„Bei dir ist die Quelle allen Lebens, in deinem Licht werden wir das Licht schauen“

Dieser Vers aus dem Psalm 36 ist der Konfirmationsspruch meines ältesten Sohnes. Er hat damit eigentlich sein Leben als Christ definiert, das Alpha und das Omega. Konfirmation, eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Protestanten. Ich selbst stehe hier als Katholik, der Rest meiner Familie ist evangelisch, womit wir direkt beim Thema, die konfessionsverschiedene Familie sind.

Manchmal werde ich in diesem Kontext gefragt, ob es nicht einfacher wäre, wenn ein Teil konvertiert hätte, um so konfessionelle Einheit herbeizuführen. Hierzu mag es keine allgemeingültige Antwort geben, aus meiner Sicht denke ich, dass Konfession, also Bekenntnis, ein wesentlicher Teil der eigenen Identität ist. Beziehung, Ehe, Familie leben davon, dass jeder sich mit seiner Persönlichkeit mit seiner Identität, mit dem was sein Wesen ausmacht einbringt und da ist m.E. Konfession eben ein wesentlicher Aspekt. Verschiedenheit, die eben ausdrücklich nicht Verschiedenwertigkeit bedeutet, durchaus auch bereichernd sein kann. Gerade in einer Familie insbesondere auch von den Kindern wird  Verschiedenartigkeit hinterfragt, so dass man sich immer wieder fragen muss, was ist es denn was meine Konfession ausmacht was ist mir daran so wichtig, was sind denn die zentralen Punkte, was verbindet uns, was trennt uns und vor allen Dingen warum trennt uns das.

Familie ist keine theologische Fakultät und so stellen sich die Fragen oft aus dem Alltag heraus. Ich möchte mit Ihnen einige dieser Fragen, die sich immer wieder stellen anhand einer Reise, die sich mein Sohn zu seiner Konfirmation gewünscht hatte erörtern. Ziel der Reise war Rom, ein Zielort, der um es mit den Worten meines Sohnes auszudrücken, es mit sich bringt, dass man mit dem „geballten Katholizismus“ konfrontiert wird.

Eine provokante Frage die er bei der Besichtigung von römischen Kirchen dann stellte war, dass in vielen Fällen Heilige, in Form beeindruckender Bilder scheinbar mehr im Vordergrund stünden, als der Gekreuzigte. Heilige scheinbar etwas typisch Katholisches, im Gespräch darüber wurde uns aber deutlich, dass es Menschen sind, die durch ihr Leben und Wirken in ganz besonderer Form Zeugnis von Ihrem Glauben abgelegt haben und in bestimmten Situation als Vorbild taugen können und eben zeigen, was uns als Menschen, denen das grundsätzliche Potential zur Ebenbildlichkeit Gottes geschenkt wurde, möglich ist. Das gilt bspw. sicherlich gleichermaßen für den heiligen katholischen Pater Maximilian Kolbe, wie für den protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer unabhängig von Kanonisierung und Erhebung zur Ehre der Altäre. Ein Beispiel wo scheinbar Trennendes im Glaubensalltag im Grunde sich auf sehr  viel Gemeinsamkeit in der Betrachtung zurückführen lässt. 

Natürlich haben wir den Petersdom besichtigt, und haben dabei über das aus dem Ablasshandel stammende Geld, das zum Bau des Petersdoms verwendet wurde gesprochen. Es stand hier nicht zur Debatte, dass diese Form des Ablasses noch eine Praxis der katholischen Kirche wäre, aber es lenkt zu der Frage, wie definieren wir als Christen unterschiedlicher Konfession unser Verhältnis zu Gott. Eine über lange Zeit sehr trennende Frage, die aber auch sehr ermutigend zeigt, dass, wenn auch im langen zeitlichen Rahmen, Bewegung, Veränderung möglich ist, so dass nun beide Konfessionen gemeinsam bekennen können, dass wir allein aus Gnade vor Gott bereits angenommen, d.h. gerechtfertigt sind. Der Geist Gottes ist es der uns belebt und zu guten Werken befähigt.

Der Petersdom ist sicher mehr als nur ein Gebäude, er symbolisiert auch bis zu einem gewissen Grade Kirchenstruktur und Kirchenverständnis, auf den ersten Blick scheinbar eine Formalie, die jedoch massivste Auswirkungen auf unseren konfessionellen Glaubensalltag hat. Nach katholischem Verständnis hat die Kirche sakramentalen Charakter, der Priester ist geweiht und es ist dem geweihten Priester vorbehalten im Auftrage Christi das Abendmahl zu feiern.

Wir haben auf dieser Reise auch gemeinsam einen Gottesdienst besucht. In der Realität des konfessionsverschiedenen Glaubensalltags bedeutet dies, dass es derzeit von katholischer Seite kein gemeinsames Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken geben kann.

Ein Moment in der Konfessionsverschiedenheit schmerzvoll trennend deutlich wird und eine einfache Lösung auch nicht direkt absehbar ist.   Das Abendmahlsverständnis einzelner reformierten Kirchen ist sicher unterschiedlich, vom rein symbolischen Verständnis bis hin zum Glauben an die Gegenwart Jesu Christi in den Zeichen von Brot und Wein, wie von Martin Luther im Marburger Religionsgespräch, vertreten. Die von Martin Luther geäußerte Überzeugung, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, kann ein Ausgangspunkt sein, der es vielleicht in einer katholischen Kirche, in der den Bistümern auf lokaler Ebene mehr Entscheidung übertragen wird, zu einem gemeinsamen Abendmahl mit lutherischen Christen führen kann.

Was bedeutet dies für den Glaubensalltag in der Familie. Für mich bedeutet dies, dass wir als konfessionsverschiedene Christen um das konfessionsverbindende Alpha et Omega unseres Lebens als Christen wissen, um unser Angenommensein vor Gott durch seine bedingungslose Gnade. Aber auch um Verschiedenheiten, die eben nicht als Verschiedenwertigkeit begriffen werden dürfen.  Es ist vielleicht vergleichbar mit einer Wanderung, bei der verschiedene Menschen auf verschiedenen Wegen vom gleichen Ausgangspunkt zum gleichen Zielpunkt wandern, aber eben auf unterschiedlichen Wegen. Wichtig ist, dass Weg und Wanderer zusammenpassen und das Schuhwerk, wenn es rauher wird, stabil ist. Letzteres bedeutet auch, dass dieses Schuhwerk eben aus den zueinander passenden Teilen zusammengefügt ist. Ein Sportschuh mit Absatz funktioniert nicht.

Ein anderes Bild für Konfession wäre ein Gebäude. Hier gibt es tragende Wände, die nicht einfach entfernt werden können und Wände die herausgebrochen werden können oder in die Türen und Fenster eingebaut werden können. Grundsätzlich gilt für die Kirchen ecclesia semper reformanda est, d.h. die Bereitschaft zum Erneuern zum Umbau. Dies erfordert aber die Kenntnis des Bauplans.

Dies bedeutet konkret für mich als katholischer Vater mitzuhelfen, die Kinder zu bewussten Protestanten zu erziehen, zu einem hoffentlich gefestigten protestantischen Bekenntnis, das es ihnen ermöglicht zu erkennen, was ist zentral in ihrem Glauben und ihnen so die Offenheit zur ökumenischen Begegnung mit anderen Konfessionen gibt im Geiste einer versöhnten Verschiedenheit, die Verschiedenartigkeit eben nicht als Verschiedenwertigkeit definiert.  

Am Ende der Reise haben wir auf die Konfirmationszeit zurückgeblickt. Ein Ereignis das uns besonders berührt hat, war ein ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken der 4 Lübecker Märtyrer. Ein protestantischer Pastor, drei katholische Priester, 4 scheinbar sehr unterschiedliche Männer, zölibatär lebende Priester, Familienvater, durchgeistigte Theologen, praktische Seelsorger, protestan-tisch und katholisch. Bei aller Verschiedenartigkeit konnten sie voller Klarheit in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Weg gehen, in ihrem Fall  der Weg ins KZ in den Tod, da sie unabhängig von aller Verschiedenartigkeit um das Alpha und das Omega ,den Start und Endpunkt  ihres Lebens wussten. Der Konfirmationsspruch meines Sohnes fasst dies vielleicht bei aller Konfessionsverschiedenheit zu tiefst Konfessionsverbindende zusammen, Bei Dir ist die Quelle allen Lebens in Deinem Licht werden wir das Licht schauen.

Ihr Eberhard Hildt

Anmerkung:
Prof. Dr. Eberhard Hildt wohnt mit seiner Familie seit einigen Jahren in Heusenstamm.
Er arbeitet als Wissenschaftler im Paul-Ehrlich-Institut in Langen
und ist seit dieser Legislaturperiode Mitglied im Gesamtpfarrgemeinderat unserer Pfarrgruppe.

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