„Die alte Leier“ oder das neue Lied?!

„Immer die alte Leier“- antworten wir zuweilen genervt, wenn jemand dauernd dieselbe Platte auflegt, sich dauernd wiederholt.

„Immer diese alte Leier“- fast kann man die Uhr danach stellen. Das kann dann heißen:

  • Es wird alles schlechter, schwieriger- manchmal ausgesprochen, viel öfters gedacht.
  • Beliebt sind auch Verallgemeinerungen: Es ist doch immer dasselbe, da ändert sich nie was
  • Oder die Verweigerung Neues zu hören, indem man zum hundertsten Mal eine Story aus dem eigenen Leben herauskramt- und dem anderen endgültig die Lust nimmt weiter zu erzählen.
  • Gerne genommen werden auch Stoßseufzer: Wenn ich noch mal jung wäre…; wenn der oder die mir nicht böse mitgespielt hätten……
  • Und immer wieder beliebt: Floskeln und Redewendungen, die bei passender oder unpassender Gelegenheit in Stellung gebracht werden.

Nun ist mir schon klar, dass für viele Menschen der christliche Glaube auch zu dieser „alten Leier“ gehört. In die Jahre gekommen. Früher mal interessant. Aber heute: Im Zeitalter der Digitalisierung und Biotechnologie? Erst recht gilt das für den Gottesdienst. Langweilig. Immer das Gleiche sind Qualifizierungen, die oft zu hören sind. Nicht nur aus dem Mund junger Menschen. Ob die Gruppe „Unheilig“ das im Blick hat, als sie sang: „Immerzu die alte Weise, lauschen ihm nur noch die Greise…“?

Nun feiern wir heute ein Fest, das mit der beschriebenen alten Leier so gar nichts zu tun hat.  Immerzu werden wir in dieser Nacht/ an diesem Tag aufgefordert, das neue Lied zu singen und nach den langen Wochen der Fastenzeit ertönt endlich wieder der frohe Hallelujaruf in allen möglichen Variationen. Das „ neue Lied“ ist allerdings viel mehr als ein Gesang. Es ist die Antwort auf das umstürzend Neue, das Gott uns in der Auferweckung seines Sohnes schenkt.

Die „alte Leier“ singen noch die Frauen, von denen wir im Evangelium gehört haben und die zum Grab kommen. So liebevoll das gemeint war. Sie kommen um den Leichnam zu salben. Wenigstens noch etwas tun. Aber es bleibt Toten- Leichendienst.

Diese „alte Leier“ wird bis heute gesungen: Ohne Hoffnung, aber doch freundliche Worte: Wir werden sie oder ihn nie vergessen Oder: Ruhe sanft“. Oder: „Sie lebt fort in den Kindern. Oder esoterisch verbrämt: Die Seele wandert in eine andere Hülle. Das „neue Lied“ klingt anders: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden“. Das neue Lied spricht von der Macht Gottes über den Tod und davon, dass wir alle in dieses Leben hineingenommen werden. So wie wir sind, mit unserer Geschichte, mit dem, was zu uns gehört, mit unserer Einzigartigkeit.-Die Frauen am Grab lassen sich überzeugen und singen fortan dieses neue Lied. Die Jünger brauchen etwas länger, bevor auch sie einstimmen. Und bis heute ist dieses Lied nicht verstummt. Bis hinein in unsere Osterfeier. Wir alle sind berufen es zu singen. Wir alle sollen und dürfen Zeugen der Auferstehung sein!

Liebe Schwestern und Brüder,

dass wir als Christen dieses neue Lied der Auferstehung singen- und nicht die ewig gleiche Leier  daher machen, ist wichtiger denn je!

  • Als Menschen brauchen wir es. Wir sind sterblich und jeder macht sich Gedanken. Wie ist es nach dem Tod? Wie ist es mit dem Kind das gestorben ist, dem mitten aus dem Leben gerissenen Menschen: Haben die bloß Pech gehabt- und es gibt für dich und mich Hoffnung? Hoffnung über dieses irdische Leben hinaus! Hoffnung aus dem Ostersieg Christi!
  • Ostern macht den großen Unterschied: Es ist wie ein Plus oder ein Minus vor einer mathematischen Klammer. Für mich ist Ostern das Plus vor der Klammer unseres Lebens, das alles verändert!
  • Als Gesellschaft brauchen wir diesen Glauben. Wir brauchen Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus für das Leben einsetzen. Auch für das kranke, behinderte, alte, auch für das ungeborene Leben. Ich kann nicht das „neue Lied“ singen, wenn ich nicht auch dazu bereit bin. Christen sind von Ostern her Botschafter für das Leben!

Als in dieser Woche Notre Dame in Paris gebrannt hat, twitterte jemand: „Wenn die Kirche im Herzen der Stadt brennt, spürt man, was verloren geht, wenn das Christentum aus dem Herzen Europas schwindet“.          Ich denke, das trifft ins Schwarze. Christen waren und sind keine „Himmelskomiker“, wie man uns manchmal nachgerufen hat. Sondern Menschen, die sich aus ihrem österlichen Glauben leidenschaftlich und liebend in diese Welt hineingegeben und sie so geprägt und verwandelt haben. Die aber zugleich wissen: Diese Welt ist nicht alles, es gibt eine größere Hoffnung.

  • Und an dritter Stelle gilt es in der Kirche dieses „neue Lied“ zu singen! Nur weil Christus auferstanden ist, gibt es unseren Glauben. Paulus sagt das immer und immer wieder: Ohne Ostern wäre euer ganzer Glaube sinnlos, ja sogar bemitleidenswert. Kirche ist Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstanden Herrn. Er ist der alleinige Grund, dass die Kirche immer jung ist. Weil Er Alpha und Omega von allem, Anfang und Ende ist. In der Taufe haben wir Anteil an ihm. Nicht umsonst ist die Osterzeit eine besondere Zeit der Taufe und der Tauferneuerung!

Unsere Kirche steht, in unserem Bistum, in unserem Land vor großen Veränderungen. Und das in einer Situation wo so vieles krisenhaft ist. Manche verbinden mit diesen Veränderungen vor allem Strukturänderungen, Erleichterungen: Abschaffung des Zölibats, Mitbestimmung, demokratische Verfahren, Frauenpriestertum und ähnliches. Manches davon muss angegangen werden, manches klingt für mich aber ehrlich gesagt wie eine „alte Leier“. Ich denke die Veränderungen müssen tiefer ansetzen. Kirche muss missionarischer werden, mehr nach draußen gehen, das Glaubensleben und Gott wieder ernster nehmen. Und einladender: Dass andere spüren. Da wird nicht nur die alte Leier abgezogen, da singt man das „neue Lied“ des lebendigen Gottes und da ist eine Gemeinschaft, die wirklich diesen Namen verdient. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns das nur in der Kraft des österlichen Glaubens gelingen kann.

Lasst uns diesen Glauben feiern: jetzt- und in unserem ganzen Leben. Damit das neue, österliche Lied hell erklingt!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Leises Einspielen einer österlichen Weise/ Gotteslob: 329,5: „Nun singt dem Herrn das neue Lied/ in aller Welt ist Freud und Fried/ Es freu sich, was sich freuen kann/ denn Wunder hat der Herr getan.

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