsache, ob einem das gefällt oder nicht. Und es schlägt sich in Wahlergebnissen nieder.

Zum anderen lädt dieser Satz zur Debatte ein: Was ist uns lieb und teuer? Was gehört dazu, dass wir uns heimisch fühlen im eigenen Land. Angela Merkel nennt Freiheit, Sicherheit, Solidarität und Gerechtigkeit. Das sind hohe Werte, aber als Antwort scheint mir das reichlich abstrakt. Heimat ist immer konkret und gerade deshalb so schwer in Worte zu fassen. Ein bisschen ist das wie mit dem Wasser, in dem die Fische schwimmen: es ist so selbstverständlich, es ist einfach die Kultur, in der wir leben. Dazu gehört unsere Sprache, unsere Geschichte, unsere regionalen Verschiedenheiten, Berge und Meer, der Fußball, das Essen, Wein und Bier, unsere Literatur, unsere Märchen, unsere Auffassung von Fleiß und Arbeit und nicht zuletzt unsere Religion. All das und vermutlich noch viel mehr bildet eine Gemengelage, wo viele sagen: „Das ist mir lieb und teuer“. Wir können von Menschen, die zu uns kommen nicht erwarten, dass sie all das übernehmen. Das ist unmöglich. Sie bringen ihre eigene Kultur und oft ihre eigene Religion mit. Das lässt uns fragen: Wie „lieb und teuer“ ist uns unsere eigene Religion? Und da kann man ins Schwitzen geraten. Viele, die noch irgendwie dazu gehören; aber rapide sinkende Besucher der Gottesdienste und mangelndes Glaubenswissen, wohin man schaut. In intellektuellen und pseudo-intellektuellen Kreisen gehört es zum guten Ton, das Christentum für so ziemlich alles verantwortlich zu machen, was in der Geschichte schiefgelaufen ist. Unser kollektives Bewusstsein scheint immer mehr von der Überzeugung beseelt zu sein, wir müssten uns für das Christentum schämen, während wir dem Islam mit Respekt und Verständnis zu begegnen hätten. Fakt aber ist: Die Worte und die Werke Jesu inspirierten zu einer Kultur der Barmherzigkeit und Wohltätigkeit und legten den Grundstein für eine Ordnung, in der Gerechtigkeit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erst wachsen konnten. Dieser Weg war alles andere als selbstverständlich! Das wird deutlich, wenn wir hinschauen auf vorchristliche Kulturkreise oder sie vergleichen mit der Entwicklung der islamischen Zivilisation. „Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem was uns lieb und teuer ist“. Dieser Satz von Angela Merkel ist deshalb immer auch verbunden mit der Gretchenfrage: „Nun sag, wie hältst du`s mit der Religion?“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

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