Heilige Familie 2018

„Der Junge muss an die frische Luft“- von „normalen“ und „heiligen“ Familien

„Der Junge muss an die frische Luft!“-

Das, liebe Schwestern und Brüder, 
ist der Titel eines Filmes über die Kindheit von Hans Peter, Hape, Kerkeling. Er basiert auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman. Ein toller Film, bei dem man lachen und weinen kann – durchaus in dieser Reihenfolge. Gleichzeitig ein Déjà-vu  für alle, die in den Sechzigern  geboren und den Siebzigern aufgewachsen sind.

Erzählt wird von der Familie Kerkeling.  Vater und Mutter, dem Bruder und eben Hans Peter. Aber auch von den Großeltern beiderseits, den Tanten und Onkeln, den Cousinen und Cousins. Vom Ruhrgebiet, von Recklinghausen, von der Straße, von dem Lebensmittelgeschäft  Von den Familienfeiern, der Erstkommunion, vom Karneval, an dem der ganze Familienclan zur Höchstform aufläuft. Und erzählt wird von Weisheiten, die in der Familie tradiert werden:  Der Opa, der aus Russland heim-gelaufen ist und wie ein Mantra wiederholt: „Niemals aufgeben“!  Oder die Oma, die ihrem Hans Peter mitgibt: Wenn Du von etwas überzeugt  bist, dann tue es, egal was die Leute sagen!  Und da gibt es eine ganze Menge unglaublich witziger Szenen.

Der Höhepunkt ist aber unglaublich traurig.  Die Mutter von Hans Peter ist seit geraumer Zeit schwer depressiv. Fast von heute auf morgen. Alle Aufmunterungen des Sohnes, verzweifelte Versuche eines 10 jährigen Kindes seine Welt wieder in Ordnung zu bringen, scheitern. Auch die Aufforderungen der Erwachsenen sich doch „endlich am Riemen zu reißen.“  Und dann kommt jener Abend, an dem die Mutter ihrem Sohn , der allein zu Hause ist, erlaubt  so lange Fernsehen zu schauen, wie er mag. Ohne ein weiteres Wort, ohne sich noch einmal umzudrehen, geht sie zu Bett. Nach dem Sendeschluss legt sich dann auch Hans Peter zu seiner Mutter ins Bett. Aber die schläft nicht, sie stirbt. Und als der Junge am nächsten Morgen von ihrem Röcheln erwacht und den Opa alarmiert, ist es zu spät.-  Diese Szene zerreißt einem fast das Herz. Und man kann nur ansatzweise erahnen, was das für einen kleinen Jungen bedeutet.

Die Familie, vor allem seine Oma und sein Opa, beide deutlich über 80 Jahre, sind für ihn da und ermöglichen ihm das, was man so leicht daher sagt und was doch so schwer ist: Das Leben muss halt weiter gehen…..

In der Schlussszene des Filmes sieht man alle noch einmal versammelt: Die große Schar derer, die zur Familie gehören -  zu der übrigens auch eine sehr sympathisch gezeichnete Tante, die Ordensschwester ist, gehört – und die alle den kleinen Hans Peter zu dem gemacht haben, was er dann geworden ist: Der Erwachsene Hape Kerkeling, dem das letzte Bild gehört.

Heute, liebe Schwestern und Brüder, feiern wir ein Fest der Familie. Genauer gesagt der Heiligen Familie. Manches aus den Schrifttexten erkenne ich in der Familie Kerkeling wieder. In jeder Familie.

Da ist zunächst der Brief des Paulus an die Kolosser.  Die Haltungen, die Paulus nennt sind essentiell für das Zusammenleben  in einer Familie. Geduld, Demut, Güte. Die Bereitschaft Frieden miteinander zu halten.  Die Macken und Launen der anderen zu ertragen. Und die Bereitschaft sich immer wieder zu vergeben. Denn wenn man so eng zusammenlebt, gibt es einfach immer wieder Konflikte. Ich denke, in diesem Sinn hat Hape Kerkeling eine gute Kindheit gehabt. Da war Zusammenhalt. Da war Humor, der geholfen hat eigene und fremde Unvollkommenheit zu ertragen. Da war in der Stunde der Not ein füreinander einstehen. Und da war auch eine selbstverständliche Religiosität, die dem Alltag Glanz und Trost gegeben hat. Im Grunde ist dieser Film ein Loblied auf die Familie. Mit allen Unvollkommenheiten die sie hat, ist sie dennoch unersetzlich. Sie vermittelt den Menschen Heimat und heilt so manche Wunden.

Leider nicht immer. Ich weiß, dass es „unheilige“ Familien gibt:  Wo Drogen, Alkohol, Missbrauch an der Tagesordnung sind. Wo Lieblosigkeit und Gewalt dominieren. So schrecklich diese Beispiele sind, so sehr schimmert aber sogar in ihnen die Sehnsucht durch, dass Menschen in heilen, heiligen Familien leben und aufwachsen dürfen. So wie Jesus die Geborgenheit seiner Familie erfahren durfte, zu der auch bestimmt noch viele andere Menschen neben Maria und Josef gehört haben.

Spannend ist das Evangelium des Festtages. Da  wird ein Konflikt geschildert. Ein Konflikt den unzählige Familien kennen. Die heranwachsenden Kinder gehen eigene Wege, die die Eltern weder verstehen noch akzeptieren wollen. In dieser Zeit der Pubertät knallt es oft zuhause. Manche Kinder sagen rückblickend: Was ich da meinen Eltern zugemutet habe! Aber oft erst dann, wenn man selbst heranwachsende Kinder hat. Bei anderen verläuft diese Zeit erstaunlich ruhig. Ganz feste Regeln gibt es nicht. So könnte man dieses Evangelium auf einer niederen Stufe als einen Pubertätskonflikt lesen. Aber das ist dann doch etwas  „dünn“. Das Eigentliche ist: Eltern müssen akzeptieren, dass ihre Kinder, obwohl  ihr „Fleisch und Blut“, dennoch nicht ihr Eigentum sind. Sondern eigenständige Persönlichkeiten. Khalil Gibran schreibt in diesem Sinn: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.“

Bei aller Verbundenheit, die immer bleibt. Seine Familie kann man sich ja nicht aussuchen. Man kann sich auch nicht von ihr lossagen. Und Blut ist immer dicker als Wasser. Trotzdem geht es immer um eigenständige, einzigartige Menschen, Individuen. Bei Hape Kerkeling.  Auch bei Jesus. Soziale Wesen, Gemeinschaftswesen, aber immer auch einmalige Persönlichkeiten.

Bei Jesus kommt noch eine andere Dimension dazu. Als Maria und Josef ihm Vorhaltungen machen, antwortet er bloß: Ich musste doch im Hause meines Vaters sein. Er ist nicht allein von den Menschen her zu definieren, die ihm Familie sind. Da ist der göttliche Vater, der ihm inwendig ist. So sehr, dass er nicht bloß der Sohn der Jungfrau Maria, sondern auch der Sohn des ewigen Vaters ist. Wahrer Mensch und wahrer Gott- wie unser Glaube bekennt.

Wir feiern das Fest der Heiligen Familie. Wir denken daran, dass Jesus als wahrer Mensch in einer Familie groß geworden ist. Und wir denken an unsere Familien, ohne die wir uns nicht verstehen könnten. Die uns in gewisser Weise Schicksal sind.

Zugleich ist das Geheimnis eines Menschen immer auch größer als die Familie. Niemand ist total festgelegt und determiniert von seinem Herkommen. Da ist immer ein Mehrwert. Erst recht in diesem Jesus von Nazareth.  Der wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Und dessen Geburt in eine Familie hinein wir an Weihnachten feiern. Amen.

Martin Weber, Pfarrer

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