Predigten

GEWALT 2017
Viele waren erschrocken über die Nachricht, dass sich in Heusenstamm eine Tötungstat, ein Mord ereignet hat. Eine 52-jährige wur­de von ihrem ehemaligen Partner mit einem Hammer umgebracht. Gewalt gewinnt noch einmal eine neue Dimension, wenn sie so nahe an uns heranrückt, wenn man mög­licherweise sogar Opfer oder Täter kennt. Normalerweise sagt oder denkt man: Das hat mit uns, mit mir nichts zu tun. Gewalt - das betrifft immer die anderen.

Ein Blick in die Geschichte, aber auch in uns selbst, könnte anderes lehren. Was vor über 70 Jahren in Deutschland geschah, dass total unauffällige Menschen in Kon­zentrationslagern oder im Vernichtungskrieg im Osten Gewalttaten begangen haben, die in „normalen“ Zeiten unvorstellbar erschie­nen, hat sich vorher oder nachher tausend­fach wiederholt. Man schaue in unseren Tagen bloß nach Syrien, um sich das vor Augen zu führen. Im Krieg wird das Töten zum Handwerk und in Ausnahmezuständen sind alle Maßstäbe verloren.

Der Historiker Jörg Baberowski schreibt ziemlich illusions­los: „Allein von der Situation und der Mög­lichkeit des Raumes hängt es ab, wie man mit Gewalt umgeht.“ Dieses äußere Tun korrespondiert aber mit einer inneren Dis­position. Die Gewalt und entsprechende Gewaltphantasien schlummern als Möglich­keit in jedem Menschen. Unbeschadet des­sen, dass unsere Rhetorik und der Firnis der Kultur uns etwas anderes verheißen und den Eindruck erwecken: je zivilisierter, desto friedlicher.

Gewalt, ziemlich viel Gewalt, spielt auch im Leben Jesu eine große Rolle. Besonders am Ende seines Lebens tobt sie sich regel­recht bei ihm aus. Jeder Kreuzweg in unse­ren Kirchen, jedes Kreuz - ob uns das be­wusst ist oder nicht - gibt Kunde davon. Doch Jesus schlägt nicht mit gleicher Mün­ze zurück. Er nimmt all den Hass und die Gewalt auf sich. Er geht den Weg der Ge­waltlosigkeit und wird von Gott bestätigt: Das feiern wir an Ostern. Der Gekreuzigte ist zugleich der Auferstandene.

Auf dem Titelbild dieses Pfarrbriefes (siehe  Kercheblättche 2017_6) sehen wir zwei Jünger, die mit dem auferstande­nen Herrn in ihrer Mitte auf dem Weg nach Emmaus sind. Am Anfang erkennen sie Jesus aber gar nicht. Sie sind noch ganz davon in Beschlag genommen, wie ihre Hoffnungen am Kreuz gestorben sind. Die Gewalt hat sich wieder einmal durchgesetzt.

Nichts Neues unter der Sonne.......

Erst als sie Jesus einladen und er das Brot bricht, da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen Ihn. Der Evangelist Lukas verbindet die Erfahrung der beiden Jünger mit der Erfahrung der ersten Christen: Da, wo wir Eucharistie feiern, das Sakrament der Liebe Gottes, da sind wir am innigsten mit dem verbunden, der für uns gelitten hat und der von den Toten auferstanden ist. Und wer Eucharistie feiert, ist immer auch gesendet:

Geh, und bring etwas von der Liebe, die du erfahren hast, zu den Men­schen.

Das österliche Gegenmittel gegen jede Gewalt heißt also schlicht und einfach Lie­be. Liebe, die stärker ist als der Tod!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe und gesegnete Ostern!

Ihr
Martin Weber
Pfarrer

Klingelbeutel
Ich kann mich sehr gut erinnern. Kurz bevor es in die Kirche ging, drückte mir meine Mutter eine Mark in die Hand: Für den Klingelbeutel.Und ich war mächtig stolz mit allen Erwachsenen dann auch etwas in den besagten Beutel werfen zu können. So bin ich, so sind wohl die meisten Katholiken mit dem Klingelbeutel groß geworden. 

Viele fragen aber: Was geschieht eigentlich mit dem Klingelbeutel? Und: Warum sollen wir neben der Kirchensteuer auch in der Kirche noch Geld abdrücken? Von Kollekten und der Unterstützung der Gemeinden mit Geld erzählt schon der Apostel Paulus in seinen Briefen. Früh war es üblich, dass die Leute zum Sonntagsgottesdienst Naturalien mitbrachten, die dazudienten den Pfarrer zu alimentieren. Mit Brot und Wein wurden sie zum Altar gebracht.Während erstere die Opfergaben für die Feier der Eucharistie waren, waren die anderen sozusagen die Opfergaben der Gläubigen.

Daraus hat sich später der Klingelbeutel entwickelt. Bis heute hat der Klingelbeutel eine wichtige Bedeutung: Das gesammelte Geld dient dazu, alle Kosten, die durch die Zuweisung des Bistums nicht aufgefangen werden, zu begleichen. Dazu zählen zum Beispiel: Die Heizung der Kirche, Strom und Wasser, Reinigungskosten, Ausgaben für Computer und Büro und vieles mehr. Deshalb brauchen wir trotz der Kirchensteuer den Klingelbeutel.

Vom Klingelbeutel zu unterscheiden sind die Kollekten: Das sind festgelegte Sammlungen,die nicht in der Gemeinde bleiben, sondern nach Mainz abgeführt und dort weitergeleitet werden. Die großen Kollekten kennen Sie: Adveniat, Misereor, Renovabis und Missio.Dazu kommen kleinere Kollekten, wie z.B. Max-Kolbe-Werk, Sternsinger, Afrikatag, Aufgaben der Caritas, Diaspora, Geistliche Berufe, Aufgaben des Papstes, Behinderten-Seelsorge und Gefangenen-Seelsorge. Die Kollekten sind im „Unser Kercheblättche“immer angegeben. Wenn keine Angabe darinsteht, ist die Sammlung bei der Messe der besagte Klingelbeutel der für die Gemeinde bestimmt ist; und auf den wir nicht verzichten können.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

PS: Manchmal birgt der Klingelbeutel auch spannende Sachen: Geldscheine aus aller Herren Länder. Immer wieder Erfreuliches: Z.B.: Ein 500 Euro Schein. Dann auch Altbekanntes:Hosenknöpfe. Und zuweilen Trauriges:Einen Ehering. Zumindest letzteres wäre aber eine ganz eigene Geschichte …

1517 -  2017
Natürlich geht das 500-jährige Reformations- Jubi­läum an uns Katholiken nicht einfach so vorbei. Wir feiern es zwar nicht, denn es ist für uns untrennbar mit der Spaltung der westlichen Christenheit verbunden, aber wir würdigen es. Und schauen hin auf den Mann, der das in einzigarti­ger Weise verkörpert: Martin Luther.
Martin Luther ist ganz und gar ein Mensch des Mittelalters und steht doch schon an der Schwelle der Neuzeit. Seine „reformatorische Entdeckung“ ist die für ihn ungeheuer befreiende Einsicht, dass der Mensch nicht durch Werke vor Gott gerecht werden kann, sondern allein durch Gottes Gnade. Vereinfacht könnte man sagen: Vor aller Leistung bist du, Mensch, von Gott geliebt! Das können Katholiken aus ganzem Her­zen bejahen.
Und etwas anderes verdanken wir Martin Luther: Die Reformation kam nicht aus heiterem Him­mel. Die mittelalterliche Kirche bot nämlich alles andere als ein Evangelium-gemäßes Bild. Da gab es Ämterkauf. Da gab es einen Klerus, der über keinerlei Bildung verfügte, mit Müh und Not die „Messe lesen“ konnte und sehr oft im Konku­binat lebte. Da gab es den Missbrauch des Ab­lasswesens und vieles mehr. Die Reform an „Haupt und Gliedern“ wurde oft gefordert, aber erst als Antwort auf Luther machte man auf dem Konzil von Trient ab 1545 Ernst damit.
Trotzdem ist Luther für uns kein „Kirchenleh­rer“, zu dem ihn manche machen möchten. Denn er hat das Kind leider mit dem Bade ausgeschüttet. Und das liegt an seinen Verein-seitigungen. „Sola scriptura“ – die (heilige) Schrift allein war einer seiner Kampfrufe. Und so wichtig die Wiederentdeckung der heiligen Schrift und auch Luthers geniale Übersetzung war: Die Bibel war von Anfang an ein „Buch der Kirche“. Sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern in der Gemeinschaft der Glaubenden entstanden und in ihr ausgelegt worden. Wo man die Bibel und die Kirche trennt, macht man sie zu einem Buch, aus dem jeder ales herauslesen kann. Das Verbindende und Verbindliche geht verloren.

Ähnlich ist es mit seinem Ruf: „Solus Christus“ - allein Christus. So wichtig die Konzentration auf Jesus Christus ist, so falsch ist es die Glau­bensgemeinschaft der Kirche dabei zu vergessen . Die Kirche ist nach biblischer und früh­christlicher Überzeugung der „Leib Christi“, während er das Haupt ist. Das konnte Luther kaum mehr sehen. Das ist bis heute eine der Hauptdifferenzen zwischen den Konfessionen. Auch wenn wir das Reformationsjubiläum des­halb nicht im eigentlichen Sinn feiern; vorbei können und wollen wir daran nicht gehen.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

 

In den Predigten der Fastenzeit werden wir über Luther und die Ökumene nachdenken. Die Themen der Predigten können Sie in diesem „Kercheblättche“ nachlesen.

Silvester 2016  - Heusenstamm „Drei Kreuze schlagen, dass es vorbei ist……“

„Ich hab drei Kreuze geschlagen, als es vorbei war“-

Diesen Spruch, liebe Schwestern und Brüder, kennen Sie vielleicht auch.

„Drei Kreuze schlagen“ meint ganz einfach:  Gott sei Dank, dass das oder jenes vorbei ist! Es gibt nicht wenige die genau das zu diesem vergangenen Jahr 2016 sagen: Gott sei Dank, dass es vorbei ist!  In den Zeitungen war immer wieder von dem „annus horribilis“, dem schrecklichen Jahr die Rede. Für uns in Deutschland hat es begonnen mit den Ausschreitungen in Köln. Dort wurde zuerst der Dom regelrecht beschossen, bevor es dann zu den bekannten Vorfällen kam, bis hin zu dem Anschlag vor der Gedächtniskirche in Berlin am 16. Dezember, wo der islamistische Terror endgültig Deutschland erreicht hat.

Dazwischen dann das andere, das uns bedrängt hat. Terroranschläge in Brüssel und Nizza zeigen unsere Verwundbarkeit und sollen ein Klima der Angst implementieren. Die Briten haben sich aus der EU verabschiedet. Das hat uns und die Demoskopen total überrascht. In der Türkei gibt es einen seltsamen Putsch, der nur einem nützt und dieses Land immer nationalistischer und islamistischer macht. Amerika wählt einen Präsidenten, den viele in Europa für eine Witzfigur halten und der nun die wichtigste Nation des Westens anführt. In Syrien erreicht der Bürgerkrieg mit dem Sieg der Regierungstruppen in Aleppo einen Höhe – und vielleicht Wendepunkt. Viele erschrecken über die Art und Weise, wie in den sozialen Medien Fake News verbreitet werden und Manipulation betrieben wird.

Andererseits gibt es  auch hier kein schwarz und weiß: Die Ausschreitungen von Köln haben dazu geführt in der Flüchtlingspolitik realistischer zu sein und die rosarote Brille abzunehmen.  Die Briten verlassen die EU, aber nicht Europa. Es ist nicht gesagt, dass ihr Entschluss so katastrophal enden muss, wie man es uns gerne einredet. Dass Trump in Amerika gewählt wurde hat auch damit zu tun, dass Hilary Clinton,  die bei uns fast heiliggesprochen wurde, in den USA selbst höchst unbeliebt war. Abwarten- ist hier die Parole. Dass die Bombardierung Aleppos schrecklich war, steht außer Frage. Nur seltsam, dass so selten von den Terroristen die Rede war, die ganze Stadtteile mitsamt den Zivilisten in Geiselhaft genommen haben und erst, als es nicht mehr anders ging, weggegangen sind.

Ein Blick auf unsere Kirche:  Papst Franziskus hat vor einigen Tagen seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert.  Viele verehren diesen Papst als einen Protagonisten der Barmherzigkeit und schätzen seine unkonventionelle Art. Andere vermissen herzhafte Reformen und sind irritiert, wenn er etwa den Genderwahnsinn der westlichen Staaten beim Namen nennt.  Wieder andere bemängeln viele Worte und lehramtliche Unklarheiten. Dennoch ist und bleibt ein Papst immer das Symbol der Einheit der Kirche, daran wird er letztlich gemessen.

In unserem Bistum Mainz gab es durch die Emeritierung von Kardinal Lehmann eine tiefe Zäsur. Über 30 Jahre hat Karl Lehmann dieses Bistum geleitet. Sein Nachfolger wird in große Fußstapfen treten und ich befürchte, ihm stehen auch große, schwierige und unpopuläre Maßnahmen bevor, die in der Vergangenheit auf die lange Bank geschoben wurden. Das Gebet um einen guten neuen Bischof ist auch unter dieser Perspektive sehr wichtig.

Ein Blick in die heutige Zeitung hat erschreckt und geerdet zugleich: In Frankfurt leben gerade mal noch 40 %, Christen. Bundesweit sind es immerhin noch 60%. Die Zahl, die aber vielleicht noch mehr erschrickt: Nur 50% der nominell christlichen Eltern lassen ihre Kinder taufen.

Wenn wir schon bei den Zahlen sind, dann schauen wir doch mal noch Heusenstamm.  Froh sein können wir über einen guten Besuch der heiligen Messen. 700- 800 Menschen feiern durchschnittlich die 4 Gottesdienste innerhalb der Pfarrgruppe mit. Das ist eine beachtliche Zahl, über die wir froh sein können. 39 Kinder wurden in unseren Gemeinden getauft und es gab heuer einen großen Erstkommunion-Jahrgang mit 59 Jungen und Mädchen. Die Firmung wird seit einigen Jahren jährlich gespendet:  In diesem Jahr von dem neuen Weihbischof Dr. Udo Bentz, der 31 Jugendliche mit dem heiligen Chrisam salbte.  26 Brautpaare gaben sich in unseren Gemeinden das Ja Wort, darunter auch viele auswärtige, was damit zusammenhängt, dass St. Cäcilia eine beliebte Hochzeitskirche ist. 57 Menschen wurden zu Grabe getragen und die Zahl der Austritte ist leider hoch: 34 an der Zahl. Auch wenn es deutlich weniger sind, so freue ich mich, dass vier Personen wieder oder neu in die Kirche eingetreten sind.

Hinter all diesen Zahlen verbirgt sich ein reiches und differenziertes Gemeindeleben, das entscheidend auch von dem Engagement vieler Ehrenamtlicher lebt. Ihnen gilt in dieser Stunde ein besonderes Wort des Dankes. Ein Highlight für die Pfarrgruppe war sicher die Priesterweihe und Primiz von Christian Kaschub.  Viele waren im Mainzer Dom dabei, viele bei der Abholung und Festmesse am nächsten Tag und viele bei dem fröhlichen Fest hinterher.

Den dritten Blick nach Politik und Kirche, den können nur Sie selber tun. Den Blick auf Ihr eigenes Leben. Auch der wird sehr verschieden sein. Manchem fällt wenig ein. Für andere ist dieses Jahr mit besonderen Ereignissen verbunden, die sie im Guten oder im Bösen umgetrieben haben.

Über alles wollen wir drei Kreuze schlagen. Danke, für das Gute, das wir erfahren haben.  Danke, dass wir manche Nackenschläge dennoch überstanden haben. Danke für Menschen, die uns begleiten, die uns aber auch anvertraut sind. Danke für die Hoffnung und für den Glauben, die uns Kraft gegeben haben.

Über all das schlagen wir nachher auch im wortwörtlichen Sinn drei Kreuze. Die Silvestermesse endet ja immer mit dem großen eucharistischen Segen. Die gewandelte Hostie, Christus selber, wird in die Monstranz eingesetzt und dreimal segne ich alle die hier sind. Dreimal im Zeichen des Kreuzes. Dreimal im Namen unseres Herrn. Das heißt auch: Wir legen das Vergangene in seine Hände. Was die Zukunft bringt wissen wir nicht. Aber wir gehen in sie hinein im Vertrauen auf Den, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit.     AMEN

 

Ein Selfie mit dem Jesuskind?

 

Manchmal hat man ja so Phantasien: Wie wäre es heute, wenn Jesus heute in der Krippe liegen würde und Menschen kämen vorbei, ihn zu besuchen. Und ir­gendwie kam mir die Assoziation:

 

Sie würden als erstes Mal ein Selfie mit dem Kind machen und es per WhatsApp ver­schicken.

 

Und was würden sie danach machen: Weiter gehen, auf der Suche nach etwas Neuem? Oder bleiben und näher hin­schauen?

 

Von den Menschen, die damals, vor 2000 Jahren dem Jesuskind begegnet sind, wissen wir wie sie reagiert haben. Maria und Josef sind angesichts dieses Kindes voller Sorge, aber auch Erwar­tung. Was wird aus diesem Kind wohl werden? Die Hirten staunen einfach nur über dieses Kind. Sie, die Letzten auf der sozialen Skala ihrer Zeit, sind die ersten Zeugen dessen, was die Engel verkündet haben:

 

„Euch ist heute der Heiland, der Retter geboren!"

 

Die Könige oder Sterndeuter aus dem Osten kom­men um das Kind anzubeten und ihm mit ihren Gaben zu huldigen. Und dann hat es die gegeben, die Maria und Josef abgewiesen, ihnen jede Herberge ver­weigert haben. Und die, die nun achtlos an der Krippe vorbeigehen und gar nicht spüren, dass gerade dort Gott uns nahe ist.

 

Wie feiern wir Weihnachten?

 

Herzlos, indem wir an unseren Nächsten vorbeigehen, die uns vielleicht brauchen?

 

In­haltslos, indem alles Mögliche, nur nicht das Kind in der Krippe im Mittelpunkt unseres Feierns steht?

 

Oder verbinden wir mit dem Kind in der Krippe eine Erwar­tung, wie es Maria und Josef getan ha­ben?

 

Können wir noch staunen, über das Unfassbare, dass in diesem kleinen Kind der große Gott zu uns kommt, wie es uns die Hirten vorgemacht haben?

 

Besitzen wir mit den Königen aus dem Morgenland die Größe, vor dem Jesuskind unsere Knie zu beugen und anzubeten: Denn uns ist ja der Heiland geboren?!

 

Vor dem Kind in der Krippe genügt es nicht, unverbindlich zu sein. Ein Selfie zu machen und weiter zu gehen. Ein kurzer Blick und ein Foto, das doch letztlich nur eine Inszenierung meiner selbst ist. Hier ist eine größere Inszenierung. Hier gibt sich Gott den Blicken der Menschen preis und deshalb kann ich mich an diesem Kind gar nicht „satt sehen". Paul Gerhard hat dieses Sehen vor fast 300 Jahren in einen wunderbaren Text und in ein Lied gefasst. In einer Strophe heißt es:

 

„Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesus du mein Leben.

 

Ich komm und bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.

 

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn.

 

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

 

und lass dir's wohl gefallen".

 

Das ist Weihnachten, die Begegnung mit dem Mensch-gewordenen Gott, den ich im Kind von Bethlehem anschauen darf. Diese Begegnung lässt uns staunen über Gott und macht unser Herz weit und barmherzig.

 

In diesem Sinne Ihnen allen frohe und gesegnete Weihnachten!

 

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Die Unterwerfung

So heißt ein Aufsehen erregendes Buch von Michael Houellebecq und so überschreibt Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer einen Bericht über die Reise der katholischen und evangelischen Bischöfe ins Heilige Land. Diese Reise sollte ein ökumenisches Zeichen anlässlich des kommenden Lutherjahres sein:

Katholiken und Protestanten gehen zurück zu den Wurzeln des gemeinsamen Glaubens. Dabei besuchten Kardinal Marx und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Bedford-Strohm auch den Tempelberg in Jerusalem. Ein Ort, auf dem der jüdische Tempel stand, auf dem Jesus gebetet hat, der auch ein heiliger Ort der Muslime ist, weil sie in ihm den Ort der Himmelfahrt Mohammeds verehren. Jan Fleischhauer fällt auf, dass die beiden höchsten Vertreter des Christentums bei ihrem Besuch kein Kreuz tragen, das sonst ganz selbstverständlich zu ihrem Ornat gehört. Und er erzählt die Geschichte dazu. Die muslimischen Autoritäten hatten die Bischöfe gebeten, das Symbol ihres Glaubens abzunehmen, als sie den Tempelberg betraten; und die beiden kamen dieser Aufforderung umstandslos nach. Später erklärten sie, aus „Respekt vor den Gastgebern“ gehandelt zu haben.

Als ich diese Episode gelesen habe, war ich sprachlos. Ich bin als Christ eingeladen, aber vorher soll ich das, was mich als Christ seit 2000 Jahren auszeichnet und unterscheidet ablegen, das Kreuz. Die natürlichste Reaktion wäre vermutlich:

Wenn ihr mich nicht so wollt, wie ich bin, dann kann ich auch gehen. Wo bleibt der Respekt vor dem Gast, der doch das erste Signum der Gastfreundschaft ist?

Die Demutsgeste der Bischöfe fällt in eine Zeit, in der die Christen in fast allen arabischen Ländern in höchster Bedrängnis und in manchen Ländern schon fast ausgelöscht sind. Viele von ihnen haben für ihren Glauben Opfer gebracht und Verfolgung erlitten.

Für mich persönlich, war es vor einigen Jahren beeindruckend zu sehen, dass sich die koptischen Christen in Ägypten das Kreuz auf die Handinnenfläche tätowieren lassen, um in einer mehrheitlich moslemischen Umgebung unübersehbar zu zeigen: Wir sind Christen und wir gehören zu Christus.

Was sollen sie und viele andere denken, wenn sie das Beispiel hoher christlicher Würdenträger sehen?

Ich möchte mit all diesen Worten, die persönliche Integrität und Frömmigkeit von Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm nicht in Frage stellen. Vermutlich glaubten sie – strategisch – politisch – diplomatisch – so handeln zu müssen.

Aber für mich ist hier dennoch eine rote Linie überschritten.

Wir feiern in diesen Tagen Christkönig, den Abschluss des alten Kirchenjahres, bevor mit dem Advent das neue beginnt. Die Liturgie der Kirche stellt uns den Kreuzeskönig vor Augen. Jesus unterwirft sich Kreuz und Leiden und besiegt sie zugleich.

Dem Schächer am Kreuz verheißt er:

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Ein königliches Wort und ein königliches Zeichen. Zu diesem König gehören wir und wenn wir uns unterwerfen sollten, dann nie vor Menschen, sondern nur vor Ihm. Dass uns daran gerade ein Spiegel-Autor erinnern muss, gehört zu den Sonderlichkeiten unserer Tage.     
Ihr Martin Weber,Pfarrer

So heißt ein Aufsehen erregendes Buch von Michael Houellebecq und so überschreibt Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer einen Bericht über die

Reise der katholischen und evangelischen Bischöfe ins Heilige Land. Diese Reise sollte ein ökumenisches Zeichen anlässlich des kommenden Lutherjahres sein: Katholiken und Protestanten gehen zurück zu den Wurzeln des gemeinsamen Glaubens. Dabei besuchten Kardinal Marx und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Bedford-Strohm auch den Tempelberg in Jerusalem. Ein Ort, auf dem der jüdische Tempel stand, auf dem Jesus gebetet hat, der auch ein heiliger Ort der Muslime ist, weil sie in ihm den Ort der Himmelfahrt Mohammeds verehren. Jan Fleischhauer fällt auf, dass die beiden höchsten Vertreter des Christentums bei ihrem Besuch kein Kreuz tragen, das sonst ganz selbstverständlich zu ihrem Ornat gehört. Und er erzählt die Geschichte dazu. Die muslimischen Autoritäten hatten die Bischöfe gebeten, das Symbol ihres Glaubens abzunehmen, als sie den Tempelberg betraten; und die beiden kamen dieser Aufforderung umstandslos nach. Später erklärten sie, aus „Respekt vor den Gastgebern“ gehandelt zu haben.

Als ich diese Episode gelesen habe, war ich sprachlos. Ich bin als Christ eingeladen, aber vorher soll ich das, was mich als Christ seit 2000 Jahren

auszeichnet und unterscheidet ablegen, das Kreuz. Die natürlichste Reaktion wäre vermutlich:

Wenn ihr mich nicht so wollt, wie ich bin, dann kann ich auch gehen. Wo bleibt der Respekt vor dem Gast, der doch das erste Signum der Gastfreundschaft ist?

Die Demutsgeste der Bischöfe fällt in eine Zeit, in der die Christen in fast allen arabischen Ländern in höchster Bedrängnis und in manchen Ländern schon fast ausgelöscht sind. Viele von ihnen haben für ihren Glauben Opfer gebracht und Verfolgung erlitten. Für mich persönlich, war es vor einigen Jahren beeindruckend zu sehen, dass sich die koptischen Christen in Ägypten das Kreuz auf die Handinnenfläche tätowieren lassen, um in einer mehrheitlich moslemischen Umgebung unübersehbar zu zeigen: Wir sind Christen und wir gehören zu Christus. Was sollen sie und viele andere denken, wenn sie das Beispiel hoher christlicher Würdenträger sehen?

Ich möchte mit all diesen Worten, die persönliche Integrität und Frömmigkeit von Kardinal Marx und

Landesbischof Bedford-Strohm nicht in Frage

stellen. Vermutlich glaubten sie – strategisch –

politisch – diplomatisch – so handeln zu müssen.

Aber für mich ist hier dennoch eine rote Linie

überschritten.

Wir feiern in diesen Tagen Christkönig, den Abschluss

des alten Kirchenjahres, bevor mit dem

Advent das neue beginnt. Die Liturgie der Kirche

stellt uns den Kreuzeskönig vor Augen. Jesus

unterwirft sich Kreuz und Leiden und besiegt sie

zugleich. Dem Schächer am Kreuz verheißt er:

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ein

königliches Wort und ein königliches Zeichen. Zu

diesem König gehören wir und wenn wir uns unterwerfen

sollten, dann nie vor Menschen, sondern

nur vor Ihm.

Dass uns daran gerade ein Spiegel-Autor erinnern

muss, gehört zu den Sonderlichkeiten unserer

Tage.

Rent a catholic: Wir haben ja in Heusenstamm mit St. Cäcilia eine richtige Hochzeitskirche. Da kann man schon manches erleben. Insofern hat mich eine Glosse in der FAZ Beilage „Beruf & Chance“ vom 8./9. Oktober von Ursula Kals angesprochen und vielleicht entlockt sie auch Ihnen das eine oder andere Lächeln:

Schulfreund Martin ist ein gern gesehener Hochzeitsgast. Seine katholische Kernkompetenz bringt ihm lukrative Aufträge ein. Theoretisch. Praktisch hat er sich noch nicht buchen lassen. Neulich bei einer Trauung Bekannter.

Was das Fest aller Feste überschattete: Der Auftritt der Gäste in der Kirche ließ zu wünschen übrig. Sie waren Verhaltens-unsicher, blieben stehen, als sie sich setzen sollten, kannten weder Rituale noch Lieder. Martin, als Messdiener gut katholisch sozialisiert, kennt sich aus und sang zur Erleichterung aller „Großer Gott, wir loben dich“ lautstark mit, sprach textsicher das „Vater Unser“ und sagte „Amen“, wenn es angebracht war und wurde für den leicht angesäuerten Pfarrer zum Rettungsanker in der überforderten Schar der Karaoke-Katholiken. Beim Sektempfang sprach ein Pärchen Martin an: Sie hätten für ihr Event schon die Kirche reserviert („Wahnsinnslocation“, „gibt Superbilder“), aber wie ihre 200 Gäste „mit Kirche wenig zu tun“. Ob sie ihn buchen könnten als eine Art Vorbeter, Vorsinger, halt als jemand, „der sich in der Szene auskennt“. Sonst würde es ja nichts mit der Stimmung … Am Honorar solle es nicht scheitern. „Wären 150 Euro okay?“ Martin lehnte ab, höflich, aber erschüttert, „da fällt man doch vom Glauben ab“.

Später waltet wieder sein Humor. Er entwirft ein erbauliches Berufsbild mit folgendem Anzeigentext: Rent a catholic. Halleluja statt Hossa. Sie wollen es katholisch krachen lassen? Prayback statt Playback – ich bin ihr Animateur für`s Atmosphärische, der Allerbeste für religiöse Feste. Biete: Profunde Kenntnisse kirchlicher Rituale, Vorbildfunktion, buchbar für Hochzeit, Taufe, Kommunion, Beerdigung. Portfolio erweiterbar für evangelische Interessenten. „Wetten, ich würde gebucht.“ Keiner der Freunde wollte dagegenhalten. Ich denke jener Martin - Namensgleichheiten sind rein zufällig - hat nicht ins Professionelle gewechselt, ist normaler Katholik geblieben. Aber natürlich sind sich hier, und das macht Satire aus, Wirklichkeit und Übertreibung begegnet. Das zaubert eben das Lächeln auf unser Gesicht. Aber es bringt auch zum Nachdenken. Und ich dachte mir, wie wäre es die Überschrift umzuformulieren: Need a catholic. Wir brauchen einen, viele Katholiken, die den Mund aufmachen, auch wenn drum herum tausend stumme Fische sind.

Das meint Ihr
Martin Weber, Pfarrer

„Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem was uns lieb und teuer ist“- Diesen Satz sagte Angela Merkel vor kurzem im deutschen Bundestag und ich denke, dass er ähnlich oft zitiert werden wird wie ihr „Wir schaffen das“. Zunächst einmal will dieser Satz beruhigen. Viele Menschen fühlen sich verunsichert durch die Flüchtlingskrise und den Zuzug von über einer Million Menschen aus einem fremden Kulturkreis in relativ kurzer Zeit. Das ist eine schlichte Tatsache, ob einem das gefällt oder nicht. Und es schlägt sich in Wahlergebnissen nieder.

Zum anderen lädt dieser Satz zur Debatte ein: Was ist uns lieb und teuer? Was gehört dazu, dass wir uns heimisch fühlen im eigenen Land. Angela Merkel nennt Freiheit, Sicherheit, Solidarität und Gerechtigkeit. Das sind hohe Werte, aber als Antwort scheint mir das reichlich abstrakt. Heimat ist immer konkret und gerade deshalb so schwer in Worte zu fassen. Ein bisschen ist das wie mit dem Wasser, in dem die Fische schwimmen: es ist so selbstverständlich, es ist einfach die Kultur, in der wir leben. Dazu gehört unsere Sprache, unsere Geschichte, unsere regionalen Verschiedenheiten, Berge und Meer, der Fußball, das Essen, Wein und Bier, unsere Literatur, unsere Märchen, unsere Auffassung von Fleiß und Arbeit und nicht zuletzt unsere Religion. All das und vermutlich noch viel mehr bildet eine Gemengelage, wo viele sagen: „Das ist mir lieb und teuer“. Wir können von Menschen, die zu uns kommen nicht erwarten, dass sie all das übernehmen. Das ist unmöglich. Sie bringen ihre eigene Kultur und oft ihre eigene Religion mit. Das lässt uns fragen: Wie „lieb und teuer“ ist uns unsere eigene Religion? Und da kann man ins Schwitzen geraten. Viele, die noch irgendwie dazu gehören; aber rapide sinkende Besucher der Gottesdienste und mangelndes Glaubenswissen, wohin man schaut. In intellektuellen und pseudo-intellektuellen Kreisen gehört es zum guten Ton, das Christentum für so ziemlich alles verantwortlich zu machen, was in der Geschichte schiefgelaufen ist. Unser kollektives Bewusstsein scheint immer mehr von der Überzeugung beseelt zu sein, wir müssten uns für das Christentum schämen, während wir dem Islam mit Respekt und Verständnis zu begegnen hätten. Fakt aber ist: Die Worte und die Werke Jesu inspirierten zu einer Kultur der Barmherzigkeit und Wohltätigkeit und legten den Grundstein für eine Ordnung, in der Gerechtigkeit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erst wachsen konnten. Dieser Weg war alles andere als selbstverständlich! Das wird deutlich, wenn wir hinschauen auf vorchristliche Kulturkreise oder sie vergleichen mit der Entwicklung der islamischen Zivilisation. „Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem was uns lieb und teuer ist“. Dieser Satz von Angela Merkel ist deshalb immer auch verbunden mit der Gretchenfrage: „Nun sag, wie hältst du`s mit der Religion?“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Selig, die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden" (Mt 5,7)
Liebe Gemeinde,        
unter diesem Motto stand der diesjährige Weltjugendtag, der in Krakau (Polen) stattfand. Aus 180 Ländern kamen junge Menschen um ihren Glauben gemeinsam zu feiern. Und wir waren mitten drin. Unser Pilgerweg startete am 20.07.16. Mit 3 Reisebussen voll Pilgern aus dem Bistum Mainz machten wir uns zu unserem ersten Ziel, dem Bistum Kattowitz, auf. In Gastfamilien untergebracht lernten wir das Land, die Leute und ihre Spiritualität kennen. Die Gemeinden organisierten für uns ein abwechslungsreiches Programm. Ein besonderes Highlight war ein Gottesdienst auf einem Flugplatz, den der Bischof von Kattowitz feierte mit allen Pilgern, die in seinem Bistum wohnten. Nach sechs Tagen der Begegnung machten wir uns zum eigentlichen Weltjugendtag in Krakau auf. Obwohl wir nur kurze Zeit bei unseren Gastfamilien lebten, entstanden enge und persönliche Verbindungen.

In Krakau wurden wir in einer Schule mit rund 200 Pilgern beherbergt. Die Stadt füllte sich zunehmend mit jungen Menschen aus den verschiedenen Teilen der Erde. Ihre Pilgerhüte oder ihre Fahnen verrieten, woher sie kamen.

Bei Konzerten, auf den Plätzen und bei den Gottesdiensten lernte man einander kennen. An den Vormittagen bekamen wir Besuch von deutschsprachigen Bischöfen, die passend zu unserem Motto eine Katechese hielten und anschließend Gottesdient feierten. Es hat uns besonders gefreut, unseren Weihbischof Dr. Bentz mit Fabian Krämer zu treffen. Am 28.07. durften wir unseren Papst Franziskus begrüßen. Auf der gleichen Wiese, auf der Papst Johannes Paul II. seine Gottesdienste feierte, empfingen wir ihn mit 500.000 begeisterten Pilgern. Ein Glaubensevent folgte dem nächsten. Nach dem Kreuzweg am Freitag, pilgerten wir auf eine Wiese außerhalb Krakaus. Dort feierten wir am Samstagabend das Abendgebet (Vigil).

Versuchen sie sich mal vorzustellen, sie sitzen mit ca. 2,5 Millionen Menschen unter freiem Himmel, beten gemeinsam, halten eine Kerze in der Hand, singen oder lauschen in die Stille. Vielleicht können sie sich im Ansatz vorstellen, was wir erlebten. Am Sonntag feierten wir den Abschlussgottesdienst. Zwei Wochen haben wir eine lebendige, eine junge und dynamische Kirche erleben dürfen. Es wurde spürbar und erfahrbar, dass Glaube über Kontinente und politische Grenzen verbindet. Franziskus hat uns motiviert, die Welt durch unsere Barmherzigkeit zu verändern. Die Erinnerungen an diese Tage und die Begeisterung nehmen wir mit in unseren Alltag und in die Gemeinde. Die nächste Einladung des Papstes steht auch schon wieder: 2019 in Panama! Gerne berichten wir auch live von unseren Erfahrungen aus Krakau.

Sprechen sie Kristin Uhl, Sarah Kwasniok, Nina Hüter, Pascal Czok, Kilian Wilhelm, Stephan Sassen oder mich an.

Ihre Natalie Lisson, Gemeindereferentin

Sternenkinder: Seit einigen Jahren gibt es diesen Begriff und er meint Kinder, die bereits vor der Geburt gestorben sind oder tot geboren wurden. Wikipedia nennt Sternenkinder die Kinder, „die den Himmel erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblickten.“

Egal, wie man zu diesem Begriff stehen mag: Er hat mitgeholfen ein Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, das lange Jahre schlichtweg tabu war. Wer eine Fehlgeburt hatte, ein ungeborenes Kind verlor, der hatte das mit sich selbst auszumachen. Bestenfalls „tröstete“ man mit dem Satz: Ihr könnt ja noch Kinder bekommen. Erst seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich in diesem Bereich eine Trauerkultur, die in dem Begriff der „Sternenkinder“ sozusagen ihr Erkennungszeichen gefunden hat. Man schätzt, dass es 10-15% an Fehlgeburten gibt. Und davon 80% in den ersten 12 Wochen.

Nun gibt es ja Leute die sagen: In diesem Stadium geht es ja noch gar nicht um einen Menschen, sondern allerhöchstens um einen „Zellhaufen“. Das stimmt schon naturwissenschaftlich nicht: Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist ein einmaliges Individuum entstanden, das sich nur noch ausdifferenziert und wächst. Der Mensch ist Mensch von Anfang an! Deshalb wird die Kirche auch nie ihren „Frieden“ mit dem Unrecht der Abtreibung machen. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist: Wenn sich ein Kind ankündigt, dann erobert es sehr früh seinen Platz im Leben der Mutter. Niemand ist einer Mutter so nahe wie ein ungeborenes Kind: Über die Plazenta erfolgt die Versorgung des Kindes mit lebenswichtigen Nährstoffen und Sauerstoff, aber auch Glücks- und Stress-Hormone finden so ihren Weg. Das Kind ist direkt mit den Erlebnissen und Gefühlen der Mutter verbunden. Viele Mütter empfinden das auch so; sie leben im Kontakt und Austausch mit dem noch nicht geborenen Kind. Auch Väter entwickeln diese Verbundenheit, wenn auch nicht so unmittelbar wie die Mütter. Das noch ungeborene Kind gehört „systemisch“ schon zur Familie dazu. Wenn so ein Kind stirbt, wenn auch in einer sehr frühen Schwangerschaftswoche, ist nichts mehr wie vorher. Der Verlust des Kindes tut unglaublich weh. Da ist Trauer, da sind tausend Gedanken, oft auch Selbstvorwürfe, die einem wieder und wieder durch den Kopf gehen. Und für glaubende Menschen auch die Frage: Warum, o Gott? Warum hast Du das zugelassen? Und: Gerade bei Fehlgeburten gibt es keinen Ort, wo man trauern kann. Glaubende Menschen klagen genauso wie nicht Glaubende.

Und sie empfinden genauso den Schmerz. Aber sie dürfen ihre Trauer mit Gott verbinden und hoffen, dass das „Sternenkind“ bei ihm den Himmel findet. Im Gebet einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, heißt es: „Wir legen dein Leben, mein Kind, und unseres in die Barmherzigkeit Gottes. Nichts geht verloren, kein Molekül, kein Atom, wie viel mehr bist du aufgehoben, mein Kind, wie wir. Ich will es glauben. Ach mein Kind.“        
Ihr Martin Weber, Pfarrer

Sonnenuntergang. Was war das für ein herrlicher Sonnenuntergang auf der Insel Kos. Wir saßen in der Pole Position, ein kühler Wein in Reichweite und der Sonnenuntergang hielt tatsächlich, was der Reiseführer versprochen hatte. Aber diesen Sonnenuntergang werde ich noch aus einem anderen Grund nicht vergessen. Am Nachbartisch saßen zwei Familien mit vier Kindern und jedes von ihnen hatte einen Touchscreen. Den Sonnenuntergang nahmen sie gerade mal am Rande und relativ gelangweilt zur Kenntnis, das auf dem Bildschirm schien viel interessanter … Vermutlich passen diese Kinder gut in unsere Zeit. Ein Minister aus NRW forderte vor kurzem, schon im Kindergarten mit „Digitalkunde“ anzufangen, ein Vertreter der Telekom fände es gut, wenn die „Programmiersprachen“ als Pflichtfach in den Grundschulen eingeführt werden und ihre Argumentation ist so verführerisch einleuchtend:

Wer später mal in der Arbeitswelt zurecht kommen will, der muss souverän mit der digitalen Technologie umgehen können. Warum sich dann mit Fächern wie Musik oder Religion herumschlagen? Was bringt es ein Gedicht von Walter von der Vogelweide zu interpretieren? Warum noch die Handschrift lernen, wenn man in der Zukunft eh alles in die Tastatur eingibt? Aus dieser Logik heraus hat man dann auch die Zeit zum Abitur verkürzt und ein Politiker meinte, damit sei den Kindern „ein Jahr Lebenszeit geschenkt“. In einem Artikel in der FAS wurde diese Argumentation zu Recht als „zynisch“ bezeichnet.

Das Gegenteil stimmt: Man hat den Kindern ein Jahr Kindheit gestohlen. Man muss in diesem Zusammenhang gar nicht in die fast schon apokalyptischen Befürchtungen von Manfred Spitzer über die „digitale Demenz“ einstimmen. Da reichen manchmal schon Alltagsbeobachtungen: Dass Kinder und Jugendliche quasi „automatisch“ hineinwachsen in die digitalen Kompetenzen, die wir in der Tat brauchen. Dass sie aber zugleich so davon in Bann gezogen werden, dass andere Schlüsselqualifikationen darunter leiden: Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, Lesen und Schreiben, Ausdauer und Geduld.

Digitales Lernen ist ein Bereich unter anderen - und „Bildung“ ist viel mehr. Bildung lernt auch „Nutzloses“, weil der Mensch mehr ist als ein Wesen, das Dinge bloß tut „um etwas“ zu erreichen. Bildung sind Zahlen und Formeln, Gedichte und Romane, Empirie und Reflektion, Philosophie und Religion, Musik und Bewegung …

Immanuel Kant gilt als ein Philosoph, der den Menschen ermutigte sich seines „eigenen Verstandes zu bedienen“ und als Wegbereiter der Aufklärung gilt. Doch am Anfang stand sein Staunen über „den gestirnten Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Das umschreibt bis heute das, was eigentlich „Bildung“ ist. Ganz sicher mehr als das Bedienen von Touchscreens. Bald beginnen die Sommerferien. Und hoffentlich erleben Sie da auch den einen oder anderen Sonnenuntergang. Mein Tipp: Einfach nur genießen.
Ihr Martin Weber, Pfarrer

Wir sind eine berufene Gemeinschaft.
Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. (Ps 133,1)

Liebe Schwestern und Brüder,    
ich bin selbst immer wieder erstaunt, dass es bereits in wenigen Wochen soweit sein wird. Meine Priesterweihe und vor allem die Primiz („prima missa“) stehen vor der Tür. Eine Zeit der intensiven Vorbereitung kommt an ein Ende und gleichzeitig öffnet sich der Horizont für etwas Neues.

Es gibt eine ganze Fülle an Bräuchen rund um die Primiz. Ein sichtbares Zeichen ist die Abholung vom Elternhaus. Hier wird deutlich, dass sich im Leben des Primizianten etwas grundsätzlich geändert hat und die Katholische Kirche die „neue Heimat“ ist, freilich ohne alle Brücken hinter sich abzubrechen. Man geht gestärkt in ein neues Leben mit Gott und seiner Kirche. Ein zweiter guter Brauch ist die Wahl eines Primiz-Spruches, der mehr sein will als ein Motto. Ein Bibelvers, unter den man sein priesterliches Wirken stellt. Der Priester ist von der Kirche gesendet, als ein Diener an der Einheit des Gottesvolkes. Die oben in Psalm 133 erwähnte Gemeinschaft, mit dem starken Wort „Eintracht“ beschrieben, meint keine heile Welt, die Unterschiede und Streitigkeiten wegwischt, sondern die tiefe und unverbrüchliche Verbindung zu Gott in der Gemeinschaft (!) der Glaubenden, die wir Kirche nennen. Der Priester als der Diener der Einheit verkörpert dies in besonderer Weise und das ist mir persönlich sehr wichtig geworden.

Aber das ist nichts, was Geistliche exklusiv für sich gepachtet haben. Das Dienen für Gott und für die Kirche ist für alle Christen generell von fundamentaler Bedeutung, weil jeder von Christus berufen ist, an seinem Reich mitzubauen. Wir sind eine von Gott her berufene Gemeinschaft – jeder von uns!

Aber ich möchte an dieser Stelle auch die Gelegenheit nutzen „Danke“ zu sagen, dass meine Berufung in Heusenstamm wachsen durfte. Ohne das Zutun und Mitbeten so vieler Menschen könnte ich diesen Schritt nicht gehen. Ein genauso herzliches Dankeschön an alle, die sich aktuell mit den Vorbereitungen meiner Primiz beschäftigen, sei es spirituell oder materiell. Es soll nicht mein persönliches Ereignis sein, sondern ein Fest des Glaubens der Katholischen Kirche in Heusenstamm – als Gemeinschaft der Glaubenden, denn es ist wirklich gut und schön, wenn wir miteinander einträchtig verbunden sind.

Ich freue mich auf viele Begegnungen bei der Priesterweihe und der Heimatprimiz und bitte besonders für die letzten Wochen um Ihre Begleitung im Gebet!      
In diesem Sinne verbleibe ich     
Ihr Christian Kaschub

Ihr und Eure Kreuzzüge“ – So sprach mich einmal jemand in einer Diskussion an……. Nun bin ich es ja gewohnt, dass ich da gerne in Haftung genommen werde für „die Kirche“ und am besten gleich für die 2000 Jahre ihrer Geschichte.

Bei vielen Zeitgenossen reduziert sich das Wissen über diese Geschichte allerdings darauf, dass es da so etwas wie die Kreuzzüge geben hat. Es gilt als „politisch korrekt“ sich dafür zu schämen und ein für alle Mal Asche über sein Haupt zu streuen. Noch im letzten Titelblatt des „Spiegel“ vor Ostern über den „missbrauchten Glauben“ klingt dies an: Nicht die Fahnen des IS, sondern ein Kreuz ist in der Mitte. Als wären die Kreuzzüge noch heute ein Thema, als wäre das Christentum der Hort von Gewalt und Terrorismus.

Wie gesagt: Keine Ausnahme. Wenn es in unserem Land darum geht, die Geschichte des Christentums zu beschreiben, dann regelmäßig in den schwärzesten Farben. Kritische Leute, die in allen anderen Bereichen darum wissen, wie wichtig es ist zu differenzieren und genau hinzuschauen, werfen diese Grundsätze regelmäßig über Bord, wenn es um die Kirche geht. Da geht es nicht um Fakten, da geht es um die Gesinnung. Die richtige wohlgemerkt. Schauen wir deshalb einmal hin auf die Kreuzzüge.

Nach der Expansion des Islam kam es spätestens im 10. Jahrhundert auch im Heiligen Land vermehrt zu Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen. In einer ohnehin apokalyptisch aufgeheizten Zeit kam es 1009 zur Zerstörung der Auferstehungskirche in Jerusalem. Die Christen im Heiligen Land und die Pilger waren ihres Lebens nicht mehr sicher. Das „östliche Rom“, Konstantinopel fühlte sich in der Folgezeit immer mehr bedroht und bat die Glaubensbrüder im Westen um Hilfe. Ein bemerkenswertes Anliegen, wenn man bedenkt, dass das große Schisma von 1054 da erst einige Jahre zurück lag. Aber so groß war die Not.

Im Kontext dieser Entwicklungen kam es zu den Kreuzzügen, die man sicherlich nicht reinwaschen darf, aber auch nicht zu dämonisieren braucht. Letztlich kann man sie nur aus der Zeit heraus verstehen und beurteilen. Ähnlich steht es übrigens mit der Inquisition, die meist direkt hinter den Kreuzzügen kommt. Um sie herum hat sich eine „schwarze Legende“ gebildet, die bis heute in den Köpfen der meisten Menschen herumspukt. Sie spricht von Millionen Opfern der Inquisition. Das widerspricht jedoch allen historischen Anhaltspunkten. Belegt sind bei der besonders berüchtigten spanischen Inquisition im 16. und 17. Jh. maximal 1200 bis 2000 Hinrichtungen! Lesen Sie dazu einmal das ebenso geistreiche wie erhellende Buch von Hans Conrad Zander: „Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition“. Sollten Sie sich vom Titel abschrecken lassen, entgeht Ihnen nicht nur Erkenntnis, sondern auch ein echtes Lesevergnügen. Es lohnt sich kritisch zu sein - aber bitte in alle Richtungen.

Das meint Ihr
Martin Weber, Pfarrer

Von einer Jahrhundert-Sensation sprachen die Nachrichten am 11.2.2016. Forschern ist es erstmals gelungen Gravitationswellen zu mes­sen, die bei der Kollision zweier schwarzer Löcher vor 1,3 Milliarden Jahren entstanden sind. Das bedeutet, dass eine der letzten Vorhersagen der Relativitätstheorie, die Albert Einstein vor 100 Jahren aufgestellt hat, wissenschaftlich belegt ist. Damit wird das Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten und vor allem auch für die Entstehung des Universums und unserer Welt weiter wachsen.

Diese Entdeckung löst zunächst zwei Empfindungen aus: Das Staunen über die unfassbare Größe des Universums, die sich jeder simplen Anschaulichkeit entzieht. Das zweite ist das Staunen darüber, wozu der menschliche Geist fähig ist: Wellen zu messen, deren Ursprung 1,3 Milliarden Jahre zurück liegen. In Anbe­tracht dieser Entdeckungen wird der religiöse Mensch den uralten Psalm 8 ganz neu lesen und vielleicht noch tiefer verstehen: „Herr, un­ser Herrscher/ wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde/ über dem Himmel breitest du deine Hoheit aus. Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger/ Mond und Sterne, die du befestigt. Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst? Du hast ihn nur wenig geringer ge­macht als Gott/ hast ihm alles zu Füßen ge­legt“.

Einen Tag später, am 12.2.2016 gab es ein religiöses Jahrtausend-Ereignis – und auch das ging durch die Medien. Da stammten die „Gravitationswellen“ aus dem Jahr 1054. Damals hatten sich die westliche und die östliche Christenheit entzweit. Diese Trennung wirkt nach bis in unsere Tage. Viel Streit, aber auch viel Misstrauen gab und gibt es zwischen den katholischen und orthodoxen Christen. Dass es jetzt erstmals seit der Trennung zu einem Treffen zwischen einem Papst und dem russischen Patriarchen, zwischen dem „ersten“ und dem „dritten“ Rom gegeben hat, ist ein Hoffnungszeichen. Gerade mit den orthodoxen Christen verbindet uns so vieles: Vom Dogma, vom Glauben her, gibt es kaum Differenzen, so dass man ziemlich fassungslos davor steht, wie groß die Zerstrittenheit ist und war. Wie wenn Geschwister, die doch zusammen gehören, einfach nicht zueinander finden können. Beide Vertreter der Kirchen, Franziskus und Kyrill, betonten die Gemeinsamkeiten, das Einstehen für die Werte der Familie gegen die zerstöreri­sche Gender-ideologie und die „Ökumene des Blutes“ bei den derzeitigen Christenverfolgun­gen. Und wie schön wäre es, wenn es doch endlich gelingen würde, einen gemeinsamen Termin für das Osterfest zu finden. Das wäre ein ganz wichtiges Zeichen in unserer so zerstritte­nen Welt.
Das meint Ihr
Martin Weber, Pfarrer

Barmherzigkeit?

Papst Franziskus hat das „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Das wissen wir im Binnenraum der Kirche. Aber ehrlich gesagt, und das Fragezeichen weist darauf hin, damit ist nicht alles klar. Denn für viele ist das ein Wort, mit dem sie nicht viel anfangen können. Vielleicht versteht man am ehesten noch Mitleid darunter. Oder im Gefolge Nietzsches eine Moral der Schwachen. Aber das lenkt uns auf eine ganz falsche Fährte. Barmherzigkeit kann man nicht haben ohne Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet, sich dafür einzusetzen jedem Menschen das zukommen zu lassen, was er nötig hat und was ihm gebührt. Das ist sozusagen das Minimum.

Das Maximum aber ist die Barmherzigkeit, denn die schaut auf den Einzelnen und gibt ihm eine Chance, auch wenn er es möglicherweise gar nicht „verdient“. Von dem New Yorker Bürgermeister Henry La Guardia (1882 - 1947) ist eine Episode überliefert, dass er einen Mann, der Brot gestohlen hatte, zu zehn Dollar Strafe verurteilte und so der Gerechtigkeit Genüge tat. Aber dann bezahlte er als Privatperson die Strafe, weil er sich dafür schämte, dass in „seiner“ Stadt jemand hungerte und sich zum Stehlen gezwungen sah. Das war Barmherzigkeit. Thomas von Aquin, der große Theologe und Philosoph des Mittelalters, hat einmal den genialen Satz geprägt: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung. Barmherzigkeit hebt die Gerechtigkeit nicht auf, sie ist vielmehr die Fülle der Gerechtigkeit“.

Wir können es nicht einfach so machen, dass die Einen für die Gerechtigkeit und die Anderen für die Barmherzigkeit zuständig sind. Sondern es ist uns aufgetragen, beide Haltungen zu verbinden. Das zumindest legt uns unser Glaube nahe. Gott ist der gerechte Gott, wie sollte es anders sein. Deshalb ist Gott auch Richter, deshalb gibt es Himmel, Hölle und Fegefeuer. Wahrheiten, die man heute nur noch selten erwähnt. Wie sollte Gott anders als gerecht sein?! Unsere Hoffnung aber ist, dass Gott zugleich der Barmherzige ist; dass er ein „Herz“ für uns hat. Unüberbietbar hat er das im Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu gezeigt. In der Bergpredigt hat Jesus gesagt: „Seid barmherzig wie euer himmlischer Vater barmherzig ist und die Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte“.

Ein spannendes Thema: Die Barmherzigkeit. Ein Thema der Predigten der diesjährigen Fastenzeit. Vor allem aber ein Lebensthema! Barmherzig zu leben heißt empathisch zu sein, sich um Herzensbildung, Nachdenklichkeit, auch um Selbstkritik zu mühen. Barmherzig sein bedeutet mit offenen Augen durch das Leben zu gehen und keine Berührungsängste zu haben vor denen, die uns brauchen. Bedeutet auch, mit sich selber barmherzig zu sein. Bedeutet die Nähe des barmherzigen Gottes zu suchen. Eine solche Barmherzigkeit hat dann kein Fragezeichen mehr, sondern setzt ein dickes und starkes Ausrufezeichen! 

Das meint Ihr

Martin Weber,
Pfarrer der Katholischen Kirche Heusenstamm

Resilienz 2016
Resilienz – oder was uns ein Modewort lehren kann Resilienz ist ein Fremdwort, das man mit Widerstandsfähigkeit oder Widerstandskraft übersetzen könnte. Ursprünglich entstammte es der Materialkunde, ist aber inzwischen in die Alltagssprache übergegangen. Resilienz ist die Fähigkeit eines Menschen Krisen- und Stresssituationen zu bestehen. Seit einiger Zeit ist es in aller Munde und man fragt: Wie können wir unseren Kinder Resilienz mitgeben, damit sie in einer Welt, die im Kleinen und im Großen so krisengeschüttelt ist, bestehen können. Die Antwort zeigt, dass dieses Fremd- und Modewort Resilienz im Grunde sehr einfach zu verstehen ist. Denn natürlich hängt Resilienz von Menschen ab, die uns helfen Vertrauen zu gewinnen. Gerade die stabile frühkindliche Bindung erweist sich hier als entscheidend. Doch auch Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen sind nicht zum Negativen hin determiniert. Untersuchungen zeigen, dass wenigstens eine Vertrauensperson – Geschwister, Großmutter oder Lehrer – helfen können, dass ein Kind und junger Mensch an sich glauben und Widerstandskräfte entwickeln können. Auch Religion kann und soll Resilienz fördern. Denn sie trägt dazu bei, die Identität des Einzelnen zu stärken und bindet ihn ein in eine große Gemeinschaft. Resilienz hilft aber nicht nur in Krisen. Sie hilft auch einen „gesunden Eigensinn“ zu entwickeln, der dem Menschen erlaubt „Ich“ statt „Man“ zu sagen. Dieser Eigensinn hat die Kraft, immer wieder auch „Nein“ zu sagen zum Mainstream der Moden und Meinungen. Das muss man regelrecht lernen: Denn wer kein Nein zustande bringt, der kann auch ein Ja nicht halten. Das erinnert mich an den Ritus der Taufe: Da sprechen die Eltern oder – je nach Alter – die Täuflinge selbst ein dreimaliges Nein, ein „Ich widersage“ zum Bösen und seinen Verlockungen. Bevor sie dann das große Ja zu Gott sagen, der uns in der Taufe als seine Kinder annehmen will. Doch man kann das Ganze auch von einer anderen Seite angehen. Resilienz bedeutet sicherlich widerstehen zu können. Es bedeutet aber auch: Die eigenen Stärken und Ressourcen zu sehen. Nicht über das jammern, was man nicht kann, sondern sich darüber zu freuen, was man kann. Das gilt für jedes Lebensalter. Und das gilt auch für die Religion: Resilienz-Kräfte des Vertrauens werden geweckt durch eine frohe Botschaft, die zum Beispiel in diesem Lied-Ruf von Taizé wunderschön zum Ausdruck kommt: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht‘ mich nicht“. Wir Menschen brauchen uns vor Gott nicht besser und perfekter zu machen als wir sind. Jeder von uns hat seine Schwachstellen, Ängste, Verwundungen. Aber gerade darin will Gott seine Kraft erweisen. In uns, mit uns! Das macht uns stark und resilient. Paulus sagt es so: „Wenn Gott für uns ist, wer sollte dann gegen uns sein?“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
Ich grüße Sie herzlich!
Ihr
Martin Weber, Pfarrer

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