Fastenpredigten

„Lazarus, komm heraus!“

Liebe Schwestern und Brüder,

angedacht war heute eine Art Predigtgespräch mit Stephan Bedel und mir. Um Fragen, die Sie zum Predigtthema der diesjährigen Fastenzeit stellen konnten. Es gab allerdings nicht wirklich viele Rückmeldungen auf den gelben Zetteln. Außer zwei, die grundsätzlichen Anfragen gestellt haben. Ob das so sinnvoll gewesen sei, dieses Thema um Reformation, Luther und Ökumene? Da hätte es wenig Neues und Anregendes gegeben. Viel lieber, so die Schreiber, hätten sie sich, vor allem auch in der Fastenzeit, in den Predigten Anregungen für Ihr persönliches Glaubensleben gewünscht. Es ist schwer einzuschätzen, ob viele, die nichts geschrieben haben, einfach zufrieden sind oder ähnlich empfinden.  Aber wie es auch sei, ohne Fragen kein Predigtgespräch. Sondern eine ganz normale Predigt, in der ich noch einmal unsere Fragestellung der Fastenzeit ansprechen will und hoffentlich trotzdem auch „Futter“ für das persönliche Glaubensleben mitgebe.

500 Jahre Reformation? Was bleibt? Da werden die Antworten – je nach dem Standpunkt – sehr verschieden ausfallen. Was man sicher sagen kann: Vor 500 Jahren war der Glaube in unserem Land ausgelaugt, die Kirche oft weit von Dem entfernt, auf den sie sich doch berief. Es kam zur schmerzlichen Spaltung der Christenheit. Es kam aber auch zur innerkirchlichen Reform. Und mit Hilfe des Konzils von Trient zum einen nicht zu erwarteten Wiederaufblühen des Katholizismus. Neue Ordensgemeinschaften, Bischöfe die wirklichen Apostel und Seelsorger waren, die Ordnung der Liturgie, Sakramente und Volksfrömmigkeit und der Barock als Ausdruck eines neuen katholischen Lebensgefühls. Von all dem zehren wir noch bis heute. Jammerschade, dass es offensichtlich erst zu einer Spaltung kommen musste, bis diese Kräfte der Reform frei wurden.

Was wir aber heute spüren ist, dass wieder ein Umbruch ansteht. Die Gestalt des Katholizismus, wie er sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, ist am Vergehen. Nicht der Katholizismus vergeht, aber seine Gestalt verändert sich. Es ist, wie wenn Jesus seiner Kirche heute das zuruft, was er einst dem Lazarus zurief: „Komm heraus!“ Komm heraus aus Deiner Höhle, die schon den Modergeruch verströmt. Denn da sollten wir uns keine Illusionen machen: Vieles von dem, was wir irgendwie ganz selbstverständlich noch mit Kirche verbinden, wird sich nicht mehr halten lassen, wird sterben. Das merken wir in den Pfarreien, den Gruppierungen, den Kirchenchören, in den Familien.

„Komm heraus!“ Das bedeutet nicht, dass das, was vorher war, falsch gewesen ist. Im Gegenteil! Es ist auch kein Ruf, jetzt alles ganz anders zu machen oder dem Zeitgeist hinterher zu laufen. Aber es ist ein Ruf, sich den Realitäten zu stellen. Der Glaube muss in unsere Zeit hinein neu buchstabiert werden, das Evangelium als Botschaft für heute erwiesen werden. Das grundlegende Glaubensbekenntnis bleibt, dass Jesus der Herr ist und dass es gilt, in der Freundschaft mit Jesus zu leben. Jesus lebt und wirkt in und mit seiner Kirche, er lebt und wirkt in und mit den Sakramenten, besonders in der heiligen Messe. Er braucht jeden Einzelnen mit seiner individuellen Berufung, damit Kirche sich nie selbst genügt, sondern missionarisch, evangelisierend ist. „Komm heraus“ – das ist der Ruf Jesu an die Kirche in unserer Zeit. Und es ist eine ähnlich große Herausforderung, wie es das vor 500 Jahren wohl gewesen ist.

Wir können damit aber schon anfangen. „Komm heraus“, ruft Jesus einem jeden von uns zu. Denn obwohl wir mit dem Mund vielleicht noch bekennen, dass Er der „Weg, die Wahrheit und das Leben ist“ sind unsere Herzen oft voll von ganz anderen Dingen. Im Grunde zeigen wir Jesus oft die kalte Schulter und laufen allen möglichen anderen Personen und Sachen hinterher. Weil wir Angst haben, etwas zu verpassen. Weil wir skeptisch sind, ob Jesus uns wirklich gutes und erfüllendes Leben schenkt. Und gerade da ruft Jesus: Komm heraus", Lazarus. Komm heraus Junge, Mädchen, Erwachsener, älterer Mensch. Komm heraus, lieber Christ.“ - Komm heraus zur Anbetung, zum Gottesdienst, zur Nächstenliebe. Hören wir auf die Stimme des Herrn. Auch jetzt. In dieser Stunde. So geschieht Reform. Erneuerung. Die bei uns beginnt. Beginnen muss!  
AMEN.

„Bei dir ist die Quelle allen Lebens, in deinem Licht werden wir das Licht schauen“

Dieser Vers aus dem Psalm 36 ist der Konfirmationsspruch meines ältesten Sohnes. Er hat damit eigentlich sein Leben als Christ definiert, das Alpha und das Omega. Konfirmation, eines der wichtigsten Ereignisse im Leben eines Protestanten. Ich selbst stehe hier als Katholik, der Rest meiner Familie ist evangelisch, womit wir direkt beim Thema, die konfessionsverschiedene Familie sind.

Manchmal werde ich in diesem Kontext gefragt, ob es nicht einfacher wäre, wenn ein Teil konvertiert hätte, um so konfessionelle Einheit herbeizuführen. Hierzu mag es keine allgemeingültige Antwort geben, aus meiner Sicht denke ich, dass Konfession, also Bekenntnis, ein wesentlicher Teil der eigenen Identität ist. Beziehung, Ehe, Familie leben davon, dass jeder sich mit seiner Persönlichkeit mit seiner Identität, mit dem was sein Wesen ausmacht einbringt und da ist m.E. Konfession eben ein wesentlicher Aspekt. Verschiedenheit, die eben ausdrücklich nicht Verschiedenwertigkeit bedeutet, durchaus auch bereichernd sein kann. Gerade in einer Familie insbesondere auch von den Kindern wird  Verschiedenartigkeit hinterfragt, so dass man sich immer wieder fragen muss, was ist es denn was meine Konfession ausmacht was ist mir daran so wichtig, was sind denn die zentralen Punkte, was verbindet uns, was trennt uns und vor allen Dingen warum trennt uns das.

Familie ist keine theologische Fakultät und so stellen sich die Fragen oft aus dem Alltag heraus. Ich möchte mit Ihnen einige dieser Fragen, die sich immer wieder stellen anhand einer Reise, die sich mein Sohn zu seiner Konfirmation gewünscht hatte erörtern. Ziel der Reise war Rom, ein Zielort, der um es mit den Worten meines Sohnes auszudrücken, es mit sich bringt, dass man mit dem „geballten Katholizismus“ konfrontiert wird.

Eine provokante Frage die er bei der Besichtigung von römischen Kirchen dann stellte war, dass in vielen Fällen Heilige, in Form beeindruckender Bilder scheinbar mehr im Vordergrund stünden, als der Gekreuzigte. Heilige scheinbar etwas typisch Katholisches, im Gespräch darüber wurde uns aber deutlich, dass es Menschen sind, die durch ihr Leben und Wirken in ganz besonderer Form Zeugnis von Ihrem Glauben abgelegt haben und in bestimmten Situation als Vorbild taugen können und eben zeigen, was uns als Menschen, denen das grundsätzliche Potential zur Ebenbildlichkeit Gottes geschenkt wurde, möglich ist. Das gilt bspw. sicherlich gleichermaßen für den heiligen katholischen Pater Maximilian Kolbe, wie für den protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer unabhängig von Kanonisierung und Erhebung zur Ehre der Altäre. Ein Beispiel wo scheinbar Trennendes im Glaubensalltag im Grunde sich auf sehr  viel Gemeinsamkeit in der Betrachtung zurückführen lässt. 

Natürlich haben wir den Petersdom besichtigt, und haben dabei über das aus dem Ablasshandel stammende Geld, das zum Bau des Petersdoms verwendet wurde gesprochen. Es stand hier nicht zur Debatte, dass diese Form des Ablasses noch eine Praxis der katholischen Kirche wäre, aber es lenkt zu der Frage, wie definieren wir als Christen unterschiedlicher Konfession unser Verhältnis zu Gott. Eine über lange Zeit sehr trennende Frage, die aber auch sehr ermutigend zeigt, dass, wenn auch im langen zeitlichen Rahmen, Bewegung, Veränderung möglich ist, so dass nun beide Konfessionen gemeinsam bekennen können, dass wir allein aus Gnade vor Gott bereits angenommen, d.h. gerechtfertigt sind. Der Geist Gottes ist es der uns belebt und zu guten Werken befähigt.

Der Petersdom ist sicher mehr als nur ein Gebäude, er symbolisiert auch bis zu einem gewissen Grade Kirchenstruktur und Kirchenverständnis, auf den ersten Blick scheinbar eine Formalie, die jedoch massivste Auswirkungen auf unseren konfessionellen Glaubensalltag hat. Nach katholischem Verständnis hat die Kirche sakramentalen Charakter, der Priester ist geweiht und es ist dem geweihten Priester vorbehalten im Auftrage Christi das Abendmahl zu feiern.

Wir haben auf dieser Reise auch gemeinsam einen Gottesdienst besucht. In der Realität des konfessionsverschiedenen Glaubensalltags bedeutet dies, dass es derzeit von katholischer Seite kein gemeinsames Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken geben kann.

Ein Moment in der Konfessionsverschiedenheit schmerzvoll trennend deutlich wird und eine einfache Lösung auch nicht direkt absehbar ist.   Das Abendmahlsverständnis einzelner reformierten Kirchen ist sicher unterschiedlich, vom rein symbolischen Verständnis bis hin zum Glauben an die Gegenwart Jesu Christi in den Zeichen von Brot und Wein, wie von Martin Luther im Marburger Religionsgespräch, vertreten. Die von Martin Luther geäußerte Überzeugung, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, kann ein Ausgangspunkt sein, der es vielleicht in einer katholischen Kirche, in der den Bistümern auf lokaler Ebene mehr Entscheidung übertragen wird, zu einem gemeinsamen Abendmahl mit lutherischen Christen führen kann.

Was bedeutet dies für den Glaubensalltag in der Familie. Für mich bedeutet dies, dass wir als konfessionsverschiedene Christen um das konfessionsverbindende Alpha et Omega unseres Lebens als Christen wissen, um unser Angenommensein vor Gott durch seine bedingungslose Gnade. Aber auch um Verschiedenheiten, die eben nicht als Verschiedenwertigkeit begriffen werden dürfen.  Es ist vielleicht vergleichbar mit einer Wanderung, bei der verschiedene Menschen auf verschiedenen Wegen vom gleichen Ausgangspunkt zum gleichen Zielpunkt wandern, aber eben auf unterschiedlichen Wegen. Wichtig ist, dass Weg und Wanderer zusammenpassen und das Schuhwerk, wenn es rauher wird, stabil ist. Letzteres bedeutet auch, dass dieses Schuhwerk eben aus den zueinander passenden Teilen zusammengefügt ist. Ein Sportschuh mit Absatz funktioniert nicht.

Ein anderes Bild für Konfession wäre ein Gebäude. Hier gibt es tragende Wände, die nicht einfach entfernt werden können und Wände die herausgebrochen werden können oder in die Türen und Fenster eingebaut werden können. Grundsätzlich gilt für die Kirchen ecclesia semper reformanda est, d.h. die Bereitschaft zum Erneuern zum Umbau. Dies erfordert aber die Kenntnis des Bauplans.

Dies bedeutet konkret für mich als katholischer Vater mitzuhelfen, die Kinder zu bewussten Protestanten zu erziehen, zu einem hoffentlich gefestigten protestantischen Bekenntnis, das es ihnen ermöglicht zu erkennen, was ist zentral in ihrem Glauben und ihnen so die Offenheit zur ökumenischen Begegnung mit anderen Konfessionen gibt im Geiste einer versöhnten Verschiedenheit, die Verschiedenartigkeit eben nicht als Verschiedenwertigkeit definiert.  

Am Ende der Reise haben wir auf die Konfirmationszeit zurückgeblickt. Ein Ereignis das uns besonders berührt hat, war ein ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken der 4 Lübecker Märtyrer. Ein protestantischer Pastor, drei katholische Priester, 4 scheinbar sehr unterschiedliche Männer, zölibatär lebende Priester, Familienvater, durchgeistigte Theologen, praktische Seelsorger, protestan-tisch und katholisch. Bei aller Verschiedenartigkeit konnten sie voller Klarheit in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Weg gehen, in ihrem Fall  der Weg ins KZ in den Tod, da sie unabhängig von aller Verschiedenartigkeit um das Alpha und das Omega ,den Start und Endpunkt  ihres Lebens wussten. Der Konfirmationsspruch meines Sohnes fasst dies vielleicht bei aller Konfessionsverschiedenheit zu tiefst Konfessionsverbindende zusammen, Bei Dir ist die Quelle allen Lebens in Deinem Licht werden wir das Licht schauen.

Ihr Eberhard Hildt

Anmerkung:
Prof. Dr. Eberhard Hildt wohnt mit seiner Familie seit einigen Jahren in Heusenstamm.
Er arbeitet als Wissenschaftler im Paul-Ehrlich-Institut in Langen
und ist seit dieser Legislaturperiode Mitglied im Gesamtpfarrgemeinderat unserer Pfarrgruppe.

Nach 500 Jahren: Die Frage nach Martin Luther

„Lügner, Ketzer, Kirchenspalter, unverschämter Mönch“. Wenig ließen die Gegner Martin Luthers aus, wenn es darum ging, ihre Abneigung gegen ihn Ausdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite waren der Reformator und seine Anhänger auch nicht zimperlich, wenn es darum ging, ihre Feinde zu verunglimpfen: „geistliche Tyrannen, Räuber und Antichrist“ waren Titel, mit denen der katholische Klerus und der Papst beschimpft wurden. Für die katholische Seite war Martin Luther damals unbestritten ein Ketzer, ein Mensch, der falsche Lehren über Gott und Jesus Christus verbreitete. Aber gilt dieses Urteil auch heute noch?

Worum ging es eigentlich damals am Ende des Mittelalters?

Im Jahr 1517 Jahren schrieb der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther an seinen zuständigen Bischof Albrecht von Brandenburg, dass er mit dem Verkauf von Ablassbriefen gegen Geld nicht einverstanden sei. An die Schoßkirche zu Wittenberg hat er die Thesen wahrscheinlich nie geschlagen.

Diese Ablassbriefe, gegen die Luther sich wandte, versprachen gegen eine Geldleistung als gutes Werk die Zeit im Fegefeuer für sich selbst oder einen anderen Menschen zu verkürzen. Martin Luther lehnte die Vorstellung eines Gnadenerkaufs durch Geld entschieden ab. Für ihn ist das Heil alleine aufgrund der Gnade Gottes, die der Gläubige glaubend annehmen muss, zu erlangen. Gott macht den Menschen gerecht ( = nimmt den Menschen an) vor jeder Leistung und trotz aller Schuld. Keinesfalls aber, so Luther, kann oder muss die Gnade (Liebe) Gottes durch Opfergaben, Geldspenden, Bußleistungen, Wallfahrten oder sonst irgendwie erarbeitet werden.

Luther traf mit seiner an dieser Stelle wohl berechtigten Kritik eine Kirche zwischen Mittelalter und Neuzeit, die nach heutigem Verständnis ein sehr trauriges Bild abgab: Korrupter hoher Klerus, ungebildeter und verwahrloster niederer Klerus, heruntergekommene Klöster, magische Glaubensvorstellungen, die mit der Botschaft Jesu beim besten Willen nicht vereinbar sind, waren damals nahezu selbstverständlich.

Eine Reform war schon lange notwendig, die Oberen der Kirche gingen aber auf Luthers Anliegen nicht ein. Diese Ablehnung verschärfte den Konflikt und führte im Laufe der Zeit zu den knapp formulierten „4 Alleine“ der Theologie Martin Luthers:

Alleine die Schrift: Alleine die Heilige Schrift ist die Offenbarung Gottes, nicht wie in der katholischen Vorstellung die Schrift und die Tradition des Lehramtes.

Alleine Christus:   Alleine Jesus Christus ist der Heilsmittler für den Menschen, der Mensch und die Kirche können nichts zur Mitteilung Gottes zufügen.

Alleine die Gnade: Alleine durch die unverdiente Gnade bekommt der Mensch das Heil geschenkt, er kann es nicht durch Verdienste erlangen.

Alleine der Glaube:Alleine die Antwort des Glaubens genügt als Antwort des Menschen auf das Liebesangebot Gottes. Gute Werke sind zum Erlangen des Heils nicht notwendig.

Dieser Streit um die Rechtfertigungsfrage („Wie kann der Mensch vor Gott bestehen?/gerechtfertigt werden?“), stellt heute allerdings kein kirchentrennendes Problem mehr dar. 1998 erklärten der Lutherische Weltbund und die katholische Kirche ungefähr: Der Glaube an die Gnade Gottes führt den Menschen zum Heil. Dieser Glaube lässt den Menschen gute Werke tun. In dieser Frage würden wir folglich die Position Luthers heute viel differenzierter betrachten und ihn kaum noch als Ketzer betrachten.

Viel schwieriger ist eine Annäherung in einer anderen Frage: Konsequent in seiner Kritik an der damals bestehenden Kirche sprach Martin Luther ihr ab, in irgendeiner Weise ein für die Menschen verbindliches Zeichen zum Heil zu sein. Für ihn ist die Kirche kein Sakrament (=verbindliches Zeichen der Nähe Gottes), sondern jeder einzelne Christ hat eine unmittelbare Beziehung zu Gott. Weder eine Kirche noch einzelne Sakramente, welche zwischen Gott und Mensch stehen, sind unbedingt notwendig.

Die katholische Kirche betrachtet die Kirche selbst als sakramental, d.h. sie selbst ist ein Zeichen der Liebe Gottes für den Menschen in der Welt. Sie soll den Menschen verbindlich die Liebe Gottes zeigen und zusprechen. Dies geschieht u.a. in den 7 Sakramenten. Durch die Priesterweihe kennt die katholische Kirche sakramental geweihte Priester, die verbindlich in bestimmten Situationen im Auftrag Christi handeln. Ordinierte Pfarrer der evangelischen Kirche werden in der Regel von der Gemeinde und der Kirchenleitung zu ihrem Dienst beauftragt und gesegnet. Sie gehören aber nicht zu einem besonderen Stand wie in der katholischen Kirche die Kleriker. An dieses Priesterverständnis ist das Verständnis der Eucharistie gekoppelt und das verhindert z.Zt. die eucharistische Tischgemeinschaft.

In dieser Frage scheint eine Einigung bis heute nicht ganz einfach möglich, da hier zwei grundsätzlich unterschiedliche Verständnisse aufeinanderstoßen, die aber viele Konsequenzen in Fragen des gelebten Glaubens haben. Katholische und evangelische Christen erleben ihre Kirche und Liturgie sehr unterschiedlich, beide Kirchen sind unterschiedlich organisiert (synodal oder hierarchisch mit Papstamt), die Gottesdienste haben unterschiedliche Schwerpunkte (Wortverkündigung oder Eucharistie). Diese Unterschiede lassen sich nicht so einfach vereinheitlichen, da sie die Glaubenspraxis der Christen in der jeweiligen Konfession unmittelbar berühren.

Vielleicht sollte an dieser Stelle eine Vereinheitlichung gar nicht das Ziel einer Ökumene sein. Es könnten vielmehr hier in Zukunft Wege der Gemeinsamkeit in Verschiedenheit gegangen werden, auch ohne dass die entstandenen Formen angeglichen werden müssen.

Viele Schritte in eine gemeinsame Richtung sind ja schon zu erleben: Häufig engagieren sich Menschen beider Konfessionen oder auch beide Kirchen gemeinsam in gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Heute gilt es, die lange Geschichte der religiösen Kämpfe zwischen den Konfessionen zu überwinden. Immer wieder waren diese Konflikte oder gar Kriege von Anfang an auch politisch motiviert und geprägt. So sahen die deutschen Fürsten in der Bewegung Martin Luthers eine Möglichkeit, ihre eigene Macht gegenüber der Zentralmacht des ungeliebten Kaisers zu vergrößern. Dieses politische Interesse prägte die Reformation enorm und machte später eine Einigung zwischen den Parteien nahezu unmöglich.

Auch wenn man aus katholischer Sicht manchen Positionen Martin Luthers kaum zustimmen möchte, so sollte man die damaligen Konflikte stets in ihren historischen Bezügen betrachten. Dann kann man heute aus katholischer Sicht Martin Luther auch achten und würde ihn kaum als Ketzer verurteilen, auch wenn wir in einigen Fragen anderer Ansicht sind. Seit einigen Jahrzehnten haben sich die Sprache und der Umgang der verschiedenen Kirchen miteinander stark geändert. „Konfessionsverbindende Ehen“. ökumenische Gottesdienste, gemeinsame Organisation und Verantwortung der Telefon- und Notfallseelsorge sind wichtige Schritte nach 4 Jahrhunderten der Abgrenzung. Diese Wege des Miteinanders weiter zu gehen und auf andere Bereiche auszuweiten, scheint im 500. Jahr nach der Thesenveröffentlichung von Martin Luther richtungsweisend für die Zukunft.

Ihr Stephan Bedel, Pastoralreferent

Konfessionen - Nur ein Eintrag auf der Lohnsteuerkarte oder mehr?

Liebe Schwestern und Brüder,

an Luther und dem 500 jährigen Reformationsjubiläum in diesem Jahr 2017 können wir auch als Katholiken nicht achtlos vorüber gehen. Deshalb geht es in den Predigten der nächsten Sonntage genau um dieses Thema und um die Ökumene überhaupt.

Zum Einstieg habe ich mir ein Thema gewählt, das ich in der Vorankündigung der Predigtreihe so überschrieben habe: „Konfessionen“ – nur ein Eintrag auf der Lohnsteuerkarte oder mehr?

Ganz davon abgesehen, dass es heutzutage gar keine Lohnsteuerkarten mehr gibt: Da fällt es vielen Leuten auf: Moment, ich bin ja rk, römisch- katholisch oder ev, evangelisch, weil damit dann auch Kirchensteuer abgezogen wird. Da spricht man noch selbstverständlich von den Konfessionen. Oder wenn jemand in einer kirchlichen Kita oder bei der Caritas arbeiten will, dann muss er einer der christlichen Konfessionen angehören. Ein weiterer Punkt, wo das ins Gespräch kommt, ist der Religionsunterricht. Das Grundgesetz schützt ausdrücklich den konfessionellen Religionsunterricht, also katholisch oder evangelisch. Jahrzehntelang war das auch kein Problem, doch gehen Sie heute einmal nach Offenbach in Schulen, in denen christliche Kinder längst eine Minderheit sind und wo es rein aus Zahlengründen kaum noch möglich ist evangelischen und katholischen Unterricht anzubieten, sondern allerhöchstens einen gemeinsamen. Eine spannende Frage, rechtlich aber auch so, wie das sich weiter entwickelt.

In all diesen Feldern spricht man noch von den Konfessionen. Aber fragen Sie mal einen Durchschnittsbürger oder einen jungen Menschen, was das bedeutet. Da werden Sie kaum noch eine Antwort bekommen. Aber vielleicht weniger aus Ignoranz, sondern viel eher aus dem Gefühl heraus: Konfessionen trennen, Christ- sein reicht doch völlig aus. Und tatsächlich: Geschichtlich gesehen kommt der Begriff der Konfession aus der Zeit der Glaubensspaltung. Nachdem sich herauskristallisiert hat hatte, dass die evangelischen Reichsstände einen eigen Weg außerhalb der römischen Kirche gehen würden, haben sie, als eine Art Standortbestimmung, sogenannte „Konfessionen“, Bekenntnisschriften erstellt. Für die protestantische Kirche ist das sog. „Augsburger Bekenntnis“ das bekannteste und folgenreichste. Auf katholischer Seite gibt es etwas Vergleichbares nicht, zum Bekenntnis gehören hier natürlich die Glaubensbekenntnisse und das, was die Kirche durch die Jahrhunderte gelehrt hat. Nach der Reformation kam auch die Abgrenzung zu den neuen Lehren dazu.

Heute versteht man unter Konfessionen schlicht die Untergruppen innerhalb der christlichen Religion oder noch einfacher: Die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Von ihrem Selbstverständnis würden katholische oder orthodoxe Christen diesen Begriff aber kaum für sich selbst verwenden. Sie würden eher davon sprechen, dass sie zur „Kirche“ gehören.

Mir ist der Ausdruck der Konfession dennoch sympathisch. Konfession kann man wörtlich mit „Bekenntnis“ übersetzen. Interessanterweise ist das in den romanischen Sprachen durchweg der Begriff für die Beichte: Bekenntnis. Egal wie: Es gibt kein Christentum ohne Bekenntnis. In der Beichte, aber vor allem im Bekenntnis zum Glauben. Der Glaube muss sichtbar werden! Das ist mehr als das Aufsagen von Glaubensbekenntnissen. Wenn Menschen sich zu ihrem Glauben bekennen, dann ist das nie abstrakt. Dann geschieht das immer innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft und Geschichte. Man könnte auch sagen innerhalb einer bestimmten Tradition. Und da ist katholisch anders als evangelisch und orthodox erst recht anders als freikirchlich.  Ein bisschen sind Konfessionen wie Familien: alle sind verschieden, aber allen geht es um Ähnliches: in unserem Fall: um das Evangelium, um Christus, um Gott.

Ich liebe meine Konfession und dazu gehören die Messe und die Sakramente, Maria und der Rosenkranz, Weihrauch und die Heiligen, der Papst und Barock, das Weihwasser und das Knien, die Anbetung und das Allerheiligste. Wenn Sie diese Aufzählung hören merken Sie, dass sie alles andere als systematisch ist, sondern assoziativ. – Mitglieder anderer Konfessionen würden das vielleicht auf eine ähnliche Art und Weise für ihre Glaubensgemeinschaft tun.

Was mich in diesem Zusammenhang nervt ist eine bestimmte Form von Kuschelökume , die auf ihre Fahnen geschrieben hat: Unterschiede, die ja bestehen, etwa im Verständnis der Eucharistie, bloß nicht laut aussprechen, katholisch oder evangelisch oder sonst: ist doch alles egal; oder: Wenn wir nur lieb zueinander sind, wird alles wieder gut. Hier gilt für mich wie im richtigen Leben: Unterschiede muss man aushalten können und ich verwahre mich gegen einseitige Vereinnahmungen oder Umarmungen.

Insofern habe ich für mich eine Antwort auf die Frage des Anfangs gefunden:  Die Konfession ist für mich mehr als der Eintrag auf der Lohnsteuerkarte. Ich bin gern und von Herzen katholisch und möchte es auch bleiben. Ich betrachte mit Respekt und Sympathie andere „Familien“ und ihr Bekenntnisse und weiß, dass uns mehr verbindet, als trennt. Gott sei Dank ist uns das heute viel mehr bewusst als früher. Gott sei Dank sind alte Feindseligkeiten überwunden. Aber dennoch ist das Katholische mein Weg, in der Freundschaft mit Christus zu leben.   Amen

Die Beichte - das Sakrament der Barmherzigkeit

Ganz selbstverständlich spricht Papst Franziskus von der Beichte als dem Sakrament der Barmherzigkeit. Er problematisiert das auch gar nicht: für ihn und für viele Menschen in katholisch geprägten Ländern ist das (immer noch) selbstverständlich. Anders ist es in Westeuropa und bei uns in Deutschland. Da ist die Beichte zu einem „verlorenen Sakrament“ geworden – die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Und für viele ist es ein „peinliches Sakrament“. Damit verbinden sich ungute Erinnerungen, Beschämung oder eine vermeintlich kindische Glaubenspraxis.

Dabei gehört die Beichte vom Selbstverständnis der Kirche her in die Mitte. Denn die Vergebung, die Jesus gebracht hat, soll weiter erfahrbar und präsent bleiben. Und wo könnte das intensiver geschehen als bei einem Sakrament, wo einem direkt und wirkmächtig zugesagt wird. „Deine Sünden sind Dir vergeben!“

Schauen wir unter  dieser Rücksicht noch einmal auf die Themen der letzten Fastenpredigten!

Am ersten Sonntag wurde thematisiert:  Barmherzig sein mit sich selbst. Das bedeutet: Realistisch mit sich selbst umzugehen. Mit allem was in mir ist, mit meinen Stärken und Schwächen, als der, der ich wirklich bin, bin ich von Gott geliebt. Ich muss keinen Maß entsprechen, muss nicht perfekt sein, ich brauche mich nicht ungut zu überfordern. Aber ich soll ehrlich zu mir sein. Und wenn ich das bin erkenne ich, dass negative Gefühle und Empfindungen in mir sind:  Hass und Neid, zerstörerische Aggression, Unzufriedenheit und das Empfinden nie das zu bekommen, was ich doch möchte. Oft empfinde ich einen Zwiespalt in mir und traurig grüßt der, der ich sein möchte den, der ich bin.

Am zweiten Sonntag ging es um die Barmherzigkeit mit den anderen. Und natürlich bleiben gerade hier immer Defizite. Wie sollte es auch anders sein? Leben heißt immer auch schuldig zu werden. Nur wer nichts tut, macht keine Fehler, aber das kann wohl nicht die Alternative sein.  Immer, oder zumindest sehr oft, bleibe ich meinem Nächsten etwas schuldig; Ein Wort, ein Gespräch, eine Erklärung, eine Hilfe, eine Gabe……..  Letztlich bleiben wir uns immer wieder die Liebe schuldig!

Das Thema des dritten Sonntags war der barmherzige Gott. „Sein Name ist Barmherzigkeit“ sagt Papst Franziskus in seinem Schreiben zur Eröffnung des Heiligen Jahres. Gott ist barmherzig- das ist auch die Botschaft des heutigen Evangeliums,  in dem Jesus der Ehebrecherin barmherzig begegnet. Aber der barmherzige Gott ist zugleich der heilige Gott. Das ist eine Urerfahrung jeder Religion: Gott ist der Heilige! „Zieh deine Schuhe aus, denn der Boden auf dem du stehst, ist heiliger Boden“, so hört es Mose am brennenden Dornbusch. Vor diesem Gott werfen wir uns nieder, knien wir. Er ist der unendlich Erhabene.

Das Wunderbare an unserem Glauben ist nun, dass der heilige Gott zugleich der barmherzige ist. Das erfahren wir besonders intensiv in der Beichte. Wir knien vor dem heiligen Gott, kommen herab von unserem hohen Ross, demütigen uns und bekennen vor ihm unsere Sünden. Das entspricht der Heiligkeit Gottes. Zugleich erfahren wir in der Beichte den barmherzigen Gott. Zu dem wir kommen dürfen.  In dessen Arme wir uns fallen lassen können. Der uns Vergebung schenkt und neu beginnen lässt: Deine Sünden sind Dir vergeben! Mitten in unserem Alltag und unserer Alltäglichkeit dürfen wir ein Fest der Vergebung feiern.

Man könnte noch viel über die Beichte sagen. Aber vielleicht genügt das eine: Auch wenn Sie vielleicht lange nicht mehr gebeichtet haben, versuchen sie es doch einfach mal wieder. Es lohnt sich. Amen!

Martin Weber,
Pfarrer

Sein Name ist Barmherzigkeit“ – Ein unglaubliches Gottesbild 

Liebe Mitchristen,

Mitleid ist ein seelisches Laster, Barmherzigkeit ist ein Irrtum, der uns von der Wahrheit entfernt. Mitgefühl ist ein Gebrechen kleiner Geister. Zu diesem Laster neigen eher die kleinen Geister, alte und junge Weiblein lassen sich dadurch bewegen.

So schreibt es der auch heute noch beliebte römische Philosoph Seneca. Und genau so sah seine Welt in vielen Bereichen auch aus: Der Schwache, der Arme durfte mit keiner Gnade rechnen. Kinderprostitution zur Bestreitung des Lebensunterhaltes, das Töten von Kriegsgefangenen waren selbstverständlich, der Überlebenskampf der Gladiatoren und öffentliche Hinrichtungen zum Zeitvertreib des Volkes wurden als staatstragend angesehen. Mildtätigkeit gab es höchstens vor Wahlen dem eigenen Volk gegenüber oder als Mäzenatentum für die schönen Künste. -  Ein anderes Zitat:

„Barmherzigkeit walten zu lassen ist ein Wesensmerkmal Gottes. Gerade darin zeigt sich seine Allmacht.“

Wie anders klingt dieser Satz aus der Feder des bedeutenden christlichen Philosophen und Theologen Thomas von Aquin. Barmherzigkeit ist in christlicher Perspektive gerade kein Zeichen der Schwäche und der unangebrachten Weichheit dem Anderen gegenüber, sondern ein Zeichen der Stärke Gottes. Seine Allmacht ist genau diese seine Liebe, die Stärke Gottes ist seine Zuwendung zu uns Menschen, vor allem zu den schwachen Menschen. Man könnte auch sagen: „Gott ist zu uns Menschen mit aller Macht barmherzig!“ Er hat sein Herz ganz bei den Armen, bei allen, die seine Zuneigung brauchen.

Die heilige Schrift ist voll von dieser Gottesvorstellung, wir haben es ja in der Lesung gehört, wie Gott spricht: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.“ Gott ist ein mitleidender Gott, der das Leid nicht nur hört und sieht, sondern es kennenlernt und mitleidet. Da sind wir am Zentrum der Bedeutung des Wortes Mitleid. Mitleid ist nicht ein irgendwie geartetes Gefühl, Barmherzigkeit nicht eine vollkommen unbestimmte Emotion, sondern es ist das Anteilnehmen am Leid des Anderen. [Am stärksten sichtbar wird die Bereitschaft Gottes zum Mitleiden am Kreuz. Hier leidet Gott in Jesus das menschliche Leid quasi mit und durch, bis es in der Auferstehung überwunden und geheilt wird.]

Auch bei Mose genügt es Gott nicht, das Leid wahrzunehmen und zu kennen, sondern er steigt herab, um die Israeliten aus dem Land Ägypten herauszuführen in das gelobte Land. Dies tut er nicht, weil die Israeliten oder gar der Mose sich durch besondere Frömmigkeit oder Gesetzesgehorsam oder sonstige Leistungen diese Hilfe verdient hätten, sondern alleine, weil Gott eben so ist, wie er ist, nämlich barmherzig.

Jesus stellt uns diesen barmherzigen Gott immer wieder vor allem in den Gleichnissen vor Augen: 

  •  Gott ist wie der barmherzige Vater, der dem verlorenen Sohn entgegenkommt, ihn umarmt, küsst und neu als Sohn einkleidet, obwohl dieser alle Ansprüche mit dem ausbezahlten Erbteil verspielt hat. Der Vater handelt aus reiner Barmherzigkeit, nachdem der Sohn umgekehrt ist und sich wieder zu ihm auf dem Weg macht.
  •  Gott ist wie der gütige Weinbergbesitzer, der am Ende des Tages allen den einem Dinar gibt, den sie zum Leben brauchen. Er tut dies unabhängig davon, wie lange die Arbeiter an diesem Tag für ihn gearbeitet haben. Jedem, der sich in den Weinberg des Herrn begibt, wird am Ende Anteil an der Fülle bekommen, die Gott ihm aus reiner Barmherzigkeit gibt. 
  • Gott ist wie der König, der dem Knecht im Gleichnis die Schuld erlässt als dieser ihn darum bittet. Aber weil der König dem Knecht seine Schulden erlassen hat, erwartet er auch von ihm, dass dieser auch seinem Knecht wiederum gegenüber barmherzig ist.

All diese Gleichnisse beschreiben zuerst wie Gott ist, sie beschreiben nicht oder höchstens nachrangig, wie wir Menschen handeln sollen. Barmherzigkeit ist zuerst ein Merkmal Gottes. Erst danach wird die Barmherzigkeit zu einem Prinzip der Ethik oder der Moral. Nicht weil wir barmherzig sind, können wir auf die Gnade Gottes hoffen, sondern weil wir die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben, können wir barmherzig handeln. Weil wir Menschen schon immer von Gott beschenkt worden sind, können wir ohne etwas zu verlieren die anderen Menschen beschenken. Und dann kann Gottes Barmherzigkeit wie ein Schneeballsystem in unsere Welt kommen.

Und mit dem Christentum kam die Barmherzigkeit in die Welt: Sie kam breiter und grundsätzlicher in die Welt als wir es heute häufig wahrnehmen. In den Medien wird dies in der Regel kaum erwähnt, da diese sich eher auf die wirklich schlimmen Skandale und dunklen Punkte der Kirchengeschichte konzentrieren. 

  • Die Barmherzigkeit kam in die Welt, wo auf einmal auch das Leben des Feindes und des Schwächeren prinzipiell einen Wert besitzt und nicht mehr der Willkür des Stärkeren ausgeliefert ist.
  • Die Barmherzigkeit kam in die Welt, wo auf einmal nicht mehr zwischen Herrn und Sklave unterschieden wurde, sondern alle Menschen als Kinder Gottes einen Wert und eine Würde zugesprochen bekommen.
  • Die Barmherzigkeit kam in die Welt, wo vor allem Ordensleute über Jahrhunderte Spitäler, Hospize und Krankenhäuser für die Notleidenden einrichteten und sich nicht selten mit den tödlichen Krankheiten infizierten und daran verstarben. 
  • Die Barmherzigkeit kam in die Welt, wenn Christen sich zum Fürsprecher der Kinder –auch der ungeborenen- machten und machen, da diese nicht für sich selbst sprechen können.

Die Barmherzigkeit des Christentums hat die Welt seit den Tagen Senecas nachhaltig verändert, sie hat sich in Europa und in weiten Teilen der Welt zu einem echten Kulturmerkmal entwickelt.

Und heute?

Heute scheint es nahezu selbstverständlich, dass das Prinzip der Barmherzigkeit und dass das Mitleid unter dem Begriff der Menschlichkeit zum Bestand unserer Kultur gehört. Dabei ist vielen gar nicht mehr bewusst, dass der Ursprung dieser Menschlichkeit eben im christlichen Glauben liegt. Häufig wird das Christentum und Kirche gar nicht mehr mit Humanität in Verbindung gebracht, stattdessen wird diese eher als unbarmherzig gesehen. Daneben zeichnet es weite Teile unserer Bevölkerung aus, dass sozialer Ausgleich, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft auch dem Unbekannten gegenüber prinzipiell unumstritten sind. Dies sieht man in unseren Tagen bei allen praktischen Schwierigkeiten auch an der grundsätzlichen Position der meisten in der Flüchtlingsdebatte. Christliche Barmherzigkeit wirkt an vielen Stellen in unserer Welt, wo sie gar nicht mehr mit Gott in Verbindung gebracht wird. Gott ist hier die oft vergessene Quelle aus der sich unsere Humanität speist.

Auf der anderen Seite steht der Mensch, dessen barmherzigem Handeln nicht die eigene Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes vorausgeht, in der Gefahr, schnell an die Grenzen des eigenen Mitleids zu stoßen. Die Menschen haben vergessen, dass sie Vieles, eigentlich alles in ihrem Leben der unverdienten Güte eines Anderen, nämlich der Gnade Gottes, verdanken. Viele glauben, alleine durch ihre eigene Kraft und ihren eigenen schöpferischen Willen ihr Leben gestalten zu müssen. Dabei stehen sie in der Gefahr, schneller in eine Härte und Ungerechtigkeit sich selbst und den Anderen gegenüber zu verfallen. Die Unrechtssysteme des letzten Jahrhunderts mit ihren Konzentrationslagern und Gulags in Sibirien haben uns allen die Gefahr der Unmenschlichkeiten in unserer Zeit gezeigt. Dies sind die Unmenschlichkeiten, die entstehen können, wenn Menschen meinen, dass sie selbst das Maß aller Dinge sind.

Deshalb gilt wohl auch in Zukunft der Satz des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll:

„Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache.

Und mehr noch als Raum gab es für sie: Es gab Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen…“

Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, ein unglaubliches Gottesbild mit einer unglaublichen Wirkung in unserer Welt!

Stephan Bedel
Pastoralreferent und Schulseelsorger

 

Türen öffnen zum Nächsten: Sich dem Mitmenschen barmherzig zuwenden

„Was du nicht willst was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu“ - ein Sprichwort, das jeder von Ihnen schon seit Kindheits-Beinen kennt. Es soll einerseits sensibel für den Umgang mit unseren Mitmenschen machen, andererseits reguliert dieser Spruch unser Verhalten. Was konkret dahinter steckt, muss jeder für sich selbst erschließen. Überlegen sie mal: Wie wünschen sie sich, dass andere mit ihnen umgehen? 

- Mir fällt als erstes Rücksichtnahme ein. Ich wünsche mir, dass wenn es mir mal nicht so gut geht, dass meine Mitmenschen das merken und mich nicht bis zum Letzten fordern.
- Ich denke da an Kompromissbereitschaft. Nicht immer ist man der gleichen Meinung. Das muss man auch nicht, aber es ist wichtig,
  dass man in der Unterschiedlichkeit einen guten gemeinsamen Weg findet.
- Ich denke an Achtung meiner Person. Ich wünsche mir, dass ich so angenommen werde wie ich bin und nicht den Vorstellungen anderer hinterherlaufen muss. 

Umgekehrt bedeutet das natürlich auch, dass ich so mit meinen Mitmenschen umgehe. Wenn ich da meinen Erwartungen hinterher bleibe, fällt das vielleicht nicht ganz so schnell auf. Aber wenn meine Mitmenschen meinen Wünschen hinterherbleiben, spüre ich das sofort. Schon Matthäus hat es im Evangelium beschrieben, der Splitter im Auge meines Bruders ist einfacher und schneller zu sehen, als der Balken vor mir selbst. Sitzt der Splitter bei einem Menschen, der uns sehr wichtig ist, gehen wir mit ihm um. Wir tolerieren oder akzeptieren ihn. Toleranz ist in unserer Gesellschaft zu einem sehr wichtigen Begriff geworden. Es klingt auch sehr gut, wenn man von sich sagen kann, ich bin ein toleranter Mensch. Laut Duden können für das Wort Toleranz, Duldsamkeit, Entgegenkommen, Liberalität, Menschlichkeit, Nachsicht, Offenheit, Verständnis, Vorurteilsfreiheit und Humanität synonym eingesetzt werden. Jedoch ist es eher emotionslos.
Es ist wenig überraschend, dass ein Teil der synonym zu benutzenden Wörter auch Synonyme von Barmherzigkeit sind. Barmherzigkeit liegt jedoch nicht so im Trend. Ein barmherziger Mensch hat leicht den Stempel des weichen Charakters. Vielleicht auch des zu emotionalen. Es handelt sich um jemand der nachsichtig und gütig ist. Wie es im Wort selbst steckt: Jemand, der mit seinem Herzen sieht.
Jesu Wirken ist ein Beispiel für ein Leben, in dem Barmherzigkeit zum Lebensprogramm wird. Thomas von Aquin beschreibt, die Barmherzigkeit als ein Wesensmerkmal Gottes. In ihr zeige sich die Allmacht. Dabei ist das Lebensprogramm keine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Wirklichkeit. Die Kraft seiner mitleidenden Liebe drückt sich in der Heilung von Kranken, in der Speisung von Hungernden, der Befreiung von Besessenen und in der Erweckung von Toten aus. Die Bedürfnisse seines Gegenübers las Christus in ihren Herzen. Sein Leben ist ein Lehrstück der Barmherzigkeit, nichts in ihm spricht ohne Mitgefühl. Barmherzigkeit ist die Kraft, die alles besiegen kann, die die Herzen mit Liebe füllt und die tröstet durch Vergebung. So wirkte Jesus nicht nur an den Zeitzeugen, sondern an jeden von uns von uns heute und hier. 
Ohne unser Zutun haben wir die bedingungslose Liebe erhalten. Ein Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht aus dem Matthäusevangelium lehrt uns, dass wir diese Grundhaltung auch unseren Mitmenschen entgegen zu bringen haben. Der Knecht kann die Schulden, die er bei seinem Herrn hat nicht zur vereinbarten Zeit zurückzahlen. Er bittet ihn auf Knien und bekommt seine Schulden vollständig erlassen. Ein Mitknecht hat Schulden bei dem Knecht. Auch er kann diese nicht bezahlen. Es sind weniger als er bei seinem Herrn hatte. Auch der Mitknecht erbittet auf Knien Erbarmen. Doch er erfährt keine Mitgefühl und keine Barmherzigkeit. Er wird gnadenlos ins Gefängnis geworfen. Als der Herr dies erfährt ist er völlig fassungslos und fragt, wie er so reagieren konnte, wo er doch Barmherzigkeit erfahren hatte. In seiner Enttäuschung fordert er durch den Folterknecht jeden Cent zurück. 
Jesus überträgt das Gleichnis auf jeden von uns. Wir selbst haben die Barmherzigkeit Gottes erfahren dürfen. Unsere Aufgabe ist es diese auch unseren Nächsten gegenüber spürbar zu machen. Die Vergebung von Unrecht wird sichtbarer Ausdruck der barmherzigen Liebe und zum Imperativ für uns Christen. Dem Beispiel Jesu zu folgen ist ein sehr hohes und für uns unerreichbares Ideal. Die Vergebung ist ein Instrument, das wir in unsere schwachen Hände gelegt bekamen um den Frieden des Herzens zu finden. Emotionen wie Groll, Wut, Gewalt und Rache hinter uns zu lassen sind notwendige Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Jesus bittet uns zu vergeben und uns selbst hinzugeben, großzügig im Wissen darum, dass wir Gottes Wohlwollen bereits erfahren haben. Unsere Mitmenschen mit der Brille der Barmherzigkeit zu sehen bedeutet, das Gute in jeder Person wahrzunehmen und nicht zuzulassen, dass sie wegen unseres begrenzten Urteils leiden. 
Zur Hilfe lädt Papst Franziskus dazu ein, sich neu Gedanken über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zu machen. In unserem Nachdenken wird das Gewissen wachgerüttelt. Barmherzigkeit ist viel mehr als milde Almosen geben. Die Werke der Barmherzigkeit treffen genau unsere wunden Punkte. Nehmen wir zum Beispiel die Pflege von Kranken: Wer schon mal einen schwer kranken Menschen begleitet hat, weiß welche Aufopferung dies bedeutet. Gefangene besuchen: Häufig leben Inhaftierte isoliert, da die Scham ihrer Familie groß ist. Oft wird sogar verschwiegen, dass die betreffende Person im Gefängnis ist. Gleiche Herausforderungen halten die geistigen Werke der Barmherzigkeit bereit. Es ist einfach schwierig, Beleidigungen, die Verletzungen hervorgerufen haben zu verzeihen. Oder Menschen, die wir sehr anstrengend und aufdringlich und damit lästig empfingen, geduldig zu ertragen. Vielleicht finden sie an diesem Wochenende oder im Laufe der Woche etwas Zeit sich mit den einzelnen Werken der Barmherzigkeit näher zu beschäftigen. Vielleicht jeden Tag einen Aspekt, den sie als ihren Fastenvorsatz besonders leben. 
In unserem konkreten Handeln werden wir spüren, das die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit übersteigt. In der Gerechtigkeit halten wir uns an Gesetze. Selbstverständlich ist sie wichtig als grundlegendes Konzept einer Zivilgesellschaft. Gesetze sollen gerecht sein. Aber der Ruf nach Gesetzen darf uns nicht hindern aufmerksam für die Bedürfnisse der einzelnen Menschen zu werden. Papst Franziskus beschreibt die Barmherzigkeit im Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ als die Größte der Tugenden. 
Öffnen wir uns für unseren Nächsten. Sind wir mit unseren Mitmenschen barmherzig, werden sie auch mit uns barmherzig sein. Lassen sie es uns einfach mal versuchen. Schon der Kirchenlehrer Basilius der Große motiviert uns dazu mit den Worten: „Durch die Barmherzigkeit für den Nächsten bist du Gott ähnlich“. Amen.
Natalie Lisson 
Gemeindereferentin

Barmherzigkeit –
Türen öffnen zu sich: Sich selber mit den Augen der Barmherzigkeit anschauen

Liebe Mitchristen,

Nachdem Papst Franziskus zum Jahr der Barmherzigkeit aufgerufen hat, wollen auch wir in der Pfarrgruppe Heusenstamm diesen für uns doch eher befremdlichen Begriff der Barmherzigkeit an den kommenden Fastensonntagen unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten.

In seinen Verlautbarungen schreibt Papst Franziskus:
„Gottes Barmherzigkeit ist nicht eine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Wirklichkeit, durch die Er seine Liebe als die Liebe eines Vaters und einer Mutter offenbart, denen ihr Kind zutiefst am Herzen liegt. Es handelt sich wirklich um eine leidenschaftliche Liebe. Sie kommt aus dem Innersten und ist tiefgehend, natürlich, bewegt von Zärtlichkeit und Mitleid, von Nachsicht und Vergebung.“ (misericordiae vultus, 11. April 2015)

Barmherzigkeit ist in unserer heutigen Zeit ein eher unüblicher Begriff und wird nur selten in unserer Umgangssprache verwendet. Viele von uns würden stattdessen eher Mitleid sagen statt Barmherzigkeit. Ursprünglich bedeutet das Wort Barmherzigkeit: „ein Herz für die Armen haben (Wikipedia)“. Und das ist auch das, was wir am ehesten mit der Barmherzigkeit in Verbindung bringen. Nämlich, dass wir Mitleid haben sollen mit den Armen und Hilfsbedürftigen, den Schwachen und Unglücklichen und dass wir uns diesen besonders zuwenden und helfen sollen.

Im Hebräischen ist der Begriff Barmherzigkeit gleichbedeutend mit „Mutterschoß“. Ich finde, das  ist ein sehr schönes Bild, das die Juden hier geprägt haben: So wie eine Mutter ihr Kind geborgen in ihrem Mutterschoß hält, so hält und trägt uns der barmherzige Gott voll Liebe in seinen Händen. Auch das ist Barmherzigkeit.

Gottes Barmherzigkeit anzunehmen oder sich anderen Menschen gegenüber barmherzig zu zeigen ist die eine Seite. Doch wie sieht es mit der Barmherzigkeit mir selber gegenüber aus? Kann  und darf ich auch mir selber gegenüber barmherzig sein?

Wenn ich ein Herz für mich habe, quasi meine Herzenstür öffne, dann habe ich auch ein Herz für die Menschen; das Herz verbindet mich mit allem, was in mir ist und mit allem, was um mich herum ist. Dann darf ich auch ein Herz haben für all das, was in mir verletzt, unversöhnt und verkümmert ist. Ich darf ein Herz haben für meine schwachen, unglücklichen oder kranken Seiten.

Viel zu oft erlebe ich, dass sich Menschen ihre eigenen Schwächen und Fehler oft am allerwenigsten verzeihen können. Der Blick auf sich selbst ist meist verhärtet, unbarmherzig und man geht mit sich selbst hart ins Gericht, wenn etwas nicht so läuft, wie man es gerne hätte.

Im Hospiz zeigt sich dies immer wieder, wenn Sterbende ihr Leben Revue passieren lassen. Da wird vieles Vergangene rigoros verurteilt, weil man z.B. Fehler in der Erziehung gemacht hat, nicht früh genug mit dem Partner über bestimmte Dinge geredet hat oder die Prioritäten auf die Arbeit und nicht auf die Familie gesetzt wurde.

Und auch ich kenne solche Situationen, dass man trotz aller Anstrengung immer wieder die gleichen Fehler macht und dann umso mehr unzufrieden ist mit dem, was man fertigbringt (oder auch nicht fertigbringt).

Doch was spricht dagegen, gut und barmherzig mit sich selber umzugehen? Schon das AT enthält die Grundbotschaft, dass Gott gut mit uns Menschen umgeht und er möchte, dass auch wir gut mit uns und miteinander umgehen.  Um nur ein Beispiel zu nennen: Gott ruhte am siebten Tag von seiner Arbeit. Und er möchte, dass auch wir uns diese Ruhe gönnen.

Damit ist jedoch nicht gemeint der Versuchung nachzugeben, seine Wünsche und Bedürfnisse egoistisch und rigoros in den Mittelpunkt zu stellen. Sondern es geht eher darum sich zu vergegenwärtigen: Dass Gott mich annimmt und nicht auf meine Erfolge und Misserfolge schaut. Martin Buber (jüdischer Theologe) hat es sehr anschaulich formuliert:        

Wenn ich begreife, dass Gott in mir ist, dass er mich bedingungslos liebt, dann werde ich fähig sein zu lieben – und darf auch mich selber lieben. Und diese Selbstliebe hat nichts mit Narzissmus zu tun.

Sich der Barmherzigkeit Gottes bewusst zu sein ist die eine Seite, die Barmherzigkeit Gottes auch wirklich anzunehmen, ist die andere Seite. Manchmal fällt es schwer zu begreifen, dass Gott mit mir barmherziger ist, als ich mir selbst gegenüber barmherzig bin.

Ich darf Gottes Barmherzigkeit mit Blick auf meine eigenen Bruchstellen in Anspruch nehmen. Ich darf Gott genau da hineinkommen lassen, wo ich mir selber am wenigsten vergeben kann. In Gottes Barmherzigkeit ist Raum, in dem Vergebung möglich ist.

Jesus sagt uns: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lukas 6,36 Unser Leben soll Gott widerspiegeln, in uns soll Gottes Wesen sichtbar werden.

Bei Matthäus (Mt 6,13) heißt es „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!“ – Das bedeutet auch, dass ich mich selber nicht zum Opfer machen darf. Ich erlebe oft,  gerade in den sozialen Beruf, egal ob Haupt-oder Ehrenamtliche, dass viele Menschen zwar sehr barmherzig sind für Kranke und Einsame, und die sich aufopfern für andere, die aber auch ganz und gar unbarmherzig mit sich selber umgehen. - ganz besonders nehme ich dies aktuell im Bereich der Flüchtlingshilfe wahr. Alle Notleidenden, Kranken und Hilfsbedürftige haben einen Platz in ihrem Herzen, doch für sich selber finden sie keinen Platz in ihrem Herz- die eigne Herzenstür ist fest verschlossen.  Selbstaufopferung hat wenig mit Barmherzigkeit zu tun, sondern führt ganz schnell zur Überforderung und schlimmstenfalls zum Burn-out.

Wir haben heute im Evangelium gehört, wie Jesus in die Wüste ging. Die Wüste ist der Ort, wo der Mensch vielen äußerlichen und innerlichen Gefahren ausgesetzt. 40 Tage tiefe Gottesbegegnung und Ringen mit Gott und mit sich selbst. Und gerade hier wird Jesus mit drei Versuchungen konfrontiert: mit der Verführung nach Macht, Ansehen und Reichtum... Und genau in den Versuchungen Jesu wird ein Gott sichtbar, der mit uns und neben uns ist: "in allem wie wir", ein Gott eben, der nicht seine Überlegenheit ausspielt, um alle unter seine Macht zu zwingen.

In der Fastenzeit lassen sich viele Menschen auf sogenannte Wüstenzeiten ein, wo sie sich Zeit gönnen, um sich auf Gott einzulassen, um still zu werden und in sich hineinhören Das verlangt Mut, Bereitschaft, Durchhaltevermögen und ich muss damit rechnen, dass auch ich versucht werde. Versucher bzw. Versuchungen können meine eigenen Gedanken, Wünsche und Vorstellungen, aber auch andere Menschen sein.

Und auch wenn wir uns so mancher Versuchung erliegen – auch hier dürfen wir der Barmherzigkeit Gottes gewiss sein. Vorausgesetzt, wir sind uns dieser Versuchung bewusst und können sie als unsere Schattenseiten annehmen.

Vielleicht können diese vierzig Tage auch für uns ein Anreiz sein, sich seiner eigenen Schattenseite bewusst zu werde,  diese liebevoll anzuschauen und mit mehr Barmherzigkeit in das eigene Leben zu integrieren.

So wünsche ich uns allen  auf dem Weg zu Ostern hin, dass wir immer mehr lernen barmherzig zu sein, damit wir im Frieden miteinander, mit Gott und mit uns selber sein können.

Ihre Michaele Althapp
Gemeindereferentin und Hospiz-Seelsorgerin

Hinzugezogene Literatur:
·        Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 200 „Misericordiae vultus“
·        Papst Franziskus: „Vertraut auf Gottes Liebe, Worte der Barmherzigkeit;
·        Anselm Grün: „Gut mit sich umgehen“
·        Wunibald Müller: „Gönne dich dir selbst“

 

 

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