Erster Fastensonntag- Lesejahr B 

Versuchung und Erprobung

Großes Aufsehen, liebe Schwestern und Brüder, erntete Papst Franziskus als er die Anregung gab, die Vater-Unser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ anders zu übersetzen: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. Und seine Begründung: Ein guter Vatergott führt nicht in Versuchung, das ist das Werk des Teufels. Nun gibt es gute Argumente gegen das Ansinnen des Papstes. Denn die Übersetzung ist korrekt und das kann man nicht einfach umbiegen: „Führe uns nicht in Versuchung“. Und außerdem ist die Bibel voll von abgründigen Passagen, in denen Gott Menschen auch aktiv in „Versuchung“ führt, sie auf eine Art und Weise erprobt, die uns erschüttert. Dazu aber am nächsten Sonntag mehr.

Und doch: Das heutige Evangelium gibt dem Papst recht. Jesus wird in Versuchung geführt. Nicht von Gott, sondern vom Satan, dem personifizierten Bösen. Diese Versuchung wird beim Evangelisten Markus nicht näher beschrieben, anders ist es etwa bei Matthäus: Da kann man sich das schon besser vorstellen. Aber welche Assoziationen kommen uns, wenn wir dieses Wort hören? Ich kann natürlich nicht in Ihren Kopf hineinschauen: Für sehr viele sind Versuchungen mit sehr sinnlichen Dingen verbunden, die man schmecken, riechen und anfassen kann. Eine wunderbare Süßigkeit, eine knusprige Haxe und v.a. das große Feld der Sexualität. Im Markusevangelium ist Versuchung weiter gefasst und das wird an vielen anderen Stellen deutlich: Da geht es darum, dass Jesus auf die Probe gestellt wird, ob er seiner Berufung treu bleibt oder ob er sie verrät. Was ist seine Berufung? Das Evangelium zu verkünden, die Menschen zur Umkehr und zum Glauben aufzurufen und selber den Weg der Liebe und der Hingabe zu gehen. Bis zum Letzten, bis zum Kreuz. In der Wüste musste Jesus darum ringen, was ihm am Jordan eine Stimme vom Himmel zurief: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“

Die Wüste hat ihm aber auch Klarheit gebracht und Kraft gegeben, seinen Weg zu gehen. Als der Kampf bestanden war, spürte er die Gegenwart der Engel, die ihm aus seinem Beten präsent war: „ER befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten“.

Liebe Schwestern und Brüder, auch in unserem Leben gibt es Versuchungen und Erprobungen, die uns zur Stellungnahme herausfordern. Das Schwierige ist: Oft kommen sie verkleidet daher, im Gewand des Anziehenden und Attraktiven. Das macht sie so gefährlich. Ich erinnere mich an die Geschichte eines Afrikaforschers:

Er suchte einen Weg aus der Wildnis heraus und man empfahl ihm – nicht ohne Hintergedanken-  einen, der kurz und sicher sei. Mit seinen Trägern ging er los und nach einigen Stunden kam er durch ein Gebiet, das ihn im wahrsten Sinne des Wortes überwältigte: Millionen von wunderschönen Blumen mit einem betörenden Geruch. Doch er bemerkte auch eine unheimliche Stille. Kein Tier begegnete ihm, die Vögel waren verstummt. Und er realisierte: Diese wunderschönen Blumen mordeten mit ihrem süßen, aber giftigen Duft Tiere und Menschen. Ein Nachtlager wäre der sichere Tod. Mit letzter Kraft mobilisierte er seine Träger und sie ließen diesen Abschnitt hinter sich.

So ist es mit Versuchungen: Sie sind auf den ersten Blick anziehend und attraktiv: Nimm nicht alles so ernst! Mach dich locker! Ruh dich ein wenig aus! Mach‘s dir bequem! Du hast alles Recht dazu! Sei nicht päpstlicher als der Papst!

Wir haben die Fastenzeit begonnen. Auch eine Zeit wo wir auf unsere Versuchungen hinschauen. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir um unsere Wankelmütigkeit und Verletzlichkeit. Alle Regime, alle Diktaturen dieser Welt haben das im Übrigen ausgenutzt. Sie wussten: Die meisten Menschen kann man irgendwo packen: An ihrem Ego, ihrem Selbstbewusstsein, ihrem Willen Erfolg zu haben, an ihren großen und kleinen Lüsten, an ihren Ängsten, an dem, was sie verschweigen und vertuschen. Nur ganz wenige – das ist die desillusionierende Erfahrung - gehen unbeirrt ihren Weg. Keiner kann für sich garantieren und die – die das von sich denken, so sagt es Paulus einmal – sollen aufpassen, dass sie nicht fallen. Und dabei geht es nicht um die zarte Versuchung einer Schokolade. Sondern bei diesen Versuchungen geht es darum: Bleiben wir uns treu? Machen wir uns in Gott fest? Sind wir Menschen, die sich im Spiegel anschauen können?

Sie denken, das sei allzu pessimistisch? Meiner Ansicht nach eher realistisch. In dem Sinn, in dem wir am Mittwoch das Aschenkreuz empfangen haben: „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist…“. Und dennoch traut uns das Evangelium zu, Versuchungen und Erprobungen zu bestehen. Es setzt eine Kraft frei, mit der wir den Weg Gottes zu ihm hin und zu den Menschen gehen können. Das mag nicht immer gelingen. Manchmal werden wir fallen. Uns betören lassen von den Blumen und ihrem Duft. Aber in der Kraft Gottes können wir uns aufraffen. Weitergehen.

Jesus hat uns das vorgemacht. Als er am Kreuz stirbt sagt der römische Hauptmann: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Damit greift er am Ende des Markusevangeliums auf was ganz am Anfang am Jordan gesagt wurde: „Du bist mein geliebter Sohn:“ Auch wir dürfen als geliebte Töchter und Söhne Gottes unseren Weg gehen. Dazu gehören auch die Versuchungen und Erprobungen unseres Lebens. Gerade da kommt es darauf an, sich in Gott festzumachen. Darum beten wir immer wieder. In dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat. „Führe uns nicht in Versuchung“. Oder wie der Papst meint: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ Oder ganz einfach menschlich: Sei bei uns Gott in dem Auf und Ab unseres Lebens.  Amen

Martin Weber, Pfarrer