GEWALT 2017
Viele waren erschrocken über die Nachricht, dass sich in Heusenstamm eine Tötungstat, ein Mord ereignet hat. Eine 52-jährige wur­de von ihrem ehemaligen Partner mit einem Hammer umgebracht. Gewalt gewinnt noch einmal eine neue Dimension, wenn sie so nahe an uns heranrückt, wenn man mög­licherweise sogar Opfer oder Täter kennt. Normalerweise sagt oder denkt man: Das hat mit uns, mit mir nichts zu tun. Gewalt - das betrifft immer die anderen.

Ein Blick in die Geschichte, aber auch in uns selbst, könnte anderes lehren. Was vor über 70 Jahren in Deutschland geschah, dass total unauffällige Menschen in Kon­zentrationslagern oder im Vernichtungskrieg im Osten Gewalttaten begangen haben, die in „normalen“ Zeiten unvorstellbar erschie­nen, hat sich vorher oder nachher tausend­fach wiederholt. Man schaue in unseren Tagen bloß nach Syrien, um sich das vor Augen zu führen. Im Krieg wird das Töten zum Handwerk und in Ausnahmezuständen sind alle Maßstäbe verloren.

Der Historiker Jörg Baberowski schreibt ziemlich illusions­los: „Allein von der Situation und der Mög­lichkeit des Raumes hängt es ab, wie man mit Gewalt umgeht.“ Dieses äußere Tun korrespondiert aber mit einer inneren Dis­position. Die Gewalt und entsprechende Gewaltphantasien schlummern als Möglich­keit in jedem Menschen. Unbeschadet des­sen, dass unsere Rhetorik und der Firnis der Kultur uns etwas anderes verheißen und den Eindruck erwecken: je zivilisierter, desto friedlicher.

Gewalt, ziemlich viel Gewalt, spielt auch im Leben Jesu eine große Rolle. Besonders am Ende seines Lebens tobt sie sich regel­recht bei ihm aus. Jeder Kreuzweg in unse­ren Kirchen, jedes Kreuz - ob uns das be­wusst ist oder nicht - gibt Kunde davon. Doch Jesus schlägt nicht mit gleicher Mün­ze zurück. Er nimmt all den Hass und die Gewalt auf sich. Er geht den Weg der Ge­waltlosigkeit und wird von Gott bestätigt: Das feiern wir an Ostern. Der Gekreuzigte ist zugleich der Auferstandene.

Auf dem Titelbild dieses Pfarrbriefes (siehe  Kercheblättche 2017_6) sehen wir zwei Jünger, die mit dem auferstande­nen Herrn in ihrer Mitte auf dem Weg nach Emmaus sind. Am Anfang erkennen sie Jesus aber gar nicht. Sie sind noch ganz davon in Beschlag genommen, wie ihre Hoffnungen am Kreuz gestorben sind. Die Gewalt hat sich wieder einmal durchgesetzt.

Nichts Neues unter der Sonne.......

Erst als sie Jesus einladen und er das Brot bricht, da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen Ihn. Der Evangelist Lukas verbindet die Erfahrung der beiden Jünger mit der Erfahrung der ersten Christen: Da, wo wir Eucharistie feiern, das Sakrament der Liebe Gottes, da sind wir am innigsten mit dem verbunden, der für uns gelitten hat und der von den Toten auferstanden ist. Und wer Eucharistie feiert, ist immer auch gesendet:

Geh, und bring etwas von der Liebe, die du erfahren hast, zu den Men­schen.

Das österliche Gegenmittel gegen jede Gewalt heißt also schlicht und einfach Lie­be. Liebe, die stärker ist als der Tod!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe und gesegnete Ostern!

Ihr
Martin Weber
Pfarrer