Nach 500 Jahren: Die Frage nach Martin Luther

„Lügner, Ketzer, Kirchenspalter, unverschämter Mönch“. Wenig ließen die Gegner Martin Luthers aus, wenn es darum ging, ihre Abneigung gegen ihn Ausdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite waren der Reformator und seine Anhänger auch nicht zimperlich, wenn es darum ging, ihre Feinde zu verunglimpfen: „geistliche Tyrannen, Räuber und Antichrist“ waren Titel, mit denen der katholische Klerus und der Papst beschimpft wurden. Für die katholische Seite war Martin Luther damals unbestritten ein Ketzer, ein Mensch, der falsche Lehren über Gott und Jesus Christus verbreitete. Aber gilt dieses Urteil auch heute noch?

Worum ging es eigentlich damals am Ende des Mittelalters?

Im Jahr 1517 Jahren schrieb der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther an seinen zuständigen Bischof Albrecht von Brandenburg, dass er mit dem Verkauf von Ablassbriefen gegen Geld nicht einverstanden sei. An die Schoßkirche zu Wittenberg hat er die Thesen wahrscheinlich nie geschlagen.

Diese Ablassbriefe, gegen die Luther sich wandte, versprachen gegen eine Geldleistung als gutes Werk die Zeit im Fegefeuer für sich selbst oder einen anderen Menschen zu verkürzen. Martin Luther lehnte die Vorstellung eines Gnadenerkaufs durch Geld entschieden ab. Für ihn ist das Heil alleine aufgrund der Gnade Gottes, die der Gläubige glaubend annehmen muss, zu erlangen. Gott macht den Menschen gerecht ( = nimmt den Menschen an) vor jeder Leistung und trotz aller Schuld. Keinesfalls aber, so Luther, kann oder muss die Gnade (Liebe) Gottes durch Opfergaben, Geldspenden, Bußleistungen, Wallfahrten oder sonst irgendwie erarbeitet werden.

Luther traf mit seiner an dieser Stelle wohl berechtigten Kritik eine Kirche zwischen Mittelalter und Neuzeit, die nach heutigem Verständnis ein sehr trauriges Bild abgab: Korrupter hoher Klerus, ungebildeter und verwahrloster niederer Klerus, heruntergekommene Klöster, magische Glaubensvorstellungen, die mit der Botschaft Jesu beim besten Willen nicht vereinbar sind, waren damals nahezu selbstverständlich.

Eine Reform war schon lange notwendig, die Oberen der Kirche gingen aber auf Luthers Anliegen nicht ein. Diese Ablehnung verschärfte den Konflikt und führte im Laufe der Zeit zu den knapp formulierten „4 Alleine“ der Theologie Martin Luthers:

Alleine die Schrift: Alleine die Heilige Schrift ist die Offenbarung Gottes, nicht wie in der katholischen Vorstellung die Schrift und die Tradition des Lehramtes.

Alleine Christus:   Alleine Jesus Christus ist der Heilsmittler für den Menschen, der Mensch und die Kirche können nichts zur Mitteilung Gottes zufügen.

Alleine die Gnade: Alleine durch die unverdiente Gnade bekommt der Mensch das Heil geschenkt, er kann es nicht durch Verdienste erlangen.

Alleine der Glaube:Alleine die Antwort des Glaubens genügt als Antwort des Menschen auf das Liebesangebot Gottes. Gute Werke sind zum Erlangen des Heils nicht notwendig.

Dieser Streit um die Rechtfertigungsfrage („Wie kann der Mensch vor Gott bestehen?/gerechtfertigt werden?“), stellt heute allerdings kein kirchentrennendes Problem mehr dar. 1998 erklärten der Lutherische Weltbund und die katholische Kirche ungefähr: Der Glaube an die Gnade Gottes führt den Menschen zum Heil. Dieser Glaube lässt den Menschen gute Werke tun. In dieser Frage würden wir folglich die Position Luthers heute viel differenzierter betrachten und ihn kaum noch als Ketzer betrachten.

Viel schwieriger ist eine Annäherung in einer anderen Frage: Konsequent in seiner Kritik an der damals bestehenden Kirche sprach Martin Luther ihr ab, in irgendeiner Weise ein für die Menschen verbindliches Zeichen zum Heil zu sein. Für ihn ist die Kirche kein Sakrament (=verbindliches Zeichen der Nähe Gottes), sondern jeder einzelne Christ hat eine unmittelbare Beziehung zu Gott. Weder eine Kirche noch einzelne Sakramente, welche zwischen Gott und Mensch stehen, sind unbedingt notwendig.

Die katholische Kirche betrachtet die Kirche selbst als sakramental, d.h. sie selbst ist ein Zeichen der Liebe Gottes für den Menschen in der Welt. Sie soll den Menschen verbindlich die Liebe Gottes zeigen und zusprechen. Dies geschieht u.a. in den 7 Sakramenten. Durch die Priesterweihe kennt die katholische Kirche sakramental geweihte Priester, die verbindlich in bestimmten Situationen im Auftrag Christi handeln. Ordinierte Pfarrer der evangelischen Kirche werden in der Regel von der Gemeinde und der Kirchenleitung zu ihrem Dienst beauftragt und gesegnet. Sie gehören aber nicht zu einem besonderen Stand wie in der katholischen Kirche die Kleriker. An dieses Priesterverständnis ist das Verständnis der Eucharistie gekoppelt und das verhindert z.Zt. die eucharistische Tischgemeinschaft.

In dieser Frage scheint eine Einigung bis heute nicht ganz einfach möglich, da hier zwei grundsätzlich unterschiedliche Verständnisse aufeinanderstoßen, die aber viele Konsequenzen in Fragen des gelebten Glaubens haben. Katholische und evangelische Christen erleben ihre Kirche und Liturgie sehr unterschiedlich, beide Kirchen sind unterschiedlich organisiert (synodal oder hierarchisch mit Papstamt), die Gottesdienste haben unterschiedliche Schwerpunkte (Wortverkündigung oder Eucharistie). Diese Unterschiede lassen sich nicht so einfach vereinheitlichen, da sie die Glaubenspraxis der Christen in der jeweiligen Konfession unmittelbar berühren.

Vielleicht sollte an dieser Stelle eine Vereinheitlichung gar nicht das Ziel einer Ökumene sein. Es könnten vielmehr hier in Zukunft Wege der Gemeinsamkeit in Verschiedenheit gegangen werden, auch ohne dass die entstandenen Formen angeglichen werden müssen.

Viele Schritte in eine gemeinsame Richtung sind ja schon zu erleben: Häufig engagieren sich Menschen beider Konfessionen oder auch beide Kirchen gemeinsam in gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Heute gilt es, die lange Geschichte der religiösen Kämpfe zwischen den Konfessionen zu überwinden. Immer wieder waren diese Konflikte oder gar Kriege von Anfang an auch politisch motiviert und geprägt. So sahen die deutschen Fürsten in der Bewegung Martin Luthers eine Möglichkeit, ihre eigene Macht gegenüber der Zentralmacht des ungeliebten Kaisers zu vergrößern. Dieses politische Interesse prägte die Reformation enorm und machte später eine Einigung zwischen den Parteien nahezu unmöglich.

Auch wenn man aus katholischer Sicht manchen Positionen Martin Luthers kaum zustimmen möchte, so sollte man die damaligen Konflikte stets in ihren historischen Bezügen betrachten. Dann kann man heute aus katholischer Sicht Martin Luther auch achten und würde ihn kaum als Ketzer verurteilen, auch wenn wir in einigen Fragen anderer Ansicht sind. Seit einigen Jahrzehnten haben sich die Sprache und der Umgang der verschiedenen Kirchen miteinander stark geändert. „Konfessionsverbindende Ehen“. ökumenische Gottesdienste, gemeinsame Organisation und Verantwortung der Telefon- und Notfallseelsorge sind wichtige Schritte nach 4 Jahrhunderten der Abgrenzung. Diese Wege des Miteinanders weiter zu gehen und auf andere Bereiche auszuweiten, scheint im 500. Jahr nach der Thesenveröffentlichung von Martin Luther richtungsweisend für die Zukunft.

Ihr Stephan Bedel, Pastoralreferent

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