Stille 2019

Auf der indonesischen Insel Bali gibt es einmal im Jahr das Nyepi Fest, der höchste hinduistische Feiertag. An diesem Tag steht in Bali das Leben im wahrsten Sinn des Wortes still. Der Flughafen bleibt geschlossen, die Fernseh- und Radiostationen verstummen und das Internet wird abgeschaltet. Die Gläubigen sind gehalten, an diesem Tag nicht zu arbeiten, das Haus nicht zu verlassen und vor allem nicht zu reden, still zu sein. Dieser Tag soll der Besinnung und der Reinigung des Inneren dienen.

Ich finde das faszinierend und merke: Bei aller Verschiedenheit der Religionen, gibt es viele Ähnlichkeiten. Denn das gehört auch in unsere Religion hinein: Die Stille. Alle großen Propheten und auch Jesus gehen in die Stille, um Gott zu begegnen. Sie wissen: Gott wohnt in einer großen Stille, transzendent. Aber er ist auch immanent, wie es die Mystiker betonen. Gott wohnt in einem jeden von uns mit seiner stillen Gegen-wart.

Wenn ich dies schreibe merke ich, wie sehr das „aus der Zeit fällt“. Kaum etwas fürchtet der modere Mensch so sehr wie Stille. Sie wirkt be¬drängend, angsteinflößend, macht unruhig, ja panisch. Man könnte etwas verpassen. Die größte Angst des modernen Menschen! Und wenn ich vom „modernen Menschen“ spreche, meine ich immer auch mich. Aber so modern ist das alles gar nicht. Der Philosoph und Mathematiker Pascal schrieb schon im 17. Jahrhundert, dass „alles Unglück der Menschen davon kommt, dass sie nicht verstehen, sich ruhig in einer Stube zu halten“. Nur die Möglichkeiten „aus der Stube“ zu fliehen sind heute ungleich größer als zu den Zeiten Pascals.

Wie kann es uns gelingen in die Stille zu gehen? Nicht, indem wir lediglich Orte aufsuchen, an denen Stille herrscht. Wir nehmen unsere Ruhe oder Unruhe ja überall mit hin. Sondern indem wir schon jetzt, im Lärm dieser Zeit Stille, einüben. Versuchen, bei uns und dem Augenblick zu bleiben. Das aussperren, was uns daran hindert. Und den Moment genießen. Es geht nicht um Neues und Mehr. Es geht um das, was da ist: Ich, die Welt um mich herum, Gott.

Von alldem spricht der norwegische Abenteurer Erling Kagge. Als erster Mensch in der Geschichte hat er die drei Pole erreicht: den Süd- und Nordpol und den Mount Everest. In einem faszinierenden Büchlein spricht er davon, dass das größte Abenteuer unserer Zeit aber die Wiederentdeckung der Stille sei. Und er ermutigt: „Ich selbst musste weit gehen, um zu erkennen, dass wir die Stille überall finden können. Man muss nur subtrahieren. Du kannst deinen eigenen Südpol finden“.

Ich denke, das ist eine gute Anregung auch für diese Fastenzeit. Der Stille immer wieder Raum geben: in uns, in unseren Gottesdiensten, im Alltag.

Das meint
Ihr Pfarrer Martin Weber

Gedanken dazu in der Andacht der Stille am 17.03.2019

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