Predigten

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Die Qual der Wahl am 28. Oktober 2018

haben an diesem 28. Oktober die hessischen Bürger. Ich bin kein Hellseher, aber vermutlich werden sich drei Entwicklungen zeigen. Das erste ist die Erosion der ehemaligen Volksparteien CDU und noch stärker der SPD. Das zweite ist das Erstarken der Grünen, die für viele zur bürgerlichen Partei und damit wählbar geworden sind. Das dritte ist der (zweistellige?) Einzug der AFD nun auch in den hessischen Landtag. Darüber mag man sich beklagen, aber in ganz Europa gibt es rechte Parteien in den Parlamenten, die vermeintliche Korrektheiten in Frage stellen. Die Wahl wird möglicherweise zur Qual der Politiker, welche ungewohnte Koalitionen schmieden müssen.

Die Kirche ist vorsichtig geworden mit Wahlempfehlungen. Da sind die Wähler mündig genug. Aber eine Empfehlung gibt es auf jeden Fall:

Wählen gehen! Sein Wahlrecht nutzen! Dass ich überhaupt wählen kann, ist ein hohes Gut, das wir allzu oft zu selbstverständlich nehmen.

Auch am Anfang der Bibel haben zwei Menschen die Wahl. Das Buch Genesis erzählt von Adam und Eva, die zwischen den vielen Früchten der Bäume des Paradiesgartens wählen können. Doch ihre Wahl fällt ausgerechnet auf jenen Baum, von dem Gott gesagt hat: Davon sollt ihr nicht essen.

Was die Bibel damit sagen will: Der Mensch ist ein Wesen der Freiheit, er kann wählen. Das ist übrigens auch das Gottebenbildliche an ihm! So wie Gott in freier Liebe die Welt und uns alle ins  Leben ruft, so ist auch der Mensch frei, darauf zu antworten. Aber, und das ist die Kehrseite: Er hat damit auch die Freiheit das Böse zu wählen, religiös gesprochen, zu sündigen. Für das Gute und das Böse trägt er fortan Verantwortung. Ohne diese Verantwortung ist die Freiheit nicht zu haben.

Sehr eindringlich heißt es im Buch Deuteronomium im 30. Kapitel:

„Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor.
Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.
Liebe den Herrn deinen Gott und halte dich an ihm fest, denn er ist das Leben.“

Immer müssen wir wählen, uns entscheiden. Das macht unsere Würde aus, das in Freiheit und Verantwortung zu tun. Dabei geht es meistens um irdische Dinge, Vorläufiges. Hier aber geht es tiefer. Es geht um mich, um meine Existenz, um das Ganze. Da ist die Wahlempfehlung klar: Wähle Gott! Setze alle Karten auf Ihn. Und du wirst eine Freiheit erfahren, die du dir selbst nicht zusagen kannst. Gott befreit dich von aller ängstlichen Sorge um dich selbst. Du bist geborgen in seiner Hand und du bist geborgen auch über dieses irdische Leben hinaus. Weil Gott treu ist, weil er das Leben ist und Leben schenkt.

Mit unserer kreatürlichen Freiheit ist immer die „Qual der Wahl“ verbunden.
Die Freiheit, die Gott schenkt, macht selig..

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

„Halt die Stellung und bleib katholisch“

so verabschiedet sich zuweilen, schmunzelnd und augenzwinkernd, ein Freund und Kollege von mir. So auch vor wenigen Tagen. Doch diesmal dachte ich: So fühle ich mich im Moment tatsächlich. Dass es wirklich nur darauf ankommt, die „Stellung zu halten“.

Die Nachrichten der letzten Wochen über die Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz haben mir zugesetzt.
Bei allen „Gegenargumenten“:

Die großen Zahlen des Missbrauchs finden im familiären Umfeld statt. Die katholische Kirche wird allein in den Fokus gestellt und andere Organisationen, bei denen Ähnliches geschehen ist, können sich scheinbar zurücklehnen. Die meisten Fälle sind schon viele Jahre her -
bin ich dennoch fassungslos und traurig.

Es ist „meine“ katholische Kirche, in denen Kindern und Jugendlichen Schlimmes angetan wurde. Es sind „meine“ Mitbrüder, die dafür verantwortlich sind. Das lässt mich nicht kalt. Und manchmal denke ich mir, wie schauen die Menschen mich an?

Georg Gänswein, der frühere Sekretär von Benedikt XVI. nennt das Alles den „11. September“ der katholischen Kirche, einige sprechen von der schwersten Krise seit der Reformation. Und ich denke, das ist nicht übertrieben. Zumal, da bin ich mir sicher, weitere Enthüllungen wo auch immer, folgen werden.

Drei Schritte scheinen mir unabdingbar:

- Radikale Aufklärung und Vorrang der Opfer vor dem System: Die Zeit des Verschweigens und Beschönigens muss definitiv vorbei sein. Eine radikalst mögliche Aufklärung, so weh sie auch tut, ist notwendig. Auch in den höheren Rängen der Kirche. Und: Die Opfer - und nicht die Stabilisierung des Systems Kirche - haben absolute Priorität.

- Die Kirche braucht Selbstkritik, Reinigung und eine neue Orientierung an Jesus Christus. Es ist nicht die Stunde plötzlich alles über Bord zu werfen, sondern den Glauben und den Herrn der Kirche wieder ernst zu nehmen. Es ist mühsam sich zu einem Leben nach dem Evangelium zu mühen, nach Heiligkeit zu streben. Aber wo dieser Idealismus fehlt, beginnt der Verrat.

- Gerade jetzt: In der Kirche bleiben! Bischof Stefan Oster schreibt: „Christus bleibt da. Er liebt seine Kirche. Er ist auch bei den Aposteln geblieben, als Judas ihn verraten, Petrus ihn verleugnet hat und unter dem Kreuz alle Jünger davongeraint sind. Er ist geblieben. Und er will uns hel­fen, dass wir alle echter, wahrhaftiger und liebesfähiger werden.“

Gerade Letzteres erinnert mich an den Spruch meines Freundes. Der in diesen Zeiten durchaus eine Richtschnur sein kann: Die Stellung halten – auch wenn uns im Moment manchmal so ganz anders ist. Und katholisch bleiben, Christus in seiner Kirche neu die Ehre geben: im Dienst an ihm und den Menschen.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Standpunkte 2018

Die vertrete ich von Zeit zu Zeit gerne. Alle, die öfters das Kercheblättche lesen oder meine Pre­digten hören, wissen darum. Ich versuche, „Din­ge auf den Punkt“ zu bringen, zu akzentuieren und manchmal auch zu provozieren. Letzteres aber nicht um seiner selbst willen, sondern im lateinischen Wortsinn des „pro vocare“, des Her-ausrufens zum eigenen Nachdenken, zur Formu­lierung des eigenen Standpunktes. Meine The­men und meine Argumentation schöpfe ich aus verschiedenen Quellen: Politik und Zeitgesche­hen, Bibel und kirchliche Lehre, Gewissen und Verstand. Ich finde es wichtig, einen Standpunkt zu haben und Standpunkte zu vertreten. Das gibt Orientierung in einer zunehmend orientierungs­losen Zeit. Doch dreierlei versuche ich immer auch mit zu bedenken:

  • Standpunkte wirken manchmal wie „von oben herab“, gerade wenn sie aus der kirch­lichen Ecke kommen. Darauf reagieren man­che sehr empfindlich. Zumal in Zeiten, wo die Kirche bei vielen längst den moralischen Kredit verspielt hat. Ein Wort genügt, um zu zeigen, was ich damit meine: Missbrauch. Die Vertuschung des Ganzen. Egal wie diffe­renzierend man all das sehen muss, ist das wie ein Mühlstein, der einem um den Hals hängt. Und eine Warnung Standpunkte allzu selbstgerecht und pharisäisch zu vertreten. Und immer wieder zu fragen: Kannst Du diesen oder jenen Standpunkt glaubwürdig vertre­ten?
  • Standpunkte können Menschen verletzten. Wenn ich mich etwa gegen die „Ehe für alle“ positioniere weiß ich, dass viele homosexu­elle und andere Menschen das als Diskrimi­nierung verstehen. Ähnlich ist das in der Ab­treibungsfrage. Oder bei der Euthanasie. Oder..... Trotzdem finde ich es wichtig, Posi­tion zu beziehen. Denn bei Standpunkten geht es um Wertentscheidungen und auch um die Frage, welche Richtung eine Gesell­schaft, eine Gemeinschaft, eine Kirche ein­schlägt.
  • Es gibt Menschen, die andere Standpunkte vertreten. Manchmal ist es gar nicht so ein­fach, sich auch darauf einzulassen. Oder sogar die Frage zuzulassen: „Könnte er oder sie nicht vielleicht recht haben?“ Zu versu­chen zu verstehen. Und auch wenn Diffe­renzen bleiben und nicht auszuräumen sind, das zu akzeptieren: Weil ein Mensch immer mehr ist als ein Standpunkt. Und deshalb im Gespräch bleiben, weil nichts in dieser Welt einfach schwarz oder weiß ist. Das ist für mich der Beginn von so etwas Schwierigem wie „Verstehen“.

Das meint Ihr

Martin Weber, Pfarrer

Zum 20. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B 2018 (19.08.2018):
Eucharistiegemeinschaft - Glaubensgesmeinschaft

Schon den vierten Sonntag in Folge, liebe Schwestern und Brüder, hören wir im Evangelium vom „Brot des Lebens“!

Und was damit gemeint ist, sagt Jesus sehr deutlich: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch. Ich gebe es hin für das Leben der Welt“. Mit anderen Worten: Jesus identifiziert das Brot mit sich selber. Ein ungeheuerliches Wort. Und das empfinden die Menschen damals auch so. Sie streiten darüber, wie er das gemeint hat. Und Jesus legt nach: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habe ihr das Leben nicht in euch!“ Man möchte ihm zurufen: Mach mal halblang.  Und hätten es wohl auch gerne etwas vergeistigter, weniger Anstoß- erregend. Doch damit kann uns der Evangelist Johannes nicht dienen. Schon im Anfang seines Evangeliums heißt es im Prolog von Jesus: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Das heißt doch nichts anderes als: Gott wird Mensch, einer von uns. Er ist mehr als eine Idee, sondern Person: mit Fleisch und Blut. Und wenn Christen schon in frühesten Zeiten Eucharistie feiern, dann ist das die Feier der Gegenwart Christi. Nicht bloß in der Erinnerung, nicht bloß vergeistigt.  Sondern mit seiner ganzen Person, mit Fleisch und Blut ist der Herr da gegenwärtig.

So zumindest verstehen es katholische und orthodoxe Christen. Das merkt man schon rein äußerlich. Katholische und orthodoxe Kirchen sind nur von daher zu verstehen, dass dort Eucharistie, das Sakrament des Leibes und Blutes Christi, gefeiert wird. In katholischen Kirchen ist alles zentriert auf den Altar und der Tabernakel erinnert daran: dies ist ein heiliger Raum. In den orthodoxen Kirchen ist der Altarraum meistens abgetrennt und durch eine  prächtige Ikonostase: das Geheimnis der Eucharistie wird den Blicken der Gläubigen entzogen, um aber gerade dadurch  noch viel präsenter zu werden. Und das Äußere spiegelt sich in der Theologie:  Kirche wird nach katholischem und orthodoxen Verständnis aufgebaut von der Feier der Eucharistie her. Indem wir in der Eucharistie den wahren Leib des Herrn empfangen, werden wir eingegliedert in den großen Leib der Kirche. Das 2. Vatikanische Konzil nennt die Eucharistie deshalb Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens. Der Bischof von Köln, Kardinal Woelki drückt es so aus: „Von der Eucharistie her wird die Kirche auferbaut. Wer  deshalb den Leib des Herrn empfängt und zuvor, An Ende des eucharistischen Hochgebetes sein zustimmendes Amen gesprochen hat, der sagt Ja und Amen dazu, dass Jesus wahrhaft gegenwärtig ist und nicht nur in einem übertragenen Sinn.“

Evangelische Christen haben ein anderes Verständnis. Das aber gar nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Denn da gibt es eine Vielzahl von Verständnissen. Während Martin Luther sein Leben lang daran festgehalten hat, dass Jesus in der Eucharistie wirklich gegenwärtig ist, war dies bei Zwingli und vor allem Calvin schon ganz anders: Sie hatten ein rein symbolisches Verständnis der Gegenwart Jesu im Abendmahl.  Das gilt erst recht für die Freikirchen, die überall auf der Welt dabei sind die klassischen evangelischen Bekenntnisse zahlenmäßig zu überholen:  Für sie spielt die Feier des Abendmahls eine ganz nebensächliche Rolle. Die Hauptrolle spielen die Bibel und eine charismatische Interpretation des Christentums. Es geht hier nicht um „besser“ oder „schlechter“, sondern einfach um die Feststellung:  Es gibt verschiedene Ausprägungen des Christentums: Eine katholische und  orthodoxe Form und den vielgestaltigen Kosmos evangelischer Christen.

Vor einigen Wochen gab es große Aufregung um die Frage der möglichen  Zulassung evangelischer Ehepartner zur Kommunion. Manche Bischöfe wollten das unter bestimmten Bedingungen ermöglichen. Ich glaube schon, dass es Einzelfälle geben kann. Denke aber auch, dass eine falsche Dynamik entsteht, wenn man das in eine Regel fassen will.  Aus Einzelfällen wird der Normalfall und schließlich sagen die Leute: Es ist doch eh alles gleich. Was soll das Ganze? Die Evangelischen gehen bei uns zur Kommunion und die Katholiken gehen zum evangelischen Abendmahl……Direkt dazu noch einmal Kardinal Woelki: „Mancher meint: Was soll das Ganze? Das ist doch Quatsch. Andere meinen sogar. Das ist doch Kasperle Theater. Ich meine:  hier geht es um Leben und Tod. Hier geht es um Tod und Auferstehung. Hier geht es das ewige Leben, hier geht es um Christus. Hier geht es um seine Kirche und damit geht es hier um das Eingemachte. Und deshalb müssen wir uns darum streiten und den richtigen Weg suchen. Nicht irgendeinen Weg, sondern den Weg des Herrn!“

Auch damals – wir haben es vorhin gehört - haben die Leute gestritten. Wie ist das zu verstehen, was Jesus sagt? Ich habe den Eindruck, dass wir zu diesem Streit heute oft gar keinen Mut mehr haben. Den Weg des geringsten Widerstandes gehen und vor allem gelobt werden wollen, besonders von der Presse und der Öffentlichkeit. Und folglich eine „Ökumene der Nettigkeit“ praktizieren, die niemanden auf den Fuß treten will. Ich finde aber: Das geht nicht, wenn wir das heutige Evangelium, wenn wir unseren katholischen Glauben an die Eucharistie ernst nehmen. Es ist unehrlich und unaufrichtig zu sagen: Es ist ja alles gleich. Wer zur Kommunion geht, der sagt Ja zu Christus, zu seiner realen Gegenwart. Er sagt aber auch Ja zum Papst und Bischof, zur sakramentalen Struktur der Kirche, zum Priestertum, zu den Heiligen, zu dem Gebet für die Verstorben.

Es geht nicht darum, andere von etwas auszuschließen. Es geht aber um den Respekt dafür, was uns Katholiken seit den Tagen der Apostel „hoch und heilig“ ist: das Sakrament des Leibes und Blutes unseres Herrn.     

Amen

Martin Weber, Pfarrer

 

Test 2018

„Eines Tages verteilte ein Professor seinen Stu­denten einen unangemeldeten Test. Zur Überra­schung aller gab es diesmal aber keine Fragen – nur einen schwarzen Punkt in der Mitte der Sei­te. Und mündlich nannte der Professor die Auf­gabenstellung:

Beschreiben Sie, was sie dort sehen! Am Ende der Stunde sammelte er die Arbeiten ein und las die Ergebnisse laut vor. Oh­ne Ausnahmen hatten die Studenten den schwarzen Punkt beschrieben: seine Position in der Mitte des Blattes, seine Lage im Raum, sein Größenverhältnis zum Papier etc. Der Professor lächelte und sagte: Ich wollte Ihnen eine Aufga­be zum Nachdenken geben. Niemand hat über den weißen Teil des Papiers geschrieben. Jeder konzentrierte sich auf den schwarzen Punkt – und das geschieht im Leben oft genauso. Wir haben ein weißes Papier erhalten, um es zu nut­zen und zu genießen. Aber wir konzentrieren uns immer nur auf die dunklen Flecken ...“

Das ist so eine der Geschichten, die man sich zuhause visualisieren kann: An der Pinnwand, auf dem Schreibtisch, in einem Buch. Ein schwarzer Punkt auf dem weißen Hintergrund genügt, um sich wieder zu erinnern. Ach ja, ...         

Und das ist auch notwendig. Denn allzu oft tappt unser Geist, unsere Psyche in die gleiche Falle: Nur den schwarzen Punkt zu sehen und die Hauptsache zu unterschlagen: Das viele Schöne, das scheinbar so selbstverständlich ist. Die Wunder, die geschehen und für die wir einfach kein Auge mehr haben. Stattdessen die Kon­zentration auf die dunklen Flecken: Gesundheit­liche Probleme, der Mangel an Geld, die Enttäu­schung mit einem Freund, die komplizierte Beziehung mit einem Familienmitglied. Und das beschäftigt uns, treibt uns um, trübt die Lebens­freude.

In diesen Tagen beginnt nach den „großen Ferien“ so etwas wie zweite Hälfte des Jahres. Bald läuft vieles wieder auf Hochtouren. In den Familien, den Vereinen, den Schulen, in unse­ren Pfarrgemeinden. Manches ist da wieder von uns gefordert. Auch Belastendes, Schweres. Vieles davon liegt im wahrsten Sinne des Wor­tes im Auge des Betrachters. Wenn die kleinen schwarzen Punkte alles zu verschlingen drohen, obwohl sie doch im Vergleich zu dem großen weißen Papier so klein sind. Was da helfen kann? Die schon genannte Visualisierung und das damit verbundene Aha! Oder mit dem heili­gen Augustinus das Gebet um den guten Geist Gottes, der uns hilft das Heilige und Heilsame unseres Lebens zu entdecken:

„Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke./ Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue./ Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe./ Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte./ Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Eine „skandalöse“ Urlaubs-Lektüre ... 2018

verspricht das neue Buch von Manfred Lütz zu sein:

Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums.“

Aber Vorsicht: Dieses Buch könnte Sie verwirren. Es stellt lieb-gewordene Vorurteile in Frage. Die selbst „guten Katholiken“ schon in Fleisch und Blut übergegangen sind. Zum Beispiel diese: Die Kreuzzüge waren ein einziges Blutbad und Verbrechen der christlichen Kreuzritter. Die Inquisition hat Millionen von Opfern auf dem Gewissen. Die Kirche hat im Gewand der Hexenverfolgung Schuld am Tod ungezählter („weiser“) Frauen und auch Männer. Die Christianisierung Südamerikas war ein reines Verbrechen. Erst die Aufklärung hat das „dunkle Mittelalter“ überwunden, Vernunft und Menschenrechte gebracht. Die Geschichte der Päpste ist eine einzige Skandalgeschichte. Es führt eine direkte Linie vom christlichen An­tijudaismus zum Holocaust ...

In all diesen Fragen gibt es eine Fülle von Klischees – heute würde man fake news dazu sagen -, die Menschen sozusagen mit der Muttermilch einsaugen. Der durchschnittliche Mitteleuropäer glaubt das Christentum und seine Geschichte zu kennen. Aber vieles, was er vermeintlich weiß, ist schlicht falsch. Lütz geht es in seinem Buch darum, diese Falschinformationen zu entlarven. Nicht im Sinne des Reinwaschens: Das geht nicht. Natürlich hat das Kleid der Kir­che viele Flecken. Wie sollte es anders sein nach einer 2000- jährigen Geschichte. Aber im Sinne des Differenzierens. Dabei stützt sich Lütz vor allem auf den Kirchenhistoriker Arnold Angenendt, der 2007 ein gewaltiges Werk vorgelegt hat: „Toleranz und Gewalt - Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“.
Im Grunde ist das Buch von Lütz eine popularisierte Wiedergabe dessen, was da schon erarbeitet wurde. Im besten Sinne des Wortes eine „Apologetik“, eine Verteidigungsschrift. Es ist aber zugleich mehr. 

Indem man nämlich die Geschichte des Christentums durchgehend skandalisiert hat, hat man zugleich seine Glaubwürdigkeit und kulturprä­gende Kraft angegriffen. Und das ist die eigentliche Tragik des Ganzen.

Manfred Lütz ist kein Geschichtswissenschaft­ler. Er ist Theologe und Psychotherapeut. Als Theologe versucht er in seinem Buch einzuordnen und zu bewerten. Als Psychotherapeut ermuntert er seine Leser, neue Perspektiven einzunehmen. Gar nicht so einfach, wenn man es sich bisher in allerlei Vorurteilen und vermeintlichen Gewissheiten über „das Christentum“ bequem gemacht hat. Vor allem aber ermuntert er, die Ressourcen des christlichen Glaubens neu zu entdecken und zu nutzen. Und so schreibt er am Ende:  
 „Das Buch spricht von den sogenannten Skandalen der Kirche. Aber die eigentliche Geschichte des Christentums kommt dabei gar nicht vor. Es ist die Geschichte der Heiligen, der spirituellen Aufbrüche, aber auch der großen und vor allem der stillen Leidenden. Und es ist die Geschichte christlicher Schönheit in den himmelstürmenden Kathedralen, den Fresken Michelangelos und der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach“.

Martin Weber, Pfarrer

 

Austräger gesucht!

So inserieren oft Verlage, damit ihre Zeitungen, Wochenblätter oder Werbebroschüren unter die Leute kommen. Als ich Jugendlicher war, habe ich mir so etwas Geld dazu verdient. Ich habe das Mitteilungsblatt unserer Verbandsgemeinde ausgetragen. Damals musste ich dazu auch noch vierteljährlich eine kleine Gebühr einkassie­ren und konnte sogar die eine oder andere An­zeige annehmen. Damit habe ich nicht nur mit­bekommen wo, sondern auch wie die Leute wohnen.

Austräger werden auch in unseren Pfarrgemein­den immer wieder gesucht. Manchmal fragen wir einzelne, hilfsbereite Leute an. Zweimal im Jahr bitten wir sehr viele um ihre Mithilfe: Wenn die Pfarrbriefe im April und im Mai die Caritasbriefe an alle Haushalte verteilt werden. Ich bin immer sehr dankbar, wenn das geschafft ist und werbe regelmäßig für diesen Dienst mit den Worten: „Damit können Sie mit einem kleinen Aufwand etwas Gutes tun!“

Manchmal aber denke ich: Wir bräuchten noch viel mehr Austräger! Nein, nicht für Briefe und Drucksachen. Sondern „Austräger des Glau­bens“. Wenn an jedem Sonntag die Messe en­det, dann heißt es nach dem Segen: „Gehet hin in Frieden“. Das heißt nicht: Haltet die Klappe von alldem, was ihr hier erlebt und mitbekom­men habt. Taucht wieder in eure normale Welt ein, die nichts mit dem Sonntagmorgen zu tun hat. Sondern es meint: Gebt den Frieden, den ihr von Gott erfahren habt, weiter. Seid Zeugen eu­res Glaubens! Erst recht, wenn ihr vorher die heilige Kommunion, Christus selber, empfangen habt. Der heilige Ignatius von Antiochien nennt uns deshalb „Christusträger“ und „Christusträge­rinnen“. Also Austräger der besonderen Art. Wir sind berufen, Christus hinauszutragen in die Welt.

Wir sind in einer Phase der Kirchengeschichte, wo wir Katholiken das wieder neu lernen müssen. Viele Jahrhunderte war das anders. Der Glaube wurde selbstverständlich weiter gegeben, sozialisiert. Und im Grunde denken wir immer noch in diesen Kategorien. Dass wir missionarisch sein müssen ist uns so fremd wie das Wort selbst. Dabei ist es unverzichtbar.

Papst Franziskus schreibt in Evangelii Gaudium:

„Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann... Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde und ihretwegen bin ich auf dieser Welt.“

Zunehmend erkennen Menschen die Wahrheit dieser Aussagen und spüren: So wie bisher kann es nicht weiter gehen. Dass wir uns damit begnügen, eben immer weniger zu werden und höchstens noch das Schöne bewahren, das wir haben. Das ist nicht der Weg Jesu, das kann nicht der Weg der Kirche sein. Wie der Weg aber aussehen kann, darüber müssen wir auch vor Ort nachdenken: In den Räten, in Initiativen, in Neuanfängen. Und ganz gewiss nicht ohne Sie: Austräger des Glaubens! Dringend gesucht! Deutlich mehr als ein Nebenverdienst!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Der Geist der heraus- und zusammenführt

Liebe Schwestern und Brüder,

man glaubte seinen Augen nicht zu trauen bei dieser Nachricht: Die britische Premierministerin Theresa May hat ein „Ministerium gegen Einsamkeit“ ins Leben gerufen.  Damit, so sagte sie, reagiert die Politik auf die Tatsache, der zunehmenden Vereinsamung wachsender Teile der Bevölkerung.  Und das betrifft immerhin 9 von 66 Millionen Briten.

Das ist in Deutschland sicher nicht anders. Nach Umfragen fühlt sich jeder fünfte im Altersbereich zwischen 80- 90 Jahren einsam und immerhin jeder siebte im Altersbereich zwischen 25- 36 Jahren.  In diesem Sinne kennt Einsamkeit kein Alter. Und wenn man dazu nimmt,  wer sich zuweilen einsam fühlt oder zumindest davor Angst hat, würden die Zahlen erst recht in die Höhe schnellen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, wenn ich jetzt und hier eine Umfrage machen würde: Fühlen Sie sich, fühlst  du dich einsam - dass da kaum jemand mit „Ja“ antworten würde.  Einsamkeit ist ein Makel und mit Scham besetzt- obwohl das vollkommener Quatsch ist. Einsame Menschen sprechen kaum darüber, in der Außendarstellung ist meist alles in Ordnung – aber wie es „drinnen“ aussieht ist ein ganz anderes Thema. Da denkt man im Geheimen: Alle anderen gehen nach draußen und sind glücklich. Ich kann das nicht, gehöre nirgends richtig dazu.  Dazu kommt der Stolz, der es verhindert, dass man um Hilfe bittet. Und das nagende Gefühl, dass man es gar nicht wert ist, von anderen geliebt zu werden. Das innere Verschlossen- sein korrespondiert oft mit dem Äußeren: Heruntergelassene Rollladen oder zugezogene Gardinen. Irgendjemand hat einmal das Bild gebraucht, dass die Einsamkeit einem Gefängnis gleicht, das aber nur von innen geöffnet werden kann.

Oder von oben! Davon erzählen die Apostelgeschichte und das Evangelium. Hinter verschlossenen Türen sitzen die Apostel, gefangen in ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit. Bis Jesus zu ihnen kommt, bis der Heilige Geist hereinbricht.  Die Apostelgeschichte beschreibt das in den kraftvollen Bildern, die wir alle kennen:  Der Sturm und die Feuerzungen! Im Evangelium ist es eher der leise Hauch und die Zusage: „Empfangt den Heiligen Geist“! Aber das Ergebnis ist das Gleiche: Die Jünger sperren ihr Gefängnis aus Angst und Einsamkeit auf, sie treten hinaus ins Freie und sagen allen, was ihnen wichtig ist. Sie sprechen von ihrem Glauben an Gott und von Jesus, in dem uns die Liebe dieses Gottes so nahe gekommen ist. Und das Wunder des Verstehens geschieht: über Grenzen hinaus, sogar Sprachgrenzen hinaus. Nicht alle, aber sehr viele lassen sich ansprechen, im wahrsten Sinn des Wortes: begeistern. Die erste christliche Gemeinde entsteht. Mit vollem Recht nennt man Pfingsten deshalb den Geburtstag der Kirche!

Der Geist Gottes ist ein Geist gegen die Einsamkeit. Er gibt den Jüngern die Kraft ihr selbst gebasteltes Gefängnis aufzuschließen und zu verlassen.  Er führt sie hinaus ins Weite und in eine neue Gemeinschaft. „Ein Mensch ist kein Mensch“ heißt es in einem Spruch, und erst recht gilt: „Ein Christ ist kein Christ“. Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt: im Leben und im Glauben! Und so sehr wir in jeder natürlichen Gemeinschaft einen „guten Geist“ brauchen, so sehr lebt die Gemeinschaft der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes!

Liebe Schwestern und Brüder,

der Geist Gottes ist ein Geist der heraus- und zusammenführt. Darauf dürfen wir vertrauen- ohne dass damit alles gelöst ist, was sich unter dem großen Wort „Einsamkeit“ subsummieren lässt. Aber mit und in diesem Geist können wir klarer sehen und besser unterscheiden, was uns umgibt. Einige Hinweise:

  • Nicht jedes Alleinsein ist schon Einsamkeit. Manchmal sehnen wir uns regelrecht danach einmal allein zu sein und wir müssen lernen, das genießen zu können. Und manchmal brauche ich das Alleinsein sogar, damit ich wieder mehr zu mir und auch Gott kommen kann.
  • Es gibt aber auch die belastende, krankmachende Einsamkeit. Und so sehr es stimmt, dass jeder, der darunter leidet, sein Gefängnis selber von innen aufschließen muss, so sehr ist es dennoch auch eine Anfrage an Gesellschaft und Kirche!
  • Eigentlich sind wir so gut vernetzt wie keine andere Gesellschaft vor uns. Jederzeit, immer, permanent: Im Internet, auf Facebook, mit Whats App. Wenn heute unsere Eltern oder Großeltern noch einmal auf diese Welt kämen, auf die Straßen hinaus gingen, würden sie vielleicht fragen: Wo schauen denn die Leute hin? Wen schauen die Muttis an, die ihre Kinderwagen schieben? Und wir ihnen erklären müssten: Die schauen auf ein kleines Wunderkästchen, das offensichtlich viel interessanter ist als alles andere um sie herum. Dann würden sie staunen und sich ihre eigen Gedanken machen- oder uns den Vogel zeigen. Und ein wenig hätten sie Recht. Wir müssen aufpassen, dass wir bei all den neuen Medien die ganz normale Kommunikation nicht verlernen. Denn die ist und bleibt das beste Gegenmittel gegen die Einsamkeit.
  • Ein weiterer Gedanke: Vor kurzem habe ich von Menschen aus Ghana gelesen, die heilfroh sind, wieder in ihrem Heimatland zu sein. Sie haben dort weniger Komfort: Aber sie sind wieder in einer Welt, in der die Religion zum Leben gehört und man sich wieder traut, andere spontan zu besuchen. Der europäische Individualismus, der nur noch die Selbstverwirklichung kennt, wird zuweilen so sehr auf die Spitze getrieben, dass Gemeinschaft schon fast als Bedrohung des Eigenen gesehen wird. Viele sind nicht mehr willens und fähig zu einer Bindung.  Der unersetzbare Wert von ganz normalen Familien geht unter in Gedankenlosigkeit und Genderwahnsinn. So ein steriles Europa wird in Zukunft noch viele Ministerien gegen Einsamkeit brauchen.
  • Ein letzter Gedanke: Kirche lebt aus dem Heiligen Geist, aus jenem Geist der heraus- und zusammenführt. Dann muss Kirche auch ein Ort sein, an dem Menschen dies erfahren. Manchmal denke ich mir: Was denken Menschen, die vielleicht zum ersten Mal zu uns kommen, die Anschluss suchen. Gibt es da Leute, die ihnen zulächeln? Sie wollkommen heißen? Einmal ansprechen und Freude darüber zeigen, dass sie gekommen sind? Oder gibt es abweisende Mienen oder  sogar einen bösen Blick, weil der Neue „meinen Platz“ besetzt hat?

Liebe Schwestern und Brüder,

Pfingsten gibt es nicht ohne uns. Denn entweder feiern wir ein persönliches Pfingstfest oder wir feiern gar keines. In einem jeden von uns will der Heilige Geist wirken, in mir will er wirken. Mich herausführen aus meiner Angst und Einsamkeit, mich hineinführen  in Gemeinschaft und Kommunikation.      Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Drunter und drüber“

geht´s zurzeit in der deutschen Bischofskonferenz. Da ist ein Hauen und Stechen, wie man es lange nicht mehr erlebt hat. Und man merkt, dass ein Mann wie der verstorbene Kardinal Lehmann fehlt, dem es gelang, Gegensätze zu moderieren und verschiedene Positionen im Dialog zu halten.

Da ist zum einen der Streit ums Kreuz. Die Bayerische Landesregierung hat vorgeschrieben, dass in allen Behörden ein Kreuz zu hängen habe. Natür­lich hat das mit Politik, Wahlkampf und Taktik zu tun. Trotzdem erachte ich es als „delikat“, um ein harmloses Wort zu gebrauchen, dass ausgerechnet der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz das ungewöhnlich scharf kritisiert und meint, dass es dadurch zu „Spaltung und Unruhe“ kommt. Da­mit reiht Marx sich ein in die Mainstream-Argumentation, die aber oft nur eine totale Trennung von Staat und Kirche anzielt und das Kreuz am liebsten ganz aus der Öffentlichkeit verbannen möchte. Dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch den Herrgottswinkeln in den bayerischen Gasthäusern an „den Kragen geht“. Da ist mir die Argumentation Söders, und wenn sie noch so sehr vom Wahlkampf motiviert sein mag, viel näher: Das Kreuz sei ein Zeichen, das zur Identität unseres Landes gehört. Wer das ausblende, mache es zu einem bloßen Siedlungsraum, der sich von seinen Wurzeln und Werten entfremdet habe und eben gerade nicht mehr das ist, was Menschen brauchen, nämlich „Heimat“. Offensichtlich sieht das auch der Regensburger Bischof so, der das Aufhängen von Kreuzen - übrigens nicht Kruzifixe – ausdrücklich begrüßt. Und noch an einer anderen Stelle hakt es. In der Frage der Eucharistie - Zulassung für evangelische Partner konfessionsver­schiedener Ehen. Wie manche meinen „überhastet“ sollte ein Erlass herausgegeben werden, der eine weitgehende „Einzelfallregelung“ vorsah. Sieben Bischöfe, an der Spitze Kardinal Woelki, finden dieses Vorgehen falsch und haben sich an den Papst gewandt mit der Bitte um theologische Klärung. Jedem Interessierten ist einsehbar, dass das eine drängende Frage ist, gerade für Eheleute die in „ihrer“ Kirche beheimatet sind. Aber man möge auch den sieben Bischöfen abnehmen, dass sie sich nicht aus „Spaß an der Freude“ nach Rom gewandt haben. Vielmehr geht es hier um die Eucharistie, das „Allerheiligste“, das der Kirche geschenkt ist. Da haben theologische und taktische Tricksereien keinen Platz und wenn nötig, muss um den rechten Weg gestritten werden. Wenn Bischof Feige in der „Zeit“ eine solche Diskussion „makaber und beschämend“ nennt, finde ich das mehr als seltsam. Der Papst zumindest hat inzwischen ein Gespräch angemahnt, das darauf achtet die Einheit zu wahren.

Dass es „drunter und drüber“ geht, das kommt in den besten Familien vor. Warum nicht auch in der Deutschen Bischofskonferenz? Das kommende Pfingstfest ist ein guter Anlass, um den Geist Gottes zu beten. Diesen Geist, der Wahrheit und Klarheit schenkt und zur Einheit zusammenführt.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Zeugen

Zeugen und Zeugenaussagen sind vor Gericht oft entscheidend. Sie sind immer noch das wich­tigste Instrument der Wahrheitsfindung. Zwar weiß man heute besser als früher um die Relati­vität der Zeugnisse. Unser Gehirn „konstruiert“ ja immer auch das, was wir Erinnerung nennen und fügt es zu einem Ganzen zusammen. Und spielt der Wirklichkeit damit auch manchen Streich. Das relativiert aber die Zeugenaussage als Gan­zes nicht. Denn natürlich nehmen Zeugen Ent­scheidendes wahr und können es in der Regel auch adäquat wiedergeben. Das gilt auch für die neutestamentlichen Zeugnisse von der Auferste­hung Jesu.

In einem der ältesten Texte des Neuen Testa­ments spricht der Apostel Paulus von denen, die Zeugnis geben können, dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist. Er spricht von Petrus und den Aposteln, von fünfhundert Brüdern und von sich selbst. Es ist kaum denkbar, das zu be­haupten, wenn jeder in Jerusalem gewusst hätte, dass das nicht stimmt, dass der Leichnam Jesu noch im Grab ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, an der Wahrheit dieses Zeugnisses zu zweifeln.

Auch in den Evangelien wird von vielen Men­schen berichtet, denen der Auferstandene be­gegnet ist und die dies bezeugen. So sehr diese Zeugnisse in Einzelheiten differieren, so sehr stimmen sie im Wesentlichen überein: Dass Je­sus auferstanden ist und lebt. Dass es derselbe Jesus ist und dass er doch in „einer anderen Weise“ gegenwärtig ist. Es geht also nicht einfach nur um die Wiederbelebung eines Toten. Jesus lebt, aber auf eine neue Art und Weise. Deshalb erkennen die Zeugen Jesus oft auch nicht auf den ersten Blick. Wie die Emmaus-jünger, deren Augen von ihrer abgrundtiefen Trauer über den Tod Jesu getrübt sind. Erst als er bei ihnen ist und das Brot bricht, erken­nen sie ihn und es gehen ihnen „die Augen auf“. Oder der „ungläubige Thomas“: Erst als Jesus ihm seine Wunden zeigt, ja ihn auffor­dert seine Hände in die Wunden zu legen, ist er überzeugt: Jesus ist auferstanden. Beson­ders berührend für mich ist immer wieder das Zeugnis der Maria Magdalena. Die frühmor­gens ans Grab kommt und es leer vorfindet. Sie spricht jemanden an, den sie für den Gärt­ner hält, mit der bangen Frage, wo der tote Leib ihres Heilandes sei. Und erst als dieser sie liebevoll bei ihrem Namen nennt: „Maria“, da erkennt sie in ihm den geliebten „Rabbuni“, „Meister“ und weiß, dass Er lebt.

Als diese letzte Geschichte vor einigen Tagen in der Kita St. Cäcilia den Kindern erzählt wur­de, da machte es die Erzieherin ganz plas­tisch. So wie Maria, so ruft der Auferstandene auch uns beim Namen. Und sie nannte laut und vernehmlich die Namen einer ganzen Reihe von Kindern.

Ja, genau so ist es: Wir dürfen den Zeugnis­sen über die Auferstehung Jesu trauen. Und wir sind berufen selber Zeugen des auferstan­denen Christus zu sein.

Durchkreuzt !

Normalerweise würden wir unser Leben gerne planen. Nach unseren Vorstellungen, so wie es uns gefällt. Doch das funktioniert nicht. Allzu oft läuft es anders. Unsere Pläne werden durchkreuzt. Unser Leben wird durchkreuzt. Ob wir es wollen oder nicht: Dieses Durchkreuzt-Werden gehört zu unse­rem Leben.

Wir feiern in wenigen Tagen Ostern. Das Fest der Auferstehung Christi. Auf dem Deckblatt sehen sie ein Auferstehungsbild­es wird zugleich das Motiv des diesjährigen Osterbildchens sein. Ein Osterbild? Mit dem Kreuz im Vordergrund? Kann das sein?

Es ist ein „Kreuz im Sonnenaufgang“ - ein wenig ähnelt es dem Kreuz in der Kirche Maria Himmelskron, das seit der Renovierung in helle, österliche Farben getaucht ist. Das Kreuz kennen die Christen als ihr Symbol, weil sie um die Auferstehung wissen. Die Auferstehung aber ist der Sieg jener Liebe, die stärker ist als der Tod. Am Kreuz, so wird es beim Evangelisten Johannes besonders deutlich, überwindet Christus den Tod. Das Kreuz ist ein Symbol des Todes und ein Symbol des Lebens.

Doch „überspringen“ können wir das Kreuz nicht. Wie auch wir Menschen nicht ein Le­ben schaffen können, aus dem wir das „durchkreuzt“ herausradieren. Das merken wir besonders auch am Ende eines Lebens. Da ist nichts planbar. Da kann es Krankheit und Pflegebedürftigkeit geben. Davor haben viele Angst. Wer könnte das nicht verstehen? Und zunehmend viele Menschen möchten auch diesen Lebensabschnitt pla­nen. Wenn es nicht mehr geht, dann eben Sterbehilfe. In Holland und Belgien ist das seit Jahren die gängige Praxis. Dort können sich Menschen, die schwer körperlich er­krankt, dement oder depressiv sind, ganz legal töten (lassen). Eigenverantwortlich.

Würdevoll. So nennen das die Apologeten dieser Regelung. Aber andere schlagen Alarm. Die Zahl dieser „Ausnahmefälle“ steigt dramatisch an und immer mehr Men­schen in dieser Situation werden unter Zugzwang gesetzt, wenn man anderen doch nur noch „zur Last fällt“.

Ob diese schreckliche Regelung, die im Grunde ein Rückfall in das Heidentum der Antike ist, an den Grenzen von Holland und Belgien haltmacht? Wohl kaum, auch bei uns gibt es diese Diskussionen. So wie man zurzeit auch darüber diskutiert, ob das Werbeverbot für Abtreibungen aufgehoben wird. Als ob Abtreibungen - Tötungen von ungeborenem Menschenleben! – ganz normale medizinische Eingriffe wären

Ostern, das Fest der Auferstehung – wollte an den Anfängen und will heute einen Ausrufepunkt setzen gegen die neuen Unmenschlichkeiten die oft im Gewand der Menschenfreundlichkeit daherkommen. Das „Durchkreuzt“ gehört zum Menschenleben dazu. Ob wir es wollen oder nicht. Aber das ist nicht das letzte Wort. Das Dunkel des Karfreitags. Unsere Hoffnung ist vielmehr der Ostermorgen! Das „Kreuz im Sonnenaufgang“ ist ein Bild dieser Hoffnung.

In diesem Sinne Ihnen allen frohe und geregnete Kar- und Ostertage!

Der erste Hirtenbrief

Unser neuer Bischof Dr. Peter Kohlgraf hat sei­nen ersten Hirtenbrief geschrieben:

„Teilen ler­nen, beten lernen, demütig werden – der Hl. Martin als Begleiter für das Bistum Mainz.“

An der Hand unseres Diözesanpatrons skizziert er, wie die Kirche in unserem Bistum in den nächsten Jahren aufgestellt sein soll.

Zum einen lehrt der Hl. Martin eine Kirche des Teilens. Unser Bischof schreibt:

„Die Erzählun­gen über den Hl. Martin sind nicht nur freundli­che Geschichten. Sie zeigen einen Menschen, dem das Evangelium in Fleisch und Blut überge­gangen ist. Für unsere Zukunft stelle ich mir eine Idee von Seelsorge vor, die das Evangelium zur Grundlage nimmt und auf die Not der Zeit und der einzelnen Menschen antwortet.

An erster Stelle kann dann nicht mehr die Frage stehen, wie wir Bestehendes erhalten, sondern wie wir das, was wir haben, für andere Menschen ein­setzen können. Das ist ein grundsätzlicher Haltungswechsel. ... Martin teilt jedoch nicht nur materiell. Er teilt seine Zeit, sein Leben, seine Aufmerksamkeit. Und er teilt seinen Glauben. Neben den vielen diakonischen Feldern müssen wir eine neue Freude und Begeisterung für das Teilen des Glaubens entwickeln.“

An zweiter Stelle ruft Bischof Kohlgraf dazu auf, mit dem Hl. Martin eine „Kirche des Betens“ zu werden:

„Martin gründete Klöster, in denen Menschen lebten, die sich von seiner Liebe zum Gebet anstecken lassen. Aus dem Gebet heraus entsteht die Mission, die Sendung in die Welt. Für Martin ist die Liturgie und das persönliche Beten eine unverzichtbare Quelle. Wenn wir uns auf neue Wege im Bistum begeben, dann geht es nicht darum, immer noch mehr und mehr zu tun. Unser Handeln wird dann sinnvoll, wenn es aus dem Vertrauen aus Gott kommt, aus seinen Quellen ... Der Hl. Martin ermutigt uns heute, nach einer Frömmigkeit zu suchen, die sich in der Welt bewährt, die auch intellektuell aus­kunftsfähig bleibt.“

Und schließlich der dritte Punkt: Mit dem Hl. Martin eine „demütige Kirche“ werden:

„Die Legende berichtet, wie sich Martin sträubt, Bischof zu werden. Er muss bei vielen seinen Mitbrüdern erleben, wie sie sich über die Macht definieren. ... Wir werden in der Kirche anerkennen müssen, dass wir an pastoraler Macht über Menschen und auch politischem Einfluss verlieren. ... Der einzige Weg besteht heute darin, mit Argumenten zu überzeugen und die Gewissen bilden zu helfen; und er besteht darin, Menschen in den unterschiedlichen Situationen Unterstützung und Begleitung anzubieten, die ihrer Situation und dem Evangelium gleichermaßen gerecht werden.“

In einfachen Worten beschreibt Bischof Kohlgraf seine „Vision“ von Kirche im 21. Jahrhundert.

Er wird sie nicht allein verwirklichen können. Ma­chen wir uns mit ihm auf den Weg! Einen guten Begleiter haben wir dabei: Den Hl. Martin.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Zum Jahresanfang 2018 ein paar Themen, bunt gemischt:

  • Vor einigen Wochen hatte ich im Vorwort die Sorge geäußert, dass unsere Orgel in Maria Himmelkron bald „keine Töne“ mehr haben könnte. Es wurde darüber nachgedacht, eine Elektroorgel zu kaufen. Hier gibt es inzwischen eine neue Entwicklung. Eine erneute Begutachtung der Orgel durch die Firma Orgelbau Vleugels erbrachte ein wesentlich anderes Ergebnis als das bisherige Gutachten. Die Reparatur der Blasebälge kann deutlich günstiger erfolgen. So hat sich der Verwaltungsrat entschlossen, dies auch baldmöglichst zu beauftragen. Wohl schon Ende Januar kann das geschehen sein und die Orgel bleibt uns erhalten.
  • Immer wieder werde ich nach dem Pfarrheim St. Cäcilia gefragt und oft mit dem leichten Vorwurf: Passiert denn da gar nichts? Doch, es passiert einiges. Klar ist: Das alte Pfarrheim kann nicht erhalten bleiben. Im Zuge alternativer Nutzungsvarianten wurde es noch einmal „auf den Kopf gestellt“. Mit dem Ergebnis: Es ist marode von unten (feuchtes Untergeschoss) und von oben (ein durchlässiges, vielfältig kaputtes und nicht isoliertes Dach). In den nächsten Wochen wird klar werden, ob die Variante neues Pfarrheim mit Wohnungen oder andere Varianten realisiert werden.
  • Furore machte in den letzten Wochen Papst Franziskus mit seiner Kritik an der Übersetzung des „Vaterunser“. Vor allem die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Nun ist „leider“ die Übersetzung ziemlich korrekt und dem griechischen Urtext des Neuen Testamentes entsprechend. Das kann auch ein Papst nicht ändern. Aber inhaltlich hat Franziskus recht. Diese Bitte kann Kopfzerbrechen bereiten: Sollte Gott uns in Versuchung führen? Für mich ist das ein Anlass in den Fastenpredigten dieses Jahres über das „Vaterunser“ zu sprechen, insbesondere auch über die Versuchung-Bitte.
  • Konferenzen sind oft nervig und ineffektiv. In Augsburg fand dieser Tage eine statt, die anders zu sein schien. Es ging um die Mission als zentrales Element der Kirche. Jeder spürt, dass die Gestalt der „alten Kirche“ vergeht. Entweder gehen wir unter mit fliegenden Fahnen oder es gibt einen Neuaufbruch in unserer Kirche. Zusammengefasst kann man all das im „Mission Manifest“ nachlesen.
    Googeln sie das einmal. Kirche – und das heißt jeder(!!!) Christ – muss wieder missionarisch werden. Und alles beginnt damit, dass wir uns selbst „zur Freude des Evangeliums bekehren, um andere zu Jesus führen zu können“.

Soweit das Vermischte - und man merkt: Es bleibt auch im neuen Jahr spannend!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

So menschlich! So göttlich!

Weihnachten ist und bleibt im Empfinden der Menschen „das“ christliche Fest schlechthin. Das hat einen einfachen Grund: Weihnachten kann man sich - im Gegensatz zu anderen christlichen Festen - vorstellen.

Es ist so menschlich! So anschaubar! Maria und Josef und das Kind! Mit einem Kind, einer Familie, damit verbindet jeder etwas. Und weiß intuitiv: Das ist Leben, Hoffnung, Zukunft. Doch gera­de an diesem Weihnachtsfest 2017 kommen mir auch andere Gedanken: Im Sommer hat der Deutsche Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen.

Nicht mehr Mann und Frau, sondern auch Mann und Mann, Frau und Frau seien damit gemeint. Damit will man allen ge­recht werden, aber verfehlt leider das Besondere der Ehe. Dass da „Verschie­dene“ zusammenkommen und dass so Leben weitergegeben wird. Das ist in die Natur und Kultur der Menschheit hineingeschrieben. Und bei allem Res­pekt: Das kann auch ein Parlament nicht ändern.- Das neugeborene Kind von Bethlehem erinnert an viele Kinder, die das Licht der Welt nie erblicken dürfen. Aber selt­sam, das scheint gar kein Thema mehr zu sein.

Der Chefredakteur der Welt, Ulf Poschard meint dazu: „Darf man eigent­lich noch ein mulmiges Gefühl haben, wenn man die Eiseskälte beim Thema Abtreibung gespenstisch findet? Oder ist das politisch inkorrekt und reaktionär?“ Wie surreal die Diskussion zuweilen ist, wird mir persönlich auch deutlich, wenn man die Anstrengungen um die Inklusion anschaut. Behinderte Menschen sol­len am normalen Leben teilhaben kön­nen. Das ist gut so. Aber: Dass vorge­burtlich eine regelrechte Jagt auf behin­dertes Leben gemacht wird, interes­siert niemanden. Frau, Mann, Kind - Weihnachten ist so menschlich! Aber das Menschliche muss immer wieder bedacht und beschützt werden. So wie Maria auf dem Bild auf der Vorderseite ihr Kind bewahrt und be­schützt. Das Leben ist in unsere Hand gegeben. Das ist eine große Verantwor­tung. Und das spürt man vielleicht am elementarsten, wenn man ein kleines Kind in seinen Händen hält.

Weihnachten ist aber auch so göttlich! In diesem kleinen Kind kommt der große Gott zu uns. Gott wird Mensch. Deshalb der Glanz der von der Krippe ausgeht, deshalb der Gesang der Engel! Gott ist „ins Fleisch“ gekommen - Inkarnation! - darüber kann man nicht genug staunen. Und wer staunt, für den ist es ein kleiner Schritt zum Loben und Danken, ein kleiner Schritt zur Anbetung. „Kommt, lasset uns anbeten“- so sagen es die Hirten und ziehen nach Bethlehem.

Ich wünsche Ihnen und allen Menschen, die zu Ihnen gehören, frohe und gesegne­te Weihnachten. Feiern Sie Weihnachten: göttlich und menschlich! Und gehen Sie unter Gottes Segen hinein in das neue Jahr 2018!

Ihr
Martin Weber, Pfarrer

Zumutungen 2017

Von diesen kann jeder erzählen. Zumutungen sind zuerst einmal Belastungen. Niemand sucht sich Zumutungen aus. Aber sie wecken auch etwas in uns: Kräfte und die Bereitschaft, sich nicht unterkriegen zu lassen. Den Mut, Dinge anzunehmen und zu gestalten.

Von Zumutungen spricht auch unser Bischof, Peter Kohlgraf in einem adventlichen Brief an die Gemeinden im Bistum Mainz. Gott, so sagt un­ser Bischof, mutet der Kirche in unserer Zeit einiges zu. Vor allem Veränderungen. Wir spüren das in unseren Gemeinden. Die Zahlen sinken weiter: Die der Gottesdienstbesucher, die der Ehrenamtlichen, die der Priester. Auch wenn man manchmal den Eindruck hat, das sei in Heusenstamm doch noch ganz komfortabel, der Eindruck täuscht. Der Abbruch beginnt ganz vorne. Immer weniger Brautpaare heiraten kirchlich – trotz unserer „Hochzeitskirche“ St. Cäcilia – und immer weniger – noch selbst getaufte – Eltern lassen ihre Kinder taufen. Das alles ist schon lange bekannt, aber jetzt schlägt es immer mehr durch.

Auch das Bistum Mainz wird in dieser Zeit nicht darum herumkommen, sich neu zu organisieren. Größere Einheiten und Zusammenlegungen. Reduzierung von Immobilien. Große Anstrengungen im Bereich der Finanzen. In der Tat, da wird uns einiges zugemutet werden. Aber genau das ist die Zeit, in die Gott uns hineingestellt hat. Nicht um zu klagen und mutlos zu sein, sondern zu schauen: Was gibt es an Wertvollem und Wichtigen in unseren Gemeinden? Was ist die Glut, die wir immer noch in uns tragen und die wir neu entfachen können? Es nützt nichts, nur der Asche hinterher zu trauern, es geht um die Glut. Das meinen wir, wenn wir von der (lebendigen) Tradition sprechen.

Im Advent lädt uns die Kirche ein, zu wachen und zu beten. Wachen bedeutet aufmerksam zu sein für Gottes oft leise Stimme. Was sagt Er zu uns in diesen Zeiten des Umbruchs? Bischof Kohlgraf zitiert den früheren Kardinal von Paris, Kardinal Lustiger, der einmal geschrieben hat: „Das Christentum in Europa steckt noch in den Kinderschuhen, seine große Zeit liegt noch vor uns! Eine Kirche, die der Überzeugung wäre, ihre große Zeit liege hinter ihr und sie habe jetzt nur noch das Schlimmste zu verhüten ... hätte geistig kapituliert und wäre damit auch als Kultur prägende Kraft am Ende. Im Gegenteil, die Kraft muss neu entwickelt werden, auch die gegenwärtige Kultur, das Den­ken, die Wirklichkeit ... aus dem Geist des Evangeliums neu prägen zu können.“

Gott mutet und traut uns vieles zu, so schreibt Kohlgraf am Ende seines Briefes. Auch hier in Heusenstamm. Auch in unseren Gruppierungen und Familien. Jedem einzelnen. So wünsche ich Ihnen eine gesegnete Adventszeit und eine gute Vorbereitung auf das kommende Weihnachtsfest.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Die Gemeinschaft der Heiligen und der Dreiklang „Triathlon von Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe“

Das war ein spektakulärer Sieg und Rekord: In ziemlich genau 8 Stunden hat Patrick Lange den Ironman in Hawaii gewonnen. 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Fahrradfahren und 42 Kilometer laufen – und das Ganze bei tropischen Temperaturen. Vor kurzem durfte sich Lange in das Goldene Buch seiner Heimatstadt Darmstadt eintragen. Dabei erzählte er folgende Geschichte: Ungefähr bei Kilometer 5 des Marathons – da hatte Lange noch neun Minuten Rückstand auf die Spitze – habe ihm ein Zuschauer im Trikot von Darmstadt 98 zugerufen: „Johnny ist bei dir!“ Dazu muss man wissen: Johnny, Jonathan Heimes, war ein großer Fan der Darmstädter. Schon schwer an Krebs erkrankt, rief er die Initiative ins Leben: Dumusstkämpfen. Auch nach seinem Tod ist er dort unvergessen. Und Lange sagt: Das habe ihn gepusht, geholfen, ihn zum Sieg getragen. „Es hat sich angefühlt“, so sagt er, „als ob mich ab diesem Moment jemand noch ein bisschen geschoben hätte“. Und so schreibt er ins Goldene Buch: „Danke Jonathan Heimes, dass Du mich auf der Strecke begleitet hast. Dein Weltmeister Patrick Lange.“

Liebe Schwestern und Brüder,
ich habe keine Ahnung, ob Patrick Lange sich selbst als religiös bezeichnen würde oder einer Kirche angehört. Aber das, was er sagt ist für mich eine wundervolle Umschreibung dessen, was wir am 1. November feiern und in jedem Credo bekennen, dass wir nämlich an die Gemeinschaft der Heiligen glauben. (Der christliche Gott ist von Anfang an kein „einsamer“ Gott. Schon in sich ist er Gemeinschaft und Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Und er ist nicht denkbar ohne die Vielen, die zu ihm gehören. Die Gemeinschaft der Heiligen eben.)  Dazu gehören alle, die in der Taufe mit Gott verbunden sind und alle, die in der Messe diese Verbundenheit feiern. Also wir! Dazu gehören natürlich die vielen großen und kleinen Heiligen. Die, deren Namen wir kennen und die, die unbekannt sind, deren Namen aber im Buch des ewigen Lebens eingetragen sind.

Dazu gehören auch unsere Verstorbenen. Ich weiß, das klingt für viele unrealistisch. Die meisten Menschen denken: Mit dem Tod ist alles aus. Wenn wir das auch denken würden, dann könnten wir den Laden zumachen. Unser Glaube ist aber ein anderer: Gott ist ein Gott des Lebens. Und seine Liebe endet nicht an der Grenze des Todes. Die Verstorbenen – und das ist einer meiner Lieblingsformulierungen – gehen uns nur voraus. Irgendwann – und niemand von uns weiß die Stunde, außer Gott – werden wir ihnen folgen. Die Grenze zwischen Tod und Leben ist deshalb keine absolute. Aber das alles nicht im Sinne esoterischer Spinnereien oder eines Flaschendrehens für Erwachsene. Sondern im Glauben an den Gott, der Zeit und Ewigkeit vereinigt. Im Glauben an Gott, der eine große Gemeinschaft um sich versammelt, die „Gemeinschaft der Heiligen“

Und im Übrigen: vielleicht haben wir ja schon Ähnliches erfahren wie Patrick Lange. Wenn wir gespürt haben: Da waren wir in einer bestimmten Situation nicht allein, da fühlten wir, dass uns jemand beschützt oder puscht. . Da waren wir am Grab und haben gemerkt: Der geliebte Mensch ist uns fern und doch auch so nah. Gegen die Angst, die in jedem von uns lauert: „Im letzten bist du mutterseelenallein“, sagt uns unser Glaube: „Du bist hineingenommen in die große Gemeinschaft der Heiligen!“

Und sie helfen uns, dass wir im Triathlon unseres Lebens nicht versagen. Was dieser Triathlon ist, das sagt uns Jesus im heutigen Evangelium. „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“

Diese drei Übungen und Disziplinen machen den Christen aus.

„Gott lieben“ im Gebet, in der Mitfeier der Messe, in der Achtsamkeit dafür, in allen Dingen Gott zu suchen.

„Den Nächsten lieben“ ist immer konkret und deshalb einfach und schwer zugleich. Denn da geht es um Menschen, die mir wirklich am „nächsten“ sind, aber nicht im Sinne der Sympathie, sondern ganz schlicht: sie sind uns nah.

„Wie dich selbst“ – diese dritte Disziplin hat man oft vergessen. Aber Selbstliebe und Selbstannahme sind keine Erfindung des Teufels, sondern ein Geschenk Gottes. Wer sich selbst nicht mag, wird auch andere nicht mögen und dessen Gottesliebe ist allzu oft verkrampft und unecht.

Liebe Mitchristen,
ich wünsche Ihnen und mir viel Erfolg im Triathlon unseres Lebens und Glaubens. Dass wir Gott lieben, unseren Nächsten und uns selbst. Und dass wir bei alldem die Gewissheit haben dürfen, hineingenommen zu sein in eine große Gemeinschaft, die noch nicht einmal durch den Tod unterbrochen wird. Und der Gott zugesagt hat, dass Er in ihr einmal „alles in allem“ sein wird.    
Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

750 Jahre Rembrücken

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