Predigten

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Der Geist der heraus- und zusammenführt

Liebe Schwestern und Brüder,

man glaubte seinen Augen nicht zu trauen bei dieser Nachricht: Die britische Premierministerin Theresa May hat ein „Ministerium gegen Einsamkeit“ ins Leben gerufen.  Damit, so sagte sie, reagiert die Politik auf die Tatsache, der zunehmenden Vereinsamung wachsender Teile der Bevölkerung.  Und das betrifft immerhin 9 von 66 Millionen Briten.

Das ist in Deutschland sicher nicht anders. Nach Umfragen fühlt sich jeder fünfte im Altersbereich zwischen 80- 90 Jahren einsam und immerhin jeder siebte im Altersbereich zwischen 25- 36 Jahren.  In diesem Sinne kennt Einsamkeit kein Alter. Und wenn man dazu nimmt,  wer sich zuweilen einsam fühlt oder zumindest davor Angst hat, würden die Zahlen erst recht in die Höhe schnellen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, wenn ich jetzt und hier eine Umfrage machen würde: Fühlen Sie sich, fühlst  du dich einsam - dass da kaum jemand mit „Ja“ antworten würde.  Einsamkeit ist ein Makel und mit Scham besetzt- obwohl das vollkommener Quatsch ist. Einsame Menschen sprechen kaum darüber, in der Außendarstellung ist meist alles in Ordnung – aber wie es „drinnen“ aussieht ist ein ganz anderes Thema. Da denkt man im Geheimen: Alle anderen gehen nach draußen und sind glücklich. Ich kann das nicht, gehöre nirgends richtig dazu.  Dazu kommt der Stolz, der es verhindert, dass man um Hilfe bittet. Und das nagende Gefühl, dass man es gar nicht wert ist, von anderen geliebt zu werden. Das innere Verschlossen- sein korrespondiert oft mit dem Äußeren: Heruntergelassene Rollladen oder zugezogene Gardinen. Irgendjemand hat einmal das Bild gebraucht, dass die Einsamkeit einem Gefängnis gleicht, das aber nur von innen geöffnet werden kann.

Oder von oben! Davon erzählen die Apostelgeschichte und das Evangelium. Hinter verschlossenen Türen sitzen die Apostel, gefangen in ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit. Bis Jesus zu ihnen kommt, bis der Heilige Geist hereinbricht.  Die Apostelgeschichte beschreibt das in den kraftvollen Bildern, die wir alle kennen:  Der Sturm und die Feuerzungen! Im Evangelium ist es eher der leise Hauch und die Zusage: „Empfangt den Heiligen Geist“! Aber das Ergebnis ist das Gleiche: Die Jünger sperren ihr Gefängnis aus Angst und Einsamkeit auf, sie treten hinaus ins Freie und sagen allen, was ihnen wichtig ist. Sie sprechen von ihrem Glauben an Gott und von Jesus, in dem uns die Liebe dieses Gottes so nahe gekommen ist. Und das Wunder des Verstehens geschieht: über Grenzen hinaus, sogar Sprachgrenzen hinaus. Nicht alle, aber sehr viele lassen sich ansprechen, im wahrsten Sinn des Wortes: begeistern. Die erste christliche Gemeinde entsteht. Mit vollem Recht nennt man Pfingsten deshalb den Geburtstag der Kirche!

Der Geist Gottes ist ein Geist gegen die Einsamkeit. Er gibt den Jüngern die Kraft ihr selbst gebasteltes Gefängnis aufzuschließen und zu verlassen.  Er führt sie hinaus ins Weite und in eine neue Gemeinschaft. „Ein Mensch ist kein Mensch“ heißt es in einem Spruch, und erst recht gilt: „Ein Christ ist kein Christ“. Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt: im Leben und im Glauben! Und so sehr wir in jeder natürlichen Gemeinschaft einen „guten Geist“ brauchen, so sehr lebt die Gemeinschaft der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes!

Liebe Schwestern und Brüder,

der Geist Gottes ist ein Geist der heraus- und zusammenführt. Darauf dürfen wir vertrauen- ohne dass damit alles gelöst ist, was sich unter dem großen Wort „Einsamkeit“ subsummieren lässt. Aber mit und in diesem Geist können wir klarer sehen und besser unterscheiden, was uns umgibt. Einige Hinweise:

  • Nicht jedes Alleinsein ist schon Einsamkeit. Manchmal sehnen wir uns regelrecht danach einmal allein zu sein und wir müssen lernen, das genießen zu können. Und manchmal brauche ich das Alleinsein sogar, damit ich wieder mehr zu mir und auch Gott kommen kann.
  • Es gibt aber auch die belastende, krankmachende Einsamkeit. Und so sehr es stimmt, dass jeder, der darunter leidet, sein Gefängnis selber von innen aufschließen muss, so sehr ist es dennoch auch eine Anfrage an Gesellschaft und Kirche!
  • Eigentlich sind wir so gut vernetzt wie keine andere Gesellschaft vor uns. Jederzeit, immer, permanent: Im Internet, auf Facebook, mit Whats App. Wenn heute unsere Eltern oder Großeltern noch einmal auf diese Welt kämen, auf die Straßen hinaus gingen, würden sie vielleicht fragen: Wo schauen denn die Leute hin? Wen schauen die Muttis an, die ihre Kinderwagen schieben? Und wir ihnen erklären müssten: Die schauen auf ein kleines Wunderkästchen, das offensichtlich viel interessanter ist als alles andere um sie herum. Dann würden sie staunen und sich ihre eigen Gedanken machen- oder uns den Vogel zeigen. Und ein wenig hätten sie Recht. Wir müssen aufpassen, dass wir bei all den neuen Medien die ganz normale Kommunikation nicht verlernen. Denn die ist und bleibt das beste Gegenmittel gegen die Einsamkeit.
  • Ein weiterer Gedanke: Vor kurzem habe ich von Menschen aus Ghana gelesen, die heilfroh sind, wieder in ihrem Heimatland zu sein. Sie haben dort weniger Komfort: Aber sie sind wieder in einer Welt, in der die Religion zum Leben gehört und man sich wieder traut, andere spontan zu besuchen. Der europäische Individualismus, der nur noch die Selbstverwirklichung kennt, wird zuweilen so sehr auf die Spitze getrieben, dass Gemeinschaft schon fast als Bedrohung des Eigenen gesehen wird. Viele sind nicht mehr willens und fähig zu einer Bindung.  Der unersetzbare Wert von ganz normalen Familien geht unter in Gedankenlosigkeit und Genderwahnsinn. So ein steriles Europa wird in Zukunft noch viele Ministerien gegen Einsamkeit brauchen.
  • Ein letzter Gedanke: Kirche lebt aus dem Heiligen Geist, aus jenem Geist der heraus- und zusammenführt. Dann muss Kirche auch ein Ort sein, an dem Menschen dies erfahren. Manchmal denke ich mir: Was denken Menschen, die vielleicht zum ersten Mal zu uns kommen, die Anschluss suchen. Gibt es da Leute, die ihnen zulächeln? Sie wollkommen heißen? Einmal ansprechen und Freude darüber zeigen, dass sie gekommen sind? Oder gibt es abweisende Mienen oder  sogar einen bösen Blick, weil der Neue „meinen Platz“ besetzt hat?

Liebe Schwestern und Brüder,

Pfingsten gibt es nicht ohne uns. Denn entweder feiern wir ein persönliches Pfingstfest oder wir feiern gar keines. In einem jeden von uns will der Heilige Geist wirken, in mir will er wirken. Mich herausführen aus meiner Angst und Einsamkeit, mich hineinführen  in Gemeinschaft und Kommunikation.      Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Drunter und drüber“

geht´s zurzeit in der deutschen Bischofskonferenz. Da ist ein Hauen und Stechen, wie man es lange nicht mehr erlebt hat. Und man merkt, dass ein Mann wie der verstorbene Kardinal Lehmann fehlt, dem es gelang, Gegensätze zu moderieren und verschiedene Positionen im Dialog zu halten.

Da ist zum einen der Streit ums Kreuz. Die Bayerische Landesregierung hat vorgeschrieben, dass in allen Behörden ein Kreuz zu hängen habe. Natür­lich hat das mit Politik, Wahlkampf und Taktik zu tun. Trotzdem erachte ich es als „delikat“, um ein harmloses Wort zu gebrauchen, dass ausgerechnet der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz das ungewöhnlich scharf kritisiert und meint, dass es dadurch zu „Spaltung und Unruhe“ kommt. Da­mit reiht Marx sich ein in die Mainstream-Argumentation, die aber oft nur eine totale Trennung von Staat und Kirche anzielt und das Kreuz am liebsten ganz aus der Öffentlichkeit verbannen möchte. Dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch den Herrgottswinkeln in den bayerischen Gasthäusern an „den Kragen geht“. Da ist mir die Argumentation Söders, und wenn sie noch so sehr vom Wahlkampf motiviert sein mag, viel näher: Das Kreuz sei ein Zeichen, das zur Identität unseres Landes gehört. Wer das ausblende, mache es zu einem bloßen Siedlungsraum, der sich von seinen Wurzeln und Werten entfremdet habe und eben gerade nicht mehr das ist, was Menschen brauchen, nämlich „Heimat“. Offensichtlich sieht das auch der Regensburger Bischof so, der das Aufhängen von Kreuzen - übrigens nicht Kruzifixe – ausdrücklich begrüßt. Und noch an einer anderen Stelle hakt es. In der Frage der Eucharistie - Zulassung für evangelische Partner konfessionsver­schiedener Ehen. Wie manche meinen „überhastet“ sollte ein Erlass herausgegeben werden, der eine weitgehende „Einzelfallregelung“ vorsah. Sieben Bischöfe, an der Spitze Kardinal Woelki, finden dieses Vorgehen falsch und haben sich an den Papst gewandt mit der Bitte um theologische Klärung. Jedem Interessierten ist einsehbar, dass das eine drängende Frage ist, gerade für Eheleute die in „ihrer“ Kirche beheimatet sind. Aber man möge auch den sieben Bischöfen abnehmen, dass sie sich nicht aus „Spaß an der Freude“ nach Rom gewandt haben. Vielmehr geht es hier um die Eucharistie, das „Allerheiligste“, das der Kirche geschenkt ist. Da haben theologische und taktische Tricksereien keinen Platz und wenn nötig, muss um den rechten Weg gestritten werden. Wenn Bischof Feige in der „Zeit“ eine solche Diskussion „makaber und beschämend“ nennt, finde ich das mehr als seltsam. Der Papst zumindest hat inzwischen ein Gespräch angemahnt, das darauf achtet die Einheit zu wahren.

Dass es „drunter und drüber“ geht, das kommt in den besten Familien vor. Warum nicht auch in der Deutschen Bischofskonferenz? Das kommende Pfingstfest ist ein guter Anlass, um den Geist Gottes zu beten. Diesen Geist, der Wahrheit und Klarheit schenkt und zur Einheit zusammenführt.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Zeugen

Zeugen und Zeugenaussagen sind vor Gericht oft entscheidend. Sie sind immer noch das wich­tigste Instrument der Wahrheitsfindung. Zwar weiß man heute besser als früher um die Relati­vität der Zeugnisse. Unser Gehirn „konstruiert“ ja immer auch das, was wir Erinnerung nennen und fügt es zu einem Ganzen zusammen. Und spielt der Wirklichkeit damit auch manchen Streich. Das relativiert aber die Zeugenaussage als Gan­zes nicht. Denn natürlich nehmen Zeugen Ent­scheidendes wahr und können es in der Regel auch adäquat wiedergeben. Das gilt auch für die neutestamentlichen Zeugnisse von der Auferste­hung Jesu.

In einem der ältesten Texte des Neuen Testa­ments spricht der Apostel Paulus von denen, die Zeugnis geben können, dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist. Er spricht von Petrus und den Aposteln, von fünfhundert Brüdern und von sich selbst. Es ist kaum denkbar, das zu be­haupten, wenn jeder in Jerusalem gewusst hätte, dass das nicht stimmt, dass der Leichnam Jesu noch im Grab ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, an der Wahrheit dieses Zeugnisses zu zweifeln.

Auch in den Evangelien wird von vielen Men­schen berichtet, denen der Auferstandene be­gegnet ist und die dies bezeugen. So sehr diese Zeugnisse in Einzelheiten differieren, so sehr stimmen sie im Wesentlichen überein: Dass Je­sus auferstanden ist und lebt. Dass es derselbe Jesus ist und dass er doch in „einer anderen Weise“ gegenwärtig ist. Es geht also nicht einfach nur um die Wiederbelebung eines Toten. Jesus lebt, aber auf eine neue Art und Weise. Deshalb erkennen die Zeugen Jesus oft auch nicht auf den ersten Blick. Wie die Emmaus-jünger, deren Augen von ihrer abgrundtiefen Trauer über den Tod Jesu getrübt sind. Erst als er bei ihnen ist und das Brot bricht, erken­nen sie ihn und es gehen ihnen „die Augen auf“. Oder der „ungläubige Thomas“: Erst als Jesus ihm seine Wunden zeigt, ja ihn auffor­dert seine Hände in die Wunden zu legen, ist er überzeugt: Jesus ist auferstanden. Beson­ders berührend für mich ist immer wieder das Zeugnis der Maria Magdalena. Die frühmor­gens ans Grab kommt und es leer vorfindet. Sie spricht jemanden an, den sie für den Gärt­ner hält, mit der bangen Frage, wo der tote Leib ihres Heilandes sei. Und erst als dieser sie liebevoll bei ihrem Namen nennt: „Maria“, da erkennt sie in ihm den geliebten „Rabbuni“, „Meister“ und weiß, dass Er lebt.

Als diese letzte Geschichte vor einigen Tagen in der Kita St. Cäcilia den Kindern erzählt wur­de, da machte es die Erzieherin ganz plas­tisch. So wie Maria, so ruft der Auferstandene auch uns beim Namen. Und sie nannte laut und vernehmlich die Namen einer ganzen Reihe von Kindern.

Ja, genau so ist es: Wir dürfen den Zeugnis­sen über die Auferstehung Jesu trauen. Und wir sind berufen selber Zeugen des auferstan­denen Christus zu sein.

Durchkreuzt !

Normalerweise würden wir unser Leben gerne planen. Nach unseren Vorstellungen, so wie es uns gefällt. Doch das funktioniert nicht. Allzu oft läuft es anders. Unsere Pläne werden durchkreuzt. Unser Leben wird durchkreuzt. Ob wir es wollen oder nicht: Dieses Durchkreuzt-Werden gehört zu unse­rem Leben.

Wir feiern in wenigen Tagen Ostern. Das Fest der Auferstehung Christi. Auf dem Deckblatt sehen sie ein Auferstehungsbild­es wird zugleich das Motiv des diesjährigen Osterbildchens sein. Ein Osterbild? Mit dem Kreuz im Vordergrund? Kann das sein?

Es ist ein „Kreuz im Sonnenaufgang“ - ein wenig ähnelt es dem Kreuz in der Kirche Maria Himmelskron, das seit der Renovierung in helle, österliche Farben getaucht ist. Das Kreuz kennen die Christen als ihr Symbol, weil sie um die Auferstehung wissen. Die Auferstehung aber ist der Sieg jener Liebe, die stärker ist als der Tod. Am Kreuz, so wird es beim Evangelisten Johannes besonders deutlich, überwindet Christus den Tod. Das Kreuz ist ein Symbol des Todes und ein Symbol des Lebens.

Doch „überspringen“ können wir das Kreuz nicht. Wie auch wir Menschen nicht ein Le­ben schaffen können, aus dem wir das „durchkreuzt“ herausradieren. Das merken wir besonders auch am Ende eines Lebens. Da ist nichts planbar. Da kann es Krankheit und Pflegebedürftigkeit geben. Davor haben viele Angst. Wer könnte das nicht verstehen? Und zunehmend viele Menschen möchten auch diesen Lebensabschnitt pla­nen. Wenn es nicht mehr geht, dann eben Sterbehilfe. In Holland und Belgien ist das seit Jahren die gängige Praxis. Dort können sich Menschen, die schwer körperlich er­krankt, dement oder depressiv sind, ganz legal töten (lassen). Eigenverantwortlich.

Würdevoll. So nennen das die Apologeten dieser Regelung. Aber andere schlagen Alarm. Die Zahl dieser „Ausnahmefälle“ steigt dramatisch an und immer mehr Men­schen in dieser Situation werden unter Zugzwang gesetzt, wenn man anderen doch nur noch „zur Last fällt“.

Ob diese schreckliche Regelung, die im Grunde ein Rückfall in das Heidentum der Antike ist, an den Grenzen von Holland und Belgien haltmacht? Wohl kaum, auch bei uns gibt es diese Diskussionen. So wie man zurzeit auch darüber diskutiert, ob das Werbeverbot für Abtreibungen aufgehoben wird. Als ob Abtreibungen - Tötungen von ungeborenem Menschenleben! – ganz normale medizinische Eingriffe wären

Ostern, das Fest der Auferstehung – wollte an den Anfängen und will heute einen Ausrufepunkt setzen gegen die neuen Unmenschlichkeiten die oft im Gewand der Menschenfreundlichkeit daherkommen. Das „Durchkreuzt“ gehört zum Menschenleben dazu. Ob wir es wollen oder nicht. Aber das ist nicht das letzte Wort. Das Dunkel des Karfreitags. Unsere Hoffnung ist vielmehr der Ostermorgen! Das „Kreuz im Sonnenaufgang“ ist ein Bild dieser Hoffnung.

In diesem Sinne Ihnen allen frohe und geregnete Kar- und Ostertage!

Der erste Hirtenbrief

Unser neuer Bischof Dr. Peter Kohlgraf hat sei­nen ersten Hirtenbrief geschrieben:

„Teilen ler­nen, beten lernen, demütig werden – der Hl. Martin als Begleiter für das Bistum Mainz.“

An der Hand unseres Diözesanpatrons skizziert er, wie die Kirche in unserem Bistum in den nächsten Jahren aufgestellt sein soll.

Zum einen lehrt der Hl. Martin eine Kirche des Teilens. Unser Bischof schreibt:

„Die Erzählun­gen über den Hl. Martin sind nicht nur freundli­che Geschichten. Sie zeigen einen Menschen, dem das Evangelium in Fleisch und Blut überge­gangen ist. Für unsere Zukunft stelle ich mir eine Idee von Seelsorge vor, die das Evangelium zur Grundlage nimmt und auf die Not der Zeit und der einzelnen Menschen antwortet.

An erster Stelle kann dann nicht mehr die Frage stehen, wie wir Bestehendes erhalten, sondern wie wir das, was wir haben, für andere Menschen ein­setzen können. Das ist ein grundsätzlicher Haltungswechsel. ... Martin teilt jedoch nicht nur materiell. Er teilt seine Zeit, sein Leben, seine Aufmerksamkeit. Und er teilt seinen Glauben. Neben den vielen diakonischen Feldern müssen wir eine neue Freude und Begeisterung für das Teilen des Glaubens entwickeln.“

An zweiter Stelle ruft Bischof Kohlgraf dazu auf, mit dem Hl. Martin eine „Kirche des Betens“ zu werden:

„Martin gründete Klöster, in denen Menschen lebten, die sich von seiner Liebe zum Gebet anstecken lassen. Aus dem Gebet heraus entsteht die Mission, die Sendung in die Welt. Für Martin ist die Liturgie und das persönliche Beten eine unverzichtbare Quelle. Wenn wir uns auf neue Wege im Bistum begeben, dann geht es nicht darum, immer noch mehr und mehr zu tun. Unser Handeln wird dann sinnvoll, wenn es aus dem Vertrauen aus Gott kommt, aus seinen Quellen ... Der Hl. Martin ermutigt uns heute, nach einer Frömmigkeit zu suchen, die sich in der Welt bewährt, die auch intellektuell aus­kunftsfähig bleibt.“

Und schließlich der dritte Punkt: Mit dem Hl. Martin eine „demütige Kirche“ werden:

„Die Legende berichtet, wie sich Martin sträubt, Bischof zu werden. Er muss bei vielen seinen Mitbrüdern erleben, wie sie sich über die Macht definieren. ... Wir werden in der Kirche anerkennen müssen, dass wir an pastoraler Macht über Menschen und auch politischem Einfluss verlieren. ... Der einzige Weg besteht heute darin, mit Argumenten zu überzeugen und die Gewissen bilden zu helfen; und er besteht darin, Menschen in den unterschiedlichen Situationen Unterstützung und Begleitung anzubieten, die ihrer Situation und dem Evangelium gleichermaßen gerecht werden.“

In einfachen Worten beschreibt Bischof Kohlgraf seine „Vision“ von Kirche im 21. Jahrhundert.

Er wird sie nicht allein verwirklichen können. Ma­chen wir uns mit ihm auf den Weg! Einen guten Begleiter haben wir dabei: Den Hl. Martin.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Zum Jahresanfang 2018 ein paar Themen, bunt gemischt:

  • Vor einigen Wochen hatte ich im Vorwort die Sorge geäußert, dass unsere Orgel in Maria Himmelkron bald „keine Töne“ mehr haben könnte. Es wurde darüber nachgedacht, eine Elektroorgel zu kaufen. Hier gibt es inzwischen eine neue Entwicklung. Eine erneute Begutachtung der Orgel durch die Firma Orgelbau Vleugels erbrachte ein wesentlich anderes Ergebnis als das bisherige Gutachten. Die Reparatur der Blasebälge kann deutlich günstiger erfolgen. So hat sich der Verwaltungsrat entschlossen, dies auch baldmöglichst zu beauftragen. Wohl schon Ende Januar kann das geschehen sein und die Orgel bleibt uns erhalten.
  • Immer wieder werde ich nach dem Pfarrheim St. Cäcilia gefragt und oft mit dem leichten Vorwurf: Passiert denn da gar nichts? Doch, es passiert einiges. Klar ist: Das alte Pfarrheim kann nicht erhalten bleiben. Im Zuge alternativer Nutzungsvarianten wurde es noch einmal „auf den Kopf gestellt“. Mit dem Ergebnis: Es ist marode von unten (feuchtes Untergeschoss) und von oben (ein durchlässiges, vielfältig kaputtes und nicht isoliertes Dach). In den nächsten Wochen wird klar werden, ob die Variante neues Pfarrheim mit Wohnungen oder andere Varianten realisiert werden.
  • Furore machte in den letzten Wochen Papst Franziskus mit seiner Kritik an der Übersetzung des „Vaterunser“. Vor allem die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Nun ist „leider“ die Übersetzung ziemlich korrekt und dem griechischen Urtext des Neuen Testamentes entsprechend. Das kann auch ein Papst nicht ändern. Aber inhaltlich hat Franziskus recht. Diese Bitte kann Kopfzerbrechen bereiten: Sollte Gott uns in Versuchung führen? Für mich ist das ein Anlass in den Fastenpredigten dieses Jahres über das „Vaterunser“ zu sprechen, insbesondere auch über die Versuchung-Bitte.
  • Konferenzen sind oft nervig und ineffektiv. In Augsburg fand dieser Tage eine statt, die anders zu sein schien. Es ging um die Mission als zentrales Element der Kirche. Jeder spürt, dass die Gestalt der „alten Kirche“ vergeht. Entweder gehen wir unter mit fliegenden Fahnen oder es gibt einen Neuaufbruch in unserer Kirche. Zusammengefasst kann man all das im „Mission Manifest“ nachlesen.
    Googeln sie das einmal. Kirche – und das heißt jeder(!!!) Christ – muss wieder missionarisch werden. Und alles beginnt damit, dass wir uns selbst „zur Freude des Evangeliums bekehren, um andere zu Jesus führen zu können“.

Soweit das Vermischte - und man merkt: Es bleibt auch im neuen Jahr spannend!

Ihr Martin Weber, Pfarrer

So menschlich! So göttlich!

Weihnachten ist und bleibt im Empfinden der Menschen „das“ christliche Fest schlechthin. Das hat einen einfachen Grund: Weihnachten kann man sich - im Gegensatz zu anderen christlichen Festen - vorstellen.

Es ist so menschlich! So anschaubar! Maria und Josef und das Kind! Mit einem Kind, einer Familie, damit verbindet jeder etwas. Und weiß intuitiv: Das ist Leben, Hoffnung, Zukunft. Doch gera­de an diesem Weihnachtsfest 2017 kommen mir auch andere Gedanken: Im Sommer hat der Deutsche Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen.

Nicht mehr Mann und Frau, sondern auch Mann und Mann, Frau und Frau seien damit gemeint. Damit will man allen ge­recht werden, aber verfehlt leider das Besondere der Ehe. Dass da „Verschie­dene“ zusammenkommen und dass so Leben weitergegeben wird. Das ist in die Natur und Kultur der Menschheit hineingeschrieben. Und bei allem Res­pekt: Das kann auch ein Parlament nicht ändern.- Das neugeborene Kind von Bethlehem erinnert an viele Kinder, die das Licht der Welt nie erblicken dürfen. Aber selt­sam, das scheint gar kein Thema mehr zu sein.

Der Chefredakteur der Welt, Ulf Poschard meint dazu: „Darf man eigent­lich noch ein mulmiges Gefühl haben, wenn man die Eiseskälte beim Thema Abtreibung gespenstisch findet? Oder ist das politisch inkorrekt und reaktionär?“ Wie surreal die Diskussion zuweilen ist, wird mir persönlich auch deutlich, wenn man die Anstrengungen um die Inklusion anschaut. Behinderte Menschen sol­len am normalen Leben teilhaben kön­nen. Das ist gut so. Aber: Dass vorge­burtlich eine regelrechte Jagt auf behin­dertes Leben gemacht wird, interes­siert niemanden. Frau, Mann, Kind - Weihnachten ist so menschlich! Aber das Menschliche muss immer wieder bedacht und beschützt werden. So wie Maria auf dem Bild auf der Vorderseite ihr Kind bewahrt und be­schützt. Das Leben ist in unsere Hand gegeben. Das ist eine große Verantwor­tung. Und das spürt man vielleicht am elementarsten, wenn man ein kleines Kind in seinen Händen hält.

Weihnachten ist aber auch so göttlich! In diesem kleinen Kind kommt der große Gott zu uns. Gott wird Mensch. Deshalb der Glanz der von der Krippe ausgeht, deshalb der Gesang der Engel! Gott ist „ins Fleisch“ gekommen - Inkarnation! - darüber kann man nicht genug staunen. Und wer staunt, für den ist es ein kleiner Schritt zum Loben und Danken, ein kleiner Schritt zur Anbetung. „Kommt, lasset uns anbeten“- so sagen es die Hirten und ziehen nach Bethlehem.

Ich wünsche Ihnen und allen Menschen, die zu Ihnen gehören, frohe und gesegne­te Weihnachten. Feiern Sie Weihnachten: göttlich und menschlich! Und gehen Sie unter Gottes Segen hinein in das neue Jahr 2018!

Ihr
Martin Weber, Pfarrer

Zumutungen 2017

Von diesen kann jeder erzählen. Zumutungen sind zuerst einmal Belastungen. Niemand sucht sich Zumutungen aus. Aber sie wecken auch etwas in uns: Kräfte und die Bereitschaft, sich nicht unterkriegen zu lassen. Den Mut, Dinge anzunehmen und zu gestalten.

Von Zumutungen spricht auch unser Bischof, Peter Kohlgraf in einem adventlichen Brief an die Gemeinden im Bistum Mainz. Gott, so sagt un­ser Bischof, mutet der Kirche in unserer Zeit einiges zu. Vor allem Veränderungen. Wir spüren das in unseren Gemeinden. Die Zahlen sinken weiter: Die der Gottesdienstbesucher, die der Ehrenamtlichen, die der Priester. Auch wenn man manchmal den Eindruck hat, das sei in Heusenstamm doch noch ganz komfortabel, der Eindruck täuscht. Der Abbruch beginnt ganz vorne. Immer weniger Brautpaare heiraten kirchlich – trotz unserer „Hochzeitskirche“ St. Cäcilia – und immer weniger – noch selbst getaufte – Eltern lassen ihre Kinder taufen. Das alles ist schon lange bekannt, aber jetzt schlägt es immer mehr durch.

Auch das Bistum Mainz wird in dieser Zeit nicht darum herumkommen, sich neu zu organisieren. Größere Einheiten und Zusammenlegungen. Reduzierung von Immobilien. Große Anstrengungen im Bereich der Finanzen. In der Tat, da wird uns einiges zugemutet werden. Aber genau das ist die Zeit, in die Gott uns hineingestellt hat. Nicht um zu klagen und mutlos zu sein, sondern zu schauen: Was gibt es an Wertvollem und Wichtigen in unseren Gemeinden? Was ist die Glut, die wir immer noch in uns tragen und die wir neu entfachen können? Es nützt nichts, nur der Asche hinterher zu trauern, es geht um die Glut. Das meinen wir, wenn wir von der (lebendigen) Tradition sprechen.

Im Advent lädt uns die Kirche ein, zu wachen und zu beten. Wachen bedeutet aufmerksam zu sein für Gottes oft leise Stimme. Was sagt Er zu uns in diesen Zeiten des Umbruchs? Bischof Kohlgraf zitiert den früheren Kardinal von Paris, Kardinal Lustiger, der einmal geschrieben hat: „Das Christentum in Europa steckt noch in den Kinderschuhen, seine große Zeit liegt noch vor uns! Eine Kirche, die der Überzeugung wäre, ihre große Zeit liege hinter ihr und sie habe jetzt nur noch das Schlimmste zu verhüten ... hätte geistig kapituliert und wäre damit auch als Kultur prägende Kraft am Ende. Im Gegenteil, die Kraft muss neu entwickelt werden, auch die gegenwärtige Kultur, das Den­ken, die Wirklichkeit ... aus dem Geist des Evangeliums neu prägen zu können.“

Gott mutet und traut uns vieles zu, so schreibt Kohlgraf am Ende seines Briefes. Auch hier in Heusenstamm. Auch in unseren Gruppierungen und Familien. Jedem einzelnen. So wünsche ich Ihnen eine gesegnete Adventszeit und eine gute Vorbereitung auf das kommende Weihnachtsfest.

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Die Gemeinschaft der Heiligen und der Dreiklang „Triathlon von Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe“

Das war ein spektakulärer Sieg und Rekord: In ziemlich genau 8 Stunden hat Patrick Lange den Ironman in Hawaii gewonnen. 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Fahrradfahren und 42 Kilometer laufen – und das Ganze bei tropischen Temperaturen. Vor kurzem durfte sich Lange in das Goldene Buch seiner Heimatstadt Darmstadt eintragen. Dabei erzählte er folgende Geschichte: Ungefähr bei Kilometer 5 des Marathons – da hatte Lange noch neun Minuten Rückstand auf die Spitze – habe ihm ein Zuschauer im Trikot von Darmstadt 98 zugerufen: „Johnny ist bei dir!“ Dazu muss man wissen: Johnny, Jonathan Heimes, war ein großer Fan der Darmstädter. Schon schwer an Krebs erkrankt, rief er die Initiative ins Leben: Dumusstkämpfen. Auch nach seinem Tod ist er dort unvergessen. Und Lange sagt: Das habe ihn gepusht, geholfen, ihn zum Sieg getragen. „Es hat sich angefühlt“, so sagt er, „als ob mich ab diesem Moment jemand noch ein bisschen geschoben hätte“. Und so schreibt er ins Goldene Buch: „Danke Jonathan Heimes, dass Du mich auf der Strecke begleitet hast. Dein Weltmeister Patrick Lange.“

Liebe Schwestern und Brüder,
ich habe keine Ahnung, ob Patrick Lange sich selbst als religiös bezeichnen würde oder einer Kirche angehört. Aber das, was er sagt ist für mich eine wundervolle Umschreibung dessen, was wir am 1. November feiern und in jedem Credo bekennen, dass wir nämlich an die Gemeinschaft der Heiligen glauben. (Der christliche Gott ist von Anfang an kein „einsamer“ Gott. Schon in sich ist er Gemeinschaft und Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Und er ist nicht denkbar ohne die Vielen, die zu ihm gehören. Die Gemeinschaft der Heiligen eben.)  Dazu gehören alle, die in der Taufe mit Gott verbunden sind und alle, die in der Messe diese Verbundenheit feiern. Also wir! Dazu gehören natürlich die vielen großen und kleinen Heiligen. Die, deren Namen wir kennen und die, die unbekannt sind, deren Namen aber im Buch des ewigen Lebens eingetragen sind.

Dazu gehören auch unsere Verstorbenen. Ich weiß, das klingt für viele unrealistisch. Die meisten Menschen denken: Mit dem Tod ist alles aus. Wenn wir das auch denken würden, dann könnten wir den Laden zumachen. Unser Glaube ist aber ein anderer: Gott ist ein Gott des Lebens. Und seine Liebe endet nicht an der Grenze des Todes. Die Verstorbenen – und das ist einer meiner Lieblingsformulierungen – gehen uns nur voraus. Irgendwann – und niemand von uns weiß die Stunde, außer Gott – werden wir ihnen folgen. Die Grenze zwischen Tod und Leben ist deshalb keine absolute. Aber das alles nicht im Sinne esoterischer Spinnereien oder eines Flaschendrehens für Erwachsene. Sondern im Glauben an den Gott, der Zeit und Ewigkeit vereinigt. Im Glauben an Gott, der eine große Gemeinschaft um sich versammelt, die „Gemeinschaft der Heiligen“

Und im Übrigen: vielleicht haben wir ja schon Ähnliches erfahren wie Patrick Lange. Wenn wir gespürt haben: Da waren wir in einer bestimmten Situation nicht allein, da fühlten wir, dass uns jemand beschützt oder puscht. . Da waren wir am Grab und haben gemerkt: Der geliebte Mensch ist uns fern und doch auch so nah. Gegen die Angst, die in jedem von uns lauert: „Im letzten bist du mutterseelenallein“, sagt uns unser Glaube: „Du bist hineingenommen in die große Gemeinschaft der Heiligen!“

Und sie helfen uns, dass wir im Triathlon unseres Lebens nicht versagen. Was dieser Triathlon ist, das sagt uns Jesus im heutigen Evangelium. „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“

Diese drei Übungen und Disziplinen machen den Christen aus.

„Gott lieben“ im Gebet, in der Mitfeier der Messe, in der Achtsamkeit dafür, in allen Dingen Gott zu suchen.

„Den Nächsten lieben“ ist immer konkret und deshalb einfach und schwer zugleich. Denn da geht es um Menschen, die mir wirklich am „nächsten“ sind, aber nicht im Sinne der Sympathie, sondern ganz schlicht: sie sind uns nah.

„Wie dich selbst“ – diese dritte Disziplin hat man oft vergessen. Aber Selbstliebe und Selbstannahme sind keine Erfindung des Teufels, sondern ein Geschenk Gottes. Wer sich selbst nicht mag, wird auch andere nicht mögen und dessen Gottesliebe ist allzu oft verkrampft und unecht.

Liebe Mitchristen,
ich wünsche Ihnen und mir viel Erfolg im Triathlon unseres Lebens und Glaubens. Dass wir Gott lieben, unseren Nächsten und uns selbst. Und dass wir bei alldem die Gewissheit haben dürfen, hineingenommen zu sein in eine große Gemeinschaft, die noch nicht einmal durch den Tod unterbrochen wird. Und der Gott zugesagt hat, dass Er in ihr einmal „alles in allem“ sein wird.    
Amen

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Die große Stille

So hieß ein Film, der vor einigen Jahren in unse­ren Kinos lief. Darin begleitet der Filmemacher Philipp Gröning das Alltagsleben der Mönche in der Großen Kartause bei Grenoble. Die Kartäu­ser leben in Gemeinschaft, aber die meiste Zeit verbringen sie in Einsamkeit und Schweigen. So kam ein ganz eigentümlicher Film zustande, der dennoch viele faszinierte. Weil es offensichtlich auch bei uns die Sehnsucht nach so etwas wie Stille gibt. Gewiss nicht immer, aber phasenwei­se, immer wieder einmal.

Vor einigen Tagen war ich mit einer Gruppe aus Heusenstamm in Lourdes. Jeden Nachmittag gibt es dort die Sakramentsprozession. Zwei, dreitausend Menschen waren zusammen ge­kommen. Darunter viele kranke Menschen, de­nen in Lourdes ja das besondere Augenmerk gilt. So zogen wir mit Gebeten und Gesängen hinein in die große, unterirdische Basilika Pius X und die Monstranz mit der gewandelten Hostie, das Allerheiligste, wurde auf den Altar gestellt. Ein Gebet wurde gesprochen und dann war Stil­le: Die Monstranz war angestrahlt, der restliche Raum abgedunkelt. Die meisten knieten, viele sogar auf dem blanken Boden. Es waren tau­sende von Leuten, aber man hätte in diesem Moment fast schon eine Stecknadel fallen hören können. Ein faszinierender Moment der Anbe­tung, der Konzentration.

Wir brauchen solche Momente: Sie sind die See­le unseres Betens, unserer Gottesdienste. Nicht nur Action, pausenlose Aktivität und Dauergerede. Stille brauchen wir, damit unser Inneres wenigs­tens ein wenig zur Ruhe kommt und wir Dem begegnen können, der so unendlich erhaben und zugleich so unglaublich nah ist.

In diesen Tagen beginnt wieder der Kommunion­kurs. Am Beginn einer jeden Kommunionstunde gehen wir mit den Kindern eine Viertelstunde in die Kirche. Bevor wir hineingehen, sage ich immer einen Spruch: „Die Tür geht auf“ und die Kinder antworten: „Der Mund geht zu“. Dann nehmen sie Weihwasser und gehen hinein in diesen besonde­ren Ort, an dem uns Gott nahe ist. An dem das ewige Licht auf Den hinweist, der diesen Ort zu einem heiligen Ort macht. Es ist schade, dass dieses Empfinden immer mehr verloren geht. Dass man vor und nach der Messe zum Beispiel oft gar nicht mehr beten kann, weil andere sich mehr oder weniger laut unterhalten, als wäre die Kirche ein Raum wie jeder andere. Da geht es auch gar nicht darum den Zeigefinger zu erheben oder irgendwie verkrampft zu sein. Es geht vielmehr darum, dass wir Räume der Stille brauchen.

Nicht unser Lärm und Alltagsgeschwätz sind der „Weisheit letzter Schluss“, sondern da ist ein Größerer, der in der Stille zu uns sprechen will.

Es muss nicht immer die „große Stille“ sein, aber die kleinen Momente des Schweigens, die brau­chen wir schon.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

„Der Katholizismus kann so einfach sein“ - 2017    
Mit diesen Worten überschrieb die FAZ einmal einen Artikel über den Romantiker Clemens von Brentano, in dessen Nachlass man einen höl­zernen Rosenkranz fand. Und tatsächlich: Mit dem Rosenkranz hat man den katholischen Glauben sozusagen in der Hand: Den dreifalti­gen Gott, Jesus und Maria. Und man hat ein Gebet, das zugleich Meditation und Kontempla­tion ist. Denn die 50 Ave-Maria, die wir da spre­chen, sind ja kein Plappern und Anhäufen von Worten, die Gott eh schon kennt, sondern helfen uns, uns tiefer mit Gott und mit dem, was er uns in Jesus Christus geschenkt hat, zu verbinden. So schauen wir im Rosenkranz hin auf die Men­schwerdung Jesu (freudenreiche Geheimnisse), auf sein Leben (lichtreicher Rosenkranz), auf sein Leiden, Sterben und Auferstehen (schmerz­hafte und glorreiche Geheimnisse) und schließ­lich auf die Vollendung unseres Lebens und das der ganzen Welt (trostreicher Rosenkranz).

Unzählige Heilige haben uns dieses Gebot emp­fohlen. Nur zwei möchte ich hervorheben. Das eine ist mein Lieblingsheiliger Don Bosco, der in all seinem rastlosen Tun für junge Menschen im Turin des 19. Jahrhunderts den täglichen Ro­senkranz nur ganz selten vergessen hat. Einmal schreibt er: „Auf den Rosenkranz ist mein Werk gegründet. Ich bin entschlossen, viele andere Übungen zu unterlassen, aber nicht diese. Ich sehe im Rosenkranz den Bankrott des Teufels.“ Der andere Heilige, den ich nennen möchte, ist der heilige Papst Johannes Paul II. Oft hat er davon gesprochen, dass der Rosenkranz sein Lieblingsgebet sei und er hat es privat und auf seinen vielen Reisen immer und immer wieder gebetet. In einem seiner Schreiben bezeichnet er den Rosenkranz als einen

„Schatz, der wie­derentdeckt werden muss.“

Und gewiss trifft dies auf unsere Region, auf die westlichen Länder zu. Da hat man den Rosenkranz schon fast verloren. Gewiss: Man schenkt ihn (immer noch) gerne zur Erstkommunion und in erstaunlich vielen Autos sieht man ihn aufgehängt am In­nenspiegel. Aber gebetet wird er eben nur noch selten. Wir haben da unsere Ausreden: Das ist von gestern. Das ist doch Geplapper. Das ist polnische oder südamerikanische Frömmigkeit, zu uns passt es nicht. Das geht nicht zusammen mit der Ökumene. Das ist Kindern und Jugendli­chen nicht zuzumuten ...

Aber mit all diesen „Ausreden“ verpassen wir die Chance dieses Gebet in seiner Einfachheit und Frische kennenzulernen. Den Katholizismus zu spüren, der beim Beten so einfach sein kann. Den Oktober nennen wir in unserer Kirche auch den Rosenkranzmonat. Sie werden es an der Gottesdienstordnung merken. Noch mehr als sonst beten wir den Rosenkranz.

Seien Sie doch einfach einmal dabei.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

„Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun!“

So heißt es bei Politikern und Meinungsmachern nach jedem islamistischen Anschlag. Und wer es wagen sollte eine andere Meinung zu haben, der wird als „islamophob“ stigmatisiert und bei man­gelnder Umkehrbereitschaft gerne auch exkom­muniziert.

Nun findet sich in der FAZ vom 19. August ein spannendes Interview mit Kyai Haji Yahya Cholil Staquf, dem Generalsekretär der größten musli­mischen Vereinigung Indonesiens, das wiede­rum das größte muslimische Land der Welt ist. Und in einem seiner Statements sagt er:

„Westli­che Politiker sollen aufhören zu behaupten, Ex­tremismus und Terrorismus hätten nichts mit dem Islam zu tun. Es gibt einen ganz klaren Zu­sammenhang zwischen Fundamentalismus, Ter­ror und Grundannahmen der islamischen Ortho­doxie ... Der Westen muss aufhören, das Nach­denken über diese Fragen für islamophob zu erklären. Oder will man mich, einen islamischen Gelehrten, auch islamophob nennen?“ Drei Punkte sind für ihn problematisch: Das Verhält­nis von Muslimen zu Nichtmuslimen, das Ver­ständnis des Staates und des Rechts. Der tradi­tionelle Islam sieht das Verhältnis von Muslimen und Nichtmuslimen in den Kategorien der Ab­grenzung und Feindschaft. Was das für das Zu­sammenleben von Menschen in multikulturellen Gesellschaften bedeutet, kann man sich vorstel­len. Ein einheitlicher islamischer Staat („Kalifat“) gilt als ideale Regierungsform und die unverän­derliche Scharia steht über den weltlichen Ge­setzen. Diese Lesart des Islam vergangenen Jahrzehnten insbesondere von Saudi-Arabien mit Milliarden Dollar unterstützt und in die ganze Welt exportiert.

Den Islam gibt es nicht, so wenig, wie es das Christentum gibt. Aber man sollte die Augen nicht davor verschließen, dass die von Yahya Cholil Staquf beschriebene Lesart dieser Religi­on keine periphere, sondern eine inzwischen auch im Westen weit verbreitete ist. Und leider ist das der Nährboden des islamischen Terro­rismus.

Aber es beginnt früher, harmloser. Wo in den Schulen christliche Mitschüler als „Schwei­nefleischfresser“ bezeichnet werden; wo Frauen der Handschlag verwehrt wird; wo das Kopftuch keine freie Wahl, sondern Zwang ist; wo Staat, Polizei und Recht von muslimisch geprägten Gangs nur verachtet werden ...

Ich muss zugeben, dass ich nicht allzu optimis­tisch bin, wie sich das alles in den nächsten Jahren entwickeln wird. Zu blauäugig, zu ideolo­gisch blind ist man das alles in den letzten Jah­ren angegangen. Aber, das ist wie im wirklichen Leben: Probleme, die geleugnet werden, können auch nicht gelöst werden.

Als Christ will ich jeden Menschen achten und respektieren. Und jeder hat das Recht, seine Religion frei zu leben. Aber es gilt auch klug und realistisch zu sein. Zusammenleben kann nur gelingen, wenn über die Grundlagen dieses Zusammenlebens ein Konsens herrscht. Dar­über sollte offen gesprochen und wenn nötig auch gestritten werden.

Martin Weber, Pfarrer

Hast du noch Töne?

Das fragen wir uns manchmal, wenn etwas Überraschendes passiert ist. Das könnten wir uns demnächst auch im Gottesdienst fragen. Aber da kommen die Töne von einem Instrument, das – zumindest in Deutschland – ganz selbstverständlich zu einer Kirche gehört: Der Orgel. Deren Töne stammen von den Pfeifen und die wiederum werden von den Blasebälgen mit Luft versorgt. Ohne Luft kein Ton. Und genau da hat die Orgel von Maria Himmelskron ein Problem.

In absehbarer Zeit müssen nämlich diese Blasebälge, deren Ledermaterial erschöpft ist, erneuert werden. Nach den bisherigen Kostenvoranschlägen kostet diese Maßnahme an die 30 000 Euro: Das Teure dabei sind nicht die Materialkosten für die Lederbälge. Aber es ist ungemein arbeitsintensiv und aufwändig, überhaupt an die Stellen heranzukommen. Und das stellt den Verwaltungsrat vor eine Grundsatzfrage: Sollen wir wirklich so viel Geld in ein Instrument investieren, das nach den Aussagen einer Orgelbaufirma dringend einer Grundsanierung bedarf? Das nach einer Stellungnahme des Or­gelsachverständigen der Diözese diverse konzeptionelle Mängel hat und der uns wörtlich schreibt: „Von der Investition eines solchen Betrages in ein derart mangelhaftes Instrument rate ich dringend ab“.

Was aber ist die Alternative? Eine neue Pfeifenorgel für eine Kirche dieser Größe mit 25 Registern ist unter 400 000 Euro nicht zu haben. Das ist einfach so – und diese Summe erscheint uns im Moment total illusorisch.

Dann aber erreichten uns Nachrichten aus verschiedenen Kirchengemeinden, die gute Erfahrungen mit Elektroorgeln gemacht haben. So zum Beispiel in Ober-Roden oder Egelsbach. Nach Klangproben mussten wir eingestehen, dass zumindest ein Laie keinen Unterschied zur klassischen Orgel erkennen kann. Elektroorgeln haben zudem den Charme weitgehend wartungsfrei und unabhängig von Klima und Temperaturen zu sein. Und vor allem sind sie wesentlich günstiger: Für eine Kirche in unserer Größenordnung belaufen sich die Kosten – Instrument und Verstärker – auf ca. 70 bis 80.000 Euro.

Doch grau ist alle Theorie: Am Wochenende vom 19.-20. August haben wir die Gelegenheit den Klang einer Elektroorgel in den Gottesdiens­ten mitzuerleben. Danach kann man sich das Instrument auch anschauen und Fragen dazu stellen. Bitte nutzen Sie diese Gelegenheit und bilden Sie sich eine Meinung. Das hilft dem Verwaltungsrat, seinerseits zu klären ob es gut und sinnvoll ist diesen Weg weiter zu verfolgen. Für manche mag all das sehr überraschend sein, manche wird es nur wenig berühren, denn bisher war das ja keine Frage: Dass die Orgel halt spielt. Aber wir dürfen die Augen vor dem Problem nicht verschließen. Es muss etwas getan werden. Und möglicherweise werden da neue Wege - eben den einer Elektroorgel - beschritten. Denn ansonsten müssen wir uns bald fragen: Hat sie noch Töne? Unsere Orgel.

Ihr Martin Weber, Pfarrer

Ehe-Bruch Juli 2017

Eine große Koalition aus fast allen Parteien hat am 30.6.2017 die „Ehe für alle“ beschlossen. Auch Teile der CDU/CSU, nachdem Angela Merkel bei einer Brigitte Talk-Show(!) wieder ei­nen ihrer legendären Kurswechsel vollzogen hat. Damit surft die Bundeskanzlerin auf der Welle des Zeitgeistes, denn „natürlich“ sind eine große Mehrheit der Medien, Meinungsmacher und Menschen dafür. So ist es beschlossen: Die völ­lige Angleichung der Ehe zwischen Mann und Frau und ebensolchen Gemeinschaften homo­sexueller Menschen. Ich finde das aber weiterhin falsch und möchte drei Gründe nennen:

- „Wo alle das Gleiche denken, da wird selten gedacht!“ – Ich weiß nicht, von wem dieser Satz stammt, aber er kam mir bei dieser Debatte in den Sinn. Wenn es nach den Medien und Mei­nungsmachern geht, darf man bei der „Ehe für alle“ nur so denken, wie sie es vorgeben. Alles andere sei unmenschlich und homophob. Als ob es darum ginge, Menschen zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass der Ehebegriff beliebig wird und seine Bedeutung verliert.

- Wer den Mut hat seinen eigenen Verstand zu benutzen wird sehen, dass unser Grundgesetz die Ehe ausdrücklich schützt. Und natürlich hat­ten die Verfassungsväter und Mütter die Ehe zwischen Mann und Frau im Blick. Nur aus die­ser Verbindung kann Leben hervorgehen. Das Grundgesetz schützt die Ehe, nicht weil sie eine private Liebesbeziehung ist, sondern weil sie elementar für den Fortbestand unseres Geeinwesens ist, weil Kinder daraus hervorgehen können und diese – auch das ist im Interesse des Staates – in halbwegs stabilen Verhältnis­sen aufwachsen sollen.

- Um auch diese Klippe zu umschiffen, will man homosexuellen Partnerschaften das Adoptions­recht öffnen oder – und das wird wohl die Zu­kunft sein – Leihmutterschaft und Ähnliches ermöglichen. Und Frau Merkel sprach ja bei der Brigitte davon, dass sie lesbische Partnerschaf­ten kenne, die sich liebevoll um mehrere Pflege­kinder kümmern. Als ob es darum ginge. Nie­mand wird solchen Menschen absprechen, dass sie sich liebevoll der Kinder annehmen. Quer durch die Republik kennt inzwischen jeder Bei­spiele dafür. Und sicher wird es bald Studien geben, die das „wissenschaftlich“ absegnen. Und trotzdem gilt weiter: Kein Paar hat ein Recht auf Kinder – kein heterosexuelles und kein homosexuelles. Sonst treten wir ein in den schrecklichen Supermarkt der Menschenma­cher. Aber jedes Kind hat ein Recht auf Vater und Mutter.

Zum Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schrei­be, scheint die Schlacht „verloren“. Die „Ehe für alle“ wird kommen. Ich bin aber der Überzeu­gung: Das wird auf dem Papier stehen. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist eine jahrtausen­dealte Institution, die in der Natur und Kultur der Menschen eingeschrieben ist. Sie gehört nicht den Volksvertretern und kann nicht beliebig um-­definiert werden. In diesem Sinn kann sie auch nicht zu „Bruch“ gehen.

Martin Weber, Pfarrer

 

Mittsommer

feiern vor allem die Menschen in den nördlichen Ländern, z.B. in Schweden. Wir kennen dieses Brauchtum durch die Wallanderromane oder Ikea oder der eine oder die andere waren schon mal live dabei.

Mittsommer - es ist die Mitte des Jahres und die Waage neigt sich: Die zweite Jahreshälfte be­ginnt, die Tage werden schon wieder kürzer. In unseren Breiten feiert man das oft in den Johannesfeuern oder -festen, wie z.B. in Mainz.

In unserem Gotteslob findet sich ein neues geist­liches Lied dazu:

„Das Jahr steht auf der Hö­he, die große Waage ruht / Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut“.

Detlev Block, ein evangelischer Pfarrer und zugleich Schriftsteller und Lyriker hat diese Zeilen ge­schrieben. Als ich sie zum ersten Mal gelesen und das Lied gesungen habe, war ich sehr be­eindruckt. Über die Art und Weise wie es Block gelingt, die Stimmung dieser Tage ins Wort zu bringen und zugleich ihre Vielschichtigkeit zu zeigen.

„Herr, zwischen Blühn und Reifen und Ende und Beginn / Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin“.

Auf der Höhe des Wohlbefindens, in der Mitte des Jahres, der schönsten Zeit, für viele auch Urlaubszeit, ist mit einem Mal Nachdenklichkeit da, fast schon Me­lancholie. Im Zyklus der Jahreszeiten erkennen wir unser Leben: Blühen, Gedeihen, Reifen und schließlich die Zeit der Ernte. Das Dunkle und das Helle, Schmerz und Glücklich sein, Anfang und Ende. In der dritten Strophe fasst Block das in folgende Worte:

„Das Jahr lehrt Abschied neh­men / schon jetzt zur halben Zeit. / Wir sollen uns nicht grämen, / nur wach sein und bereit, / die Tage loszulassen / und was vergänglich ist, / das Ziel ins Auge fassen, / das du, Herr, selber bist.“

Wir können die Vergänglichkeit annehmen, wenn wir nur das Ziel vor Augen haben, Gottes Ewigkeit. Die meisten, die dieses „Kercheblättche“ lesen sind biographisch wohl schon im Mittsommer Modus und haben ihre Lebenshälfte mehr oder weniger deutlich überschritten. In dieser Phase gibt es nicht nur die sog. Midlife crisis oder – gar nicht so selten- ein Burn out, sondern auch eine neue Sensibilität für das Religiöse, das ja immer eine Antwort auf unsere Vergänglichkeit sein will. So schreibt C. G. Jung einmal:

„Unter all meinen Patienten jenseits der Lebensmitte....ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben“.

Im Christentum ist das vor allem die österliche Hoffnung. Und die leuchtet in der letzten Strophe unseres Sonnenwendliedes noch einmal wunderbar auf:

„Du wächst und bleibst für immer, / doch unsre Zeit nimmt ab. / Dein Tun hat Morgenschimmer, / das unsre sinkt ins Grab. / Gib, eh die Sonne wieder schwindet, / der äußre Mensch vergeht, / dass jeder zu dir findet / und durch dich aufersteht.“

Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Mittsom­merzeit!

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

Liebe Schwestern und Brüder,
vor ziemlich genau einem Jahr waren die meisten von uns erstaunt, dass die Engländer der EU „good bye“ gesagt haben. Schnell war man sich bei uns und den Unterlegenen einig, dass das eine dumme Entscheidung gewesen sei. Und ähnlich qualifizierte man auch die BREXIT - Wähler. Dazu ist viel geschrieben und diskutiert worden. Vor kurzem las  ich aber eine Analyse, die mich nachdenklich gemacht hat. Der sich selbst als linksliberal bezeichnende Publizist David Goodhard sieht sein Land gespalten.

Auf der einen Seite die Anywheres“.
Das sind meist gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche Menschen und selbstbewusste Menschen. Überdurchschnittlich oft leben sie in großen Städten, vom Empfinden her sind sie Weltbürger. Die Globalisierung sehen sie positiv, was kein Wunder ist: Sie sind die Gewinner des Spiels.

Auf der anderen Seite sieht Goodhard die „Somewheres“.
Das sind Menschen, die im Gegensatz zu den Anywheres keine transportable  Identität haben, sondern sich verwurzelt sehen in ihrem Heimatort, eine emotionale Nähe zu ihrer Region empfinden. Sie sind skeptisch gegenüber dem permanenten Wandel und fühlen sich immer mehr fremd in ihrem eigenen Land. Sie lehnen die Masseneinwanderung, die in Fluss geratenen Geschlechterrollen und die Überbetonung der Bildung ab. In der öffentlichen Wahrnehmung finden sich solche Menschen kaum noch repräsentiert; was gestern noch „common sense“ war, ist heute am Rand.

Goodhart machte nun die für ihn irritierende Erfahrung: Er definiert sich selbst als „Anywhere“, als Weltbürger. Aber allein der Versuch die „Somewheres“ zu verstehen, ließ in seinem Milieu schon Freundschaften  zerbrechen: Progressive „Anywheres“, so sagt er,  sind sozial zwar ungemein tolerant, aber politisch höchst intolerant.

Liebe Schwestern und Brüder,
wie gesagt, ich fand diese Analyse sehr spannend, auch um besser zu verstehen, was da in England passiert ist und in vielen anderen Ländern rumort und gärt. Da sind Menschen aus demselben Land und doch leben sie auf scheinbar ganz verschieden Planeten.

Wir feiern Pfingsten.
Der Schauplatz  ist Jerusalem im Jahr 33 nach Christus. An diesem Tag geht es dort so multikulturell zu wie auf der Zeil in Frankfurt. Juden aus der Diaspora, aus der Zerstreuung also, aus den Ländern wo immer sie es hin verschlagen hat, sind aus religiösen Gründen gekommen. Die Stadt ist wie elektrisiert von dem Gewusel und den vielen Sprachen, die sich die Diaspora-Juden inzwischen angewöhnt haben. Die Religion aber verbindet sie noch mit ihrer alten Heimat. Es ist eine Art Wallfahrt und ein Wiedersehen zwischen den Weltbürgern und denen, die im Land geblieben sind.

Dazu gehören auch die Apostel und die Freunde Jesu. Einfache Menschen waren das: Handwerker, Fischer. Menschen, die mit ihrem Land, ihrer Region , auch ihrer jüdischen Religion verbunden waren. Und jetzt eine Art Findungsphase durchmachen: Wie soll es weitergehen mit dem, was sie mit Jesus erlebt haben? Wie soll es weitergehen mit ihnen selbst, mit ihrer Gemeinschaft.

In diese Gemengelage hinein, so beschreibt es die Apostelgeschichte in den kraftvollen Bildern des Sturmes und des Feuers, sendet Gott seinen Heiligen Geist! Die  Apostel gehen hinaus, verlassen ihren klar definierten Ort,  um Gottes große Taten zu verkünden. Das Wunder geschieht: Über alle Sprachgrenzen hinaus verstehen das die Menschen, die zusammen geströmt sind. Jeder hörte sie- zu ihrem grenzenlosen Erstaunen -  in seiner Sprache reden! Das ist der Geburtstag unserer Kirche. Die immer Weltkirche ist, ein Leib mit so vielen verschiedenen Gliedern wie es Menschen gibt. Später hat man dazu „katholisch“ gesagt, weltumspannend.

Von daher sind Christen in einer gewissen Hinsicht „Anywheres“. Angehörige einer weltweiten Kirche. Eines Glaubens, der die Unterschiede von Nationalitäten, Sprachen und sogar Kulturen überwinden kann. Aber natürlich sind Christen auch „Somewheres“: der Glaube muss sich einwurzeln, inkulturieren ,  er muss konkret werden. Dazu gehören Bräuche und Gewohnheiten, dazu gehört die Verbindung zu einer fassbaren Gemeinde, einer Kirche und vieles mehr. Menschen sehnen sich nach einer Beheimatung, auch im Religiösen. Es ist der Geist Gottes, der wie am Anfang der Kirche auch heute Menschen zusammenführt und verbindet. Über alle Differenzen, Sprachen und Milieus hinaus. Der uns einerseits antreibt, über Grenzen hinaus gehen lässt, aber andererseits auch wärmend, tröstend, heilend und  Heimat gebend  ist.

Pfingsten ist aber viel mehr als ein Kirchenfest. In einem wunderschönen Lied heißt es: Der Geist des Herrn durchweht die Welt/ gewaltig und unbändig/ wohin sein Feueratem fällt/ wird Gottes Reich lebendig“. Es geht bei Pfingsten nicht nur um die Kirche, sondern auch um unsere Welt. Und da ist das  „sich Verstehen“ ein hohes Gut. Ein wirklicher Segen. Denn trotz Email, Facebook und Twitter: Viele Menschen haben sich immer weniger zu sagen, leben nur noch in ihrer Welt, ihrer Gruppe, ihrer  community – und bestätigen sich im Grunde immer nur selbst. Es braucht das Verstehen über die Grenzen hinweg. Es braucht die Bereitschaft, dafür Schritte zum anderen hin zu machen. Und es braucht den guten Geist Gottes, der uns  dabei hilft und dessen Boten wir zugleich sein sollen. Papst Franziskus betete bei seinem Israelbesuch 2014 folgendes Gebet- und es soll zugleich mein Pfingstwunsch für Sie und auch mich selber sein:

Herr, Gott des Friedens, viele Male haben wir versucht, unsere Konflikte mit unseren Kräften zu lösen. So viele begrabene Hoffnungen Herr. Herr, schenke du uns Frieden! Gib uns den Mut, konkrete Taten zu vollbringen, um Frieden aufzubauen. Schenke uns die Fähigkeit, alle Mitmenschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, mit wohlwollenden Augen zu sehen. Wandle unsere Ängste in Vertrauen und unsere Spannungen in Vergebung. Erhalte uns eine geduldige Ausdauer für den Dialog und die Versöhnung. Herr, erneuere unsere Herzen und unseren Geist.“

AMEN

Ihr Martin Weber,
Pfarrer

750 Jahre Rembrücken

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