„Lazarus, komm heraus!“

Liebe Schwestern und Brüder,

angedacht war heute eine Art Predigtgespräch mit Stephan Bedel und mir. Um Fragen, die Sie zum Predigtthema der diesjährigen Fastenzeit stellen konnten. Es gab allerdings nicht wirklich viele Rückmeldungen auf den gelben Zetteln. Außer zwei, die grundsätzlichen Anfragen gestellt haben. Ob das so sinnvoll gewesen sei, dieses Thema um Reformation, Luther und Ökumene? Da hätte es wenig Neues und Anregendes gegeben. Viel lieber, so die Schreiber, hätten sie sich, vor allem auch in der Fastenzeit, in den Predigten Anregungen für Ihr persönliches Glaubensleben gewünscht. Es ist schwer einzuschätzen, ob viele, die nichts geschrieben haben, einfach zufrieden sind oder ähnlich empfinden.  Aber wie es auch sei, ohne Fragen kein Predigtgespräch. Sondern eine ganz normale Predigt, in der ich noch einmal unsere Fragestellung der Fastenzeit ansprechen will und hoffentlich trotzdem auch „Futter“ für das persönliche Glaubensleben mitgebe.

500 Jahre Reformation? Was bleibt? Da werden die Antworten – je nach dem Standpunkt – sehr verschieden ausfallen. Was man sicher sagen kann: Vor 500 Jahren war der Glaube in unserem Land ausgelaugt, die Kirche oft weit von Dem entfernt, auf den sie sich doch berief. Es kam zur schmerzlichen Spaltung der Christenheit. Es kam aber auch zur innerkirchlichen Reform. Und mit Hilfe des Konzils von Trient zum einen nicht zu erwarteten Wiederaufblühen des Katholizismus. Neue Ordensgemeinschaften, Bischöfe die wirklichen Apostel und Seelsorger waren, die Ordnung der Liturgie, Sakramente und Volksfrömmigkeit und der Barock als Ausdruck eines neuen katholischen Lebensgefühls. Von all dem zehren wir noch bis heute. Jammerschade, dass es offensichtlich erst zu einer Spaltung kommen musste, bis diese Kräfte der Reform frei wurden.

Was wir aber heute spüren ist, dass wieder ein Umbruch ansteht. Die Gestalt des Katholizismus, wie er sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, ist am Vergehen. Nicht der Katholizismus vergeht, aber seine Gestalt verändert sich. Es ist, wie wenn Jesus seiner Kirche heute das zuruft, was er einst dem Lazarus zurief: „Komm heraus!“ Komm heraus aus Deiner Höhle, die schon den Modergeruch verströmt. Denn da sollten wir uns keine Illusionen machen: Vieles von dem, was wir irgendwie ganz selbstverständlich noch mit Kirche verbinden, wird sich nicht mehr halten lassen, wird sterben. Das merken wir in den Pfarreien, den Gruppierungen, den Kirchenchören, in den Familien.

„Komm heraus!“ Das bedeutet nicht, dass das, was vorher war, falsch gewesen ist. Im Gegenteil! Es ist auch kein Ruf, jetzt alles ganz anders zu machen oder dem Zeitgeist hinterher zu laufen. Aber es ist ein Ruf, sich den Realitäten zu stellen. Der Glaube muss in unsere Zeit hinein neu buchstabiert werden, das Evangelium als Botschaft für heute erwiesen werden. Das grundlegende Glaubensbekenntnis bleibt, dass Jesus der Herr ist und dass es gilt, in der Freundschaft mit Jesus zu leben. Jesus lebt und wirkt in und mit seiner Kirche, er lebt und wirkt in und mit den Sakramenten, besonders in der heiligen Messe. Er braucht jeden Einzelnen mit seiner individuellen Berufung, damit Kirche sich nie selbst genügt, sondern missionarisch, evangelisierend ist. „Komm heraus“ – das ist der Ruf Jesu an die Kirche in unserer Zeit. Und es ist eine ähnlich große Herausforderung, wie es das vor 500 Jahren wohl gewesen ist.

Wir können damit aber schon anfangen. „Komm heraus“, ruft Jesus einem jeden von uns zu. Denn obwohl wir mit dem Mund vielleicht noch bekennen, dass Er der „Weg, die Wahrheit und das Leben ist“ sind unsere Herzen oft voll von ganz anderen Dingen. Im Grunde zeigen wir Jesus oft die kalte Schulter und laufen allen möglichen anderen Personen und Sachen hinterher. Weil wir Angst haben, etwas zu verpassen. Weil wir skeptisch sind, ob Jesus uns wirklich gutes und erfüllendes Leben schenkt. Und gerade da ruft Jesus: Komm heraus", Lazarus. Komm heraus Junge, Mädchen, Erwachsener, älterer Mensch. Komm heraus, lieber Christ.“ - Komm heraus zur Anbetung, zum Gottesdienst, zur Nächstenliebe. Hören wir auf die Stimme des Herrn. Auch jetzt. In dieser Stunde. So geschieht Reform. Erneuerung. Die bei uns beginnt. Beginnen muss!  
AMEN.

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