Predigten im Heiligen Triduum

Predigten im Heiligen Triduum

„Die alte Leier“ oder das neue Lied?!

„Immer die alte Leier“- antworten wir zuweilen genervt, wenn jemand dauernd dieselbe Platte auflegt, sich dauernd wiederholt.

„Immer diese alte Leier“- fast kann man die Uhr danach stellen. Das kann dann heißen:

  • Es wird alles schlechter, schwieriger- manchmal ausgesprochen, viel öfters gedacht.
  • Beliebt sind auch Verallgemeinerungen: Es ist doch immer dasselbe, da ändert sich nie was
  • Oder die Verweigerung Neues zu hören, indem man zum hundertsten Mal eine Story aus dem eigenen Leben herauskramt- und dem anderen endgültig die Lust nimmt weiter zu erzählen.
  • Gerne genommen werden auch Stoßseufzer: Wenn ich noch mal jung wäre…; wenn der oder die mir nicht böse mitgespielt hätten……
  • Und immer wieder beliebt: Floskeln und Redewendungen, die bei passender oder unpassender Gelegenheit in Stellung gebracht werden.

Nun ist mir schon klar, dass für viele Menschen der christliche Glaube auch zu dieser „alten Leier“ gehört. In die Jahre gekommen. Früher mal interessant. Aber heute: Im Zeitalter der Digitalisierung und Biotechnologie? Erst recht gilt das für den Gottesdienst. Langweilig. Immer das Gleiche sind Qualifizierungen, die oft zu hören sind. Nicht nur aus dem Mund junger Menschen. Ob die Gruppe „Unheilig“ das im Blick hat, als sie sang: „Immerzu die alte Weise, lauschen ihm nur noch die Greise…“?

Nun feiern wir heute ein Fest, das mit der beschriebenen alten Leier so gar nichts zu tun hat.  Immerzu werden wir in dieser Nacht/ an diesem Tag aufgefordert, das neue Lied zu singen und nach den langen Wochen der Fastenzeit ertönt endlich wieder der frohe Hallelujaruf in allen möglichen Variationen. Das „ neue Lied“ ist allerdings viel mehr als ein Gesang. Es ist die Antwort auf das umstürzend Neue, das Gott uns in der Auferweckung seines Sohnes schenkt.

Die „alte Leier“ singen noch die Frauen, von denen wir im Evangelium gehört haben und die zum Grab kommen. So liebevoll das gemeint war. Sie kommen um den Leichnam zu salben. Wenigstens noch etwas tun. Aber es bleibt Toten- Leichendienst.

Diese „alte Leier“ wird bis heute gesungen: Ohne Hoffnung, aber doch freundliche Worte: Wir werden sie oder ihn nie vergessen Oder: Ruhe sanft“. Oder: „Sie lebt fort in den Kindern. Oder esoterisch verbrämt: Die Seele wandert in eine andere Hülle. Das „neue Lied“ klingt anders: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden“. Das neue Lied spricht von der Macht Gottes über den Tod und davon, dass wir alle in dieses Leben hineingenommen werden. So wie wir sind, mit unserer Geschichte, mit dem, was zu uns gehört, mit unserer Einzigartigkeit.-Die Frauen am Grab lassen sich überzeugen und singen fortan dieses neue Lied. Die Jünger brauchen etwas länger, bevor auch sie einstimmen. Und bis heute ist dieses Lied nicht verstummt. Bis hinein in unsere Osterfeier. Wir alle sind berufen es zu singen. Wir alle sollen und dürfen Zeugen der Auferstehung sein!

Liebe Schwestern und Brüder,

dass wir als Christen dieses neue Lied der Auferstehung singen- und nicht die ewig gleiche Leier  daher machen, ist wichtiger denn je!

  • Als Menschen brauchen wir es. Wir sind sterblich und jeder macht sich Gedanken. Wie ist es nach dem Tod? Wie ist es mit dem Kind das gestorben ist, dem mitten aus dem Leben gerissenen Menschen: Haben die bloß Pech gehabt- und es gibt für dich und mich Hoffnung? Hoffnung über dieses irdische Leben hinaus! Hoffnung aus dem Ostersieg Christi!
  • Ostern macht den großen Unterschied: Es ist wie ein Plus oder ein Minus vor einer mathematischen Klammer. Für mich ist Ostern das Plus vor der Klammer unseres Lebens, das alles verändert!
  • Als Gesellschaft brauchen wir diesen Glauben. Wir brauchen Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus für das Leben einsetzen. Auch für das kranke, behinderte, alte, auch für das ungeborene Leben. Ich kann nicht das „neue Lied“ singen, wenn ich nicht auch dazu bereit bin. Christen sind von Ostern her Botschafter für das Leben!

Als in dieser Woche Notre Dame in Paris gebrannt hat, twitterte jemand: „Wenn die Kirche im Herzen der Stadt brennt, spürt man, was verloren geht, wenn das Christentum aus dem Herzen Europas schwindet“.          Ich denke, das trifft ins Schwarze. Christen waren und sind keine „Himmelskomiker“, wie man uns manchmal nachgerufen hat. Sondern Menschen, die sich aus ihrem österlichen Glauben leidenschaftlich und liebend in diese Welt hineingegeben und sie so geprägt und verwandelt haben. Die aber zugleich wissen: Diese Welt ist nicht alles, es gibt eine größere Hoffnung.

  • Und an dritter Stelle gilt es in der Kirche dieses „neue Lied“ zu singen! Nur weil Christus auferstanden ist, gibt es unseren Glauben. Paulus sagt das immer und immer wieder: Ohne Ostern wäre euer ganzer Glaube sinnlos, ja sogar bemitleidenswert. Kirche ist Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstanden Herrn. Er ist der alleinige Grund, dass die Kirche immer jung ist. Weil Er Alpha und Omega von allem, Anfang und Ende ist. In der Taufe haben wir Anteil an ihm. Nicht umsonst ist die Osterzeit eine besondere Zeit der Taufe und der Tauferneuerung!

Unsere Kirche steht, in unserem Bistum, in unserem Land vor großen Veränderungen. Und das in einer Situation wo so vieles krisenhaft ist. Manche verbinden mit diesen Veränderungen vor allem Strukturänderungen, Erleichterungen: Abschaffung des Zölibats, Mitbestimmung, demokratische Verfahren, Frauenpriestertum und ähnliches. Manches davon muss angegangen werden, manches klingt für mich aber ehrlich gesagt wie eine „alte Leier“. Ich denke die Veränderungen müssen tiefer ansetzen. Kirche muss missionarischer werden, mehr nach draußen gehen, das Glaubensleben und Gott wieder ernster nehmen. Und einladender: Dass andere spüren. Da wird nicht nur die alte Leier abgezogen, da singt man das „neue Lied“ des lebendigen Gottes und da ist eine Gemeinschaft, die wirklich diesen Namen verdient. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns das nur in der Kraft des österlichen Glaubens gelingen kann.

Lasst uns diesen Glauben feiern: jetzt- und in unserem ganzen Leben. Damit das neue, österliche Lied hell erklingt!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Leises Einspielen einer österlichen Weise/ Gotteslob: 329,5: „Nun singt dem Herrn das neue Lied/ in aller Welt ist Freud und Fried/ Es freu sich, was sich freuen kann/ denn Wunder hat der Herr getan.

"Seht hin…Ecce homo - Ecce Ecclesia“

Das hat kaum jemand unberührt gelassen: Die brennende Kathedrale Notre Dame in Paris. Auch mich nicht. Aber ehrlich gesagt: Ich konnte kaum hinschauen! So weh hat es mir getan. Wie das Feuer diese wunderschöne Kirche zu einem großen Teil zerstört hat.

Notre Dame ist aber nicht nur ein Bauwerk; es ist ein Symbol. Ein Symbol für Christentum in Europa überhaupt. Wie es mit dem bestellt ist, dazu hat sich hier jeder wohl schon seine Gedanken gemacht. Zumindest im westlichen Europa ist es in einer gewaltigen Krise. In Frankreich, das einst stolz den Titel „älteste Tochter der Kirche“ trug, ist das Christentum in der Minderheit.

Symbolisch ist aber auch das Feuer: Nicht nur Notre Dame, die Kirche als Ganze brennt! Da ist ein gewaltiger Scherbenhaufen, nicht zuletzt im Gefolge des Missbrauchsskandals. Dazu kommen innere Streitigkeiten, wie es sie in dieser Form schon lange nicht mehr gab. Nicht wenige sprechen von Spaltung und Schisma. Dann eine Berichterstattung, die nur noch das Skandalöse sieht, im Gehässigen bleibt. Und die Müdigkeit so vieler, die noch „irgendwie“, aber nicht mehr entschieden zur Kirche stehen. Fast könnte man von einem Karfreitag unserer Kirche sprechen- und den Satz „Seht den Menschen“ ergänzen durch „Schaut auf diese Kirche“!

Aber wie so oft im Leben: Es gibt auch Zeichen der Hoffnung. Die Menschen in Paris und auf der ganzen Welt, die ehrlich betroffen waren. Die gebetet und getrauert haben. Die geweint haben. Die Anteilnahme derer, denen man dieses Mitfühlen gar nicht zugetraut hätte. Sicherheitskräfte und Feuerwehrleute, gewiss nicht alle gläubig, die ihr Leben riskiert haben, damit Dinge, die uns heilig sind, gerettet werden konnten. Die ungeheure Spendenbereitschaft. Und die Zusage des Präsidenten Macron: Diese Kirche soll in fünf Jahren wiederhergestellt sein.

Und ein Mensch verdient es bei all dem besonders genannt zu werden: Der Hauptkaplan der Pariser Feuerwehr, Jean- Marc Fournier hat unter Einsatz seines Lebens die Hauptreliquie von Notre Dame in letzter Minute vor den Flammen gerettet. Es ist- wie wenn alles zusammen passen sollte – die Dornenkrone Christi. Gewiss gibt es da historische Anfragen. Aber sicher ist sie über Jahrhunderte hinweg für unzählige Menschen ein lebendiger Hinweis auf Christus, den Kreuzeskönig. Darüber hinaus hat Fournier auch den Tabernakel öffnen können, um das Allerheiligste in Sicherheit zu bringen. Nicht nur ein Hinweis, sondern der wirkliche Herr im Sakrament.

Aber das eigentliche Zeichen war für mich der Blick in den zerstörten Innenraum von Notre Dame am nächsten Tag. Das Kreuz auf dem Altar steht nicht nur noch. Auf vielen Bildern leuchtet es buchstäblich inmitten der Zerstörung! Jemand schrieb mir: So schlimm es ist, irgendwie beruhigend. Mich erinnerte das an den Wahlspruch der Kartäuser: „Das Kreuz steht, während die Welt sich dreht“. Es ist ein Zeichen des Leidens. Aber auch ein Zeichen des Sieges. Der, der an dem Kreuz hängt, sagt: „Es ist vollbracht“. Seine Treue und Hingabe führen uns aus dem Tod ins Leben. An Ostern wird dies offenbar, aber auch am Kreuz ist es schon sichtbar.

Gleich werden wir das Kreuz verehren. Wir verehren Den, der am Kreuz gelitten hat und den Tod überwunden hat. Auf Ihn müssen wir hinschauen. Nicht nur heute Nachmittag. Immer wieder. Tief im Innern. Gläubig. Dankbar. Nur dann kann auch die Kirche wieder auferstehen. Neu erstrahlen im österlichen Licht.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Gründonnerstag 2019

Das kleine Wörtchen „Für“

Liebe Schwestern und Brüder,
Liebe Kommunionkinder!

Ein kleines Wort umschreibt, was wir heute Abend feiern. Was der Spirit dieses besonderen Donnerstages ist. Ein kleines Wort – mit drei Buchstaben,- genügt schon. Welches wohl: …………Das „FÜR!"

An einer zentralen Stelle der Messe kommt es vor: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird!“ Es sind die Worte, die Jesus beim Letzten Abendmahl spricht. Worte, die seine Jünger und Freunde wohl noch gar nicht richtig verstehen konnten. Was sie verstanden haben und wissen: Dieser Jesus ist jemand, der ganz und gar für die Menschen und für Gott lebt. Fast könnte man sagen: Eine Für- Existenz. Das haben sie selbst erfahren. Aber jetzt will er sogar sein Leib und sein Blut hingeben. Das verstehen sie wohl erst am nächsten Tag. Jesus nimmt freiwillig den Tod am Kreuz auf sich. Er gibt seinen Leib und sein Blut, sich selbst. Wenn wir deshalb Messe feiern, dann tun wir das, was Jesus uns beim Letzten Abendmahl aufgetragen hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Aber das ist kein harmloses Mahl mit Brot und Wein, sondern durchglüht von der Hingabe Jesu am Kreuz.

Deshalb steht auf unserem Altar ein Kreuz! Das ist nicht zur Verzierung gedacht. Sondern soll sichtbar machen: Messe ist immer die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers. Wenn man das ein wenig verstanden hat, wird man vielleicht auch verstehen, dass man aus der Messe nicht ein Event oder so etwas machen kann. Es ist mehr als eine Erinnerung, es ist wie eine Zeitreise: In gewisser Weise sind wir im Abendmahlssaal dabei, stehen wir unter dem Kreuz. Und Jesus bindet diese Hingabe an sichtbare Zeichen, an Brot und Wein. In ihnen verdichtet sich seine ganzes Leben, seine Für- Existenz!

Und noch einmal kommt dieses Für zum Tragen. Er wäscht seinen Jüngern die Füße. Er, der Sohn Gottes, tut diesen Sklavendienst. Und am Ende fragt er sie: „Begreift ihr, was ich an euch, für euch getan habe?“ Auch das ist ein Hinweis, ein Zeichen. Wer Jesus nachfolgen will, muss sich klar sein. Mit ihm zu gehen, heißt zu versuchen, wie er zu leben. Nicht nur für sich, sondern für Gott und die Nächsten. Das ist nicht immer glamourös. Das muss man sich die Finger schmutzig machen, sich reinhängen, manchmal auf die Zunge beißen und immer wieder auch zurückstecken. Nicht immer bloß Ich, sondern viel öfter Du und Wir zu sagen. Am Ende des Evangeliums sagt Jesus: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Christ- sein heißt, dieses „Für“ zu leben!

Ein letztes Mal will ich das „Für“ hochhalten. Diesmal gilt es mir. Der Gründonnerstag ist der Geburtstag des Priestertums. Es ist unser Glaube, dass Jesus im Abendmahlssaal auch das Priestertum des neuen Bundes gestiftet hat. So ist dieser Tag immer aufs Neue für mich ganz persönlich ein wichtiger Tag! Priester bin ich aber nicht für mich geworden. Sondern für (zeigen) Gott und die Menschen. Einen Spruch des heiligen Augustinus abwandelnd kann ich sagen: „Mit euch bin ich Christ, für Euch bin ich Priester!“

Auch auf diesem Hintergrund tut es besonders weh, wenn Priester dieses „für“ nicht leben. Sei es, dass sie sich ausruhen, bequem sind oder sich auf ihre Macht berufen oder diese sogar missbrauchen. Oder noch schlimmer tatsächlichen Missbrauch betreiben, gerade an den Schwächsten. Damit verraten sie das „Für“ ihrer Weihe und vor allem Den, der uns dies aufgetragen und vorgelebt hat, nämlich Christus selbst.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kommunionkinder,

jeder der hier ist: Euch Kinder, Sie alle, mich-  jeden fragt der Herr: Wie ist es? Begreift und versteht ihr, was es mit diesem kleinen Wort, dem „Für“ auf sich hat?

Fürbitten:

Jesus legt sich im Abendmahl als Brot für die Welt in unsere Hände. Er macht sich zum Diener aller. Ihn bitten wir:

  • Jesus fragt uns. Begreift ihr, was ich für euch getan habe? Lass uns in deiner Liebe bleiben- Christus, höre uns
  • Jesus schenkt uns als sein Vermächtnis die Eucharistie. Lass uns nicht vergessen, wie kostbar diese Gabe ist. Christus, höre uns
  • Pfarrer: Jesus stiftet das Priestertum des neuen Bundes. Leite und führe mich und hilf mir ein Priester nach deinem Herzen zu sein- Christus, höre uns
  • Jesus geht nach dem Abendmahl in den Ölgarten, wo sein Leiden beginnt. Wir vertrauen dir unsere Kranken an- Wir denken an Menschen in den Gefängnissen und Psychiatrien-  Wir beten für die, die sterben müssen.-   Christus, höre uns
  • Jesus bittet im Garten, um das Mitwachen und Mitbeten seiner Freunde. Wir beten in unseren Sorgen und Nöten.  - Stille-      Christus höre uns.

Du Herr, stärkst und führst uns. Du dienst uns in deinem Wort und Sakrament. Dir danken wir heute und alle Tage und in Ewigkeit.   
Amen

Maria Magdalena: gerufen bei ihrer Namen- Zeugin der Auferstehung

Liebe Schwestern und Brüder,
man nennt Ostern manchmal ein „bewegliches Fest“, weil es keinen festen Termin hat. Das Konzil von Nicäa legte 325 fest, dass dieses Fest immer nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert wird. Und in diesem Jahr sind wir deshalb kalendermäßig sehr früh dran mit Ostern. Ein bewegliches Fest. Das gilt auch im übertragenen Sinn. Im Evangelium des Ostersonntags häufen sich die Verben „laufen“ und „gehen“. Alles gerät in Bewegung. Maria rennt zu Petrus und Johannes. Petrus und Johannes laufen, ja rennen zum Grab. Ostern ist wirklich ein bewegliches Fest. Aber die äußere Bewegung reicht nicht aus. Ostern muss vor allem innerlich etwas bewegen.  Das Evangelium erzählt uns, dass dies bei Johannes geschieht.  Er betritt das leere Grab und intuitiv erkennt und versteht er: „Er sah und glaubte“, heißt es im Evangelium.

Für mich die am meisten berührende Begegnung ist aber die mit Maria Magdalena. Früh morgens ist sie zum Grab gekommen, um dem toten Jesus nahe zu sein, um ihn zu trauern und den leblosen Körper zu salben. Nachdem Johannes und Petrus weggegangen sind, bleibt sie weinend zurück. Sie ist überzeugt, dass man ihr nun auch noch den toten Jesus genommen hat. Und dann begegnet Er ihr. Aber seltsam: Maria von Magdala, die so vertraut mit ihrem Meister war, erkennt ihn nicht. Sie glaubt, es sei der Gärtner. Wie kann das sein? Auch in den anderen Evangelien wird  ja immer wieder erzählt, dass die Jünger den Auferstandenen nicht gleich erkennen. Ein Hinweis darauf, dass er nicht einfach ins Leben zurückgekehrt ist. Es geht bei der Auferstehung nicht um die Wiederbelebung eines Leichnams. Jesus lebt, aber in einer neuen Weise: Er ist derselbe und doch anders. Und auf Seiten Marias: Da ist wie eine Blockade in ihr: schwere Gedanken, bodenlose Trauer und Tränen und immer wieder Tränen verändern, verengen ihren Blick. Mit einem Wort wird dieser Abstand überwunden: „Maria“. Ihr Name, nicht mehr und nicht weniger. „Maria“. Aber wie so oft im Leben macht der Ton die Musik. Ich denke: Jesus sprach diesen Namen voller Liebe aus. Er sah sie an, was in diesem Moment ganz und gar bei ihr. Das ist der Moment, in dem sie ihn erkennt: „Rabbuni; Meister“ antwortet sie ihm. Und er antwortet: „Halte mich nicht fest, denn ich muss zum Vater gehen. Aber erzähle den anderen, was du erlebt hast.“ Maria erfüllt diesen Auftrag und verkündet den Jüngern: „Ich habe den Herrn ge= sehen“! Sie wird zur ersten Auferstehungszeugin. Maria Magdalena gehört damit zu den großen Frauen der Christenheit. Man nennt sie „apostola apostolorum“, die Apostelin der Apostel.  Und genau das ist sie.

Lothar Zenetti lässt Maria in einem Gedicht zu Wort kommen, in dem es heißt:
„Mir ist ein Stein vom Herzen genommen/ meine Hoffnung, die ich begrub/ ist auferstanden, wie  er gesagt hat/ Er lebt! Er lebt! Er geht mir voraus!“ – Das ist Ostern: Ein Stein wird uns vom Herzen genommen. Das Leben lebt und durchströmt uns. Leben, das nicht mit dem Tod endet. Sondern in die beglückende Ewigkeit Gottes hineinführt, in die Jesus uns vorangegangen ist. Als der Anführer des Lebens.

Lieber Julian,
vielleicht denkst Du, was hat denn das mit mir zu tun, was der da erzählt. Ich denke schon einiges. Du bist seit einigen Jahren hier in unserer Gemeinde. Du kamst, zusammen mit Leonie, nach Heusenstamm zu Deinen Pflegeeltern, Salud und  Gerd- Uwe. Und es freut mich sehr, dass dein leiblicher Vater heute auch mit dabei ist. Du hast hier eine Familie, Heimat und Freunde gefunden. Und so kennen auch wir uns schon eine ganze Zeit. Vor einigen Jahren stand die Erstkommunion an. Du wärst schon damals gerne dabei gewesen, aber aus den verschiedensten Gründen ging das nicht.  Wir haben gesprochen und du hast die Kommunion-Vorbereitung zusammen mit deinen Freunden mitgemacht. Auch bei der Erstkommunion warst Du dabei. Nur: zur Kommunion konntest Du nicht gehen, weil du ja noch nicht getauft warst. Danach bist du zu den Messdienern gegangen. Aber auch da warst du dabei, ohne zur Kommunion zu gehen. Und das ging jetzt einige Jahre. Bis es jetzt, kurz vor deinem 14. Geburtstag, endlich möglich ist, beides zu feiern: Deine Taufe und Erstkommunion. Das freut mich sehr und gewiss viele, die heute mit Dir gekommen sind oder das im Gottesdienst zum ersten Mal hören. Und ich möchte dir auch meinen Respekt sagen: Dass du so lange gewartet hast, so lange treu geblieben, so am Glauben dran geblieben ist, versucht hast Jesus immer mehr lieb zu haben, das ist schon eine tolle Sache. Ich finde, da bist Du schon ein kleines – oder sogar großes Vorbild!

Heute nun ruft dich Jesus – ähnlich wie bei Maria Magdalena - noch einmal besonders bei deinem Namen. Und ich denke, auch hier macht der Ton die Musik. Er ruft dich liebevoll und mit großer Wertschätzung. Du – Julian - wirst in der Taufe mit Jesus verbunden, untrennbar. Und in der heiligen Kommunion darfst du ihn empfangen – verborgen unter der Brots-Gestalt: Christus, den gekreuzigten und auferstanden Heiland.  Und dann bist berufen von diesem Jesus Kunde zu geben. Wie Maria Magdalena ein Zeuge der Auferstehung zu sein. Nicht allein, sondern mit uns allen, die wir uns nun freuen, wenn du getauft wirst!

Martin Weber, Pfarrer

Das Kreuz- gesehen „von oben“ und „von unten“

Liebe Schwestern und Brüder,

so etwas wie das Kreuz kann man nicht auf einen Begriff bringen.

Man kann es sozusagen „von oben“ betrachten- von Gott her. Das tut Johannes in seiner Passion. Da ist das Leiden und Sterben Christi. Aber bei jeder Zeile spürt man: Es ist eingefügt in einen großen Plan. Jesus ist nicht nur das hilflose Opfer, er ist vielmehr der, der die Szene beherrscht. Die anderen sind im Grunde nur Mitspieler, so wichtig sie auch scheinen mögen.

Ganz deutlich wird das bei Pilatus. Er ist doch der, der die Macht hat. Der entscheiden kann. Aber hier ist er im Grunde bloß ein kleines Rädchen im Getriebe. Er, der resigniert fragt: „Was ist Wahrheit?“, gerade ihm kommt die Rolle zu, die Wahrheit über diesen Jesus zu sagen. Er befiehlt ein Schild über dem Kreuz anzubringen: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Und er beharrt darauf, dass es bleibt: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“.

Auch die Soldaten, die Jesus quälen, sind letztlich nur Mitspieler eines viel größeren Schauspiels. Die um sein Gewand würfeln und so ein Schriftwort erfüllen. Und schließlich der Soldat, der die Lanze in die Seite Jesu sticht, womit wiederum die Schrift erfüllt wird: Keinen Knochen zerbricht man an Jesus und die Menschen schauen auf „Den, den sie durchbohrt haben“.

Das Kreuz, so sagt es der Evangelist Johannes, ist kein bloßes Menschenwerk. Es ist das Werk Gottes. Der Sohn Gottes geht seinen Weg durch Leiden und Tod. Er bleibt treu in seiner Liebe, bis  zur Hingabe seines  Lebens. Damit zeigt er zugleich auch die eigentliche Berufung des Menschen: „Ecce homo. Das ist der Mensch.“ Und wiederum ist es Pilatus, der diese Wahrheit ausspricht!

Das Kreuz ist Gottes Werk. Im Kreuz überwindet der Sohn Gottes den Tod. Im Tod ist zugleich seine Verherrlichung.  Deshalb kann er sagen: „Es ist vollbracht“. Und deshalb  bekennen wir nachher bei der Kreuzverehrung: „Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen: das Heil der Welt!“ und wir verehren das Kreuz, den erhöhten Herrn mit einer Kniebeuge! Im Kreuz ist die tiefste Offenbarung der Liebe Gottes, die man sich denken und vorstellen kann. Und an Ostern wird unübersehbar deutlich: Diese Liebe ist stärker als der Tod.

Der Kartäuserorden, der strengste Orden unserer Kirche, hat sich seit dem Mittelalter einen Wahlspruch gegeben. „Das Kreuz steht, während sie Welt sich dreht“. In der Passionsgeschichte dreht sich alles Mögliche um Jesus, doch Er ist der Hauptakteur.  Er ist der „Sieger, der König, der Herr in Ewigkeit“. Das zu wissen ist so gut. In all dem, was uns umgibt: So viel Brutalität, Unmenschlichkeit,  Missbrauch, Profitsucht, Gedankenlosigkeit, Überheblichkeit und Arroganz. Das alles – so dominierend es erscheint - vergeht, das Kreuz bleibt. Die Tat Gottes. Die uns zeigt: Die Liebe ist stärker als der Hass, das Leben triumphiert über den Tod!

Man kann das Kreuz aber – und das ist der zweite Punkt- „von unten“ her betrachten, vom Menschen her. Und da ist Jesus einer, der Schreckliches erlitten hat und schließlich gestorben ist. Da ist er einer von uns! So wie es eine alte Frau einmal gesagt hat, die von ihrem Krankenlager oft auf das Kreuz geblickt hat und immer wieder gesagt hat: „Der da versteht mich“.„Der da versteht mich“-

Literarisch hat das vor einigen Jahren Eric- Emanuel Schmitt in seinem Büchlein „Oskar und die Dame in Rosa“ verarbeitet.  Oskar, das ist ein kleiner, todkranker Junge, der im Krankenhaus liegt und nicht mehr an Gott glauben  kann. Oma Rosa ist eine Ehrenamtliche, die ihn oft besucht und ihn eines Besseren zu belehren versucht. Unter anderem mit einem Besuch beim lieben Gott:

„Wollen wir nicht den lieben Gott besuchen?“

„Ach, sie haben seine Adresse rausgekriegt?“

„Ich glaube, er ist in der Kapelle“

Oma Rosa zog mich an, als würden wir zum Nordpol aufbrechen. Sie nahm mich in die Arme und führte mich zur Kapelle, die sich im Krankenhausgarten befindet…….. Ich habe natürlich einen Riesenschreck bekommen, als ich dich dort hängen sah. Als ich dich in deinem Zustand gesehen habe, fast nackt, ganz mager am Kreuz, überall Wunden, die Stirn voller Blut durch die Dornen, und der Kopf, der dir nicht mal mehr gerade auf den Schultern saß.  Das hat mich an mich selbst erinnert. Ich war empört.  Wäre ich der liebe Gott, wie du, ich hätte mir das nicht gefallen lassen. „Oma Rosa, im Ernst: Sie als Catcherin, Sie als Superchamp, Sie werden doch so einem nicht vertrauen!“

„Warum nicht Oskar? Würdest du dich eher einem Gott anvertrauen, wenn Du einen Bodybuilder vor Dir hättest, mit wohlgeformten Fleischpaketen, prallen Muskeln, eingeölter Haut, kahlgeschoren? Denk nach Oskar. Wem fühlst du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt, oder einem Gott, der Schmerzen hat?“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

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