Predigten

Hast du noch Töne?

Das fragen wir uns manchmal, wenn etwas Überraschendes passiert ist. Das könnten wir uns demnächst auch im Gottesdienst fragen. Aber da kommen die Töne von einem Instrument, das – zumindest in Deutschland – ganz selbstverständlich zu einer Kirche gehört: Der Orgel. Deren Töne stammen von den Pfeifen und die wiederum werden von den Blasebälgen mit Luft versorgt. Ohne Luft kein Ton. Und genau da hat die Orgel von Maria Himmelskron ein Problem.

In absehbarer Zeit müssen nämlich diese Blasebälge, deren Ledermaterial erschöpft ist, erneuert werden. Nach den bisherigen Kostenvoranschlägen kostet diese Maßnahme an die 30 000 Euro: Das Teure dabei sind nicht die Materialkosten für die Lederbälge. Aber es ist ungemein arbeitsintensiv und aufwändig, überhaupt an die Stellen heranzukommen. Und das stellt den Verwaltungsrat vor eine Grundsatzfrage: Sollen wir wirklich so viel Geld in ein Instrument investieren, das nach den Aussagen einer Orgelbaufirma dringend einer Grundsanierung bedarf? Das nach einer Stellungnahme des Or­gelsachverständigen der Diözese diverse konzeptionelle Mängel hat und der uns wörtlich schreibt: „Von der Investition eines solchen Betrages in ein derart mangelhaftes Instrument rate ich dringend ab“.

Was aber ist die Alternative? Eine neue Pfeifenorgel für eine Kirche dieser Größe mit 25 Registern ist unter 400 000 Euro nicht zu haben. Das ist einfach so – und diese Summe erscheint uns im Moment total illusorisch.

Dann aber erreichten uns Nachrichten aus verschiedenen Kirchengemeinden, die gute Erfahrungen mit Elektroorgeln gemacht haben. So zum Beispiel in Ober-Roden oder Egelsbach. Nach Klangproben mussten wir eingestehen, dass zumindest ein Laie keinen Unterschied zur klassischen Orgel erkennen kann. Elektroorgeln haben zudem den Charme weitgehend wartungsfrei und unabhängig von Klima und Temperaturen zu sein. Und vor allem sind sie wesentlich günstiger: Für eine Kirche in unserer Größenordnung belaufen sich die Kosten – Instrument und Verstärker – auf ca. 70 bis 80.000 Euro.

Doch grau ist alle Theorie: Am Wochenende vom 19.-20. August haben wir die Gelegenheit den Klang einer Elektroorgel in den Gottesdiens­ten mitzuerleben. Danach kann man sich das Instrument auch anschauen und Fragen dazu stellen. Bitte nutzen Sie diese Gelegenheit und bilden Sie sich eine Meinung. Das hilft dem Verwaltungsrat, seinerseits zu klären ob es gut und sinnvoll ist diesen Weg weiter zu verfolgen. Für manche mag all das sehr überraschend sein, manche wird es nur wenig berühren, denn bisher war das ja keine Frage: Dass die Orgel halt spielt. Aber wir dürfen die Augen vor dem Problem nicht verschließen. Es muss etwas getan werden. Und möglicherweise werden da neue Wege - eben den einer Elektroorgel - beschritten. Denn ansonsten müssen wir uns bald fragen: Hat sie noch Töne? Unsere Orgel.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Ehe-Bruch Juli 2017

Eine große Koalition aus fast allen Parteien hat am 30.6.2017 die „Ehe für alle“ beschlossen. Auch Teile der CDU/CSU, nachdem Angela Merkel bei einer Brigitte Talk-Show(!) wieder ei­nen ihrer legendären Kurswechsel vollzogen hat. Damit surft die Bundeskanzlerin auf der Welle des Zeitgeistes, denn „natürlich“ sind eine große Mehrheit der Medien, Meinungsmacher und Menschen dafür. So ist es beschlossen: Die völ­lige Angleichung der Ehe zwischen Mann und Frau und ebensolchen Gemeinschaften homo­sexueller Menschen. Ich finde das aber weiterhin falsch und möchte drei Gründe nennen:

- „Wo alle das Gleiche denken, da wird selten gedacht!“ – Ich weiß nicht, von wem dieser Satz stammt, aber er kam mir bei dieser Debatte in den Sinn. Wenn es nach den Medien und Mei­nungsmachern geht, darf man bei der „Ehe für alle“ nur so denken, wie sie es vorgeben. Alles andere sei unmenschlich und homophob. Als ob es darum ginge, Menschen zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass der Ehebegriff beliebig wird und seine Bedeutung verliert.

- Wer den Mut hat seinen eigenen Verstand zu benutzen wird sehen, dass unser Grundgesetz die Ehe ausdrücklich schützt. Und natürlich hat­ten die Verfassungsväter und Mütter die Ehe zwischen Mann und Frau im Blick. Nur aus die­ser Verbindung kann Leben hervorgehen. Das Grundgesetz schützt die Ehe, nicht weil sie eine private Liebesbeziehung ist, sondern weil sie elementar für den Fortbestand unseres Geeinwesens ist, weil Kinder daraus hervorgehen können und diese – auch das ist im Interesse des Staates – in halbwegs stabilen Verhältnis­sen aufwachsen sollen.

- Um auch diese Klippe zu umschiffen, will man homosexuellen Partnerschaften das Adoptions­recht öffnen oder – und das wird wohl die Zu­kunft sein – Leihmutterschaft und Ähnliches ermöglichen. Und Frau Merkel sprach ja bei der Brigitte davon, dass sie lesbische Partnerschaf­ten kenne, die sich liebevoll um mehrere Pflege­kinder kümmern. Als ob es darum ginge. Nie­mand wird solchen Menschen absprechen, dass sie sich liebevoll der Kinder annehmen. Quer durch die Republik kennt inzwischen jeder Bei­spiele dafür. Und sicher wird es bald Studien geben, die das „wissenschaftlich“ absegnen. Und trotzdem gilt weiter: Kein Paar hat ein Recht auf Kinder – kein heterosexuelles und kein homosexuelles. Sonst treten wir ein in den schrecklichen Supermarkt der Menschenma­cher. Aber jedes Kind hat ein Recht auf Vater und Mutter.

Zum Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schrei­be, scheint die Schlacht „verloren“. Die „Ehe für alle“ wird kommen. Ich bin aber der Überzeu­gung: Das wird auf dem Papier stehen. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist eine jahrtausen­dealte Institution, die in der Natur und Kultur der Menschen eingeschrieben ist. Sie gehört nicht den Volksvertretern und kann nicht beliebig um-­definiert werden. In diesem Sinn kann sie auch nicht zu „Bruch“ gehen.

Martin Weber, Pfarrer

 

Mittsommer

feiern vor allem die Menschen in den nördlichen Ländern, z.B. in Schweden. Wir kennen dieses Brauchtum durch die Wallanderromane oder Ikea oder der eine oder die andere waren schon mal live dabei.

Mittsommer - es ist die Mitte des Jahres und die Waage neigt sich: Die zweite Jahreshälfte be­ginnt, die Tage werden schon wieder kürzer. In unseren Breiten feiert man das oft in den Johannesfeuern oder -festen, wie z.B. in Mainz.

In unserem Gotteslob findet sich ein neues geist­liches Lied dazu:

„Das Jahr steht auf der Hö­he, die große Waage ruht / Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut“.

Detlev Block, ein evangelischer Pfarrer und zugleich Schriftsteller und Lyriker hat diese Zeilen ge­schrieben. Als ich sie zum ersten Mal gelesen und das Lied gesungen habe, war ich sehr be­eindruckt. Über die Art und Weise wie es Block gelingt, die Stimmung dieser Tage ins Wort zu bringen und zugleich ihre Vielschichtigkeit zu zeigen.

„Herr, zwischen Blühn und Reifen und Ende und Beginn / Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin“.

Auf der Höhe des Wohlbefindens, in der Mitte des Jahres, der schönsten Zeit, für viele auch Urlaubszeit, ist mit einem Mal Nachdenklichkeit da, fast schon Me­lancholie. Im Zyklus der Jahreszeiten erkennen wir unser Leben: Blühen, Gedeihen, Reifen und schließlich die Zeit der Ernte. Das Dunkle und das Helle, Schmerz und Glücklich sein, Anfang und Ende. In der dritten Strophe fasst Block das in folgende Worte:

„Das Jahr lehrt Abschied neh­men / schon jetzt zur halben Zeit. / Wir sollen uns nicht grämen, / nur wach sein und bereit, / die Tage loszulassen / und was vergänglich ist, / das Ziel ins Auge fassen, / das du, Herr, selber bist.“

Wir können die Vergänglichkeit annehmen, wenn wir nur das Ziel vor Augen haben, Gottes Ewigkeit. Die meisten, die dieses „Kercheblättche“ lesen sind biographisch wohl schon im Mittsommer Modus und haben ihre Lebenshälfte mehr oder weniger deutlich überschritten. In dieser Phase gibt es nicht nur die sog. Midlife crisis oder – gar nicht so selten- ein Burn out, sondern auch eine neue Sensibilität für das Religiöse, das ja immer eine Antwort auf unsere Vergänglichkeit sein will. So schreibt C. G. Jung einmal:

„Unter all meinen Patienten jenseits der Lebensmitte....ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben“.

Im Christentum ist das vor allem die österliche Hoffnung. Und die leuchtet in der letzten Strophe unseres Sonnenwendliedes noch einmal wunderbar auf:

„Du wächst und bleibst für immer, / doch unsre Zeit nimmt ab. / Dein Tun hat Morgenschimmer, / das unsre sinkt ins Grab. / Gib, eh die Sonne wieder schwindet, / der äußre Mensch vergeht, / dass jeder zu dir findet / und durch dich aufersteht.“

Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Mittsom­merzeit!

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Liebe Schwestern und Brüder,
vor ziemlich genau einem Jahr waren die meisten von uns erstaunt, dass die Engländer der EU „good bye“ gesagt haben. Schnell war man sich bei uns und den Unterlegenen einig, dass das eine dumme Entscheidung gewesen sei. Und ähnlich qualifizierte man auch die BREXIT - Wähler. Dazu ist viel geschrieben und diskutiert worden. Vor kurzem las  ich aber eine Analyse, die mich nachdenklich gemacht hat. Der sich selbst als linksliberal bezeichnende Publizist David Goodhard sieht sein Land gespalten.

Auf der einen Seite die Anywheres“.
Das sind meist gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche Menschen und selbstbewusste Menschen. Überdurchschnittlich oft leben sie in großen Städten, vom Empfinden her sind sie Weltbürger. Die Globalisierung sehen sie positiv, was kein Wunder ist: Sie sind die Gewinner des Spiels.

Auf der anderen Seite sieht Goodhard die „Somewheres“.
Das sind Menschen, die im Gegensatz zu den Anywheres keine transportable  Identität haben, sondern sich verwurzelt sehen in ihrem Heimatort, eine emotionale Nähe zu ihrer Region empfinden. Sie sind skeptisch gegenüber dem permanenten Wandel und fühlen sich immer mehr fremd in ihrem eigenen Land. Sie lehnen die Masseneinwanderung, die in Fluss geratenen Geschlechterrollen und die Überbetonung der Bildung ab. In der öffentlichen Wahrnehmung finden sich solche Menschen kaum noch repräsentiert; was gestern noch „common sense“ war, ist heute am Rand.

Goodhart machte nun die für ihn irritierende Erfahrung: Er definiert sich selbst als „Anywhere“, als Weltbürger. Aber allein der Versuch die „Somewheres“ zu verstehen, ließ in seinem Milieu schon Freundschaften  zerbrechen: Progressive „Anywheres“, so sagt er,  sind sozial zwar ungemein tolerant, aber politisch höchst intolerant.

Liebe Schwestern und Brüder,
wie gesagt, ich fand diese Analyse sehr spannend, auch um besser zu verstehen, was da in England passiert ist und in vielen anderen Ländern rumort und gärt. Da sind Menschen aus demselben Land und doch leben sie auf scheinbar ganz verschieden Planeten.

Wir feiern Pfingsten.
Der Schauplatz  ist Jerusalem im Jahr 33 nach Christus. An diesem Tag geht es dort so multikulturell zu wie auf der Zeil in Frankfurt. Juden aus der Diaspora, aus der Zerstreuung also, aus den Ländern wo immer sie es hin verschlagen hat, sind aus religiösen Gründen gekommen. Die Stadt ist wie elektrisiert von dem Gewusel und den vielen Sprachen, die sich die Diaspora-Juden inzwischen angewöhnt haben. Die Religion aber verbindet sie noch mit ihrer alten Heimat. Es ist eine Art Wallfahrt und ein Wiedersehen zwischen den Weltbürgern und denen, die im Land geblieben sind.

Dazu gehören auch die Apostel und die Freunde Jesu. Einfache Menschen waren das: Handwerker, Fischer. Menschen, die mit ihrem Land, ihrer Region , auch ihrer jüdischen Religion verbunden waren. Und jetzt eine Art Findungsphase durchmachen: Wie soll es weitergehen mit dem, was sie mit Jesus erlebt haben? Wie soll es weitergehen mit ihnen selbst, mit ihrer Gemeinschaft.

In diese Gemengelage hinein, so beschreibt es die Apostelgeschichte in den kraftvollen Bildern des Sturmes und des Feuers, sendet Gott seinen Heiligen Geist! Die  Apostel gehen hinaus, verlassen ihren klar definierten Ort,  um Gottes große Taten zu verkünden. Das Wunder geschieht: Über alle Sprachgrenzen hinaus verstehen das die Menschen, die zusammen geströmt sind. Jeder hörte sie- zu ihrem grenzenlosen Erstaunen -  in seiner Sprache reden! Das ist der Geburtstag unserer Kirche. Die immer Weltkirche ist, ein Leib mit so vielen verschiedenen Gliedern wie es Menschen gibt. Später hat man dazu „katholisch“ gesagt, weltumspannend.

Von daher sind Christen in einer gewissen Hinsicht „Anywheres“. Angehörige einer weltweiten Kirche. Eines Glaubens, der die Unterschiede von Nationalitäten, Sprachen und sogar Kulturen überwinden kann. Aber natürlich sind Christen auch „Somewheres“: der Glaube muss sich einwurzeln, inkulturieren ,  er muss konkret werden. Dazu gehören Bräuche und Gewohnheiten, dazu gehört die Verbindung zu einer fassbaren Gemeinde, einer Kirche und vieles mehr. Menschen sehnen sich nach einer Beheimatung, auch im Religiösen. Es ist der Geist Gottes, der wie am Anfang der Kirche auch heute Menschen zusammenführt und verbindet. Über alle Differenzen, Sprachen und Milieus hinaus. Der uns einerseits antreibt, über Grenzen hinaus gehen lässt, aber andererseits auch wärmend, tröstend, heilend und  Heimat gebend  ist.

Pfingsten ist aber viel mehr als ein Kirchenfest. In einem wunderschönen Lied heißt es: Der Geist des Herrn durchweht die Welt/ gewaltig und unbändig/ wohin sein Feueratem fällt/ wird Gottes Reich lebendig“. Es geht bei Pfingsten nicht nur um die Kirche, sondern auch um unsere Welt. Und da ist das  „sich Verstehen“ ein hohes Gut. Ein wirklicher Segen. Denn trotz Email, Facebook und Twitter: Viele Menschen haben sich immer weniger zu sagen, leben nur noch in ihrer Welt, ihrer Gruppe, ihrer  community – und bestätigen sich im Grunde immer nur selbst. Es braucht das Verstehen über die Grenzen hinweg. Es braucht die Bereitschaft, dafür Schritte zum anderen hin zu machen. Und es braucht den guten Geist Gottes, der uns  dabei hilft und dessen Boten wir zugleich sein sollen. Papst Franziskus betete bei seinem Israelbesuch 2014 folgendes Gebet- und es soll zugleich mein Pfingstwunsch für Sie und auch mich selber sein:

Herr, Gott des Friedens, viele Male haben wir versucht, unsere Konflikte mit unseren Kräften zu lösen. So viele begrabene Hoffnungen Herr. Herr, schenke du uns Frieden! Gib uns den Mut, konkrete Taten zu vollbringen, um Frieden aufzubauen. Schenke uns die Fähigkeit, alle Mitmenschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, mit wohlwollenden Augen zu sehen. Wandle unsere Ängste in Vertrauen und unsere Spannungen in Vergebung. Erhalte uns eine geduldige Ausdauer für den Dialog und die Versöhnung. Herr, erneuere unsere Herzen und unseren Geist.“

AMEN

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Habemus episcopum – 2017

Weißen Rauch gab es zwar nicht, aber die Er­leichterung war groß, dass nach fast über einem Jahr der bischofslosen Zeit am 18. April zeit­gleich in Rom und Mainz der neue Bischof be­kannt gegeben wurde:

Habemus episcopum- Wir haben einen Bischof: Dr. Peter Kohlgraf. Gera­de einmal 50 Jahre alt!

Peter Kohlgraf stammt aus dem Bistum Köln. Nach verschiedenen Kaplanstellen promovierte er in Kirchengeschichte, war Schulseelsorger und Religionslehrer und stellv. Direktor des Bon­ner Priesterseminars. Nach seiner Habilitation im Fach Pastoraltheologie wurde er zum Professor an der Katholischen Fachhochschule in Mainz berufen und wirkte seelsorglich als Pfarrvikar in der Pfarrgruppe Wörrstadt bei Alzey mit. Seine Bischofsweihe wird wohl am 27. August dieses Jahres im Mainzer Dom sein.

Im Glaubensbekenntnis bekennen wir uns zu der heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Ein Bischof ist Nachfolger der Apostel und Kir­che ist wesentlich apostolisch verfasste Kirche.

„Ubi episcopus, ibi ecclesiia“

„Wo der Bischof ist, da ist die Kirche“– so hat schon Cyprian im 3. Jahrhundert dieses Selbstverständnis ins Wort gebracht.

Das Bischofsamt beinhaltet einen drei­fachen Auftrag: Das Lehren, das Heiligen und das Leiten. Ein Bischof soll Zeuge und Lehrer des katholischen Glaubens sein; er ist erster Priester des dreifaltigen Gottes in der Eucharistie und in der Weihe von priesterlichen Mitarbeitern; er leitet ein Bistum und ist verantwortlich für „seine“ Ortskirche.

Weil das so ist, deshalb haben Bischöfe in unse­rer Kirche eine große Verantwortung. Die kön­nen sie nicht einfach delegieren! Deshalb sind schwache Bischöfe, die ihr Amt nicht ausfüllen für die Kirche so schädlich und deshalb sind gute und kraftvolle Bischöfe ein so großer Se­gen für die Kirche. Einer meiner Professoren an der Universität, Georg May, hat einmal den Satz geprägt: „Die Krise der Kirche ist immer auch eine Krise der Bischöfe“. Das bedeutet nicht, dass Bischöfe Übermenschen sein müssten oder Einzelkämpfer, aber sie dürfen sich von ihrer genuinen Verantwortung: zu lehren, zu heiligen und zu leiten nicht drücken. Um heute Bischof zu sein, braucht man Mut und eine Gottesfurcht, die größer ist als alle Menschen­furcht. Und oft genug besteht diese Menschen­furcht ja darin, vor allen und besonders vor den Medien gut dastehen zu wollen.

Ich wünsche unserem neuen Bischof Dr. Peter Kohlgraf alles Gute und Gottes Segen zu sei­nem Dienst. Er steht vor großen Herausforde­rungen. Er muss in unserem Bistum schmerz­hafte Prozesse in Gang setzen, die aber unum­gänglich sind. Als relativ junger Mann wird er die Kirche von Mainz voraussichtlich eine lange Zeit führen. Dabei gilt es die Kirche zu erneuern und zu reformieren, aber unter dem Vorzeichen des Evangeliums und der Tradition.

Diese Aufgabe kann man nur im Vertrauen auf Den angehen, der der eigentliche Herr der Kirche ist, im Ver­trauen auf Jesus Christus.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

GEWALT 2017
Viele waren erschrocken über die Nachricht, dass sich in Heusenstamm eine Tötungstat, ein Mord ereignet hat. Eine 52-jährige wur­de von ihrem ehemaligen Partner mit einem Hammer umgebracht. Gewalt gewinnt noch einmal eine neue Dimension, wenn sie so nahe an uns heranrückt, wenn man mög­licherweise sogar Opfer oder Täter kennt. Normalerweise sagt oder denkt man: Das hat mit uns, mit mir nichts zu tun. Gewalt - das betrifft immer die anderen.

Ein Blick in die Geschichte, aber auch in uns selbst, könnte anderes lehren. Was vor über 70 Jahren in Deutschland geschah, dass total unauffällige Menschen in Kon­zentrationslagern oder im Vernichtungskrieg im Osten Gewalttaten begangen haben, die in „normalen“ Zeiten unvorstellbar erschie­nen, hat sich vorher oder nachher tausend­fach wiederholt. Man schaue in unseren Tagen bloß nach Syrien, um sich das vor Augen zu führen. Im Krieg wird das Töten zum Handwerk und in Ausnahmezuständen sind alle Maßstäbe verloren.

Der Historiker Jörg Baberowski schreibt ziemlich illusions­los: „Allein von der Situation und der Mög­lichkeit des Raumes hängt es ab, wie man mit Gewalt umgeht.“ Dieses äußere Tun korrespondiert aber mit einer inneren Dis­position. Die Gewalt und entsprechende Gewaltphantasien schlummern als Möglich­keit in jedem Menschen. Unbeschadet des­sen, dass unsere Rhetorik und der Firnis der Kultur uns etwas anderes verheißen und den Eindruck erwecken: je zivilisierter, desto friedlicher.

Gewalt, ziemlich viel Gewalt, spielt auch im Leben Jesu eine große Rolle. Besonders am Ende seines Lebens tobt sie sich regel­recht bei ihm aus. Jeder Kreuzweg in unse­ren Kirchen, jedes Kreuz - ob uns das be­wusst ist oder nicht - gibt Kunde davon. Doch Jesus schlägt nicht mit gleicher Mün­ze zurück. Er nimmt all den Hass und die Gewalt auf sich. Er geht den Weg der Ge­waltlosigkeit und wird von Gott bestätigt: Das feiern wir an Ostern. Der Gekreuzigte ist zugleich der Auferstandene.

Auf dem Titelbild dieses Pfarrbriefes (siehe  Kercheblättche 2017_6) sehen wir zwei Jünger, die mit dem auferstande­nen Herrn in ihrer Mitte auf dem Weg nach Emmaus sind. Am Anfang erkennen sie Jesus aber gar nicht. Sie sind noch ganz davon in Beschlag genommen, wie ihre Hoffnungen am Kreuz gestorben sind. Die Gewalt hat sich wieder einmal durchgesetzt.

Nichts Neues unter der Sonne.......

Erst als sie Jesus einladen und er das Brot bricht, da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen Ihn. Der Evangelist Lukas verbindet die Erfahrung der beiden Jünger mit der Erfahrung der ersten Christen: Da, wo wir Eucharistie feiern, das Sakrament der Liebe Gottes, da sind wir am innigsten mit dem verbunden, der für uns gelitten hat und der von den Toten auferstanden ist. Und wer Eucharistie feiert, ist immer auch gesendet:

Geh, und bring etwas von der Liebe, die du erfahren hast, zu den Men­schen.

Das österliche Gegenmittel gegen jede Gewalt heißt also schlicht und einfach Lie­be. Liebe, die stärker ist als der Tod!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe und gesegnete Ostern!

Ihr
Martin Weber
Pfarrer

Klingelbeutel
Ich kann mich sehr gut erinnern. Kurz bevor es in die Kirche ging, drückte mir meine Mutter eine Mark in die Hand: Für den Klingelbeutel.Und ich war mächtig stolz mit allen Erwachsenen dann auch etwas in den besagten Beutel werfen zu können. So bin ich, so sind wohl die meisten Katholiken mit dem Klingelbeutel groß geworden. 

Viele fragen aber: Was geschieht eigentlich mit dem Klingelbeutel? Und: Warum sollen wir neben der Kirchensteuer auch in der Kirche noch Geld abdrücken? Von Kollekten und der Unterstützung der Gemeinden mit Geld erzählt schon der Apostel Paulus in seinen Briefen. Früh war es üblich, dass die Leute zum Sonntagsgottesdienst Naturalien mitbrachten, die dazudienten den Pfarrer zu alimentieren. Mit Brot und Wein wurden sie zum Altar gebracht.Während erstere die Opfergaben für die Feier der Eucharistie waren, waren die anderen sozusagen die Opfergaben der Gläubigen.

Daraus hat sich später der Klingelbeutel entwickelt. Bis heute hat der Klingelbeutel eine wichtige Bedeutung: Das gesammelte Geld dient dazu, alle Kosten, die durch die Zuweisung des Bistums nicht aufgefangen werden, zu begleichen. Dazu zählen zum Beispiel: Die Heizung der Kirche, Strom und Wasser, Reinigungskosten, Ausgaben für Computer und Büro und vieles mehr. Deshalb brauchen wir trotz der Kirchensteuer den Klingelbeutel.

Vom Klingelbeutel zu unterscheiden sind die Kollekten: Das sind festgelegte Sammlungen,die nicht in der Gemeinde bleiben, sondern nach Mainz abgeführt und dort weitergeleitet werden. Die großen Kollekten kennen Sie: Adveniat, Misereor, Renovabis und Missio.Dazu kommen kleinere Kollekten, wie z.B. Max-Kolbe-Werk, Sternsinger, Afrikatag, Aufgaben der Caritas, Diaspora, Geistliche Berufe, Aufgaben des Papstes, Behinderten-Seelsorge und Gefangenen-Seelsorge. Die Kollekten sind im „Unser Kercheblättche“immer angegeben. Wenn keine Angabe darinsteht, ist die Sammlung bei der Messe der besagte Klingelbeutel der für die Gemeinde bestimmt ist; und auf den wir nicht verzichten können.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

PS: Manchmal birgt der Klingelbeutel auch spannende Sachen: Geldscheine aus aller Herren Länder. Immer wieder Erfreuliches: Z.B.: Ein 500 Euro Schein. Dann auch Altbekanntes:Hosenknöpfe. Und zuweilen Trauriges:Einen Ehering. Zumindest letzteres wäre aber eine ganz eigene Geschichte …

1517 -  2017
Natürlich geht das 500-jährige Reformations- Jubi­läum an uns Katholiken nicht einfach so vorbei. Wir feiern es zwar nicht, denn es ist für uns untrennbar mit der Spaltung der westlichen Christenheit verbunden, aber wir würdigen es. Und schauen hin auf den Mann, der das in einzigarti­ger Weise verkörpert: Martin Luther.
Martin Luther ist ganz und gar ein Mensch des Mittelalters und steht doch schon an der Schwelle der Neuzeit. Seine „reformatorische Entdeckung“ ist die für ihn ungeheuer befreiende Einsicht, dass der Mensch nicht durch Werke vor Gott gerecht werden kann, sondern allein durch Gottes Gnade. Vereinfacht könnte man sagen: Vor aller Leistung bist du, Mensch, von Gott geliebt! Das können Katholiken aus ganzem Her­zen bejahen.
Und etwas anderes verdanken wir Martin Luther: Die Reformation kam nicht aus heiterem Him­mel. Die mittelalterliche Kirche bot nämlich alles andere als ein Evangelium-gemäßes Bild. Da gab es Ämterkauf. Da gab es einen Klerus, der über keinerlei Bildung verfügte, mit Müh und Not die „Messe lesen“ konnte und sehr oft im Konku­binat lebte. Da gab es den Missbrauch des Ab­lasswesens und vieles mehr. Die Reform an „Haupt und Gliedern“ wurde oft gefordert, aber erst als Antwort auf Luther machte man auf dem Konzil von Trient ab 1545 Ernst damit.
Trotzdem ist Luther für uns kein „Kirchenleh­rer“, zu dem ihn manche machen möchten. Denn er hat das Kind leider mit dem Bade ausgeschüttet. Und das liegt an seinen Verein-seitigungen. „Sola scriptura“ – die (heilige) Schrift allein war einer seiner Kampfrufe. Und so wichtig die Wiederentdeckung der heiligen Schrift und auch Luthers geniale Übersetzung war: Die Bibel war von Anfang an ein „Buch der Kirche“. Sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern in der Gemeinschaft der Glaubenden entstanden und in ihr ausgelegt worden. Wo man die Bibel und die Kirche trennt, macht man sie zu einem Buch, aus dem jeder ales herauslesen kann. Das Verbindende und Verbindliche geht verloren.

Ähnlich ist es mit seinem Ruf: „Solus Christus“ - allein Christus. So wichtig die Konzentration auf Jesus Christus ist, so falsch ist es die Glau­bensgemeinschaft der Kirche dabei zu vergessen . Die Kirche ist nach biblischer und früh­christlicher Überzeugung der „Leib Christi“, während er das Haupt ist. Das konnte Luther kaum mehr sehen. Das ist bis heute eine der Hauptdifferenzen zwischen den Konfessionen. Auch wenn wir das Reformationsjubiläum des­halb nicht im eigentlichen Sinn feiern; vorbei können und wollen wir daran nicht gehen.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

 

In den Predigten der Fastenzeit werden wir über Luther und die Ökumene nachdenken. Die Themen der Predigten können Sie in diesem „Kercheblättche“ nachlesen.

Silvester 2016  - Heusenstamm „Drei Kreuze schlagen, dass es vorbei ist……“

„Ich hab drei Kreuze geschlagen, als es vorbei war“-

Diesen Spruch, liebe Schwestern und Brüder, kennen Sie vielleicht auch.

„Drei Kreuze schlagen“ meint ganz einfach:  Gott sei Dank, dass das oder jenes vorbei ist! Es gibt nicht wenige die genau das zu diesem vergangenen Jahr 2016 sagen: Gott sei Dank, dass es vorbei ist!  In den Zeitungen war immer wieder von dem „annus horribilis“, dem schrecklichen Jahr die Rede. Für uns in Deutschland hat es begonnen mit den Ausschreitungen in Köln. Dort wurde zuerst der Dom regelrecht beschossen, bevor es dann zu den bekannten Vorfällen kam, bis hin zu dem Anschlag vor der Gedächtniskirche in Berlin am 16. Dezember, wo der islamistische Terror endgültig Deutschland erreicht hat.

Dazwischen dann das andere, das uns bedrängt hat. Terroranschläge in Brüssel und Nizza zeigen unsere Verwundbarkeit und sollen ein Klima der Angst implementieren. Die Briten haben sich aus der EU verabschiedet. Das hat uns und die Demoskopen total überrascht. In der Türkei gibt es einen seltsamen Putsch, der nur einem nützt und dieses Land immer nationalistischer und islamistischer macht. Amerika wählt einen Präsidenten, den viele in Europa für eine Witzfigur halten und der nun die wichtigste Nation des Westens anführt. In Syrien erreicht der Bürgerkrieg mit dem Sieg der Regierungstruppen in Aleppo einen Höhe – und vielleicht Wendepunkt. Viele erschrecken über die Art und Weise, wie in den sozialen Medien Fake News verbreitet werden und Manipulation betrieben wird.

Andererseits gibt es  auch hier kein schwarz und weiß: Die Ausschreitungen von Köln haben dazu geführt in der Flüchtlingspolitik realistischer zu sein und die rosarote Brille abzunehmen.  Die Briten verlassen die EU, aber nicht Europa. Es ist nicht gesagt, dass ihr Entschluss so katastrophal enden muss, wie man es uns gerne einredet. Dass Trump in Amerika gewählt wurde hat auch damit zu tun, dass Hilary Clinton,  die bei uns fast heiliggesprochen wurde, in den USA selbst höchst unbeliebt war. Abwarten- ist hier die Parole. Dass die Bombardierung Aleppos schrecklich war, steht außer Frage. Nur seltsam, dass so selten von den Terroristen die Rede war, die ganze Stadtteile mitsamt den Zivilisten in Geiselhaft genommen haben und erst, als es nicht mehr anders ging, weggegangen sind.

Ein Blick auf unsere Kirche:  Papst Franziskus hat vor einigen Tagen seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert.  Viele verehren diesen Papst als einen Protagonisten der Barmherzigkeit und schätzen seine unkonventionelle Art. Andere vermissen herzhafte Reformen und sind irritiert, wenn er etwa den Genderwahnsinn der westlichen Staaten beim Namen nennt.  Wieder andere bemängeln viele Worte und lehramtliche Unklarheiten. Dennoch ist und bleibt ein Papst immer das Symbol der Einheit der Kirche, daran wird er letztlich gemessen.

In unserem Bistum Mainz gab es durch die Emeritierung von Kardinal Lehmann eine tiefe Zäsur. Über 30 Jahre hat Karl Lehmann dieses Bistum geleitet. Sein Nachfolger wird in große Fußstapfen treten und ich befürchte, ihm stehen auch große, schwierige und unpopuläre Maßnahmen bevor, die in der Vergangenheit auf die lange Bank geschoben wurden. Das Gebet um einen guten neuen Bischof ist auch unter dieser Perspektive sehr wichtig.

Ein Blick in die heutige Zeitung hat erschreckt und geerdet zugleich: In Frankfurt leben gerade mal noch 40 %, Christen. Bundesweit sind es immerhin noch 60%. Die Zahl, die aber vielleicht noch mehr erschrickt: Nur 50% der nominell christlichen Eltern lassen ihre Kinder taufen.

Wenn wir schon bei den Zahlen sind, dann schauen wir doch mal noch Heusenstamm.  Froh sein können wir über einen guten Besuch der heiligen Messen. 700- 800 Menschen feiern durchschnittlich die 4 Gottesdienste innerhalb der Pfarrgruppe mit. Das ist eine beachtliche Zahl, über die wir froh sein können. 39 Kinder wurden in unseren Gemeinden getauft und es gab heuer einen großen Erstkommunion-Jahrgang mit 59 Jungen und Mädchen. Die Firmung wird seit einigen Jahren jährlich gespendet:  In diesem Jahr von dem neuen Weihbischof Dr. Udo Bentz, der 31 Jugendliche mit dem heiligen Chrisam salbte.  26 Brautpaare gaben sich in unseren Gemeinden das Ja Wort, darunter auch viele auswärtige, was damit zusammenhängt, dass St. Cäcilia eine beliebte Hochzeitskirche ist. 57 Menschen wurden zu Grabe getragen und die Zahl der Austritte ist leider hoch: 34 an der Zahl. Auch wenn es deutlich weniger sind, so freue ich mich, dass vier Personen wieder oder neu in die Kirche eingetreten sind.

Hinter all diesen Zahlen verbirgt sich ein reiches und differenziertes Gemeindeleben, das entscheidend auch von dem Engagement vieler Ehrenamtlicher lebt. Ihnen gilt in dieser Stunde ein besonderes Wort des Dankes. Ein Highlight für die Pfarrgruppe war sicher die Priesterweihe und Primiz von Christian Kaschub.  Viele waren im Mainzer Dom dabei, viele bei der Abholung und Festmesse am nächsten Tag und viele bei dem fröhlichen Fest hinterher.

Den dritten Blick nach Politik und Kirche, den können nur Sie selber tun. Den Blick auf Ihr eigenes Leben. Auch der wird sehr verschieden sein. Manchem fällt wenig ein. Für andere ist dieses Jahr mit besonderen Ereignissen verbunden, die sie im Guten oder im Bösen umgetrieben haben.

Über alles wollen wir drei Kreuze schlagen. Danke, für das Gute, das wir erfahren haben.  Danke, dass wir manche Nackenschläge dennoch überstanden haben. Danke für Menschen, die uns begleiten, die uns aber auch anvertraut sind. Danke für die Hoffnung und für den Glauben, die uns Kraft gegeben haben.

Über all das schlagen wir nachher auch im wortwörtlichen Sinn drei Kreuze. Die Silvestermesse endet ja immer mit dem großen eucharistischen Segen. Die gewandelte Hostie, Christus selber, wird in die Monstranz eingesetzt und dreimal segne ich alle die hier sind. Dreimal im Zeichen des Kreuzes. Dreimal im Namen unseres Herrn. Das heißt auch: Wir legen das Vergangene in seine Hände. Was die Zukunft bringt wissen wir nicht. Aber wir gehen in sie hinein im Vertrauen auf Den, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit.     AMEN

 

Ein Selfie mit dem Jesuskind?

 

Manchmal hat man ja so Phantasien: Wie wäre es heute, wenn Jesus heute in der Krippe liegen würde und Menschen kämen vorbei, ihn zu besuchen. Und ir­gendwie kam mir die Assoziation:

 

Sie würden als erstes Mal ein Selfie mit dem Kind machen und es per WhatsApp ver­schicken.

 

Und was würden sie danach machen: Weiter gehen, auf der Suche nach etwas Neuem? Oder bleiben und näher hin­schauen?

 

Von den Menschen, die damals, vor 2000 Jahren dem Jesuskind begegnet sind, wissen wir wie sie reagiert haben. Maria und Josef sind angesichts dieses Kindes voller Sorge, aber auch Erwar­tung. Was wird aus diesem Kind wohl werden? Die Hirten staunen einfach nur über dieses Kind. Sie, die Letzten auf der sozialen Skala ihrer Zeit, sind die ersten Zeugen dessen, was die Engel verkündet haben:

 

„Euch ist heute der Heiland, der Retter geboren!"

 

Die Könige oder Sterndeuter aus dem Osten kom­men um das Kind anzubeten und ihm mit ihren Gaben zu huldigen. Und dann hat es die gegeben, die Maria und Josef abgewiesen, ihnen jede Herberge ver­weigert haben. Und die, die nun achtlos an der Krippe vorbeigehen und gar nicht spüren, dass gerade dort Gott uns nahe ist.

 

Wie feiern wir Weihnachten?

 

Herzlos, indem wir an unseren Nächsten vorbeigehen, die uns vielleicht brauchen?

 

In­haltslos, indem alles Mögliche, nur nicht das Kind in der Krippe im Mittelpunkt unseres Feierns steht?

 

Oder verbinden wir mit dem Kind in der Krippe eine Erwar­tung, wie es Maria und Josef getan ha­ben?

 

Können wir noch staunen, über das Unfassbare, dass in diesem kleinen Kind der große Gott zu uns kommt, wie es uns die Hirten vorgemacht haben?

 

Besitzen wir mit den Königen aus dem Morgenland die Größe, vor dem Jesuskind unsere Knie zu beugen und anzubeten: Denn uns ist ja der Heiland geboren?!

 

Vor dem Kind in der Krippe genügt es nicht, unverbindlich zu sein. Ein Selfie zu machen und weiter zu gehen. Ein kurzer Blick und ein Foto, das doch letztlich nur eine Inszenierung meiner selbst ist. Hier ist eine größere Inszenierung. Hier gibt sich Gott den Blicken der Menschen preis und deshalb kann ich mich an diesem Kind gar nicht „satt sehen". Paul Gerhard hat dieses Sehen vor fast 300 Jahren in einen wunderbaren Text und in ein Lied gefasst. In einer Strophe heißt es:

 

„Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesus du mein Leben.

 

Ich komm und bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.

 

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn.

 

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

 

und lass dir's wohl gefallen".

 

Das ist Weihnachten, die Begegnung mit dem Mensch-gewordenen Gott, den ich im Kind von Bethlehem anschauen darf. Diese Begegnung lässt uns staunen über Gott und macht unser Herz weit und barmherzig.

 

In diesem Sinne Ihnen allen frohe und gesegnete Weihnachten!

 

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Die Unterwerfung

So heißt ein Aufsehen erregendes Buch von Michael Houellebecq und so überschreibt Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer einen Bericht über die Reise der katholischen und evangelischen Bischöfe ins Heilige Land. Diese Reise sollte ein ökumenisches Zeichen anlässlich des kommenden Lutherjahres sein:

Katholiken und Protestanten gehen zurück zu den Wurzeln des gemeinsamen Glaubens. Dabei besuchten Kardinal Marx und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Bedford-Strohm auch den Tempelberg in Jerusalem. Ein Ort, auf dem der jüdische Tempel stand, auf dem Jesus gebetet hat, der auch ein heiliger Ort der Muslime ist, weil sie in ihm den Ort der Himmelfahrt Mohammeds verehren. Jan Fleischhauer fällt auf, dass die beiden höchsten Vertreter des Christentums bei ihrem Besuch kein Kreuz tragen, das sonst ganz selbstverständlich zu ihrem Ornat gehört. Und er erzählt die Geschichte dazu. Die muslimischen Autoritäten hatten die Bischöfe gebeten, das Symbol ihres Glaubens abzunehmen, als sie den Tempelberg betraten; und die beiden kamen dieser Aufforderung umstandslos nach. Später erklärten sie, aus „Respekt vor den Gastgebern“ gehandelt zu haben.

Als ich diese Episode gelesen habe, war ich sprachlos. Ich bin als Christ eingeladen, aber vorher soll ich das, was mich als Christ seit 2000 Jahren auszeichnet und unterscheidet ablegen, das Kreuz. Die natürlichste Reaktion wäre vermutlich:

Wenn ihr mich nicht so wollt, wie ich bin, dann kann ich auch gehen. Wo bleibt der Respekt vor dem Gast, der doch das erste Signum der Gastfreundschaft ist?

Die Demutsgeste der Bischöfe fällt in eine Zeit, in der die Christen in fast allen arabischen Ländern in höchster Bedrängnis und in manchen Ländern schon fast ausgelöscht sind. Viele von ihnen haben für ihren Glauben Opfer gebracht und Verfolgung erlitten.

Für mich persönlich, war es vor einigen Jahren beeindruckend zu sehen, dass sich die koptischen Christen in Ägypten das Kreuz auf die Handinnenfläche tätowieren lassen, um in einer mehrheitlich moslemischen Umgebung unübersehbar zu zeigen: Wir sind Christen und wir gehören zu Christus.

Was sollen sie und viele andere denken, wenn sie das Beispiel hoher christlicher Würdenträger sehen?

Ich möchte mit all diesen Worten, die persönliche Integrität und Frömmigkeit von Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm nicht in Frage stellen. Vermutlich glaubten sie – strategisch – politisch – diplomatisch – so handeln zu müssen.

Aber für mich ist hier dennoch eine rote Linie überschritten.

Wir feiern in diesen Tagen Christkönig, den Abschluss des alten Kirchenjahres, bevor mit dem Advent das neue beginnt. Die Liturgie der Kirche stellt uns den Kreuzeskönig vor Augen. Jesus unterwirft sich Kreuz und Leiden und besiegt sie zugleich.

Dem Schächer am Kreuz verheißt er:

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Ein königliches Wort und ein königliches Zeichen. Zu diesem König gehören wir und wenn wir uns unterwerfen sollten, dann nie vor Menschen, sondern nur vor Ihm. Dass uns daran gerade ein Spiegel-Autor erinnern muss, gehört zu den Sonderlichkeiten unserer Tage.     
Ihr Martin Weber,Pfarrer

So heißt ein Aufsehen erregendes Buch von Michael Houellebecq und so überschreibt Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer einen Bericht über die

Reise der katholischen und evangelischen Bischöfe ins Heilige Land. Diese Reise sollte ein ökumenisches Zeichen anlässlich des kommenden Lutherjahres sein: Katholiken und Protestanten gehen zurück zu den Wurzeln des gemeinsamen Glaubens. Dabei besuchten Kardinal Marx und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Bedford-Strohm auch den Tempelberg in Jerusalem. Ein Ort, auf dem der jüdische Tempel stand, auf dem Jesus gebetet hat, der auch ein heiliger Ort der Muslime ist, weil sie in ihm den Ort der Himmelfahrt Mohammeds verehren. Jan Fleischhauer fällt auf, dass die beiden höchsten Vertreter des Christentums bei ihrem Besuch kein Kreuz tragen, das sonst ganz selbstverständlich zu ihrem Ornat gehört. Und er erzählt die Geschichte dazu. Die muslimischen Autoritäten hatten die Bischöfe gebeten, das Symbol ihres Glaubens abzunehmen, als sie den Tempelberg betraten; und die beiden kamen dieser Aufforderung umstandslos nach. Später erklärten sie, aus „Respekt vor den Gastgebern“ gehandelt zu haben.

Als ich diese Episode gelesen habe, war ich sprachlos. Ich bin als Christ eingeladen, aber vorher soll ich das, was mich als Christ seit 2000 Jahren

auszeichnet und unterscheidet ablegen, das Kreuz. Die natürlichste Reaktion wäre vermutlich:

Wenn ihr mich nicht so wollt, wie ich bin, dann kann ich auch gehen. Wo bleibt der Respekt vor dem Gast, der doch das erste Signum der Gastfreundschaft ist?

Die Demutsgeste der Bischöfe fällt in eine Zeit, in der die Christen in fast allen arabischen Ländern in höchster Bedrängnis und in manchen Ländern schon fast ausgelöscht sind. Viele von ihnen haben für ihren Glauben Opfer gebracht und Verfolgung erlitten. Für mich persönlich, war es vor einigen Jahren beeindruckend zu sehen, dass sich die koptischen Christen in Ägypten das Kreuz auf die Handinnenfläche tätowieren lassen, um in einer mehrheitlich moslemischen Umgebung unübersehbar zu zeigen: Wir sind Christen und wir gehören zu Christus. Was sollen sie und viele andere denken, wenn sie das Beispiel hoher christlicher Würdenträger sehen?

Ich möchte mit all diesen Worten, die persönliche Integrität und Frömmigkeit von Kardinal Marx und

Landesbischof Bedford-Strohm nicht in Frage

stellen. Vermutlich glaubten sie – strategisch –

politisch – diplomatisch – so handeln zu müssen.

Aber für mich ist hier dennoch eine rote Linie

überschritten.

Wir feiern in diesen Tagen Christkönig, den Abschluss

des alten Kirchenjahres, bevor mit dem

Advent das neue beginnt. Die Liturgie der Kirche

stellt uns den Kreuzeskönig vor Augen. Jesus

unterwirft sich Kreuz und Leiden und besiegt sie

zugleich. Dem Schächer am Kreuz verheißt er:

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ein

königliches Wort und ein königliches Zeichen. Zu

diesem König gehören wir und wenn wir uns unterwerfen

sollten, dann nie vor Menschen, sondern

nur vor Ihm.

Dass uns daran gerade ein Spiegel-Autor erinnern

muss, gehört zu den Sonderlichkeiten unserer

Tage.

Rent a catholic: Wir haben ja in Heusenstamm mit St. Cäcilia eine richtige Hochzeitskirche. Da kann man schon manches erleben. Insofern hat mich eine Glosse in der FAZ Beilage „Beruf & Chance“ vom 8./9. Oktober von Ursula Kals angesprochen und vielleicht entlockt sie auch Ihnen das eine oder andere Lächeln:

Schulfreund Martin ist ein gern gesehener Hochzeitsgast. Seine katholische Kernkompetenz bringt ihm lukrative Aufträge ein. Theoretisch. Praktisch hat er sich noch nicht buchen lassen. Neulich bei einer Trauung Bekannter.

Was das Fest aller Feste überschattete: Der Auftritt der Gäste in der Kirche ließ zu wünschen übrig. Sie waren Verhaltens-unsicher, blieben stehen, als sie sich setzen sollten, kannten weder Rituale noch Lieder. Martin, als Messdiener gut katholisch sozialisiert, kennt sich aus und sang zur Erleichterung aller „Großer Gott, wir loben dich“ lautstark mit, sprach textsicher das „Vater Unser“ und sagte „Amen“, wenn es angebracht war und wurde für den leicht angesäuerten Pfarrer zum Rettungsanker in der überforderten Schar der Karaoke-Katholiken. Beim Sektempfang sprach ein Pärchen Martin an: Sie hätten für ihr Event schon die Kirche reserviert („Wahnsinnslocation“, „gibt Superbilder“), aber wie ihre 200 Gäste „mit Kirche wenig zu tun“. Ob sie ihn buchen könnten als eine Art Vorbeter, Vorsinger, halt als jemand, „der sich in der Szene auskennt“. Sonst würde es ja nichts mit der Stimmung … Am Honorar solle es nicht scheitern. „Wären 150 Euro okay?“ Martin lehnte ab, höflich, aber erschüttert, „da fällt man doch vom Glauben ab“.

Später waltet wieder sein Humor. Er entwirft ein erbauliches Berufsbild mit folgendem Anzeigentext: Rent a catholic. Halleluja statt Hossa. Sie wollen es katholisch krachen lassen? Prayback statt Playback – ich bin ihr Animateur für`s Atmosphärische, der Allerbeste für religiöse Feste. Biete: Profunde Kenntnisse kirchlicher Rituale, Vorbildfunktion, buchbar für Hochzeit, Taufe, Kommunion, Beerdigung. Portfolio erweiterbar für evangelische Interessenten. „Wetten, ich würde gebucht.“ Keiner der Freunde wollte dagegenhalten. Ich denke jener Martin - Namensgleichheiten sind rein zufällig - hat nicht ins Professionelle gewechselt, ist normaler Katholik geblieben. Aber natürlich sind sich hier, und das macht Satire aus, Wirklichkeit und Übertreibung begegnet. Das zaubert eben das Lächeln auf unser Gesicht. Aber es bringt auch zum Nachdenken. Und ich dachte mir, wie wäre es die Überschrift umzuformulieren: Need a catholic. Wir brauchen einen, viele Katholiken, die den Mund aufmachen, auch wenn drum herum tausend stumme Fische sind.

Das meint Ihr
Martin Weber, Pfarrer

„Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem was uns lieb und teuer ist“- Diesen Satz sagte Angela Merkel vor kurzem im deutschen Bundestag und ich denke, dass er ähnlich oft zitiert werden wird wie ihr „Wir schaffen das“. Zunächst einmal will dieser Satz beruhigen. Viele Menschen fühlen sich verunsichert durch die Flüchtlingskrise und den Zuzug von über einer Million Menschen aus einem fremden Kulturkreis in relativ kurzer Zeit. Das ist eine schlichte Tatsache, ob einem das gefällt oder nicht. Und es schlägt sich in Wahlergebnissen nieder.

Zum anderen lädt dieser Satz zur Debatte ein: Was ist uns lieb und teuer? Was gehört dazu, dass wir uns heimisch fühlen im eigenen Land. Angela Merkel nennt Freiheit, Sicherheit, Solidarität und Gerechtigkeit. Das sind hohe Werte, aber als Antwort scheint mir das reichlich abstrakt. Heimat ist immer konkret und gerade deshalb so schwer in Worte zu fassen. Ein bisschen ist das wie mit dem Wasser, in dem die Fische schwimmen: es ist so selbstverständlich, es ist einfach die Kultur, in der wir leben. Dazu gehört unsere Sprache, unsere Geschichte, unsere regionalen Verschiedenheiten, Berge und Meer, der Fußball, das Essen, Wein und Bier, unsere Literatur, unsere Märchen, unsere Auffassung von Fleiß und Arbeit und nicht zuletzt unsere Religion. All das und vermutlich noch viel mehr bildet eine Gemengelage, wo viele sagen: „Das ist mir lieb und teuer“. Wir können von Menschen, die zu uns kommen nicht erwarten, dass sie all das übernehmen. Das ist unmöglich. Sie bringen ihre eigene Kultur und oft ihre eigene Religion mit. Das lässt uns fragen: Wie „lieb und teuer“ ist uns unsere eigene Religion? Und da kann man ins Schwitzen geraten. Viele, die noch irgendwie dazu gehören; aber rapide sinkende Besucher der Gottesdienste und mangelndes Glaubenswissen, wohin man schaut. In intellektuellen und pseudo-intellektuellen Kreisen gehört es zum guten Ton, das Christentum für so ziemlich alles verantwortlich zu machen, was in der Geschichte schiefgelaufen ist. Unser kollektives Bewusstsein scheint immer mehr von der Überzeugung beseelt zu sein, wir müssten uns für das Christentum schämen, während wir dem Islam mit Respekt und Verständnis zu begegnen hätten. Fakt aber ist: Die Worte und die Werke Jesu inspirierten zu einer Kultur der Barmherzigkeit und Wohltätigkeit und legten den Grundstein für eine Ordnung, in der Gerechtigkeit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erst wachsen konnten. Dieser Weg war alles andere als selbstverständlich! Das wird deutlich, wenn wir hinschauen auf vorchristliche Kulturkreise oder sie vergleichen mit der Entwicklung der islamischen Zivilisation. „Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem was uns lieb und teuer ist“. Dieser Satz von Angela Merkel ist deshalb immer auch verbunden mit der Gretchenfrage: „Nun sag, wie hältst du`s mit der Religion?“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Selig, die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden" (Mt 5,7)
Liebe Gemeinde,        
unter diesem Motto stand der diesjährige Weltjugendtag, der in Krakau (Polen) stattfand. Aus 180 Ländern kamen junge Menschen um ihren Glauben gemeinsam zu feiern. Und wir waren mitten drin. Unser Pilgerweg startete am 20.07.16. Mit 3 Reisebussen voll Pilgern aus dem Bistum Mainz machten wir uns zu unserem ersten Ziel, dem Bistum Kattowitz, auf. In Gastfamilien untergebracht lernten wir das Land, die Leute und ihre Spiritualität kennen. Die Gemeinden organisierten für uns ein abwechslungsreiches Programm. Ein besonderes Highlight war ein Gottesdienst auf einem Flugplatz, den der Bischof von Kattowitz feierte mit allen Pilgern, die in seinem Bistum wohnten. Nach sechs Tagen der Begegnung machten wir uns zum eigentlichen Weltjugendtag in Krakau auf. Obwohl wir nur kurze Zeit bei unseren Gastfamilien lebten, entstanden enge und persönliche Verbindungen.

In Krakau wurden wir in einer Schule mit rund 200 Pilgern beherbergt. Die Stadt füllte sich zunehmend mit jungen Menschen aus den verschiedenen Teilen der Erde. Ihre Pilgerhüte oder ihre Fahnen verrieten, woher sie kamen.

Bei Konzerten, auf den Plätzen und bei den Gottesdiensten lernte man einander kennen. An den Vormittagen bekamen wir Besuch von deutschsprachigen Bischöfen, die passend zu unserem Motto eine Katechese hielten und anschließend Gottesdient feierten. Es hat uns besonders gefreut, unseren Weihbischof Dr. Bentz mit Fabian Krämer zu treffen. Am 28.07. durften wir unseren Papst Franziskus begrüßen. Auf der gleichen Wiese, auf der Papst Johannes Paul II. seine Gottesdienste feierte, empfingen wir ihn mit 500.000 begeisterten Pilgern. Ein Glaubensevent folgte dem nächsten. Nach dem Kreuzweg am Freitag, pilgerten wir auf eine Wiese außerhalb Krakaus. Dort feierten wir am Samstagabend das Abendgebet (Vigil).

Versuchen sie sich mal vorzustellen, sie sitzen mit ca. 2,5 Millionen Menschen unter freiem Himmel, beten gemeinsam, halten eine Kerze in der Hand, singen oder lauschen in die Stille. Vielleicht können sie sich im Ansatz vorstellen, was wir erlebten. Am Sonntag feierten wir den Abschlussgottesdienst. Zwei Wochen haben wir eine lebendige, eine junge und dynamische Kirche erleben dürfen. Es wurde spürbar und erfahrbar, dass Glaube über Kontinente und politische Grenzen verbindet. Franziskus hat uns motiviert, die Welt durch unsere Barmherzigkeit zu verändern. Die Erinnerungen an diese Tage und die Begeisterung nehmen wir mit in unseren Alltag und in die Gemeinde. Die nächste Einladung des Papstes steht auch schon wieder: 2019 in Panama! Gerne berichten wir auch live von unseren Erfahrungen aus Krakau.

Sprechen sie Kristin Uhl, Sarah Kwasniok, Nina Hüter, Pascal Czok, Kilian Wilhelm, Stephan Sassen oder mich an.

Ihre Natalie Lisson, Gemeindereferentin

Sternenkinder: Seit einigen Jahren gibt es diesen Begriff und er meint Kinder, die bereits vor der Geburt gestorben sind oder tot geboren wurden. Wikipedia nennt Sternenkinder die Kinder, „die den Himmel erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblickten.“

Egal, wie man zu diesem Begriff stehen mag: Er hat mitgeholfen ein Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, das lange Jahre schlichtweg tabu war. Wer eine Fehlgeburt hatte, ein ungeborenes Kind verlor, der hatte das mit sich selbst auszumachen. Bestenfalls „tröstete“ man mit dem Satz: Ihr könnt ja noch Kinder bekommen. Erst seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich in diesem Bereich eine Trauerkultur, die in dem Begriff der „Sternenkinder“ sozusagen ihr Erkennungszeichen gefunden hat. Man schätzt, dass es 10-15% an Fehlgeburten gibt. Und davon 80% in den ersten 12 Wochen.

Nun gibt es ja Leute die sagen: In diesem Stadium geht es ja noch gar nicht um einen Menschen, sondern allerhöchstens um einen „Zellhaufen“. Das stimmt schon naturwissenschaftlich nicht: Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist ein einmaliges Individuum entstanden, das sich nur noch ausdifferenziert und wächst. Der Mensch ist Mensch von Anfang an! Deshalb wird die Kirche auch nie ihren „Frieden“ mit dem Unrecht der Abtreibung machen. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist: Wenn sich ein Kind ankündigt, dann erobert es sehr früh seinen Platz im Leben der Mutter. Niemand ist einer Mutter so nahe wie ein ungeborenes Kind: Über die Plazenta erfolgt die Versorgung des Kindes mit lebenswichtigen Nährstoffen und Sauerstoff, aber auch Glücks- und Stress-Hormone finden so ihren Weg. Das Kind ist direkt mit den Erlebnissen und Gefühlen der Mutter verbunden. Viele Mütter empfinden das auch so; sie leben im Kontakt und Austausch mit dem noch nicht geborenen Kind. Auch Väter entwickeln diese Verbundenheit, wenn auch nicht so unmittelbar wie die Mütter. Das noch ungeborene Kind gehört „systemisch“ schon zur Familie dazu. Wenn so ein Kind stirbt, wenn auch in einer sehr frühen Schwangerschaftswoche, ist nichts mehr wie vorher. Der Verlust des Kindes tut unglaublich weh. Da ist Trauer, da sind tausend Gedanken, oft auch Selbstvorwürfe, die einem wieder und wieder durch den Kopf gehen. Und für glaubende Menschen auch die Frage: Warum, o Gott? Warum hast Du das zugelassen? Und: Gerade bei Fehlgeburten gibt es keinen Ort, wo man trauern kann. Glaubende Menschen klagen genauso wie nicht Glaubende.

Und sie empfinden genauso den Schmerz. Aber sie dürfen ihre Trauer mit Gott verbinden und hoffen, dass das „Sternenkind“ bei ihm den Himmel findet. Im Gebet einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, heißt es: „Wir legen dein Leben, mein Kind, und unseres in die Barmherzigkeit Gottes. Nichts geht verloren, kein Molekül, kein Atom, wie viel mehr bist du aufgehoben, mein Kind, wie wir. Ich will es glauben. Ach mein Kind.“        
Ihr Martin Weber, Pfarrer

Sonnenuntergang. Was war das für ein herrlicher Sonnenuntergang auf der Insel Kos. Wir saßen in der Pole Position, ein kühler Wein in Reichweite und der Sonnenuntergang hielt tatsächlich, was der Reiseführer versprochen hatte. Aber diesen Sonnenuntergang werde ich noch aus einem anderen Grund nicht vergessen. Am Nachbartisch saßen zwei Familien mit vier Kindern und jedes von ihnen hatte einen Touchscreen. Den Sonnenuntergang nahmen sie gerade mal am Rande und relativ gelangweilt zur Kenntnis, das auf dem Bildschirm schien viel interessanter … Vermutlich passen diese Kinder gut in unsere Zeit. Ein Minister aus NRW forderte vor kurzem, schon im Kindergarten mit „Digitalkunde“ anzufangen, ein Vertreter der Telekom fände es gut, wenn die „Programmiersprachen“ als Pflichtfach in den Grundschulen eingeführt werden und ihre Argumentation ist so verführerisch einleuchtend:

Wer später mal in der Arbeitswelt zurecht kommen will, der muss souverän mit der digitalen Technologie umgehen können. Warum sich dann mit Fächern wie Musik oder Religion herumschlagen? Was bringt es ein Gedicht von Walter von der Vogelweide zu interpretieren? Warum noch die Handschrift lernen, wenn man in der Zukunft eh alles in die Tastatur eingibt? Aus dieser Logik heraus hat man dann auch die Zeit zum Abitur verkürzt und ein Politiker meinte, damit sei den Kindern „ein Jahr Lebenszeit geschenkt“. In einem Artikel in der FAS wurde diese Argumentation zu Recht als „zynisch“ bezeichnet.

Das Gegenteil stimmt: Man hat den Kindern ein Jahr Kindheit gestohlen. Man muss in diesem Zusammenhang gar nicht in die fast schon apokalyptischen Befürchtungen von Manfred Spitzer über die „digitale Demenz“ einstimmen. Da reichen manchmal schon Alltagsbeobachtungen: Dass Kinder und Jugendliche quasi „automatisch“ hineinwachsen in die digitalen Kompetenzen, die wir in der Tat brauchen. Dass sie aber zugleich so davon in Bann gezogen werden, dass andere Schlüsselqualifikationen darunter leiden: Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, Lesen und Schreiben, Ausdauer und Geduld.

Digitales Lernen ist ein Bereich unter anderen - und „Bildung“ ist viel mehr. Bildung lernt auch „Nutzloses“, weil der Mensch mehr ist als ein Wesen, das Dinge bloß tut „um etwas“ zu erreichen. Bildung sind Zahlen und Formeln, Gedichte und Romane, Empirie und Reflektion, Philosophie und Religion, Musik und Bewegung …

Immanuel Kant gilt als ein Philosoph, der den Menschen ermutigte sich seines „eigenen Verstandes zu bedienen“ und als Wegbereiter der Aufklärung gilt. Doch am Anfang stand sein Staunen über „den gestirnten Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Das umschreibt bis heute das, was eigentlich „Bildung“ ist. Ganz sicher mehr als das Bedienen von Touchscreens. Bald beginnen die Sommerferien. Und hoffentlich erleben Sie da auch den einen oder anderen Sonnenuntergang. Mein Tipp: Einfach nur genießen.
Ihr Martin Weber, Pfarrer

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