Predigten

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„Die alte Leier“ oder das neue Lied?!

„Immer die alte Leier“- antworten wir zuweilen genervt, wenn jemand dauernd dieselbe Platte auflegt, sich dauernd wiederholt.

„Immer diese alte Leier“- fast kann man die Uhr danach stellen. Das kann dann heißen:

  • Es wird alles schlechter, schwieriger- manchmal ausgesprochen, viel öfters gedacht.
  • Beliebt sind auch Verallgemeinerungen: Es ist doch immer dasselbe, da ändert sich nie was
  • Oder die Verweigerung Neues zu hören, indem man zum hundertsten Mal eine Story aus dem eigenen Leben herauskramt- und dem anderen endgültig die Lust nimmt weiter zu erzählen.
  • Gerne genommen werden auch Stoßseufzer: Wenn ich noch mal jung wäre…; wenn der oder die mir nicht böse mitgespielt hätten……
  • Und immer wieder beliebt: Floskeln und Redewendungen, die bei passender oder unpassender Gelegenheit in Stellung gebracht werden.

Nun ist mir schon klar, dass für viele Menschen der christliche Glaube auch zu dieser „alten Leier“ gehört. In die Jahre gekommen. Früher mal interessant. Aber heute: Im Zeitalter der Digitalisierung und Biotechnologie? Erst recht gilt das für den Gottesdienst. Langweilig. Immer das Gleiche sind Qualifizierungen, die oft zu hören sind. Nicht nur aus dem Mund junger Menschen. Ob die Gruppe „Unheilig“ das im Blick hat, als sie sang: „Immerzu die alte Weise, lauschen ihm nur noch die Greise…“?

Nun feiern wir heute ein Fest, das mit der beschriebenen alten Leier so gar nichts zu tun hat.  Immerzu werden wir in dieser Nacht/ an diesem Tag aufgefordert, das neue Lied zu singen und nach den langen Wochen der Fastenzeit ertönt endlich wieder der frohe Hallelujaruf in allen möglichen Variationen. Das „ neue Lied“ ist allerdings viel mehr als ein Gesang. Es ist die Antwort auf das umstürzend Neue, das Gott uns in der Auferweckung seines Sohnes schenkt.

Die „alte Leier“ singen noch die Frauen, von denen wir im Evangelium gehört haben und die zum Grab kommen. So liebevoll das gemeint war. Sie kommen um den Leichnam zu salben. Wenigstens noch etwas tun. Aber es bleibt Toten- Leichendienst.

Diese „alte Leier“ wird bis heute gesungen: Ohne Hoffnung, aber doch freundliche Worte: Wir werden sie oder ihn nie vergessen Oder: Ruhe sanft“. Oder: „Sie lebt fort in den Kindern. Oder esoterisch verbrämt: Die Seele wandert in eine andere Hülle. Das „neue Lied“ klingt anders: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden“. Das neue Lied spricht von der Macht Gottes über den Tod und davon, dass wir alle in dieses Leben hineingenommen werden. So wie wir sind, mit unserer Geschichte, mit dem, was zu uns gehört, mit unserer Einzigartigkeit.-Die Frauen am Grab lassen sich überzeugen und singen fortan dieses neue Lied. Die Jünger brauchen etwas länger, bevor auch sie einstimmen. Und bis heute ist dieses Lied nicht verstummt. Bis hinein in unsere Osterfeier. Wir alle sind berufen es zu singen. Wir alle sollen und dürfen Zeugen der Auferstehung sein!

Liebe Schwestern und Brüder,

dass wir als Christen dieses neue Lied der Auferstehung singen- und nicht die ewig gleiche Leier  daher machen, ist wichtiger denn je!

  • Als Menschen brauchen wir es. Wir sind sterblich und jeder macht sich Gedanken. Wie ist es nach dem Tod? Wie ist es mit dem Kind das gestorben ist, dem mitten aus dem Leben gerissenen Menschen: Haben die bloß Pech gehabt- und es gibt für dich und mich Hoffnung? Hoffnung über dieses irdische Leben hinaus! Hoffnung aus dem Ostersieg Christi!
  • Ostern macht den großen Unterschied: Es ist wie ein Plus oder ein Minus vor einer mathematischen Klammer. Für mich ist Ostern das Plus vor der Klammer unseres Lebens, das alles verändert!
  • Als Gesellschaft brauchen wir diesen Glauben. Wir brauchen Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus für das Leben einsetzen. Auch für das kranke, behinderte, alte, auch für das ungeborene Leben. Ich kann nicht das „neue Lied“ singen, wenn ich nicht auch dazu bereit bin. Christen sind von Ostern her Botschafter für das Leben!

Als in dieser Woche Notre Dame in Paris gebrannt hat, twitterte jemand: „Wenn die Kirche im Herzen der Stadt brennt, spürt man, was verloren geht, wenn das Christentum aus dem Herzen Europas schwindet“.          Ich denke, das trifft ins Schwarze. Christen waren und sind keine „Himmelskomiker“, wie man uns manchmal nachgerufen hat. Sondern Menschen, die sich aus ihrem österlichen Glauben leidenschaftlich und liebend in diese Welt hineingegeben und sie so geprägt und verwandelt haben. Die aber zugleich wissen: Diese Welt ist nicht alles, es gibt eine größere Hoffnung.

  • Und an dritter Stelle gilt es in der Kirche dieses „neue Lied“ zu singen! Nur weil Christus auferstanden ist, gibt es unseren Glauben. Paulus sagt das immer und immer wieder: Ohne Ostern wäre euer ganzer Glaube sinnlos, ja sogar bemitleidenswert. Kirche ist Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstanden Herrn. Er ist der alleinige Grund, dass die Kirche immer jung ist. Weil Er Alpha und Omega von allem, Anfang und Ende ist. In der Taufe haben wir Anteil an ihm. Nicht umsonst ist die Osterzeit eine besondere Zeit der Taufe und der Tauferneuerung!

Unsere Kirche steht, in unserem Bistum, in unserem Land vor großen Veränderungen. Und das in einer Situation wo so vieles krisenhaft ist. Manche verbinden mit diesen Veränderungen vor allem Strukturänderungen, Erleichterungen: Abschaffung des Zölibats, Mitbestimmung, demokratische Verfahren, Frauenpriestertum und ähnliches. Manches davon muss angegangen werden, manches klingt für mich aber ehrlich gesagt wie eine „alte Leier“. Ich denke die Veränderungen müssen tiefer ansetzen. Kirche muss missionarischer werden, mehr nach draußen gehen, das Glaubensleben und Gott wieder ernster nehmen. Und einladender: Dass andere spüren. Da wird nicht nur die alte Leier abgezogen, da singt man das „neue Lied“ des lebendigen Gottes und da ist eine Gemeinschaft, die wirklich diesen Namen verdient. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns das nur in der Kraft des österlichen Glaubens gelingen kann.

Lasst uns diesen Glauben feiern: jetzt- und in unserem ganzen Leben. Damit das neue, österliche Lied hell erklingt!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Leises Einspielen einer österlichen Weise/ Gotteslob: 329,5: „Nun singt dem Herrn das neue Lied/ in aller Welt ist Freud und Fried/ Es freu sich, was sich freuen kann/ denn Wunder hat der Herr getan.

„Werft die Netze aus!“

Mit diesem Wort sind wir mitten drin im Ostergeschehen. Der auferstandene Jesus kommt zu seinen Jüngern, die schon wieder in ihrem Alltag sind; am See Genezareth beim Fischen. Doch in dieser Nacht haben sie weder Glück noch Erfolg. Ihr Fang ist mehr als bescheiden. Da sagt Jesus ihnen: „Werft noch einmal die Netze aus!“ Und das, obwohl sie vorher so lange schon erfolglos gearbeitet haben. Obwohl sie wissen, dass am Tag die Aussichten beim Fischen gering sind. Wieder einmal ist es Petrus - der Petrus, der Jesus noch vor einigen Tagen verleugnet und es so ehrlich bereut hat - der die Antwort gibt: „Auf Dein Wort hin wollen wir noch einmal die Netze auswerfen!“

Am Ende bringen sie so viele Fische mit nach Hause, dass ihre Netze zu reißen drohen. Das Zentrum für Berufungspastoral der deutschen Bischöfe hat dieses Wort für den alljährlichen Gebetstag um geistliche Berufe ausgewählt. Obwohl sie wissen, wie es um die Kirche steht. Die in einer tiefen Krise ist. Ganz unten. Aber gegen alle Resignation und Enttäuschung heißt es in der Einladung zu diesem Gebetstag: „Wir sind überzeugt, dass Gott auch in unseren Tagen in seine Nachfolge ruft; dass es gerade heute erfüllend sein kann, sich in seinen Dienst zu stellen.“ Als Priester, als Ordenschrist oder in einem pastoralen Beruf.

„Werft die Netze aus“ - dieses Wort ist im Grunde uns allen gesagt. Immer wieder gilt es - wie im richtigen Leben - Enttäuschung und Resignation zu überwinden. Die Netze auszuwerfen: In unseren Familien, im Beruf, in den Vereinen und nicht zuletzt in unserer Kirche.

Das Bistum Mainz steht vor großen Veränderungen. Pfarreien werden zusammengelegt: Im Dekanat Rodgau sollen in den nächsten Jahren aus acht Pfarreien bzw. Pfarrgruppen drei werden! Wir werden nicht mehr alle Gebäude halten können. Es wird weniger Priester und pastorale Mitarbeiter, aber auch weniger Katholiken geben. In unserem Dekanat rechnet man bis zum Jahr 2030 mit einem Rückgang von 17%!

Jetzt kann man natürlich jammern und lamentieren - und wie die Jünger sagen: Wir haben uns doch die ganze Nacht abgemüht. Oder - und das ist die andere Möglichkeit: Wir können die Ärmel hochkrempeln und schauen, was geht. Unser Bischof lädt uns ein diesen Weg zu gehen. Mit dem auferstandenen Christus an unserer Seite. Der uns zuruft: „Werft die Netze aus!“ Jetzt erst recht!

Schaut was heute auf der Tagesordnung ist. Das wird der Weg der nächsten Jahre sein. Kein leichter. Aber einer mit Chancen und vielleicht ganz neuen Perspektiven. Angst brauchen wir keine zu haben. Jesus Christus ist derselbe. Er ist der Herr von Zeit und Ewigkeit, Alpha und Omega – so ist die Botschaft des diesjährigen Osterbildes auf der Vorderseite.

Sein Kreuz ist Zeichen des Leides und Todes, aber vor allem Zeichen des Lichtes und der Auferstehung. Auch das sehen wir auf dem Bild. Von daher gewinnen wir Mut. Mut, in unserem persönlichen Leben, aber auch im Leben der Kirche auf den Ruf Jesu zu hören: „Werft die Netze aus“ und genau das zu tun: „Auf dein Wort hin!

In diesem Sinne Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Zur Initiative „Werft die Netze aus“ siehe auch die letzte Seite des Kercheblättche 06_2019, das Sie auf der Startseite unter Lese-Empfehlungen anklicken können.

Stille 2019

Auf der indonesischen Insel Bali gibt es einmal im Jahr das Nyepi Fest, der höchste hinduistische Feiertag. An diesem Tag steht in Bali das Leben im wahrsten Sinn des Wortes still. Der Flughafen bleibt geschlossen, die Fernseh- und Radiostationen verstummen und das Internet wird abgeschaltet. Die Gläubigen sind gehalten, an diesem Tag nicht zu arbeiten, das Haus nicht zu verlassen und vor allem nicht zu reden, still zu sein. Dieser Tag soll der Besinnung und der Reinigung des Inneren dienen.

Ich finde das faszinierend und merke: Bei aller Verschiedenheit der Religionen, gibt es viele Ähnlichkeiten. Denn das gehört auch in unsere Religion hinein: Die Stille. Alle großen Propheten und auch Jesus gehen in die Stille, um Gott zu begegnen. Sie wissen: Gott wohnt in einer großen Stille, transzendent. Aber er ist auch immanent, wie es die Mystiker betonen. Gott wohnt in einem jeden von uns mit seiner stillen Gegen-wart.

Wenn ich dies schreibe merke ich, wie sehr das „aus der Zeit fällt“. Kaum etwas fürchtet der modere Mensch so sehr wie Stille. Sie wirkt be¬drängend, angsteinflößend, macht unruhig, ja panisch. Man könnte etwas verpassen. Die größte Angst des modernen Menschen! Und wenn ich vom „modernen Menschen“ spreche, meine ich immer auch mich. Aber so modern ist das alles gar nicht. Der Philosoph und Mathematiker Pascal schrieb schon im 17. Jahrhundert, dass „alles Unglück der Menschen davon kommt, dass sie nicht verstehen, sich ruhig in einer Stube zu halten“. Nur die Möglichkeiten „aus der Stube“ zu fliehen sind heute ungleich größer als zu den Zeiten Pascals.

Wie kann es uns gelingen in die Stille zu gehen? Nicht, indem wir lediglich Orte aufsuchen, an denen Stille herrscht. Wir nehmen unsere Ruhe oder Unruhe ja überall mit hin. Sondern indem wir schon jetzt, im Lärm dieser Zeit Stille, einüben. Versuchen, bei uns und dem Augenblick zu bleiben. Das aussperren, was uns daran hindert. Und den Moment genießen. Es geht nicht um Neues und Mehr. Es geht um das, was da ist: Ich, die Welt um mich herum, Gott.

Von alldem spricht der norwegische Abenteurer Erling Kagge. Als erster Mensch in der Geschichte hat er die drei Pole erreicht: den Süd- und Nordpol und den Mount Everest. In einem faszinierenden Büchlein spricht er davon, dass das größte Abenteuer unserer Zeit aber die Wiederentdeckung der Stille sei. Und er ermutigt: „Ich selbst musste weit gehen, um zu erkennen, dass wir die Stille überall finden können. Man muss nur subtrahieren. Du kannst deinen eigenen Südpol finden“.

Ich denke, das ist eine gute Anregung auch für diese Fastenzeit. Der Stille immer wieder Raum geben: in uns, in unseren Gottesdiensten, im Alltag.

Das meint
Ihr Pfarrer Martin Weber

Gedanken dazu in der Andacht der Stille am 17.03.2019

Gute Gründe 2019

Es gibt - zurecht oder zu unrecht - viele Gründe die Kirche zu kritisieren. Es gibt aber auch viele Gründe für die Kirche dankbar zu sein. Zehn da­von möchte ich nennen.    
Zehn gute Gründe, in der Kirche zu sein:

Hoffnung statt Zukunftsangst (1)       
In der Kirche hören Sie die gute Nachricht von der Liebe Gottes zu den Menschen und seiner Schöpfung. Trotz und angesichts des Leids in der Welt ist es gut, darauf vertrauen zu können. Dieses Vertrauen und die christli­che Hoffnung reichen sogar über den Tod hinaus, denn wir glauben an einen Gott des Lebens.

Besinnung statt Hektik (2)
Wir leben in einer schnellen und hektischen Zeit. Da sind un­sere Kirchen und Kapellen zweckfreie Räume, stille Oasen inmitten dieser lauten Welt. In denen wir zur Ruhe kommen können und Gottes Gegenwart spüren. Stellen Sie sich unsere Städte und Dörfer einmal ohne diese Gebäude vor. Aber sie brau­chen Pflege und Unterhaltung.

Halt statt Uferlosigkeit (3) 
Die kirchlichen Sonn- und Feiertage und Festzeiten prä­gen das Jahr und geben ihm einen beson­deren Charakter. Die Kirche erinnert daran und setzt sich für die Beibehaltung dieser Tage, auch der arbeitsfreien Sonntage ein. Denn sie weiß: Ohne Sonntag ist alles nur Alltag. Deshalb ist auch der Sonntagsgot­tesdienst so wichtig. Menschen brauchen solche Haltepunkte. Und dazu gehören auch die persönlichen Festtage: Taufe, Firmung, kirchliche Trauung. All das weist darauf hin, was wirklich wichtig ist im Leben: Gottes Segen.

Klarheit statt Gleichgültigkeit (4)       
Im Leben Jesu erkennen wir wahre Werte: Nächs­tenliebe und Ehrfurcht vor dem Leben, Be­reitschaft zu Frieden und Vergebung, Friedfertigkeit und Mut zur Wahrheit. Auch wenn die Kirche in der Befolgung dieser Werte selbst immer wieder auch versagt hat, sind das die Maßstäbe, die sie immer wieder in Erinnerung ruft.

Auftanken statt Abstottern (5)    

 Die wichtigen Worte können wir uns nicht selber sa­gen. So ist es auch in der Kirche. Hier wird uns zugesagt: Du, Mensch, bist von Gott geliebt. Vor allem was du tun kannst, vor aller Leistung. In einem alten Wort nennt man dies „Gnade“. Die Kirche will ein Ort sein, wo Menschen diese Gnade Gottes erfahren können.

 Wertschätzung statt Bewertung (6)     
 Die christliche Botschaft betont die Würde je­des Menschen. In der Kirche dürfen sie sein, wie Sie sind: Mit ihren Gaben und Eigenheiten, Stärken und Schwächen. So wollen wir Ihnen begegnen: In der Seelsorge, in der Begleitung von Men­schen in den unterschiedlichsten Le­benslagen oder auch in den Beratungs­diensten der Caritas.

Solidarität statt Egoismus (7)      
Die Liebe Gottes gilt der ganzen Schöpfung. Des­halb schaut Kirche über den Tellerrand hinaus. Vielfältige Hilfsprojekte gibt es, Partnerschaften, Kooperationen. Gleichzeitig erinnert die Kirche an die Schöp­fungsverantwortung für unser „gemein­sames Haus“

Gemeinsamkeit statt Einsamkeit (8)    
Kirche ist ein Ort, wo sich Menschen begegnen. Auch solche, die normalerweise nicht zueinander finden würden. Kinder und Jugendliche, Familien und Alleinstehende und Senioren. In vielfältigen Gruppen, Kreisen und Veranstaltungen lebt die Gemeinschaft von Menschen.

Tatkräftige Hilfe statt leerer Worte (9) 
:Kirche ist Träger von Kindertagesstätten, Hospizen, Krankenhäusern, Schulen, Beratungsstellen und vielen anderen sozialen Einrichtungen  Kirche begleitet aber auch vor Ort Menschen in „guten und bösen Tagen“, von der Taufe bis zur Beerdigung. Damit ist Kirche eine der wenigen verlässlichen Ansprechpartner, die es gibt.      

Kultureller Reichtum statt Einseitigkeit (10)
Kirchliche Kunst und Kultur sind aus unserem Leben nicht wegzudenken, seit Jahrhunderten sind sie prägende Kräfte. Die Kirche pflegt diese Kultur. Setzt sich aber auch für zeitgenössische Kunst ein. In Schulen, Akademien, der Presse und der Erwachsenenbildung nimmt Kirche einen wichtigen Bildungs­auftrag wahr.

Zehn gute Gründe, durchaus zum Weitersagen. 

Ihr Martin Weber, Pfarrer


Quelle: Stichworte und Inspiration vom Ev. Kirchenbezirk Göppingen

 

Pepples ist jetzt im Katzenhimmel“

So war vor kurzem eine Todesanzeige für eine Katze überschrieben. Eine Todesanzeige für ei­ne Katze!?

Meine erste Reaktion: Kopfschütteln, Unverständnis und das Empfinden, jetzt ist aber mal gut. Und trotzdem hat mich das begleitet. Wie ist das eigentlich mit den Tieren und der Religion? Im Stall von Bethlehem gehörten sie einfach dazu: Der Ochs und der Esel und die Schafe. In vielen Heiligengeschichten sind sie nicht wegzudenken: Die Vögel, die Löwen, die Hunde. In unseren Kirchen weisen der Pelikan und das Lamm auf das Geheimnis der Eucharistie hin. So klar dieser Befund ist, so wenig denken wir im Allgemeinen ethisch oder theologisch über Tiere nach. Deshalb ein paar Hinweise – zum Weiterdenken:

- Tiere sind Gefährten der Menschen. Soziale Wesen. Sie gehören hinein in das Bezie­hungsgeflecht von Einzelnen oder Familien. Da geschieht Interaktion, auch Kommunikation, die sowohl den Menschen, als auch die Tiere betrifft. Faszinierend, welche Wirkung etwa ein Hund auf noch so schwierige Kinder ausüben kann oder wie er ein Lächeln ins Ge­sicht dementer Menschen zaubert.

- Tiere haben ein Eigenleben. Normalerweise reduzieren wir das gerne auf den Dualismus von Fressen und Gefressen – werden. Es ist mehr! Ein US Biologe hat ein Jahr lang ein kleines Waldstück beobachtet. Er schreibt: „Frei lebende Tiere, die sich miteinander ver­gnügen und an der Welt erfreuen, sind ein unglaublich starkes, unmittelbares und reales Erlebnis.....Tiere sind fühlende Wesen, keine Maschinen.“ Aus alldem folgte für Al­bert Schweitzer eine Ehrfurcht vor allem Lebendigen. Wie sehr ist uns dieses Empfinden verloren gegangen!

- Tiere nehmen wir sehr oft nur als Nutztiere wahr. Aber auch sie sind empfindende Wesen. Vor kurzem sah ich einen Bericht über Tiertransporte. Das, was man diesen Wesen da antut, ist ungeheuerlich. Eigentlich ein Verbrechen, obwohl es doch „nur“ Tiere sind.....Dieses Tierleid schreit zum Himmel!

- „Tiere essen“- ein heißes Thema. Menschen definieren sich immer mehr darüber, was sie essen. Ich bin kein Vegetarier und werde es wohl auch nie werden, aber ich spüre schon: So wie bisher können wir nicht weiter ma­chen. Tiere essen bedeutet immer auch das Töten eines einmaligen, empfindenden We­sens.

- Tiere und der Himmel: So sehr mich die Pepples-Anzeige irritiert hat, so sehr erinnert sie an eine elementare Glaubensüberzeugung. Dass Gott einmal die ganze Schöpfung vollenden will. Und zu dieser Schöpfung gehören nicht nur wir Menschen, sondern selbstverständlich auch die Tiere.

So hat uns eine auf den ersten Blick skurrile Anzeige auf Wichtiges hingewiesen: Dass die Tiere vor Gott unsere Mitgeschöpfe sind.

Das meint Ihr

Martin Weber, Pfarrer

Neujahr 2019 - „Ich sehe dich mit Freuden an/ und kann mich nicht satt sehen……“

Liebe Schwestern und Brüder,
so schnell geht es. Gestern Abend haben wir zurückgeschaut auf das vergangene Jahr. Die 12 Rosen, die hier vorne in der Vase stehen, haben dabei geholfen.  Und heute schauen wir nach vorne in das Neue Jahr. Immer sind wir eingespannt zwischen dem, was schon vergangen ist - und dem, was noch nicht ist, erst kommt. Dazwischen ist der Augenblick- und oft scheint es mir das  Allerschwerste darin einfach einmal zu sein. Den Augenblick genießen, schätzen, verkosten.

Vielleicht haben Sie es gemerkt, herausgehört: All diese Dimensionen haben mit dem Sehen, dem Schauen zu tun. Der Rückblick, der Vorausblick und der Augenblick. Auch das Geschehen von Bethlehem, in das uns das Evangelium noch einmal zurückführt, lebt vom Sehen und Schauen.

Maria schaut ihr Kind an. Vielleicht der wichtigste Blick. Das zumindest legt uns die Entwicklungspsychologie nahe. Gerade in den ersten drei  Lebensjahren ist die mimische Kommunikation zwischen Mutter und Kind – sicher auch zwischen  Vater und Kind -  ganz entscheidend. Das unbewegliche Gesicht einer Mutter wäre der Albtraum eines Kindes und kann krank machen. Dagegen ist das gegenseitige Anschauen von Mutter und Kind die Grundlage dafür, dass Kinder emotionale und Empathie-fähige Wesen werden. Da berührt es schon etwas seltsam, wenn man beobachten kann, dass manche Mütter und Väter, wenn sie den Kinderwagen schieben, eher die Bindung zu ihrem Smartphone festigen….

Zurück nach Bethlehem: Es kommen auch andere Menschen, die das Kind anschauen. Die Hirten, die die gute Nachricht von der Geburt des Kindes vernommen haben. Die Weisen aus dem Morgenland, von denen wir am Dreikönigstag hören. Sie kommen um zu huldigen. Sie kommen um anzubeten. Und ich freue mich jedes Jahr, dass wir diesen Liedruf: Kommt, lasset uns anbeten- immer und immer wieder singen.

Maria sieht all das. Und sie macht sich ihre Gedanken. Im Evangelium heißt es: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen und dachte darüber nach“. Das ist eine Art inneres Schauen und Verstehen. Sie ahnt und beginnt immer mehr zu verstehen, dass Gott die großen Verheißungen des Alten Bundes eingelöst hat- und sie hat mit ihrem Ja- Wort einen Anteil daran. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – hat Saint- Exupery einmal gesagt. Genauso ein Mensch ist Maria. Ihr Augen-Blick gilt ihrem Kind – aber sie sieht tiefer. Sie erkennt in diesem Kind den von Gott verheißenen Messias. Sie sieht mit den Augen und sie sieht mit dem Herzen.

Paul Gerhard, der in einer schrecklichen Zeit, der des 30- jährigen Krieges gelebt hat- und uns doch so wunderschöne Lieder geschenkt hat, hat genau das ins Wort gebracht. In der vierten Strophe von „Ich steh an deiner Krippen hier“ heißt es: „Ich sehe dich mit Freuden an/ und kann mich nicht satt sehen/ und weil ich nun nichts weiter kann/ bleib ich anbetend  stehen./ O dass mein Sinn ein Abgrund wär/ und meine Seel ein weites Meer/ dass ich dich möchte fassen“.- Da schaut der Beter hin auf dieses Kind. Und sein Sehen wird zum Schauen, zum Erkennen. Es ist der große Gott in menschlicher Gestalt. Was bleibt ist Anbetung und fassungsloses Staunen.

Mich fasziniert vor allem dieses: und kann mich nicht satt sehen. Alles auf dieser Welt hab ich irgendwann einmal satt. Es langweilt, es wird zur Routine, es ödet  an. Alles habe ich irgendwann satt. Mit Gott ist es nicht so. Mit ihm bin ich nie fertig. ER hat eine Schönheit, die sich nicht abnutzt. ER ist immer neu. ER ist Anfang und Beginn. ER ist eine Freude, die nicht vergeht. Gott werde ich nie satt haben, im Gegenteil: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“

Liebe Schwestern und Brüder,
mit Maria wollen wir in das neue Jahr hineingehen. Von ihr das Sehen. Und das tiefere Schauen, das Verstehen lernen. Mit den Augen sehen. Und dem Herzen. Herzensbildung haben. Empathie. So den Menschen begegnen, die uns anvertraut sind. Amen.

Heilige Familie 2018

„Der Junge muss an die frische Luft“- von „normalen“ und „heiligen“ Familien

„Der Junge muss an die frische Luft!“-

Das, liebe Schwestern und Brüder, 
ist der Titel eines Filmes über die Kindheit von Hans Peter, Hape, Kerkeling. Er basiert auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman. Ein toller Film, bei dem man lachen und weinen kann – durchaus in dieser Reihenfolge. Gleichzeitig ein Déjà-vu  für alle, die in den Sechzigern  geboren und den Siebzigern aufgewachsen sind.

Erzählt wird von der Familie Kerkeling.  Vater und Mutter, dem Bruder und eben Hans Peter. Aber auch von den Großeltern beiderseits, den Tanten und Onkeln, den Cousinen und Cousins. Vom Ruhrgebiet, von Recklinghausen, von der Straße, von dem Lebensmittelgeschäft  Von den Familienfeiern, der Erstkommunion, vom Karneval, an dem der ganze Familienclan zur Höchstform aufläuft. Und erzählt wird von Weisheiten, die in der Familie tradiert werden:  Der Opa, der aus Russland heim-gelaufen ist und wie ein Mantra wiederholt: „Niemals aufgeben“!  Oder die Oma, die ihrem Hans Peter mitgibt: Wenn Du von etwas überzeugt  bist, dann tue es, egal was die Leute sagen!  Und da gibt es eine ganze Menge unglaublich witziger Szenen.

Der Höhepunkt ist aber unglaublich traurig.  Die Mutter von Hans Peter ist seit geraumer Zeit schwer depressiv. Fast von heute auf morgen. Alle Aufmunterungen des Sohnes, verzweifelte Versuche eines 10 jährigen Kindes seine Welt wieder in Ordnung zu bringen, scheitern. Auch die Aufforderungen der Erwachsenen sich doch „endlich am Riemen zu reißen.“  Und dann kommt jener Abend, an dem die Mutter ihrem Sohn , der allein zu Hause ist, erlaubt  so lange Fernsehen zu schauen, wie er mag. Ohne ein weiteres Wort, ohne sich noch einmal umzudrehen, geht sie zu Bett. Nach dem Sendeschluss legt sich dann auch Hans Peter zu seiner Mutter ins Bett. Aber die schläft nicht, sie stirbt. Und als der Junge am nächsten Morgen von ihrem Röcheln erwacht und den Opa alarmiert, ist es zu spät.-  Diese Szene zerreißt einem fast das Herz. Und man kann nur ansatzweise erahnen, was das für einen kleinen Jungen bedeutet.

Die Familie, vor allem seine Oma und sein Opa, beide deutlich über 80 Jahre, sind für ihn da und ermöglichen ihm das, was man so leicht daher sagt und was doch so schwer ist: Das Leben muss halt weiter gehen…..

In der Schlussszene des Filmes sieht man alle noch einmal versammelt: Die große Schar derer, die zur Familie gehören -  zu der übrigens auch eine sehr sympathisch gezeichnete Tante, die Ordensschwester ist, gehört – und die alle den kleinen Hans Peter zu dem gemacht haben, was er dann geworden ist: Der Erwachsene Hape Kerkeling, dem das letzte Bild gehört.

Heute, liebe Schwestern und Brüder, feiern wir ein Fest der Familie. Genauer gesagt der Heiligen Familie. Manches aus den Schrifttexten erkenne ich in der Familie Kerkeling wieder. In jeder Familie.

Da ist zunächst der Brief des Paulus an die Kolosser.  Die Haltungen, die Paulus nennt sind essentiell für das Zusammenleben  in einer Familie. Geduld, Demut, Güte. Die Bereitschaft Frieden miteinander zu halten.  Die Macken und Launen der anderen zu ertragen. Und die Bereitschaft sich immer wieder zu vergeben. Denn wenn man so eng zusammenlebt, gibt es einfach immer wieder Konflikte. Ich denke, in diesem Sinn hat Hape Kerkeling eine gute Kindheit gehabt. Da war Zusammenhalt. Da war Humor, der geholfen hat eigene und fremde Unvollkommenheit zu ertragen. Da war in der Stunde der Not ein füreinander einstehen. Und da war auch eine selbstverständliche Religiosität, die dem Alltag Glanz und Trost gegeben hat. Im Grunde ist dieser Film ein Loblied auf die Familie. Mit allen Unvollkommenheiten die sie hat, ist sie dennoch unersetzlich. Sie vermittelt den Menschen Heimat und heilt so manche Wunden.

Leider nicht immer. Ich weiß, dass es „unheilige“ Familien gibt:  Wo Drogen, Alkohol, Missbrauch an der Tagesordnung sind. Wo Lieblosigkeit und Gewalt dominieren. So schrecklich diese Beispiele sind, so sehr schimmert aber sogar in ihnen die Sehnsucht durch, dass Menschen in heilen, heiligen Familien leben und aufwachsen dürfen. So wie Jesus die Geborgenheit seiner Familie erfahren durfte, zu der auch bestimmt noch viele andere Menschen neben Maria und Josef gehört haben.

Spannend ist das Evangelium des Festtages. Da  wird ein Konflikt geschildert. Ein Konflikt den unzählige Familien kennen. Die heranwachsenden Kinder gehen eigene Wege, die die Eltern weder verstehen noch akzeptieren wollen. In dieser Zeit der Pubertät knallt es oft zuhause. Manche Kinder sagen rückblickend: Was ich da meinen Eltern zugemutet habe! Aber oft erst dann, wenn man selbst heranwachsende Kinder hat. Bei anderen verläuft diese Zeit erstaunlich ruhig. Ganz feste Regeln gibt es nicht. So könnte man dieses Evangelium auf einer niederen Stufe als einen Pubertätskonflikt lesen. Aber das ist dann doch etwas  „dünn“. Das Eigentliche ist: Eltern müssen akzeptieren, dass ihre Kinder, obwohl  ihr „Fleisch und Blut“, dennoch nicht ihr Eigentum sind. Sondern eigenständige Persönlichkeiten. Khalil Gibran schreibt in diesem Sinn: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.“

Bei aller Verbundenheit, die immer bleibt. Seine Familie kann man sich ja nicht aussuchen. Man kann sich auch nicht von ihr lossagen. Und Blut ist immer dicker als Wasser. Trotzdem geht es immer um eigenständige, einzigartige Menschen, Individuen. Bei Hape Kerkeling.  Auch bei Jesus. Soziale Wesen, Gemeinschaftswesen, aber immer auch einmalige Persönlichkeiten.

Bei Jesus kommt noch eine andere Dimension dazu. Als Maria und Josef ihm Vorhaltungen machen, antwortet er bloß: Ich musste doch im Hause meines Vaters sein. Er ist nicht allein von den Menschen her zu definieren, die ihm Familie sind. Da ist der göttliche Vater, der ihm inwendig ist. So sehr, dass er nicht bloß der Sohn der Jungfrau Maria, sondern auch der Sohn des ewigen Vaters ist. Wahrer Mensch und wahrer Gott- wie unser Glaube bekennt.

Wir feiern das Fest der Heiligen Familie. Wir denken daran, dass Jesus als wahrer Mensch in einer Familie groß geworden ist. Und wir denken an unsere Familien, ohne die wir uns nicht verstehen könnten. Die uns in gewisser Weise Schicksal sind.

Zugleich ist das Geheimnis eines Menschen immer auch größer als die Familie. Niemand ist total festgelegt und determiniert von seinem Herkommen. Da ist immer ein Mehrwert. Erst recht in diesem Jesus von Nazareth.  Der wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Und dessen Geburt in eine Familie hinein wir an Weihnachten feiern. Amen.

Martin Weber, Pfarrer

Stille Nacht und die Tränen meines Vaters
Die Tränen meines Vaters … versetzen mich in meine Kindheit zurück. Geheult wurde da selten. Zu viele Gefühle zu zeigen galt als, wie man heute sagen würde, uncool. Außer in der Christmette, die mein protestantischer Vater zusammen mit uns, den katholisch getauften Kindern und meiner Mutter besuchte. Die Christmette war spät. Um 23 Uhr. Die meisten Männer hatten um diese Uhrzeit schon einen Kleinen sitzen. Vielleicht hatte das auch einen gewissen Einfluss. Aber man konnte die Uhr danach stellen:

Spätestens am Ende der Mette, als die elektrischen Lichter gelöscht wurden und die erste Strophe von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ertönte, war es soweit: Meinem Vater liefen die Tränen über das Gesicht.  Vermutlich werden so manche, die das lesen, schmunzeln und Ähnliches berichten können. Dieses Lied weckt bei vielen Menschen, so verschieden sie auch sein mögen, Emotionen.

Und das nun seit genau 200 Jahren. Im Jahr 1818 wurde es zum ersten Mal gesungen. Joseph Mohr, Hilfsgeistlicher im salzburgischen Oberndorf ging morgens zu seinem Freund, dem Dorfschulpfarrer und Organisten Franz Xaver Gruber. Da die Orgel defekt war, wollte Mohr seine Gemeinde dennoch erfreuen und bat Gruber, die von ihm geschriebenen Zeilen in eine passende Melodie für 2 Solostimmen mit Gitarrenbegleitung zu fassen. Gruber tat sein Bestes und komponierte innerhalb weniger Stunden (!) diese Melodie, die uns heute so vertraut ist und zum Welthit geworden ist. Noch in der Nacht sangen Mohr und Gruber zum ersten Mal „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und rührten die Herzen der Menschen.  Es war damals eine bitterarme Zeit: Die napoleonischen Kriege waren gerade vorbei und die Auswirkungen noch allerorten zu spüren. Das Jahr 1818 ging in die Annalen ein als Hungerjahr: Unwetter und Missernten brachten Tod und Elend in einem heute unvorstellbaren Maß. Joseph Mohr hat von alldem „gekostet“: Er wuchs in sehr armen Verhältnissen auf, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Diese Erfahrungen haben ihn auch in seinem Priester-sein geprägt. Mit seinem Lied will er den Menschen die frohe Botschaft von Weihnachten verkünden. Ganz bewusst spricht er Gefühl und 

Gemüt an, will Sehnsucht und Ergriffenheit wecken. Das hat dieses Lied aber zugleich „verdächtig“ gemacht: Ist das nicht alles Vertröstung, sentimentaler Kitsch?  Ich glaube viel mehr, dass Mohr den Menschen seiner Zeit – und auch uns – sagen möchte: Gott kommt hinein in unsere Nacht. Und diese eine „stille und heilige Nacht“ erhellt er durch die Geburt seines Sohnes. Sich davon anrühren und erschüttern zu lassen ist keine Schande. Das Gefühl, das Empfinden, das Herz ist da mindestens genauso wichtig wie die Ratio, das Nachdenken, der Verstand. Saint Exupery hat dazu das Wort geprägt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Seit 200 Jahren rührt uns dieses Lied an. Es bietet sich uns schutzlos dar, wie Jesus, den es besingt. Es kann nichts dafür, dass es auf Weihnachtsmärkten heruntergenudelt wird bis zum geht-nicht-mehr. Dabei gehört es hinein in die weihnachtlichen Tage. Und für manche macht es aus dem 24. Dezember erst den „Heiligen Abend“:

 „Stille Nacht! Heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh … Stille Nacht! Heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt … Stille Nacht! Heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja, tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da …“

 Ihnen allen wünsche ich frohe und gesegnete Weihnachten. Möge das „Licht der Weihnacht“, von dem das wunderschöne Bild von Christel Holl auf der Titelseite spricht, auch Ihnen etwas bedeuten. Wenn das Lied von Mohr und Gruber dabei mithilft, hat es sein Ziel ganz und gar erreicht.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Memento mori -
denke daran, dass du einmal sterben musst!

Dieser Satz war unseren Vorfahren noch viel präsenter als uns. Und doch ist er bleibend aktuell. Es gehört zur conditio humana, dass wir sterbliche, vergängliche Wesen sind. Gerade das – so paradox es klingt - macht unsere Lebenszeit kostbar und einmalig. Keinen Augenblick können wir festhalten, keinen wiederholen. 

An amerikanischen Universitäten gibt es einen interessanten Brauch. Professoren werden eingeladen, ihre Erfahrungen oder die Quintessenz ihres Lebens und Forschens so zu präsentieren, als wäre das die letzte Vorlesung ihres Lebens, eine Art „last lecture“. Eine solche hielt auch der Informatikprofessor Randy Pausch. Bei ihm war die letzte Vorlesung wörtlich zu nehmen. Seine Ärzte hatten Bauchspeicheldrüsenkrebs bei ihm diagnostiziert. Dennoch hielt der dreifache Vater eine lebensbejahende Rede und ermutigte seine Zuhörer, ihre „Träume zu leben“. Drei seiner Einsichten möchte ich weitergeben.

Zuerst: „Wir können die Karten, die uns gegeben werden, nicht tauschen; wir müssen entscheiden, wie wir sie ausspielen.“ Es nützt nicht zu jammern, über das was wir nicht haben, aber es nützt viel, die Talente und Gaben, die wir haben als Trumpf einzusetzen.

„Erfahrung ist das, was du bekommst, wenn du nicht bekommst, was du willst.“ Enttäuschungen, Niederlagen, nichterfüllte Wünsche müssen nicht deprimieren, sie können mir helfen mein Leben anders anzupacken, innerlich zu wachsen. „Wenn dich keiner kritisiert, dann zeigt das, dass sie dich aufgegeben haben. Denn Kritik bedeutet, dass deine Leute dich immer noch liebhaben und du ihnen etwas bedeutest.“

Vielleicht das Schwerste: Auf Rückmeldungen, auch kritische hinhören und sie als Hilfe zu begreifen. Randy Pausch, der einige Monate nach dieser Vorlesung starb, erinnert in seiner „weltlichen“ Predigt uns Christen an Ureigenes. Denn wenn die Rede vom Gericht und davon, dass wir nach unserem Tod unserem Schöpfer begegnen werden, Sinn haben soll, dann doch sicher in dem Verständnis, dass wir uns schon jetzt fragen: Was ist wichtig in meinem Leben? Was sind meine Prioritäten? Wie nutze ich meine Talente und Begabungen? Wem habe ich Gutes getan und gedient? Woran bin ich gereift? Wie bin ich mit Niederlagen umgegangen? Wie habe ich als Mitmensch gelebt?

Wir feiern an diesem Sonntag Christkönig. Der letzte Sonntag des alten bevor dann mit dem ersten Advent das neue Kirchenjahr beginnt. Wir schauen hin auf diesen ungewöhnlichen Herrscher, der uns als Kreuzeskönig begegnet. Dieser Jesus ist zugleich der „Richter der Lebenden und der Toten“, wie wir im Credo bekennen. ER soll uns Leben prägen, ausrichten zum Guten hin. Mit dem Christkönig das „memento mori“ zu bedenken, heißt dann aber immer auch: Die Gewissheit zu haben, dass nichts bei Ihm verlorengeht, sondern hineingenommen ist in die große Ernte Gottes.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Die Qual der Wahl am 28. Oktober 2018

haben an diesem 28. Oktober die hessischen Bürger. Ich bin kein Hellseher, aber vermutlich werden sich drei Entwicklungen zeigen. Das erste ist die Erosion der ehemaligen Volksparteien CDU und noch stärker der SPD. Das zweite ist das Erstarken der Grünen, die für viele zur bürgerlichen Partei und damit wählbar geworden sind. Das dritte ist der (zweistellige?) Einzug der AFD nun auch in den hessischen Landtag. Darüber mag man sich beklagen, aber in ganz Europa gibt es rechte Parteien in den Parlamenten, die vermeintliche Korrektheiten in Frage stellen. Die Wahl wird möglicherweise zur Qual der Politiker, welche ungewohnte Koalitionen schmieden müssen.

Die Kirche ist vorsichtig geworden mit Wahlempfehlungen. Da sind die Wähler mündig genug. Aber eine Empfehlung gibt es auf jeden Fall:

Wählen gehen! Sein Wahlrecht nutzen! Dass ich überhaupt wählen kann, ist ein hohes Gut, das wir allzu oft zu selbstverständlich nehmen.

Auch am Anfang der Bibel haben zwei Menschen die Wahl. Das Buch Genesis erzählt von Adam und Eva, die zwischen den vielen Früchten der Bäume des Paradiesgartens wählen können. Doch ihre Wahl fällt ausgerechnet auf jenen Baum, von dem Gott gesagt hat: Davon sollt ihr nicht essen.

Was die Bibel damit sagen will: Der Mensch ist ein Wesen der Freiheit, er kann wählen. Das ist übrigens auch das Gottebenbildliche an ihm! So wie Gott in freier Liebe die Welt und uns alle ins  Leben ruft, so ist auch der Mensch frei, darauf zu antworten. Aber, und das ist die Kehrseite: Er hat damit auch die Freiheit das Böse zu wählen, religiös gesprochen, zu sündigen. Für das Gute und das Böse trägt er fortan Verantwortung. Ohne diese Verantwortung ist die Freiheit nicht zu haben.

Sehr eindringlich heißt es im Buch Deuteronomium im 30. Kapitel:

„Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor.
Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.
Liebe den Herrn deinen Gott und halte dich an ihm fest, denn er ist das Leben.“

Immer müssen wir wählen, uns entscheiden. Das macht unsere Würde aus, das in Freiheit und Verantwortung zu tun. Dabei geht es meistens um irdische Dinge, Vorläufiges. Hier aber geht es tiefer. Es geht um mich, um meine Existenz, um das Ganze. Da ist die Wahlempfehlung klar: Wähle Gott! Setze alle Karten auf Ihn. Und du wirst eine Freiheit erfahren, die du dir selbst nicht zusagen kannst. Gott befreit dich von aller ängstlichen Sorge um dich selbst. Du bist geborgen in seiner Hand und du bist geborgen auch über dieses irdische Leben hinaus. Weil Gott treu ist, weil er das Leben ist und Leben schenkt.

Mit unserer kreatürlichen Freiheit ist immer die „Qual der Wahl“ verbunden.
Die Freiheit, die Gott schenkt, macht selig..

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

„Halt die Stellung und bleib katholisch“

so verabschiedet sich zuweilen, schmunzelnd und augenzwinkernd, ein Freund und Kollege von mir. So auch vor wenigen Tagen. Doch diesmal dachte ich: So fühle ich mich im Moment tatsächlich. Dass es wirklich nur darauf ankommt, die „Stellung zu halten“.

Die Nachrichten der letzten Wochen über die Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz haben mir zugesetzt.
Bei allen „Gegenargumenten“:

Die großen Zahlen des Missbrauchs finden im familiären Umfeld statt. Die katholische Kirche wird allein in den Fokus gestellt und andere Organisationen, bei denen Ähnliches geschehen ist, können sich scheinbar zurücklehnen. Die meisten Fälle sind schon viele Jahre her -
bin ich dennoch fassungslos und traurig.

Es ist „meine“ katholische Kirche, in denen Kindern und Jugendlichen Schlimmes angetan wurde. Es sind „meine“ Mitbrüder, die dafür verantwortlich sind. Das lässt mich nicht kalt. Und manchmal denke ich mir, wie schauen die Menschen mich an?

Georg Gänswein, der frühere Sekretär von Benedikt XVI. nennt das Alles den „11. September“ der katholischen Kirche, einige sprechen von der schwersten Krise seit der Reformation. Und ich denke, das ist nicht übertrieben. Zumal, da bin ich mir sicher, weitere Enthüllungen wo auch immer, folgen werden.

Drei Schritte scheinen mir unabdingbar:

- Radikale Aufklärung und Vorrang der Opfer vor dem System: Die Zeit des Verschweigens und Beschönigens muss definitiv vorbei sein. Eine radikalst mögliche Aufklärung, so weh sie auch tut, ist notwendig. Auch in den höheren Rängen der Kirche. Und: Die Opfer - und nicht die Stabilisierung des Systems Kirche - haben absolute Priorität.

- Die Kirche braucht Selbstkritik, Reinigung und eine neue Orientierung an Jesus Christus. Es ist nicht die Stunde plötzlich alles über Bord zu werfen, sondern den Glauben und den Herrn der Kirche wieder ernst zu nehmen. Es ist mühsam sich zu einem Leben nach dem Evangelium zu mühen, nach Heiligkeit zu streben. Aber wo dieser Idealismus fehlt, beginnt der Verrat.

- Gerade jetzt: In der Kirche bleiben! Bischof Stefan Oster schreibt: „Christus bleibt da. Er liebt seine Kirche. Er ist auch bei den Aposteln geblieben, als Judas ihn verraten, Petrus ihn verleugnet hat und unter dem Kreuz alle Jünger davongeraint sind. Er ist geblieben. Und er will uns hel­fen, dass wir alle echter, wahrhaftiger und liebesfähiger werden.“

Gerade Letzteres erinnert mich an den Spruch meines Freundes. Der in diesen Zeiten durchaus eine Richtschnur sein kann: Die Stellung halten – auch wenn uns im Moment manchmal so ganz anders ist. Und katholisch bleiben, Christus in seiner Kirche neu die Ehre geben: im Dienst an ihm und den Menschen.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Standpunkte 2018

Die vertrete ich von Zeit zu Zeit gerne. Alle, die öfters das Kercheblättche lesen oder meine Pre­digten hören, wissen darum. Ich versuche, „Din­ge auf den Punkt“ zu bringen, zu akzentuieren und manchmal auch zu provozieren. Letzteres aber nicht um seiner selbst willen, sondern im lateinischen Wortsinn des „pro vocare“, des Her-ausrufens zum eigenen Nachdenken, zur Formu­lierung des eigenen Standpunktes. Meine The­men und meine Argumentation schöpfe ich aus verschiedenen Quellen: Politik und Zeitgesche­hen, Bibel und kirchliche Lehre, Gewissen und Verstand. Ich finde es wichtig, einen Standpunkt zu haben und Standpunkte zu vertreten. Das gibt Orientierung in einer zunehmend orientierungs­losen Zeit. Doch dreierlei versuche ich immer auch mit zu bedenken:

  • Standpunkte wirken manchmal wie „von oben herab“, gerade wenn sie aus der kirch­lichen Ecke kommen. Darauf reagieren man­che sehr empfindlich. Zumal in Zeiten, wo die Kirche bei vielen längst den moralischen Kredit verspielt hat. Ein Wort genügt, um zu zeigen, was ich damit meine: Missbrauch. Die Vertuschung des Ganzen. Egal wie diffe­renzierend man all das sehen muss, ist das wie ein Mühlstein, der einem um den Hals hängt. Und eine Warnung Standpunkte allzu selbstgerecht und pharisäisch zu vertreten. Und immer wieder zu fragen: Kannst Du diesen oder jenen Standpunkt glaubwürdig vertre­ten?
  • Standpunkte können Menschen verletzten. Wenn ich mich etwa gegen die „Ehe für alle“ positioniere weiß ich, dass viele homosexu­elle und andere Menschen das als Diskrimi­nierung verstehen. Ähnlich ist das in der Ab­treibungsfrage. Oder bei der Euthanasie. Oder..... Trotzdem finde ich es wichtig, Posi­tion zu beziehen. Denn bei Standpunkten geht es um Wertentscheidungen und auch um die Frage, welche Richtung eine Gesell­schaft, eine Gemeinschaft, eine Kirche ein­schlägt.
  • Es gibt Menschen, die andere Standpunkte vertreten. Manchmal ist es gar nicht so ein­fach, sich auch darauf einzulassen. Oder sogar die Frage zuzulassen: „Könnte er oder sie nicht vielleicht recht haben?“ Zu versu­chen zu verstehen. Und auch wenn Diffe­renzen bleiben und nicht auszuräumen sind, das zu akzeptieren: Weil ein Mensch immer mehr ist als ein Standpunkt. Und deshalb im Gespräch bleiben, weil nichts in dieser Welt einfach schwarz oder weiß ist. Das ist für mich der Beginn von so etwas Schwierigem wie „Verstehen“.

Das meint Ihr

Martin Weber, Pfarrer

Zum 20. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B 2018 (19.08.2018):
Eucharistiegemeinschaft - Glaubensgesmeinschaft

Schon den vierten Sonntag in Folge, liebe Schwestern und Brüder, hören wir im Evangelium vom „Brot des Lebens“!

Und was damit gemeint ist, sagt Jesus sehr deutlich: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch. Ich gebe es hin für das Leben der Welt“. Mit anderen Worten: Jesus identifiziert das Brot mit sich selber. Ein ungeheuerliches Wort. Und das empfinden die Menschen damals auch so. Sie streiten darüber, wie er das gemeint hat. Und Jesus legt nach: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habe ihr das Leben nicht in euch!“ Man möchte ihm zurufen: Mach mal halblang.  Und hätten es wohl auch gerne etwas vergeistigter, weniger Anstoß- erregend. Doch damit kann uns der Evangelist Johannes nicht dienen. Schon im Anfang seines Evangeliums heißt es im Prolog von Jesus: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Das heißt doch nichts anderes als: Gott wird Mensch, einer von uns. Er ist mehr als eine Idee, sondern Person: mit Fleisch und Blut. Und wenn Christen schon in frühesten Zeiten Eucharistie feiern, dann ist das die Feier der Gegenwart Christi. Nicht bloß in der Erinnerung, nicht bloß vergeistigt.  Sondern mit seiner ganzen Person, mit Fleisch und Blut ist der Herr da gegenwärtig.

So zumindest verstehen es katholische und orthodoxe Christen. Das merkt man schon rein äußerlich. Katholische und orthodoxe Kirchen sind nur von daher zu verstehen, dass dort Eucharistie, das Sakrament des Leibes und Blutes Christi, gefeiert wird. In katholischen Kirchen ist alles zentriert auf den Altar und der Tabernakel erinnert daran: dies ist ein heiliger Raum. In den orthodoxen Kirchen ist der Altarraum meistens abgetrennt und durch eine  prächtige Ikonostase: das Geheimnis der Eucharistie wird den Blicken der Gläubigen entzogen, um aber gerade dadurch  noch viel präsenter zu werden. Und das Äußere spiegelt sich in der Theologie:  Kirche wird nach katholischem und orthodoxen Verständnis aufgebaut von der Feier der Eucharistie her. Indem wir in der Eucharistie den wahren Leib des Herrn empfangen, werden wir eingegliedert in den großen Leib der Kirche. Das 2. Vatikanische Konzil nennt die Eucharistie deshalb Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens. Der Bischof von Köln, Kardinal Woelki drückt es so aus: „Von der Eucharistie her wird die Kirche auferbaut. Wer  deshalb den Leib des Herrn empfängt und zuvor, An Ende des eucharistischen Hochgebetes sein zustimmendes Amen gesprochen hat, der sagt Ja und Amen dazu, dass Jesus wahrhaft gegenwärtig ist und nicht nur in einem übertragenen Sinn.“

Evangelische Christen haben ein anderes Verständnis. Das aber gar nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Denn da gibt es eine Vielzahl von Verständnissen. Während Martin Luther sein Leben lang daran festgehalten hat, dass Jesus in der Eucharistie wirklich gegenwärtig ist, war dies bei Zwingli und vor allem Calvin schon ganz anders: Sie hatten ein rein symbolisches Verständnis der Gegenwart Jesu im Abendmahl.  Das gilt erst recht für die Freikirchen, die überall auf der Welt dabei sind die klassischen evangelischen Bekenntnisse zahlenmäßig zu überholen:  Für sie spielt die Feier des Abendmahls eine ganz nebensächliche Rolle. Die Hauptrolle spielen die Bibel und eine charismatische Interpretation des Christentums. Es geht hier nicht um „besser“ oder „schlechter“, sondern einfach um die Feststellung:  Es gibt verschiedene Ausprägungen des Christentums: Eine katholische und  orthodoxe Form und den vielgestaltigen Kosmos evangelischer Christen.

Vor einigen Wochen gab es große Aufregung um die Frage der möglichen  Zulassung evangelischer Ehepartner zur Kommunion. Manche Bischöfe wollten das unter bestimmten Bedingungen ermöglichen. Ich glaube schon, dass es Einzelfälle geben kann. Denke aber auch, dass eine falsche Dynamik entsteht, wenn man das in eine Regel fassen will.  Aus Einzelfällen wird der Normalfall und schließlich sagen die Leute: Es ist doch eh alles gleich. Was soll das Ganze? Die Evangelischen gehen bei uns zur Kommunion und die Katholiken gehen zum evangelischen Abendmahl……Direkt dazu noch einmal Kardinal Woelki: „Mancher meint: Was soll das Ganze? Das ist doch Quatsch. Andere meinen sogar. Das ist doch Kasperle Theater. Ich meine:  hier geht es um Leben und Tod. Hier geht es um Tod und Auferstehung. Hier geht es das ewige Leben, hier geht es um Christus. Hier geht es um seine Kirche und damit geht es hier um das Eingemachte. Und deshalb müssen wir uns darum streiten und den richtigen Weg suchen. Nicht irgendeinen Weg, sondern den Weg des Herrn!“

Auch damals – wir haben es vorhin gehört - haben die Leute gestritten. Wie ist das zu verstehen, was Jesus sagt? Ich habe den Eindruck, dass wir zu diesem Streit heute oft gar keinen Mut mehr haben. Den Weg des geringsten Widerstandes gehen und vor allem gelobt werden wollen, besonders von der Presse und der Öffentlichkeit. Und folglich eine „Ökumene der Nettigkeit“ praktizieren, die niemanden auf den Fuß treten will. Ich finde aber: Das geht nicht, wenn wir das heutige Evangelium, wenn wir unseren katholischen Glauben an die Eucharistie ernst nehmen. Es ist unehrlich und unaufrichtig zu sagen: Es ist ja alles gleich. Wer zur Kommunion geht, der sagt Ja zu Christus, zu seiner realen Gegenwart. Er sagt aber auch Ja zum Papst und Bischof, zur sakramentalen Struktur der Kirche, zum Priestertum, zu den Heiligen, zu dem Gebet für die Verstorben.

Es geht nicht darum, andere von etwas auszuschließen. Es geht aber um den Respekt dafür, was uns Katholiken seit den Tagen der Apostel „hoch und heilig“ ist: das Sakrament des Leibes und Blutes unseres Herrn.     

Amen

Martin Weber, Pfarrer

 

Test 2018

„Eines Tages verteilte ein Professor seinen Stu­denten einen unangemeldeten Test. Zur Überra­schung aller gab es diesmal aber keine Fragen – nur einen schwarzen Punkt in der Mitte der Sei­te. Und mündlich nannte der Professor die Auf­gabenstellung:

Beschreiben Sie, was sie dort sehen! Am Ende der Stunde sammelte er die Arbeiten ein und las die Ergebnisse laut vor. Oh­ne Ausnahmen hatten die Studenten den schwarzen Punkt beschrieben: seine Position in der Mitte des Blattes, seine Lage im Raum, sein Größenverhältnis zum Papier etc. Der Professor lächelte und sagte: Ich wollte Ihnen eine Aufga­be zum Nachdenken geben. Niemand hat über den weißen Teil des Papiers geschrieben. Jeder konzentrierte sich auf den schwarzen Punkt – und das geschieht im Leben oft genauso. Wir haben ein weißes Papier erhalten, um es zu nut­zen und zu genießen. Aber wir konzentrieren uns immer nur auf die dunklen Flecken ...“

Das ist so eine der Geschichten, die man sich zuhause visualisieren kann: An der Pinnwand, auf dem Schreibtisch, in einem Buch. Ein schwarzer Punkt auf dem weißen Hintergrund genügt, um sich wieder zu erinnern. Ach ja, ...         

Und das ist auch notwendig. Denn allzu oft tappt unser Geist, unsere Psyche in die gleiche Falle: Nur den schwarzen Punkt zu sehen und die Hauptsache zu unterschlagen: Das viele Schöne, das scheinbar so selbstverständlich ist. Die Wunder, die geschehen und für die wir einfach kein Auge mehr haben. Stattdessen die Kon­zentration auf die dunklen Flecken: Gesundheit­liche Probleme, der Mangel an Geld, die Enttäu­schung mit einem Freund, die komplizierte Beziehung mit einem Familienmitglied. Und das beschäftigt uns, treibt uns um, trübt die Lebens­freude.

In diesen Tagen beginnt nach den „großen Ferien“ so etwas wie zweite Hälfte des Jahres. Bald läuft vieles wieder auf Hochtouren. In den Familien, den Vereinen, den Schulen, in unse­ren Pfarrgemeinden. Manches ist da wieder von uns gefordert. Auch Belastendes, Schweres. Vieles davon liegt im wahrsten Sinne des Wor­tes im Auge des Betrachters. Wenn die kleinen schwarzen Punkte alles zu verschlingen drohen, obwohl sie doch im Vergleich zu dem großen weißen Papier so klein sind. Was da helfen kann? Die schon genannte Visualisierung und das damit verbundene Aha! Oder mit dem heili­gen Augustinus das Gebet um den guten Geist Gottes, der uns hilft das Heilige und Heilsame unseres Lebens zu entdecken:

„Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke./ Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue./ Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe./ Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte./ Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.“

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Eine „skandalöse“ Urlaubs-Lektüre ... 2018

verspricht das neue Buch von Manfred Lütz zu sein:

Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums.“

Aber Vorsicht: Dieses Buch könnte Sie verwirren. Es stellt lieb-gewordene Vorurteile in Frage. Die selbst „guten Katholiken“ schon in Fleisch und Blut übergegangen sind. Zum Beispiel diese: Die Kreuzzüge waren ein einziges Blutbad und Verbrechen der christlichen Kreuzritter. Die Inquisition hat Millionen von Opfern auf dem Gewissen. Die Kirche hat im Gewand der Hexenverfolgung Schuld am Tod ungezählter („weiser“) Frauen und auch Männer. Die Christianisierung Südamerikas war ein reines Verbrechen. Erst die Aufklärung hat das „dunkle Mittelalter“ überwunden, Vernunft und Menschenrechte gebracht. Die Geschichte der Päpste ist eine einzige Skandalgeschichte. Es führt eine direkte Linie vom christlichen An­tijudaismus zum Holocaust ...

In all diesen Fragen gibt es eine Fülle von Klischees – heute würde man fake news dazu sagen -, die Menschen sozusagen mit der Muttermilch einsaugen. Der durchschnittliche Mitteleuropäer glaubt das Christentum und seine Geschichte zu kennen. Aber vieles, was er vermeintlich weiß, ist schlicht falsch. Lütz geht es in seinem Buch darum, diese Falschinformationen zu entlarven. Nicht im Sinne des Reinwaschens: Das geht nicht. Natürlich hat das Kleid der Kir­che viele Flecken. Wie sollte es anders sein nach einer 2000- jährigen Geschichte. Aber im Sinne des Differenzierens. Dabei stützt sich Lütz vor allem auf den Kirchenhistoriker Arnold Angenendt, der 2007 ein gewaltiges Werk vorgelegt hat: „Toleranz und Gewalt - Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“.
Im Grunde ist das Buch von Lütz eine popularisierte Wiedergabe dessen, was da schon erarbeitet wurde. Im besten Sinne des Wortes eine „Apologetik“, eine Verteidigungsschrift. Es ist aber zugleich mehr. 

Indem man nämlich die Geschichte des Christentums durchgehend skandalisiert hat, hat man zugleich seine Glaubwürdigkeit und kulturprä­gende Kraft angegriffen. Und das ist die eigentliche Tragik des Ganzen.

Manfred Lütz ist kein Geschichtswissenschaft­ler. Er ist Theologe und Psychotherapeut. Als Theologe versucht er in seinem Buch einzuordnen und zu bewerten. Als Psychotherapeut ermuntert er seine Leser, neue Perspektiven einzunehmen. Gar nicht so einfach, wenn man es sich bisher in allerlei Vorurteilen und vermeintlichen Gewissheiten über „das Christentum“ bequem gemacht hat. Vor allem aber ermuntert er, die Ressourcen des christlichen Glaubens neu zu entdecken und zu nutzen. Und so schreibt er am Ende:  
 „Das Buch spricht von den sogenannten Skandalen der Kirche. Aber die eigentliche Geschichte des Christentums kommt dabei gar nicht vor. Es ist die Geschichte der Heiligen, der spirituellen Aufbrüche, aber auch der großen und vor allem der stillen Leidenden. Und es ist die Geschichte christlicher Schönheit in den himmelstürmenden Kathedralen, den Fresken Michelangelos und der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach“.

Martin Weber, Pfarrer

 

Austräger gesucht!

So inserieren oft Verlage, damit ihre Zeitungen, Wochenblätter oder Werbebroschüren unter die Leute kommen. Als ich Jugendlicher war, habe ich mir so etwas Geld dazu verdient. Ich habe das Mitteilungsblatt unserer Verbandsgemeinde ausgetragen. Damals musste ich dazu auch noch vierteljährlich eine kleine Gebühr einkassie­ren und konnte sogar die eine oder andere An­zeige annehmen. Damit habe ich nicht nur mit­bekommen wo, sondern auch wie die Leute wohnen.

Austräger werden auch in unseren Pfarrgemein­den immer wieder gesucht. Manchmal fragen wir einzelne, hilfsbereite Leute an. Zweimal im Jahr bitten wir sehr viele um ihre Mithilfe: Wenn die Pfarrbriefe im April und im Mai die Caritasbriefe an alle Haushalte verteilt werden. Ich bin immer sehr dankbar, wenn das geschafft ist und werbe regelmäßig für diesen Dienst mit den Worten: „Damit können Sie mit einem kleinen Aufwand etwas Gutes tun!“

Manchmal aber denke ich: Wir bräuchten noch viel mehr Austräger! Nein, nicht für Briefe und Drucksachen. Sondern „Austräger des Glau­bens“. Wenn an jedem Sonntag die Messe en­det, dann heißt es nach dem Segen: „Gehet hin in Frieden“. Das heißt nicht: Haltet die Klappe von alldem, was ihr hier erlebt und mitbekom­men habt. Taucht wieder in eure normale Welt ein, die nichts mit dem Sonntagmorgen zu tun hat. Sondern es meint: Gebt den Frieden, den ihr von Gott erfahren habt, weiter. Seid Zeugen eu­res Glaubens! Erst recht, wenn ihr vorher die heilige Kommunion, Christus selber, empfangen habt. Der heilige Ignatius von Antiochien nennt uns deshalb „Christusträger“ und „Christusträge­rinnen“. Also Austräger der besonderen Art. Wir sind berufen, Christus hinauszutragen in die Welt.

Wir sind in einer Phase der Kirchengeschichte, wo wir Katholiken das wieder neu lernen müssen. Viele Jahrhunderte war das anders. Der Glaube wurde selbstverständlich weiter gegeben, sozialisiert. Und im Grunde denken wir immer noch in diesen Kategorien. Dass wir missionarisch sein müssen ist uns so fremd wie das Wort selbst. Dabei ist es unverzichtbar.

Papst Franziskus schreibt in Evangelii Gaudium:

„Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann... Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde und ihretwegen bin ich auf dieser Welt.“

Zunehmend erkennen Menschen die Wahrheit dieser Aussagen und spüren: So wie bisher kann es nicht weiter gehen. Dass wir uns damit begnügen, eben immer weniger zu werden und höchstens noch das Schöne bewahren, das wir haben. Das ist nicht der Weg Jesu, das kann nicht der Weg der Kirche sein. Wie der Weg aber aussehen kann, darüber müssen wir auch vor Ort nachdenken: In den Räten, in Initiativen, in Neuanfängen. Und ganz gewiss nicht ohne Sie: Austräger des Glaubens! Dringend gesucht! Deutlich mehr als ein Nebenverdienst!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

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