Der Geist der heraus- und zusammenführt

Liebe Schwestern und Brüder,

man glaubte seinen Augen nicht zu trauen bei dieser Nachricht: Die britische Premierministerin Theresa May hat ein „Ministerium gegen Einsamkeit“ ins Leben gerufen.  Damit, so sagte sie, reagiert die Politik auf die Tatsache, der zunehmenden Vereinsamung wachsender Teile der Bevölkerung.  Und das betrifft immerhin 9 von 66 Millionen Briten.

Das ist in Deutschland sicher nicht anders. Nach Umfragen fühlt sich jeder fünfte im Altersbereich zwischen 80- 90 Jahren einsam und immerhin jeder siebte im Altersbereich zwischen 25- 36 Jahren.  In diesem Sinne kennt Einsamkeit kein Alter. Und wenn man dazu nimmt,  wer sich zuweilen einsam fühlt oder zumindest davor Angst hat, würden die Zahlen erst recht in die Höhe schnellen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, wenn ich jetzt und hier eine Umfrage machen würde: Fühlen Sie sich, fühlst  du dich einsam - dass da kaum jemand mit „Ja“ antworten würde.  Einsamkeit ist ein Makel und mit Scham besetzt- obwohl das vollkommener Quatsch ist. Einsame Menschen sprechen kaum darüber, in der Außendarstellung ist meist alles in Ordnung – aber wie es „drinnen“ aussieht ist ein ganz anderes Thema. Da denkt man im Geheimen: Alle anderen gehen nach draußen und sind glücklich. Ich kann das nicht, gehöre nirgends richtig dazu.  Dazu kommt der Stolz, der es verhindert, dass man um Hilfe bittet. Und das nagende Gefühl, dass man es gar nicht wert ist, von anderen geliebt zu werden. Das innere Verschlossen- sein korrespondiert oft mit dem Äußeren: Heruntergelassene Rollladen oder zugezogene Gardinen. Irgendjemand hat einmal das Bild gebraucht, dass die Einsamkeit einem Gefängnis gleicht, das aber nur von innen geöffnet werden kann.

Oder von oben! Davon erzählen die Apostelgeschichte und das Evangelium. Hinter verschlossenen Türen sitzen die Apostel, gefangen in ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit. Bis Jesus zu ihnen kommt, bis der Heilige Geist hereinbricht.  Die Apostelgeschichte beschreibt das in den kraftvollen Bildern, die wir alle kennen:  Der Sturm und die Feuerzungen! Im Evangelium ist es eher der leise Hauch und die Zusage: „Empfangt den Heiligen Geist“! Aber das Ergebnis ist das Gleiche: Die Jünger sperren ihr Gefängnis aus Angst und Einsamkeit auf, sie treten hinaus ins Freie und sagen allen, was ihnen wichtig ist. Sie sprechen von ihrem Glauben an Gott und von Jesus, in dem uns die Liebe dieses Gottes so nahe gekommen ist. Und das Wunder des Verstehens geschieht: über Grenzen hinaus, sogar Sprachgrenzen hinaus. Nicht alle, aber sehr viele lassen sich ansprechen, im wahrsten Sinn des Wortes: begeistern. Die erste christliche Gemeinde entsteht. Mit vollem Recht nennt man Pfingsten deshalb den Geburtstag der Kirche!

Der Geist Gottes ist ein Geist gegen die Einsamkeit. Er gibt den Jüngern die Kraft ihr selbst gebasteltes Gefängnis aufzuschließen und zu verlassen.  Er führt sie hinaus ins Weite und in eine neue Gemeinschaft. „Ein Mensch ist kein Mensch“ heißt es in einem Spruch, und erst recht gilt: „Ein Christ ist kein Christ“. Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt: im Leben und im Glauben! Und so sehr wir in jeder natürlichen Gemeinschaft einen „guten Geist“ brauchen, so sehr lebt die Gemeinschaft der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes!

Liebe Schwestern und Brüder,

der Geist Gottes ist ein Geist der heraus- und zusammenführt. Darauf dürfen wir vertrauen- ohne dass damit alles gelöst ist, was sich unter dem großen Wort „Einsamkeit“ subsummieren lässt. Aber mit und in diesem Geist können wir klarer sehen und besser unterscheiden, was uns umgibt. Einige Hinweise:

  • Nicht jedes Alleinsein ist schon Einsamkeit. Manchmal sehnen wir uns regelrecht danach einmal allein zu sein und wir müssen lernen, das genießen zu können. Und manchmal brauche ich das Alleinsein sogar, damit ich wieder mehr zu mir und auch Gott kommen kann.
  • Es gibt aber auch die belastende, krankmachende Einsamkeit. Und so sehr es stimmt, dass jeder, der darunter leidet, sein Gefängnis selber von innen aufschließen muss, so sehr ist es dennoch auch eine Anfrage an Gesellschaft und Kirche!
  • Eigentlich sind wir so gut vernetzt wie keine andere Gesellschaft vor uns. Jederzeit, immer, permanent: Im Internet, auf Facebook, mit Whats App. Wenn heute unsere Eltern oder Großeltern noch einmal auf diese Welt kämen, auf die Straßen hinaus gingen, würden sie vielleicht fragen: Wo schauen denn die Leute hin? Wen schauen die Muttis an, die ihre Kinderwagen schieben? Und wir ihnen erklären müssten: Die schauen auf ein kleines Wunderkästchen, das offensichtlich viel interessanter ist als alles andere um sie herum. Dann würden sie staunen und sich ihre eigen Gedanken machen- oder uns den Vogel zeigen. Und ein wenig hätten sie Recht. Wir müssen aufpassen, dass wir bei all den neuen Medien die ganz normale Kommunikation nicht verlernen. Denn die ist und bleibt das beste Gegenmittel gegen die Einsamkeit.
  • Ein weiterer Gedanke: Vor kurzem habe ich von Menschen aus Ghana gelesen, die heilfroh sind, wieder in ihrem Heimatland zu sein. Sie haben dort weniger Komfort: Aber sie sind wieder in einer Welt, in der die Religion zum Leben gehört und man sich wieder traut, andere spontan zu besuchen. Der europäische Individualismus, der nur noch die Selbstverwirklichung kennt, wird zuweilen so sehr auf die Spitze getrieben, dass Gemeinschaft schon fast als Bedrohung des Eigenen gesehen wird. Viele sind nicht mehr willens und fähig zu einer Bindung.  Der unersetzbare Wert von ganz normalen Familien geht unter in Gedankenlosigkeit und Genderwahnsinn. So ein steriles Europa wird in Zukunft noch viele Ministerien gegen Einsamkeit brauchen.
  • Ein letzter Gedanke: Kirche lebt aus dem Heiligen Geist, aus jenem Geist der heraus- und zusammenführt. Dann muss Kirche auch ein Ort sein, an dem Menschen dies erfahren. Manchmal denke ich mir: Was denken Menschen, die vielleicht zum ersten Mal zu uns kommen, die Anschluss suchen. Gibt es da Leute, die ihnen zulächeln? Sie wollkommen heißen? Einmal ansprechen und Freude darüber zeigen, dass sie gekommen sind? Oder gibt es abweisende Mienen oder  sogar einen bösen Blick, weil der Neue „meinen Platz“ besetzt hat?

Liebe Schwestern und Brüder,

Pfingsten gibt es nicht ohne uns. Denn entweder feiern wir ein persönliches Pfingstfest oder wir feiern gar keines. In einem jeden von uns will der Heilige Geist wirken, in mir will er wirken. Mich herausführen aus meiner Angst und Einsamkeit, mich hineinführen  in Gemeinschaft und Kommunikation.      Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Scroll to top