Babel oder Pfingsten 2019

Vor kurzem erhielt Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der Harvard University. Sie appellierte in ihrer Ansprache an das Ethos der jungen Wissenschaftler: Wahrhaftig zu sein und nach Wahrheit zu streben. Eigentlich ist diese Forderung selbstverständlich- und doch ist es das nicht mehr in einer Zeit, in der „Fake News“ oder sog. „alternative Fakten“ in aller Munde sind.

Was ist zum Beispiel die Wahrheit über den Klimawandel? Manche scheinen die ganz genau zu kennen: Wenn nicht in 10 Jahren die Wende geschafft ist, geht die Welt einer Katastrophe entgegen. Andere Wissenschaftler wehren sich gegen solche Szenarios und erinnern daran, dass wir für eine solche Voraussage viel zu wenig empirisches Material haben. Erst recht wird es diffizil, wenn es um konkrete Maßnahmen geht. Dem einen kann es nicht schnell genug gehen mit dem Kohleausstieg und am besten auch dem Ausstieg aus der individuellen Mobilität. Die anderen warnen und fordern, Klimaziele und Wirtschaft zusammen zu denken. Was da letztlich "Wahrheit" ist, wissen weder Rezo noch Philipp Amthor. Wichtiger als unumstößliche Wahrheiten zu formulieren, scheint es mir in solchen Fragen zumindest wahrhaftig zu sein: Die verschiedenen Facetten des Problems anschauen, nicht vorschnell zu urteilen. Gesprächsbereit zu sein und dem jeweils anderen und seiner Meinung zumindest eine Chance zu geben, sie vorzutragen. Ich muss allerdings zuge­ben, dass ich merke, wie diese Sätze mir schon beim Niederschreiben wie „fromme Wünsche“ klingen. Überall graben sich Leute in ihren Schützengräben ein, parodieren andere Meinungen und geben sie der Lächerlichkeit preis. Digitale Influenz nehmen Einfluss, sind aber nicht bereit über die Verantwortung, die sie damit haben auch nur nachzudenken. Da rufen sie gleich „Zen­sur“ und „Regulierung“. Es wird moralisiert und polarisiert auf Teufel komm raus. „Wahrheiten“ gibt es zuhauf; nur hat jeder seine. Jeder lebt in seiner Welt.

Christen feiern in diesen Tagen Pfingsten. Das bedeutet: Gott sendet seinen heiligen Geist. Der überwindet Grenzen: Sprachgrenzen; Nationalitätskennzeichen; soziale Grenzen. Dieser Geist ermöglicht Verstehen und Verständigung. Jesus spricht davon, dass der Geist Gottes in die Wahrheit führt. Dass er stärkt und beisteht. So ist Pfingsten die Lügenerzählung zu der babylonischen Sprachverwirrung Wir brauchen solche positive Erzählungen notwendiger denn je. Vor allem brauchen wir die reale Kraft des Geistes Gottes. Damit Gemein­sinn, Wahrheitsliebe und echtes Verstehen nicht den Bach runtergehen. Damit jeder und jede immer wieder einmal „seine“ Welt verlässt und in die anderen Welten schaut und möglicherweise überrascht feststellt: Da gibt es auch Gutes, Bedenkenswertes, Geistreiches. Die Wahrheit ist immer größer als unsere Meinungen. Wir können uns ihr immer nur annähern. Oder wie es in der Pfingstse­quenz des heiligen Rabanus Maurus heißt:

Dich sendet Gottes Allmacht aus/

im Feuer und im Sturmes Braus/

Du öffnest uns den stummen Mund/

 und machst der Welt die Wahrheit kund“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

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